Namaskar
Darlegungen zu den Bardos von Tod und Sterben
Die Vorstellung von Wiedergeburt - einer unaufhörlichen Kontinuität des Geistes von einer Existenz zur nächsten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - beruht auf der essentiellen Unsterblichkeit des Geistes. Im Kreislauf der sechs Daseinsbereiche von Samsâra ist der Geist andauernd in eines der verschiedenen Stadien der Wiedergeburt verwickelt, die auf tibetisch als die sechs Bardos (oder Intervalle) bezeichnet werden. Der Bardo-Zyklus, der oft auch mit einem sich endlos drehenden Rad verglichen wird, gilt als unaufhörlich. Man geht von einer scheinbaren Endlosigkeit aus, weil der Geist niemals endet und niemals geschaffen wurde, da er kein Ding an und aus sich selbst ist. Den buddhistischen Lehren immanent ist das Bewußtsein des zyklischen Leidens im Samsâra,der Wunsch, dieses Leiden zu beenden (nicht nur für sich selbst, sondern für alle fühlenden Wesen) und die Versicherung, daß Befreiung möglich ist, und zwar durch Erlangen der Buddhaschaft.
Betrachten wir für einen Augenblick unsere gegenwärtige Wiedergeburt als Mensch. Wie ist es zu dieser Wiedergeburt gekommen? Versuchen Sie für einen Moment, sich den Zustand einer früheren Existenz in einem anderen Bereich vorzustellen. Welche physische Form in welchem Existenzbereich Sie da auch gehabt haben mögen, es muß ganz offenbar der Tod eingetreten sein, weil Sie jetzt an diesem Existenzbereich nicht mehr teilhaben. Zwischen dem Tod jener früheren physischen Existenz und der Geburt in der gegenwärtigen Verkörperung haben einige der sechs Bardostadien die Erfahrung von Sterben, Tod und Wiedergeburt gestaltet. Diese Zwischenzustände, die in der Phase zwischen einem Leben und dem nächsten durchlaufen werden, sind vor allem für Menschen, die den Dharma üben, einer näheren Untersuchung wert, denn sie sind zum Verständnis des Potentials für das Erlangen erleuchteten Gewahrseins sehr wichtig.
Auf den Bardo des Sterbeprozesses (den physischen Tod) folgt eine relativ kurze Periode von Bewußtslosigkeit, die das Ergebnis des Schocks der Todeserfahrung ist. Dieses Intervall heißt technisch »Bardo der endgültigen Natur der phänomenalen Realität«. Die darauffolgende Phase wird »Bardo der Möglichkeit« genannt. Die Erfahrungen der Nachtod -Bardos sind in jeder Einzelheit ebenso real wie die Erfahrungen des »Bardo zwischen Geburt und Tod«, den wir jetzt erleben. Die Projektionen des Geistes, die Halluzinationen, die im Bardo der Möglichkeit auftreten, sind ebenso real wie die, die wir jetzt empfinden. Der einzige Unterschied ist der, daß das Bewußtsein im Bardo der Möglichkeit keine physische Basis besitzt; es handelt sich lediglich um die Erfahrung eines mental projizierten Körpers ohne eigene Existenz.
Die verschiedenen Erfahrungsmöglichkeiten aller sechs Bardos, seien es die des Lebens, des Sterbens oder die Nachtodzustände, werden sämtlich von unseren spezifischen karmischen Tendenzen gebildet. An dem Punkt, wo der Körper stirbt, ist die physische Basis für die bis dahin erlebte Erfahrung beseitigt, und der Geist nimmt nur mehr rein mental wahr. Dennoch hat auch die Erfahrung im Bardo der Möglichkeit noch den Geschmack von Körperlichkeit, denn der Geist hat den Drang (oder die gewohnheitsmäßige Tendenz), sich zu verkörpern, um zu erfahren. Es gibt jedoch in diesem Bardo keinerlei physische Basis für das Bewußtsein, auch wenn das gewohnheitsmäßige Hängen am Subjekt/Objekt im Glauben, daß Geist nicht ohne Körper existieren kann, ein Netz myriadenfacher Formen webt. Darum erscheint der mentale Körper, als besitze er tatsächlich eine körperliche Form, obwohl er in Wirklichkeit keinerlei physische Basis hat.
Ungeachtet der illusionären Qualität des mentalen Körpers wirken die Nachtoderfahrungen sehr real. Wenn der Geist in den Erfahrungen gefangen ist, sind sie die Wirklichkeit! An diesem Punkt erfährt der Geist (der von Natur aus klar, dynamisch und unbeschränkt ist) eigentlich einen körperlosen Zustand. Es gibt absolut keine physische Basis für das Bewußtsein mehr, und doch haben die Verblendungen, die den Geist verdunkeln, die Tendenz, sich zu manifestieren, als gäbe es eine solche Basis. Diese Verdunkelungen tendieren zur Wahrnehmung (oder Projektion) eines quasi-physischen Puffers zwischen dem Geist und der physischen äußeren Umgebung, die beide für real existent gehalten werden. Vom subjektiven Gesichtspunkt aus ist es diese eingebildete äußere Verkörperung, die allen Schmerz und alle Freuden erfährt, die der Geist im Bardo der Möglichkeit erleben kann.
Ab einem bestimmten Punkt beginnen die karmischen Tendenzen, die den Zwischenzustand aufrechterhalten, wegzufallen, was den Geist im Sinne der Zwölf Glieder abhängigen Entstehens (Skrt.: nidäna) zur Wiedergeburt in einem der sechs Daseinsbereiche treibt. In unserem Falle haben die karmischen Tendenzen zu einer Manifestation im menschlichen Daseinsbereich geführt. Der Geist, den wir einst in einer früheren Existenz kannten, hat die Bardos durchquert und als der Mensch Wiedergeburt genommen, der wir nun sind.
Die Verkörperung des Geistes in einem Wiedergeburtsbereich ist völlig abhängig von den karmischen Tendenzen, die den Prozeß bestimmen. In Anbetracht aller möglichen Lebensformen ist die Wiedergeburt als Mensch eine relativ überlegene Existenzform. Auf der karmischen Ebene beweist eine derartige Wiedergeburt, daß positive Tendenzen (verstärkt durch heilsame oder positive Handlungen) die Vorherrschaft gewonnen und die negativen karmischen Tendenzen an Einfluß verloren haben. Diese Beschreibung ist eine Verallgemeinerung der menschlichen Existenz. Der Daseinsbereich der Menschen zeichnet sich durch größeres Glück,tiefere Erfüllung und mehr Potential gegenüber vielen anderen Wiedergeburtsbereichen aus.
Als Menschen haben wir nicht nur den kollektiven Aspekt karmischer Existenz gemeinsam, sondern erleben jeweils auch unseren eigenen individuellen Aspekt. Einfach ausgedrückt besteht der kollektive Aspekt in der Vorherrschaft positiver Tendenzen, die bestimmte Individuen zusammenführen. Zusätzlich zu gemeinsamen Erfahrungen teilen wir auch die Wahrnehmung des menschlichen Bereichs, einschließlich der physischen Umwelt. Die Aktivitäten in der Menschenwelt implizieren bestimmte gemeinsame Erfahrungen, weil wir das gemeinsame Karma besitzen, diese Dinge zu verfolgen; wir stimmen bezüglich ihrer Existenz in unserer Welt überein. Dieser kollektive Aspekt des Karma trägt der Tatsache Rechnung, daß die Wesen im Menschenbereich einen bestimmten Prozentsatz ihrer Erfahrungen miteinander teilen.
Darüber hinaus gibt es jedoch auch einen Aspekt des Karma, der stets eine ganz und gar individuelle Erfahrung bleibt. So leben einige Menschen zum Beispiel länger und sind vielleicht ihr ganzes Leben glücklicher als andere. Sie besitzen eine stabilere und ausgeglichenere Persönlichkeit. Sie erleben körperliches und geistiges Wohlergehen, erfreuen sich guter Gesundheit, sind reich und haben die Fähigkeit, erfolgreich und erfüllt zu leben. Andere Menschen hingegen, obwohl auch sie als Menschen wiedergeboren sind, haben vielleicht eine kurze Lebensspanne und/oder sind ständig krank. Sie fühlen sich unglücklich und sind instabil (körperlich oder geistig), leiden unter Armut, unerfüllten Bedürfnissen und so weiter. Seien sie positiv oder negativ, alle diese Erfahrungen sind Folge der Gewohnheitsmuster, die den individuel1en Aspekt des karmischen Prozesses ausmachen.
Selbst die Zeugung und die Entwicklung des Fötus im Mutterleib hängt bereits von den positiven und negativen karmischen Tendenzen des Individuums ab. In manchen Fällen kann die Schwangerschaft für Mutter und Kind ganz leicht sein und die Geburt geht schnell und schmerzlos vonstatten. Das Kind kommt ohne Komplikationen zur Welt und ist nicht behindert. Im anderen Extrem kann die Geburt für Mutter und Kind ein schreckliches, schmerzhaftes Erlebnis sein, und manchmal kann das Kind an Körper und Geist behindert zur Welt kommen und seine ersten Schritte in der Welt mit Komplikationen, Leiden und Schmerzen beginnen. All das gehört zum Aspekt des individuellen Karmas.
Ein gutes Beispiel dafür, wie sich individuelle und kollektive karmische Tendenzen zu einer einzigartigen Erfahrung verbinden, ist der Eintritt eines Wesens in einen der sechs Bereiche kollektiver Wahrnehmung. Offensichtlich durchläuft nicht jedes Lebewesen denselben Geburtsvorgang wie ein Mensch. Tatsächlich gibt es bestimmte Bereiche, in denen eine Art wunderbare Geburt stattfindet, was bedeutet, daß ein Lebewesen, ohne einen Reifungsprozeß zu durchlaufen, bereits voll entwickelt in die entsprechende Welt eintritt. Für ein solches Wesen ist die Entwicklung in einem Mutterleib völlig überflüssig. Der Geist inkarniert sich einfach in einer bestimmten Form als fertiges Wesen. Das gilt zum Beispiel für die Höllenwelten und die Götterwelten. Im Falle der Höllen inkarniert sich der Geist des Lebewesens augenblicklich in einer Form, die die extreme Hitze oder Kälte einer der achtzehn als Höllen bezeichneten Zustände erfährt. Im Falle der Götterwelten inkarniert sich der Geist augenblicklich. Er findet sich in einem Körper in der angenehmen Umgebung einer der verschiedenen himmlischen Ebenen wieder. In verschiedenen Texten wird beschrieben, wie sich ein Wesen in einem Himmel inkarniert, indem es im Zentrum einer Blüte erscheint, die sich augenblicklich öffnet und dem Wesen den Bereich der Götter enthüllt.
In der Welt der Menschen und ebenso im Bereich der Pretas (Hungergeister) ist die Geburt vielen Bedingungen unterworfen. Sie beruht auf sexueller Polarität, auf der Vereinigung von Mutter und Vater, auf der Empfängnis eines Kindes im Mutterleib, auf dem Prozeß einer allmählichen Entwicklung der körperlichen Struktur im Mutterleib bis hin zur schließlichen Geburt des Kindes in diese Welt. Dieser Prozeß kann sehr eigenartige Wendungen nehmen. In der Menschenwelt kennen wir Fälle, wo Mütter mehr als ein Kind gebären, während es in gewissen Preta-Bereichen durchaus auch einige hundert Kinder auf einmal sein können, die aufgrund ihres gemeinsamen Karma durch dasselbe Mutterschoß-Tor in ihre Welt eintreten.
Bei den Tieren, einschließlich der Insekten, finden wir eine Vielfalt möglicher Geburtsarten. Es gibt die Geburt aus einem Mutterschoß (z. B. bei den Säugetieren), Geburt aus einem Ei (bei Vögeln, Fischen und Insekten) und auch einige Formen unmittelbarer Geburt, in der die Lebewesen schon völlig entwickelt in ihren Erfahrungsbereich gelangen. Außerdem gibt es Umstände, in denen sich, basierend auf richtigen Bedingungen wie etwa Wärme, Feuchtigkeit und so weiter, auch Leben vervielfältigt. Alles in allem gibt es also vier grundlegende Prozesse, wie Wesen in ihre jeweiligen Welten und speziellen karmischen Umstände gelangen, und in der Tierwelt finden sich alle vier.
Es ist eine interessante Tatsache, daß vor der Empfängnis, während das Bewußtsein noch die letzten Stufen des Bardo der Möglichkeit erfährt, die Wahrnehmung einer Vorausschau auf die zukünftigen Eltern erfolgt. Im Falle eines Bewußtseins, das als Mensch wiedergeboren wird, entsteht direkt vor der Empfängnis in ihm das Bild oder die Erfahrung des Vaters und der Mutter in sexueller Vereinigung. In diesen Zeugungsprozeß wird es hineingezogen. So kommen nicht nur die Samenzelle des Vaters und die Eizelle der Mutter zusammen, um die physische Basis des zukünftigen Kindes zu bilden, sondern auch das Bewußtsein des körperlosen Bardo-Wesens ist als drittes Element beteiligt. Für eine vollständige Empfängnis eines Menschenwesens kommen also zwei physische Elemente und ein mentales zusammen.
Darüber hinaus bestimmt die emotionale Reaktion des zukünftigen Kindes als Teil der Antriebskraft auf einer psychischen Ebene der Zeugung sein späteres Geschlecht. Wenn die karmischen Tendenzen einer weiblichen Wiedergeburt entsprechen, entsteht im Geist des körperlosen Bardo-Wesens eine Anziehung zum Vater, der männlichen Energie, und eine Abneigung gegen die Mutter, die weibliche Energie. Diese Anziehung und Abneigung ist Teil des Zeugungsprozesses. Entsprechen die karmischen Tendenzen einer männlichen Wiedergeburt, tritt das Gegenteil ein: Anziehung zur Mutter und der weiblichen Energie und Abneigung gegen den Vater und die männliche Energie bestimmen als emotionale Komponente den Zeugungsprozeß. In jedem Fall findet die Zeugung in dem Augenblick statt, in dem die physischen Zellen der beiden Elemente von Vater und Mutter und das Bewußtsein des Bardo-Wesens zusammenkommen. Von dem Augenblick an hat der Geist wieder eine physische Basis für das Bewußtsein und findet seinen Ausdruck im Wachstum des befruchteten Eis und der weiteren Entwicklung des Fötus im Mutterleib bis zur schließlichen Geburt eines Menschenkindes mit den entsprechenden Form- und Sinnesmerkmalen.
Für unsere jetzige Untersuchung ist es nicht so wichtig, was dann während des Lebens geschieht, sondern was unvermeidbar an seinem Ende geschieht, im Tode. Der Tod ist etwas, mit dem wir uns alle früher oder später konfrontiert sehen. Die bloße Tatsache, daß wir geboren wurden, beweist, daß wir auch sterben werden. Unbestreitbar bedingen Geburt und Tod einander. Nichts, was geboren wurde, wird dem Tod entgehen, alles, was entsteht, wird eines Tages wieder zerfallen. Diese Wahrheit gilt für den menschlichen Daseinsbereich mit seinen Phänomenen ebenso wie für alles, was in irgendeinem der samsârischen Daseinsbereiche in Abhängigkeit entsteht. Unsere Existenz als Mensch, die geistige Erfahrung eines menschlichen Daseinsbereiches, endet irgendwann.
Der Tod weist verschiedene Phasen oder Intervalle auf. Tatsächlich ist das ganze Leben ein Sterbeprozeß. Wenn der Zeitpunkt naht, an dem es gilt die körperliche Form aufzugeben, beginnt das Intervall, das man den Bardo des Sterbens nennt. Er setzt ein, sobald eine Todesursache auftritt. Sobald also eine tödliche Krankheit, ein Unfall oder irgend etwas anderes eintritt, das den Organismus irreparabel schädigt, setzt der Sterbeprozeß ein. Der Bardo des Sterbens dauert dann solange, bis das Lebewesen tatsächlich tot ist und sich am Aufhören der Atmung, am Stillstand des Herzens und so weiter zeigt, daß Körper und Geist sich trennen, weil ihre Bindung sich aufgelöst hat. Der Bardo des Sterbens ist ein weiterer Ausdruck das Bardo-Konzepts, das ja einen Intervall oder einen Zwischenraum zwischen einem Zustand und einem nächsten beschreibt.
Unabhängig von der Todesursache zeigt der Sterbeprozeß an, daß die Elemente, aus denen der physische Körper sich zusammensetzt und die auch die psychophysische Erfahrung des Körpers bestimmen, auseinanderfallen. Traditionellerweise wird dieser Vorgang als die Auflösung verschiedener essentieller Kräfte beschrieben. Das »Erdelement« ist nicht die Erde als solche, sondern bezieht sich auf die erdähnliche Eigenschaft der Solidität des Körpers. Die Flüssigkeit des Körpers in Blut und Körperflüssigkeiten wird als »Wasserelement« bezeichnet. Die Verbrennungswärme des Organismus ist das »Feuerelement«. Die Atmung und der Kreislauf in den Kanälen macht das »Element Wind« (oder »Luft« ) aus. Der Prozeß des Zerfalls dieser verschiedenen Eigenschaften wird auf einer physischen und einer mentalen Ebene erfahren. Bestimmte Zeichen zeigen die verschiedenen Stufen des Sterbeprozesses an: subjektive, die ausschließlich vom Sterbenden selbst erfahren werden, und objektive, die ein Außenstehender wahrnehmen oder fühlen kann.
Wenn der tatsächliche Sterbeprozeß einsetzt, löst sich zunächst das gröbste Element, Erde, auf und wird vom nächst subtileren, dem Wasserelement absorbiert. Wenn das geschieht, fühlt sich der Körper für den Sterbenden sehr schwer an, und er kann sich nur noch mit großer Mühe bewegen. Er kann sich nicht mehr aufsetzen oder Beine und Arme heben. Während sich das Erdelement auflöst, kommt es zu einem zu nehmenden Verlust der körperlichen Beweglichkeit und Kontrolle. Sobald die Koordinationsfähigkeit und Beweglichkeitdes Körpers über einen bestimmten Funkt hinaus nachläßt, hat man das innere Gefühl, von einem großen Gewicht niedergedrückt zu werden, als hätte man einen Berg auf der Brust. Es fühlt sich an, als würde der Körper zerquetscht, was eine sehr erschreckende Erfahrung ist.
Auf der dritten Stufe des Auflösungsprozesses wird das Feuerelement vom subtileren Luftelement absorbiert. Die innere Erfahrung ist die großer Hitze, als würde man in Flammen stehen. Ein Außenstehender kann einen allmählichen Verlust von Körperwärme besonders in den Extremitäten beobachten. Zuerst werden Finger und Zehen kalt, dann schreitet die Kälte allmählich bis zum Herzen hin fort.
Schließlich löst sich das Luftelement in das Element Raum - das eigene Bewußtsein - auf. Auf dieser Stufe würde der Beobachter bemerken, daß der sterbende Mensch Schwierigkeiten mit der Atmung bekommt. Vielleicht atmet der Sterbende in rasenden, hohlen oder langen, seufzenden Zügen. Sobald der Atem ausgeströmt ist, hat der Sterbende große Mühe wieder einzuatmen. Die subjektive Empfindung ist, als wäre man in einem Wirbelsturm gefangen, als würden Sturmböen an einem zerren, bis der Atem schließlich ganz aufhört. Der Atemstillstand signalisiert, daß nun sämtliche Elemente aufgelöst und in das Bewußtsein selbst absorbiert worden sind.
An diesem Punkt setzt ein rasend schneller Prozeß in drei Stufen ein. Sie erinnern sich, daß während der Zeugung weibliche und männliche Faktoren (oder Energien) eine Rolle spielten, die vom Vater und von der Mutter kamen und mit der physischen Struktur des Körpers in Zusammenhang standen. Diese Anteile werden technisch als weiße und rote Bindus bezeichnet. Bindu ist ein Sanskrit -Wort und bedeutet Tropfen oder Essenz, etwas Konzentriertes. Das weiße Bindu ist maskulin, das rote feminin. Gleichgültig, ob es sich bei dem Menschen um einen Mann oder eine Frau handelt, das weiße Bindu ist die Energie, die er oder sie vom Vater empfangen hat, das rote Bindu die von der Mutter empfangene Energie. Bis zur endgültigen Auflösung der Elemente ist das weiße Bindu im Scheitel des Kopfes konzentriert, das rote Bindu unterhalb des Nabels, im Genitalbereich.
Haben sich die Elemente vollständig ins Bewußtsein aufgelöst, setzt sich der Todesprozeß fort, indem die polaren Energien, das weiße und das rote Bindu, sich in Richtung eines gemeinsamen Zentrums aufeinander zu bewegen. Der erste Teil dieser Prozesse besteht darin, daß das weiße Bindu vom Scheitel des Kopfes zum Herzbereich hin absinkt. Für den sterbenden Menschen wird dieser Vorgang von einer visuellen Erfahrung begleitet, die einem Feld weißen Lichtes gleicht. Es ist, als wäre man plötzlich in Mondlicht oder klares weißes Licht gebadet. Diese sehr kurze Erfahrung dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, während die Energie ins Herzzentrum fällt.
Da das weiße Bindu nun das Chakra des Herzens erreicht hat, kann der Geist Zorn oder Aggression nicht mehr empfinden. Emotionen von aggressiver oder zorniger Qualität sind zeitweilig (wenn auch nicht endgültig) blockiert, der Geist kann sie daher nicht mehr erfahren.
Direkt anschließend (und wieder sehr schnell) steigt das rote Bindu, die weibliche Energie, vom Genitalbereich zum Herzzentrum hin auf, um sich mit der weißen Energie vom Scheitel zu verbinden. Das Bewußtsein des sterbenden Menschen sieht nun einen Blitz roten Lichts. Es ist, als würde die Sonne plötzlich vor einem aufgehen und einen direkt mit ihrer roten Strahlung überschütten. Zu dieser Zeit hören alle Emotionen von Gier, Anhaften oder Anziehung vollkommen auf. Weder die schönste und verführerischste Göttin noch der wunderschönste Gott könnten nun im sterbenden Bewußtsein auch nur die kleinste Empfindung von Begierde auslösen. Der Geist ist an diesem Punkt schlicht unfähig, derartige Emotionen zu empfinden.
Wenn sich die rote und die weiße Energie im Herzzentrum treffen, findet der eigentliche Tod statt. An diesem Punkt trennen sich Körper und Geist. Die Energiestruktur ist vollständig zerfallen. Für diese physische Basis hört nun jede Möglichkeit auf, Träger von Bewußtsein zu sein. Sie ist nicht mehr Teil der Lebenserfahrung.
Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Technik, Phowa (Übertragung des Bewußtseins) genannt, die darauf abzielt, eine gewisse Kontrolle über die Art und Weise auszuüben, in der das Bewußtsein den Körper im Augenblick des Todes verläßt Der richtige Zeitpunkt zur Anwendung dieser Technik ist gekommen, wenn das weiße und das rote Bindu sich im Herzen treffen. Statt den Geist in die auf den Tod folgende Bewußtlosigkeit fallen zu lassen, vermag ein geschickter Adept Bewußtsein in einen höheren Zustand des Gewahrseins, in den Bereich reiner Erfahrung zu übertragen. Ohne diese wirkungsvolle Technik wird der Geist dunkel. Selbst die gröberen Ebenen von Unwissenheit und Dumpfheit hören auf, so daßder Geist ein kurzes, aber totales Nichterkennen erfährt.
Wie Sie soeben gelesen haben, lösen sich im Bardo des Sterbens alle Elemente in progressiver Reihenfolge ineinander auf, und der Geist verliert den Kontakt mit der Welt der äußeren Phänomene. Im Verlauf dieser Auflösung verlieren auch die Sinne ihre Funktion: die Augen werden trüb und können nicht mehr sehen, die Ohren verlieren ihre Fähigkeit zu hören, ebenso gehen der Geschmackssinn, der Tastsinn und der Geruchssinn verloren. Schließlich verliert auch der Geist die Fähigkeit, bewußt zu denken. In dem Augenblick aber, in dem das Bewußtsein in das völlige Vergessen tiefer Bewußtlosigkeit fällt, bietet sich auch die Möglichkeit für eine völlig andere Erfahrung, und wieder hängt alles davon ab, ob man während des Lebens eine fortgeschrittene spirituelle Praxis entwickelt hat.
Im Vajrayâna zielt eine der Techniken aus den Sechs Yogas von Nâropa, genannt »Klares Licht« (oder »Lichtheit«), darauf ab, den Praktizierenden in die Lage zu versetzen, einen Zustand klaren Gewahrseins zu entwickeln, der dann im Verlauf des Sterbeprozesses an die Stelle der normalen Erfahrung von Bewußtlosigkeit treten kann. Dieser Zustand kann ebenfalls durch die Mahâmudrâ-Meditation herbeigeführt werden, in der die Natur des Geistes, unabhängig von seinem Inhalt, direkt erfahren wird. Wenn ein Praktizierender diese Techniken entwickelt hat, hat er Tendenzen herausgebildet, die hoffentlich in genau diesem Augenblick wirksam werden. Wenn diese Gewohnheiten stark genug sind, den Tod bis zum Auftauchen der Bewußtlosigkeit zu überdauern, kann der Geist statt dessen einen Zustand des Gewahrseins erfahren, in dem er sich in direktem Kontakt mit seiner eigenen wahren Natur befindet. Das Erlangen dieser möglichen Ebene direkter Einsicht kommt dem Erreichen der ersten der »Zehn Stufen eines verwirklichten Bodhisattva« (Bhumi) gleich. Es gibt zehn dieser Stufen oder Grade von Erkenntnis, an deren Ende die Erleuchtung der vollkommenen Buddhaschaft steht. In dieser sehr subtilen Erfahrung reinen Bewußtseins kann ein äußerst rasanter spiritueller Fortschritt stattfinden. Tatsächlich kann man in dieser kurzen Zeitspanne den Übergang von der ersten Stufe bis zur vollkommenen Erleuchtung machen. Allerdings kann auch ein Übergang von der ersten zur zweiten Stufe, der ersten zur vierten Stufe oder jeder andere Sprung sehr dramatische Ergebnisse hervorbringen, wenn die entsprechende Technik der Yogas des Naropa entwickelt wurde.
Die Zeitspanne der Bewußtlosigkeit nach dem Tod dauert in der Regel höchstens dreieinhalb Tage. Wenn man seine spirituelle Praxis im Leben weit entwickelt hat, kann man nun dramatische Fortschritte in der spirituellen Entwicklung machen. Für den ungeübten Menschen hält der Tod jedoch eine andere Wirklichkeit bereit. Wir können sehen, daß der physische Körper für den Sterbenden keine Rolle mehr spielt, sobald Atmung und Herzschlag aufgehört haben. Was wir jedoch nicht sehen, ist die subjektive Erfahrung intensiven Schocks oder Erschreckens, eine Reaktion, die den Geist in einen Zustand der Bewußtlosigkeit stößt. Ist der Tod eingetreten, verliert der Geist für eine gewisse Zeit das Bewußtsein, dem gewöhnlichen Tiefschlaf nicht unähnlich. Die gewöhnliche Faustregel mißt diesem Zustand etwa dreieinhalb Tage zu, allerdings muß das nicht in jedem Fall zutreffen.
Schließlich beginnt sich das Bewußtsein wieder zu regen. Wenn der Geist wieder zu Bewußtsein kommt, wird er mit seinen eigenen Projektionen konfrontiert. Das »Tibetische Totenbuch« nennt diese Begegnung die Erfahrung des Mandalas der milden und grimmigen Gottheiten; sie werden von verschiedenen Wesen auf verschiedene Art und Weise wahrgenommen. Die vorherrschende Qualität der Erfahrung jedoch ist daß das Mandala der Gottheiten von den meisten Geistkörpern als bedrohliche, abstoßende externe Kraft mißverstanden wird. Das Bewußtsein weicht zurück, als befänden sich diese Projektionen tatsächlich außerhalb des Geistes und wären nicht in Wirklichkeit Projektionen, die im Geist selbst stattfinden. Aus einer Initiation in den Zyklus der Praktiken, als Bardo Thödol bekannt sind und von denen ein Text das »Tibetische Totenbuch« ist, kann man tatsächlich großen Nutzen ziehen. Der Segen und das aus diesen Übungen gewonnene Verständnis lassen Tendenzen entstehen, die uns die Erfahrung der Halluzinationen im Bardo sogar in einem recht attraktiven Licht erscheinen lassen. Zumindest können sie die damit verbundene Verwirrung soweit mindern, daß das Potential für spirituelle Entwicklung wahrgenommen werden kann.
Wenn das Bewußtsein des Verstorbenen die Erscheinung der milden und grimmigen Gottheiten nicht als reine Projektionen des erleuchteten Geistes versteht, sondern vor ihnen zurückweicht und zu fliehen versucht, wird der Geist im weiteren Verlauf der Nachtoderfahrung in den nächsten Bardo weitergetrieben. Die nächste Stufe wird »Bardo der Möglichkeit« genannt, weil in diesem Zustand buchstäblich alles möglich ist. Es handelt sich um einen Zustand unmittelbarer Erfahrung, weil das Bewußtsein über absolut keine physische Basis mehr verfügt. Das bedeutet, was immer im Geist erscheint, wird augenblicklich nach außen projiziert und erfahren, als würde es wirklich geschehen. Nur an etwas zu denken bedeutet, es augenblicklich und direkt zu erleben.
Man bräuchte bloß an Indien zu denken, und im Handumdrehen wäre man schon dort. Und mit jedem folgenden Gedanken fände man sich sofort in der entsprechenden Umgebung wieder - nach Indien vielleicht in Amerika, in Kanada, im Haus der Familie, in Nepal und so weiter. Oder man könnte an einen Menschen denken, den man mag, und wäre augenblicklich bei ihm. Im nächsten Moment käme einem ein verhaßter Mensch in den Sinn, und schwupp!, wäre man in seiner Gegenwart. Momentan kennen wir eine derartige Unmittelbarkeit der Erfahrungen nicht, denn unser Bewußtsein hat eine physische Basis, die den Prozeß verlangsamt. Im Bardo der Möglichkeit jedoch kann alles geschehen. Der Geist wird von Sekunde zu Sekunde von einer Erfahrung in die nächste geschleudert, vielleicht sogar im Bruchteil von Sekunden. Die Dinge springen hin und her, ohne Zusammenhalt oder Kontinuität, was immer hochkommt, wird augenblicklich erlebt.
In den Lehren der Sechs Yogas von Nâropa findet sich eine weitere Praxis, genannt »Bardo-Yoga«, die besonders auf den Nachtodzustand des Bardo der Möglichkeit zielt. Unter Verwendung dieser Methode läßt sich die Unmittelbarkeit der Erfahrung nutzen und das Erleben völlig transformieren. Eine Situation, die sich durch Instabilität und Veränderlichkeit auszeichnet, beinhaltet stets auch das positive Potential, die Erfahrung augenblicklich und vollständig verwandeln zu können. Hat man sich zu Lebzeiten in den entsprechenden Meditationspraktiken geübt, können beim Eintritt des Bardos der Möglichkeit Tendenzen wirksam werden, die eine vollkommene Verwandlung ermöglichen. Für den geübten Praktizierenden kann die Erfahrung des Bardos selbst zum Ausweg aus dem Leiden werden, weil die durch die Übung des BardoYoga erworbenen Tendenzen eine völlige Verwandlung bewirken und das Mandala der Gottheiten in seiner wahren Natur erscheinen lassen können.
Sogar ohne diesen Yoga vervollkommnet zu haben, kann man im Bardo der Möglichkeit Befreiung erlangen. Jede Meditation in der man sich mit der Form einer Gottheit (z. B. mit Chenrezig, dem Bodhisattva des Mitgefühls) identifiziert, das entsprechende Mantra rezitiert und die Visualisationen macht, hilft einem die Fähigkeit zu entwickeln, die milden und grimmigen Gottheiten zu erkennen. Wenn nämlich während des Bardo der Möglichkeit die Bilder der Yidams oder ihre Mantras deutlich genug im Geist erscheinen und man starke Hingabe empfindet, kommt es augenblicklich zu einer vollständigen Transformation aller körperlichen, verbalen und mentalen Erfahrungen, weil die wahre Natur der Bardo-Erfahrungen direkt erkannt wird. Wenn die in der täglichen Meditationspraxis erworbenen Tendenzen in diesem Bardo, in dem es ja zwischen dem Erscheinen und der Erfahrung keinerlei Unterschied mehr gibt, im Geist manifest werden, dann erlebt man direkt das geklärte Bewußtsein des Sambhogakâya.
Die Entwicklung dieses Potentials ist das Hauptanliegen der Praktiken des Reinen Landes, die mit dem Wunsch nach Wiedergeburt in einem Daseinsbereich reiner Glückseligkeit oder gereinigter Wahrnehmung arbeiten. Die Ausdrucksform dieser Motivation ist die Hingabe an ein erleuchtetes Wesen namens Buddha Amitâbha. Der Nutzen der Hingabe an Buddha Amitâbha liegt darin, daß sein Reines Land durch Glauben und Motivation direkt zugänglich ist. Wenn der Wunsch, die reine glückselige Wahrnehmung von Dewachen (das Reine Land des Amitâbha) zu erreichen, stark genug ist, kann im Bardo-Zustand, wo es ja keinen hindernden Körper gibt, der Prozeß augenblicklich stattfinden. Bevor der Geist von karmischen Mustern in eine neue körperliche Wiedergeburt getrieben werden kann, kann ein Prozeß einsetzen, der schließlich in der Erfahrung einer Welt reinen Gewahrseins gipfelt. Indem man zu Lebzeiten Glauben und Vertrauen gegenüber Buddha Amitâbha entwickelt, kann man alle Gewohnheitsmuster kurzschließen und den Geist aus dem Fangnetz des Karma befreien.
Auf diese Weise läßt sich ein Zustand erreichen, der der ersten Stufe eines verwirklichten Bodhisattva entspricht. Diese außerordentliche Erfahrung wird in den Texten mit bestimmten Metaphern beschrieben, wie etwa: »Man wird in einer Blüte im wundervollen Bereich höchster Glückseligkeit geboren.« Die bildhafte Weise, in der diese Zustände in verschiedenen Texten beschrieben werden, bildet die Basis für die Hingabe und das Vertrauen, die den Kern der buddhistischen Schulen des Reinen Landes ausmachen. Die Praxis der Amitâbha-Meditatjon erzeugt definitiv die Tendenzen zu einer entsprechenden Transformation im Bardo der Möglichkeit. Die Praxis anderer Yidams führt zu ähnlichen Ergebnissen. Wenn der Geist den physischen Begrenzungen eines Körpers nicht länger unterworfen ist, stellt die totale Beweglichkeit der mentalen Projektionen ein außerordentliches Potential für völlige Transformation dar. Das geht so weit, daß es in sehr kurzer Zeit, ja in einem Augenblick, zur Befreiung kommen kann - vorausgesetzt, die eigene Praxiserfahrung ist stabil genug.
Gleichgültig jedoch, wie es um die Qualität oder Quantität der eigenen Übung bestellt sein mag, eine Garantie, daß die Bardo-Erfahrungen zu Erleuchtung führen, gibt es nicht. Eine mögliche Komplikation zum Beispiel kann darin bestehen, daß sich Anhaften und Festhalten aus dem Leben in die Nachtoderfahrungen hinein fortsetzen. So ist es im Bardo der Möglichkeit für das Bewußtsein zum Beispiel möglich, sich nicht nur an den Ort zu versetzen, an dem es einmal gelebt hat, sondern es kann auch versuchen, mit den hinterbliebenen Familienmitgliedern Kontakt aufzunehmen, die es wahrnimmt, als wären sie tatsächlich anwesend. Eine Kommunikation lassen die Umstände des Bardo-Zustands jedoch nicht zu. Die Erscheinungen von Heim und Familie sind zwar real, aber jeder Versuch einer Kontaktaufnahme bleibt wirkungslos, da alles eine Projektion des Geistkörpers ist.
Ebenso besteht die Möglichkeit, daß das die Bardos erfahrende Bewußtsein erleben muß, wie andere über seinen Tod sprechen. Auf jeden Fall dämmert irgendwann die Erkenntnis, daß der Tod eingetreten ist. Wenn ihm die Tatsache, gestorben sein, bewußt wird, kann der Geist es nicht fassen, und überwältigt fällt er in den nächsten Zustand von Schock oder Trauma. Wieder verliert er für eine Weile das Bewußtsein, und wenn es allmählich wiederkehrt, übernimmt eine neue Erfahrung, das Bardo der Möglichkeit, die Kontrolle. Es ist durchaus möglich, an Reichtum, Besitz oder etwas Ähnlichem zu haften, an das man sich aus dem vergangenen Leben noch erinnert. Die entsprechenden Bilder entstehen im Bardo aufgrund des noch frischen Anhaftens im Geist. Das Bewußtsein kann zum Beispiel erleben, wie sein Reichtum oder seine Güter von anderen in Besitz genommen oder verteilt werden. Unfähig, sein Eigentum wieder in Besitz zu nehmen, leidet das Bewußtsein großen Schmerz, und das stellt ein gewaltiges Hindernis für das Wiedererwachen der Tendenzen aus der Yidam-Praxis dar. Einerseits wünscht sich der Mensch aufrichtig, durch Transformation in einen Bereich reiner Glückseligkeit einzugehen, andererseits wird das Bewußtsein vielleicht durch das intensive Hängen am Zurückgelassenen festgehalten.
Dadurch, daß der Geist immer noch versucht, vergangene Erfahrungen zurückzugewinnen, kann die Situation erstaunliche Wendungen nehmen. Der Geist nimmt vielleicht einen geliebten Menschen wahr, der ruft: »Geh nicht weg, komm zurück!« Das ist nichts anders als die Projektion von Anhaften an einen Menschen oder eine Situation. Obwohl man es intensiv wünscht, läßt sich nichts zurückgewinnen. Und statt sich ganz den spirituellen Aussichten zu widmen, kann man sich im dauernden Zurückblicken verlieren. Das kann zu einem wirklichen Problem werden, einem gewaltigen Hindernis für vollkommene Transformation.
Der Bardo der Möglichkeit, dieser Zwischenzustand, in dem alles geschehen kann, hat eine frühe und eine späte Phase. Die Anfangsphase ist noch mehr mit den Erfahrungen des vergangenen Lebens verbunden, denn diese Eindrücke sind im Geist am frischesten. Sie bestimmen weitgehend die Erfahrungen des Geistkörpers. Im Verlauf dieser Phase entstehen wiederholt Situationen, in denen das Bewußtsein des Verstorbenen begreift, daß der Tod eingetreten ist, und jedesmal wird es durch traumatischen Schock gelähmt.
Die Endphase des Bardo der Möglichkeit setzt ein, wenn die Eindrücke aus der vergangenen Existenz zu verblassen beginnen. Das Hängen an Vergangenem ist nun nicht mehr der vorherrschende Bewußtseinsinhalt. Der Geist beginnt zu vergessen. Allmählich beginnen Eindrücke die Vorherrschaft zu gewinnen, die mit der zukünftigen Wiedergeburt zusammenhängen. Die Eindrücke dieser späten Phase und die Wahrnehmungsweise des Geistes werden von den Tendenzen der karmischen Ausreifung bestimmt, die das Individuum in eine Wiedergeburt unter bestimmten Umständen und Bedingungen drängen.
Traditionell wird die allgemeine Zeitspanne für den gesamten Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt mit etwa neunundvierzig Tagen angegeben. Obwohl der Zeitraum sowohl länger als auch kürzer sein kann, hält sich das körperlose Bewußtsein durchschnittlich für etwa diese Zeit in den drei Bardos auf.
Konnte Befreiung nicht erlangt werden, wird der Geist an einem bestimmten Punkt (unabhängig von der Dauer der Bardos) von den Kräften des Karma in einen neuen Wiedergeburtszustand getrieben.
Die Umstände sämtlicher Wiedergeburten sind stets individuell, das macht den Prozeß von Samsâra aus. Der Begriff samsâra bedeutet »Kreislauf« und bezieht sich auf das unaufhörliche Kreisen durch Geburt und Tod, von Form zu Form, von Daseinsbereich zu Daseinsbereich. Es handelt sich nicht um einen Kreislauf im Sinne einer ständigen Wiederkehr an denselben Ort, sondern um die dauernde Bewegung von einem Zustand begrenzter Existenz zum nächsten, wobei die Erfahrung körperlosen Bewußtseins in den Bardos die Lücke zwischen den Wiedergeburten ausfüllt. In diesem Prozeß erlebt der Geist einen Zustand nach dem anderen und/oder einen Daseinsbereich nach dem anderen, die sich aufgrund entsprechender karmischer Tendenzen unterscheiden. Solange das Individuum nicht Erleuchtung erlangt, ist dieser Prozeß endlos. Samsâra erschöpft sich nicht aus eigenem Antrieb. Weder gehen ihm die Körper aus, noch nehmen die möglichen Zustände verwirrten Gewahrseins jemals ab. Samsâra setzt sich einfach unaufhörlich fort - im Ablaufen sich ständig erneuernd.
Nur ein einziger Rahmen liefert die Möglichkeit, dieses unaufhörliche Leiden zu überschreiten und aus dem ganzen Teufelskreis auszubrechen. Das ist die Situation der Kostbaren menschlichen Existenz. Das wichtigste an dieser Existenz ist die karmische Frucht, die es einem gestattet, mit spirituellen Lehren in Berührung zu kommen, sich für sie zu interessieren und das gläubige Vertrauen zu entwickeln, sie auch anzuwenden. Wenn eine derartige Gelegenheit aktiv wird, kann der einzelne tatsächlich die nötigen Schritte zur Befreiung vom endlosen und unaufhörlichen Kreislauf der Wiedergeburt tun.
Namaste
Ashtavakra



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