1.
Was ist Wahrheit?
Pilatus stellte die Frage: "Was ist Wahrheit?" - er war jedoch unfähig, sie in seinem Inneren zu finden, weswegen er auch keine Antwort darauf erhielt.
Christus Jesus sprach: "Die Wahrheit soll euch frei machen", und Plato mit seiner mystischen Intuition sagte: "Gott ist Wahrheit, und das Licht ist sein Schatten." Johannes aber sprach: "Gott ist Licht", und da er dem Meister näher als die anderen Jünger stand, empfing er unzweifelhaft die höheren Belehrungen, weil die anderen nicht fähig waren, sie aufzunehmen. Es spielt keine Rolle, von wieviel Wahrheit wir umgeben sind, denn solange wir für deren Erhalt noch nicht geeignet sind, ist sie nicht für uns bestimmt. Jeder könnte die Schönheit der zahllosen Schatten des Lichts und der Farben um uns sehen, mit Ausnahme der durch die Blindheit Behinderten, welche die Welt der Farben um sich nicht wahrnehmen können und daher wahrhaft arm sind. Ebenso steht es mit der Wahrheit. Auch sie befindet sich überall und kann immer gefunden werden, wenn wir nur fähig sind, sie zu erkennen. In den Übungen der Rosicrucian Fellowship (Rückschau und Konzentration) wurde uns ein herrliches Mittel gegeben, um mit der Wahrheit in Berührung zu kommen.
Plato und Johannes sagten: "Gott ist Licht", und wenn wir eines der größten Observatorien besuchen, das mit den besten Teleskopen ausgestattet ist und in den Raum hinausblicken, dann werden wir sehen, daß es für das Licht keine Grenze gibt, es befindet sich überall. Mit dem Symbol des Lichts, das hier dargestellt wird, erhalten wir eine Idee der Allgegenwart und Ausdehnung Gottes, den wir verehren. Johannes sagte in den ersten fünf Versen seines Evangeliums: "Am Anfang war das Wort." Darin haben wir eine wunderbare Lösung der Frage, die wir anfangs angesprochen haben. Hier befinden wir uns im Bereich der Wahrheit. Zur gegenwärtigen Zeit sind wir in die Materie abgesunken und nicht imstande, mit dieser Wahrheit in einen direkten Kontakt zu kommen. Aber wenn wir in Gedanken zum
Anfang der Dinge zurückgehen, dann sind wir in unseren Gedanken bei Gott und fähig, die Wahrheit zu erkennen. Plato sprach von einer Zeit, in der "Dunkelheit herrschte". Das Alte Testament erzählt uns über die Dunkelheit, die im Urzustand oder der "Arche" bestand, in der die Form durch Gott, dem großen Architekten, der seit Urbeginn das Universum erbaut, gegeben wurde.
Wenn wir über den Einen nachdenken, der seit dem Anfang die Dinge erschuf, dann kommen wir mit Ihm, Gott, in Berührung. Wir treten dann im ersten Satz jener fünf Verse, über die wir Meditieren, mit der "Arche" in Verbindung. In den wenigen Worten, die dann folgen, kommen wir zur zweiten Aussage: dem Wort. Der Ausdruck "Wort" ist in unserer jetzigen Bibel fehlübersetzt, denn es bedeutet nicht nur "Wort", sondern ebenso Gedanke. Das griechische Wort "Logos" meint im Zusammenhang mit diesem Vers beides, das Wort und den logischen Gedanken, der dem Wort vorangeht, weil der logische Gedanke schon vor dem Wort bestehen muß. Bevor ein Wort ins Dasein treten könnte, müßte ein Denker existieren, weswegen Johannes die Wörter "in der Arche" und "Logos" benützte, die das ausdrüken, was wir zu verstehen suchen, nämlich daß am Anfang ein homogener Teil an Substanz bestand und diese homogene Substanz Gott war. Und Gott wurde das "Wort", der rhythmische Ton, welcher ins Universum hinaustritt und alle Dinge formt.
Weiters befindet sich im fünften Vers die Feststellung: "Und das Licht scheint ..." In erster Linie herrschte Finsternis. Keine Schwingung wurde in die Ursubstanz hineingesandt, und daher muß zwangsläufig Dunkelheit geherrscht haben. Aber das erste, was in die Existenz eintrat, war, wie gesagt, das Licht. Aus dem Blickwinkel einer höheren Ebene sind Licht und Ton Synonyme. Einige sensitive Menschen hören niemals einen Ton, ohne nicht auch gleichzeitig dabei einen Lichtstrahl wahrzunehmen. Auch sehen sie nie einen Lichtstrahl, ohne nicht auch zur selben Zeit einen Ton zu hören. Deshalb schrieb Johannes so mystisch, als er sagte: "Am Anfang" - in der ursprünglichen Substanz - "war Gott" und "Gott war das Wort", und in
diesem "war Leben", und das Leben wurde "das Licht der Menschen".
Hier stehen wir der abstrakten Wahrheit in bezug auf die gesamte Problematik der Schöpfung so nahe, wie uns dies nur möglich ist. Innerhalb des menschlichen Körpers scheint dieses Licht bis zum heutigen Tag, das Licht, das in der Finsternis scheint, jenes Licht, das durch den Schleier der Isis verborgen ist. Alle um uns sind Geister, die in der Dunkelheit wohnen, bis sich durch das Fenster der Seele die Herrlichkeit des Universums enthüllt. Dann erkennen wir Gott als Licht, alles Gute als Licht und dem Gegenteil von Dunkelheit.
Das Licht besteht nicht aus einer Farbe, sondern bedarf zu seiner Offenbarung der sieben Geister vor dem Throne, deren jeder ein Lichtträger für einen bestimmten Strahl ist. Ein jeder von uns entstammt einem dieser Lichtstrahlen, wodurch jeder auf einen (seinen) Strahl besonders gut erwidern kann. Darum wird die Wahrheit von allen verschieden gesehen, und obwohl wir uns allmählich alle zur selben Quelle, die Gott ist, hinbewegen, haben wir dennoch zu verschiedenen Zeiten verschiedenartige Standpunkte. Auch wenn wir scheinbar miteinander im Widerspruch stehen, so befindet sich in den ersten fünf Versen des Johannesevangeliums dennoch die Wahrheit, daß wir alle Kinder des Lichtes sind. Ein jeder trägt in sich den göttlichen Geist des Lichts, und ein jeder lernt allmählich dieses Licht zu erkennen und durch die unterstützenden Übungen mehr von diesem Licht zu vermitteln.
Wenn der Mystiker in das Licht der Morgendämmerung sieht, so erblickt er es als das tägliche Einströmen des ersten schöpferischen Fiat in seine Seele, als: "Es werde Licht." Und gleich dem täglichen Fortschreiten des Lichts und seinem allmählichen Verschwinden am westlichen Horiziont, sieht er mit der wunderbaren Kulisse des Sonnenuntergangs, fernab der Möglichkeit einer Beschreibung durch die menschliche Sprache, etwas, das nur durch die Seele gefühlt werden kann.
Wenn wir diese fünf Verse gleich einem Mystiker in uns Leben lassen, so werden auch wir das Licht und die Wahrheit auf eine Art und Weise erkennen, wie wir nichts anderes in der Welt kennen.
Irgendwann haben wir alle die verschiedenen Pfade des Lebens beschritten. Einmal wandelten wir im kriegerischen Strahl durchs Leben, ein andermal beschritten wir den Weg der Aktivität und der Leidenschaft ohne Rücksicht auf das Leiden anderer oder darauf, was sie durch andere an solchem erfuhren. In einem anderen Leben wiederum kamen wir unter dem leichteren Strahl der venushaften Farbe zurück und folgten dem Lebenspfad an der Seite der Liebe, ein andermal dem Weg des dunklen Blau oder des Saturnstrahls und nochmals später dem des helleren Blau oder Jupiterstrahls. So blicken wir alle vorwärts, der noch höheren Vollkommenheit entgegen, die von dem gelben Strahl des Uranus kommt, doch sind die meisten von uns gegenwärtig noch nicht fähig, ihn zu empfangen, weil sie noch mit dem niedrigeren Dunkelgelb des merkurischen Strahls zufrieden sind. Wir alle arbeiten uns nach und nach zum weißen Licht empor, das von der Sonne kommt und alle Farben in sich vereint. Nach diesem Licht müssen wir streben, weil das Licht aller anderen Strahlen von untergeordneter Natur ist und von der großen zentralen Quelle allen Seins herrührt.
Manche werden jedoch fragen: "Und was ist mit der Dunkelheit? Ist sie Böse?" Nein, in Gottes Universum gibt es nichts Böses. Während des Tages erkennen wir durch das Licht der Sonne die Herrlichkeiten dieser kleinen Erde, die sich im Raum bewegt. Hätten wir immer Licht, so würden wir vielleicht nichts von außerhalb unseres Planeten erfahren und darüber unwissend bleiben, daß es noch mehr als Sonne und Mond gibt. Wenn es aber Nacht wird, und die Herrlichkeiten des Tages verschwunden sind, wenn die Sonne nicht mehr länger den Himmel erhellt, dann können wir bis zu einem gewissen Grad die letztliche Unendlichkeit des Universums begreifen. Wir können dann Welten erkennen, die Millionen über Millionen von Kilometern von uns entfernt sind, wodurch der Geist zu einer ebenso wunderbaren Hingabe angespornt ist, als wenn wir bei der Wahrheit verweilen, daß GOTT ALLES IN ALLEM ist - M. Heindel. (Rosenkreuzer Weltanschauung , Anhang)
2.
Die Morgenübung
Konzentration, die zweite Übung, wird morgens, zum erstmöglichen Zeitpunkt nach dem Erwachen des Schülers ausgeführt. Er muß sich nicht erheben, um die Jalousien zu öffnen oder sonst etwas Unnötiges zu tun. Wenn sich der Körper behaglich fühlt, sollte er sich sogleich entspannen und beginnen, sich zu konzentrieren. Das ist sehr wichtig, da der Geist im Augenblick des Erwachens gerade aus der Empfindungswelt zurückgekehrt ist. Zu dieser Zeit ist es leichter möglich, erneut mit dieser Welt in eine bewußte Berührung zu kommen, als zu irgendeiner anderen Zeit des Tages.
Wir erinnern uns aus dem Vortrag Nr. 4 (aus dem Buch: "Das Rosenkreuzerische Christentum"), daß während des Schlafes die Ströme des Empfindungsleibes fließen, und sich dann seine Wirbel mit sehr großer Geschwindigkeit drehen und bewegen. Doch sobald er den dichten Körper betritt, werden seine Ströme und Wirbel durch die dichte Materie und die Nervenströme des Lebensleibes, welche die Botschaften von uns zum Gehirn tragen, beinahe vollkommen zum Stillstand gebracht. Das Ziel dieser Übung ist es, den dichten Körper auf denselben Grad von Untätigkeit und Unempfindlichkeit wie im Schlaf zu bringen, obgleich nun der Geist darin vollständig wach, munter und bewußt bleibt. So schaffen wir einen Zustand, wo die Sinneszentren des Empfindungsleibes erneut beginnen können sich zu drehen, währenddessen er im dichten Körper weilt.
Konzentration ist ein Wort, das viele verwirrt und nur wenigen den richtigen Sinn übermittelt. Daher wollen wir uns bemühen, seine Bedeutung klarzumachen. Das Wörterbuch gibt mehrere Deutungen, die alle auf unseren Begriff anwendbar sind. Eine lautet: "auf einen Mittelpunkt zusammenziehen", eine andere aus der Chemie: "auf die höchste Reinheit und Stärke zurückführen durch Entfernung wertloser Bestandteile". Auf unser Problem angewandt sagt uns eine der obigen Deutungen, daß, wenn wir unsere Gedanken auf einen Mittelpunkt, einen Punkt zusammenziehen, wir ihre Stärke vermehren nach dem Grundsatz, daß die Kraft der Sonnenstrahlen vermehrt wird, wenn sie durch ein Vergrößerungsglas in einem Punkt gesammelt werden. Dadurch, daß wir aus unserem Geist alles andere für den Augenblick ausschalten, ist unsere gesamte Gedankenkraft für den Zweck verfügbar, das Ziel zu erreichen oder das Problem zu lösen, auf welches wir uns konzentrieren. Wir können so sehr in unseren Gegenstand vertieft sein, daß wir ein über unserem Kopf abgefeuertes Geschütz nicht hören würden. Man kann in einem Buch so aufgehen, daß man alles andere um sich herum vergißt. Der nach geistigem Schauen Strebende muß die Fähigkeit erwerben, in gleicher Weise in der Idee aufzugehen, auf die er sich konzentriert, so daß er die Sinnenwelt aus seinem Bewußtsein ausschalten und seine ganze Aufmerksamkeit auf die geistige Welt richten kann. Wenn er dies lernt, wird er die geistige Seite eines Gegenstandes oder einer Idee von geistigem Licht beleuchtet sehen und so eine Kenntnis von der inneren Natur der Dinge erlangen, die sich kein weltlicher Mensch zu erträumen wagt.
Wenn er diesen Punkt der reinen Begriffsbildung erreicht hat, beginnen die Sinneszentren des Empfindungsleibes im dichten Körper sich langsam zu drehen und schaffen sich so allmählich einen ständigen Platz. Diese Bewegung wird mit der Zeit immer bestimmter werden, und es wird stets weniger Anstrengung erfordern, sie in Bewegung zu bringen.
Zum Gegenstand der Konzentration kann irgend ein hohes und erhabenes Ideal dienen, doch sollte es vorzugsweise von solcher Art sein, daß es den Schüler aus den gewöhnlichen Dingen, die Sinne betreffend, und jenseits von Raum und Zeit herausführt. Dafür gibt es nichts Besseres, als den Wortlaut der ersten fünf Verse des Johannes Evangeliums. Wenn er sie zum Gegenstand nimmt, Satz für Satz und Morgen für Morgen, so werden sie mit der Zeit dem Schüler einen wundervollen Einblick in den Anfang unseres Weltalls und in das Schöpfungssystem geben, einen Einblick, der weit über irgend ein Lehrbuch hinausragt.
Wenn der Schüler nach einiger Zeit gelernt hat, fünf Minuten lang standhaft die Idee, auf die er sich konzentrierte, vor sich zu halten, kann er versuchen, diese plötzlich fallen und eine Leere entstehen zu lassen. Nun denke er an nichts und warte einfach, um zu sehen, ob irgendetwas die entstandene Leere betritt. Mit der Zeit werden die Begebenheiten und Szenen der Empfindungswelt diesen leeren Raum erfüllen. Nachdem der Schüler damit vertraut gemacht worden ist, kann er verlangen, daß dieser oder jener beliebige Gegenstand vor ihm erscheine. Er wird bestimmt erscheinen und es ist ihm dann auch möglich, ihn zu untersuchen.
Die Hauptsache jedoch ist, daß der Schüler sich durch Befolgung der obigen Belehrungen selbst reinigt; seine Aura beginnt zu strahlen und wird unfehlbar die Aufmerksamkeit eines Lehrers auf sich ziehen, der jemand zu Hilfe senden wird, wenn es für den nächsten Schritt aufwärts erforderlich ist. Selbst wenn Monate oder Jahre vergehen und kein sichtbares Ergebnis eintreten sollte, so sei man versichert, daß keine Mühe umsonst gewesen ist; die großen Lehrer sehen und würdigen unsere Bemühungen. Ihr Interesse für unsere Mithilfe ist ebenso groß, wie unser Interesse für die Arbeit. Sie können Gründe sehen, die es nicht als ratsam für uns erscheinen lassen, die Arbeit für die Menschheit bereits in diesem Leben oder zu dieser Zeit aufzunehmen. Eines Tages werden die hemmenden Zustände vorübergehen und wir zum Licht zugelassen werden, wo wir es selbst sehen können.
Eine alte Legende berichtet, daß das Graben nach einem Schatz in der Stille der Nacht und bei vollständigem Schweigen geschehen muß. Ein Wort zu sprechen, bevor der Schatz sicher ausgegraben ist, wird unvermeidlich sein Verschwinden zur Folge haben. Dies ist ein mystisches Gleichnis, das sich auf das Suchen nach geistiger Erleuchtung bezieht. Wenn wir schwätzen und anderen die Erfahrungen unserer Konzentrationsstunde erzählen, verlieren wir sie, denn sie können keine Übertragung durch die Stimme vertragen und werden in Nichts zerfallen. Durch Meditation müssen wir aus ihnen die volle Kenntnis der zugrundeliegenden kosmischen Gesetze erlangen. Dann braucht die Erfahrung selbst nicht weiterberichtet zu werden, denn dann werden wir erkennen, daß sie nur die Schale ist, die den wertvollen Kern umgibt.
Das Gesetz ist von allumfassendem Wert, was sofort einleuchten wird, denn es wird Tatsachen im Leben erklären und uns lehren, wie wir aus gewissen Lagen Nutzen ziehen können und wie die andern zu meiden sind. Das Gesetz kann dem Gutbefinden des Entdeckers zum Segen der Menschheit freigestellt werden. Die Erfahrung selbst, die das Gesetz enthüllte, wird dann in ihrem wahren Licht erscheinen; sie ist nur von vorübergehendem Interesse und weiterer Aufmerksamkeit unwert. Darum sollte der Schüler alles, was sich während der Konzentration ereignet, als heilig betrachten und strengstens für sich behalten.
Schließlich hüte er sich, die Übungen als eine lästige Aufgabe anzusehen. Man schätze sie nach ihrem wahren Wert; sie sind unser höchstes Vorrecht. Nur wenn wir sie so betrachten, werden wir ihnen gerecht werden und aus ihnen den vollen Segen ernten.
(auch von Max Heindel, selbes Buch)
son und nun einen Schönen morgigen Tag und alles gute.
Liebe Grüße universeller Natur
P.Culiar



LinkBack URL
About LinkBacks


Lesezeichen