DAS ABENTEUER DES DENKENS
Spät habe ich gelernt, dass Weisheit geboren wird, wenn die Logik stirbt.
Vor dieser Befreiung besaß ich nur Wissen.
Benutze den Verstand zu seiner gottgegebenen Bestimmung und Glaube und Instinkt für deren eigene, bis die Weisheit zu dir kommt.
Warum solltest du auch den
Fehdehandschuh zwischen deine eigenen Kräfte werfen?
Die Bücher der Weisheit sind die Lampen Gottes, die dich aus dieser Nacht der Bindungen und des Egoismus herausführen;
wenn aber das Licht der Erleuchtung in deiner Seele aufgeht,
dann brauchst du selbst diese göttlichen Lampen nicht mehr,
dann kannst du frei und sicher im ewigen Sonnenlicht wandeln.
Das Gesetz ist für die Unfreien und Blinden gemacht; wenn sie es nicht hätten, würden sie sich verirren;
dich aber hat Krishna befreit und dir sein lebendiges Licht gezeigt;
so halte im Gehen die Hand deines Freundes und wandele im Licht der ewigen Veden.
"Das entspricht nicht unserem Gesetz", sagen die Dogmatiker und Schriftgelehrten.
Du Narr!
Ist Gott denn nur ein Buch,
daß es außer den heiligen Schriften nichts Wahres und Gutes mehr geben kann?
Wenn du dich auf deine eigene innere Erfahrung berufst,
die anders geartete deines Nächsten aber in Frage stellst,
dann kannst du sicher sein, dass Gott dich zum Narren hält.
Hörst du nicht sein Gelächter hinter dem Vorhang deiner Seele?
Gott, der Guru der Welt, ist weiser als dein Verstand;
vertraue ihm und nicht jenem ewig sich selbst suchenden und arroganten Skeptiker.
Lebe in deinem Innern;
lass dich nicht erschüttern durch äußere Ereignisse.
Wer Misslingen und Unvollkommenheit verwirft, der verwirft Gott;
er begrenzt seine eigene Seele und betrügt seine eigene Vision.
Verwirf nicht, sondern beobachte die Natur, hilf deinen Brüdern und heile sie, stärke ihre Fähigkeiten und ihren Mut durch deine Sympathie.
Weil ein guter Mensch stirbt oder scheitert und die Bösen leben und triumphieren, deshalb soll Gott böse sein?
Ich sehe keine Logik in dieser Schlussfolgerung.
Ich müsste zuerst davon überzeugt werden,
dass Tod und Misserfolg etwas Übles seien.
Die Philosophen,
die die Welt als Illusion verwerfen,
sind sicherlich sehr weise, ernsthaft und heilig; aber ich kann mir nicht helfen,
manchmal denke ich, dass sie auch ein ganz kleines bisschen töricht sind und es Gott zu einfach machen,
sie auf den Arm zu nehmen.
Sie bewiesen mir mit überwältigenden Argumenten,
dass Gott nicht existiere, und ich habe ihnen geglaubt.
Dann habe ich Gott gesehen, denn Er kam zu mir und nahm mich in Seine Arme. Wem soll ich nun glauben,
den Argumenten der anderen oder meiner eigenen Erfahrung?
Logik ist der schlimmste Feind der Wahrheit,
so wie Selbstgerechtigkeit der schlimmste Feind der Tugend ist;
die eine kann ihre eigenen Irrtümer nicht erkennen,
die andere nicht ihre eigene Unvollkommenheit.
Warum schimpfst du über die Dogmen der Sekten und ihre Intoleranz, da du selbst doch deinen Glauben als den einzig wahren und seeligmachenden bezeichnest und den aller anderen als falsch, unwissend oder gar als Schwindel?
Liebe zur Einsamkeit deutet auf Erkenntnisdrang hin;
Erkenntnis aber kann erst erreicht werden,
wenn wir selbst in der Menge, in der Schlacht und auf dem Markte beständig in Einsamkeit eingehüllt sind.
Der Gottesleugner ist niemand anderes als Gott,
der mit sich selbst Verstecken spielt;
aber gilt nicht das gleiche auch für den Gottesgläubigen?
Nun, vielleicht,
denn er hat den Schatten Gottes gesehen und greift danach.
Gott schlug mich durch eine menschliche Hand.
Soll ich jetzt sagen: "Ich vergebe Dir Deine Unverschämtheit, o Gott?"
Gott erwies mir Gutes, indem er mich schlug.
Soll ich nun sagen:
"Ich vergebe Dir, aber tu es nicht wieder?"
Wenn ich ein langweiliges Buch lese,
und zwar mit Vergnügen,
und doch die ganze Vollkommenheit seiner Langeweile wahrnehmend,
dann weiß ich, dass mein Denken und Sinnen erobert ist.
Ich hörte einen Narren den größten Unsinn erzählen und fragte mich,
was Gott wohl damit bezwecke.
Als ich noch darüber nachsann,
sah ich plötzlich die Wahrheit und die Weisheit hinter der verzerrten Maske.
Als ich noch unwissend war,
habe ich Verbrechen, Unlauterkeit und Sünde verabscheut,
und war doch selbst voll davon;
als ich aber gereinigt war und sehend wurde,
habe ich mich im Geiste vor dem Dieb und dem Mörder verneigt und die Füße der Hure geküsst.
Denn ich erkannte, dass diese Seelen die schreckliche Bürde des Bösen auf sich genommen und für uns alle das aufschäumende Gift des Weltozeans getrunken hatten.
Die Sünder zu hassen ist die schlimmste Sünde,
weil es heißt, Gott zu hassen;
denn wer die begeht, brüstet sich mit seiner größten Tugend.
In Gottes Vorsehung gibt es nichts Böses, sondern nur das Gute und dessen Vorbereitung.
[Sri Aurobindo: Das Abenteuer des Denkens
Titel der Originalausgabe: Thoughts and Aphorisms, Inana Yoga
Sri Aurobindo Ashram-Trust, Pondicherry, India 1971
© 1986 Patmos Verlag, Düsseldorf
ISBN 3-491-72158-X]



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