Feurige Rede zum Thema Kultur von Ken Jebsen
http://www.kenfm.de/podcast/kenfm_2007_kw05_kultur.mp3
Kultur ist das Betriebssystem des Menschen, ohne Kultur ist der Mensch wie ein Rechner ohne User. Wir leben in sehr berechnenden Zeiten, alles wird darauf hin überprüft, ob es sich rechnet, auch Kultur. Kultur im 21.Jahrhundert ist vor allem Kulturbetrieb. Ein Betrieb, der ständig danach trachtet, Mitarbeiter zu entlassen, um zeitgleich die Produktion hochzufahren. Dieses Hochfahren ist die eigentliche Hochkultur unserer Kultur. Popkultur, Shopkultur, das Streben nach dem größten, gemeinsamen Markt. Quotenkultur. Was heute zählt ist das Wissen über die Beschaffenheit der Masse, die Masse ist träge, Kultur für die Masse ist schwer zu ertragen. Wenn wir heute etwas über die Masse und damit über uns selber als Individuen wissen wollen, lassen wir Kundenprofile erstellen. Immer noch Jäger und Sammler, getarnt als Käufer – Verkäufer. Gefischt wird heute mit dem Internetz. Unsere Kultur, die digitale Kultur, dient nicht mehr dem Einzelnen das Leben zu begreifen, sondern zunehmend dem Staat UNS in den Griff zu bekommen. Wo man hin kommt, Überwachungskameras. Orwell war ein Optimist, ihm wäre das Lachen längst vergangen. Wir haben vorgesorgt, Comedy ist King. Formatiert halten wir unsere Kultur in Form, am laufenden Band mit Lachen, das vom Band kommt. Kultur diente dem Menschen mal dazu, der Natur eine Antwort entgegenzuhalten, eine Antwort auf eine Frage, die die Natur so nie gestellt hatte: Warum. Warum ist out. Warum ist analog. In ist digital. In ist, wer drin ist. Auf der Höhe der Zeit. Willkommen im Neanderdigital: jede Null kann es heute zur Nummer Eins bringen, es reicht Dauerpräsenz. Im Bild sein hat Gebildetsein ersetzt. Heute gilt: wir erfahren nichts mehr selber, wir lassen erfahren. Wissen ist längst Ware – Massenware, hergestellt von Massenmedien. Unsere Kultur kann man mit unseren Autos vergleichen: sie werden immer komplizierter, sie werden immer schneller, sie stehen immer häufiger im Stau, sehen alle irgendwie gleich aus und produzieren ganz nebenbei heiße Luft. Wir sind zu Beifahrern in unserem eigenen Leben verkommen. Naiv? Ja! Aber mit Navi. Fritz fragte die letzten Wochen immer wieder: Was ist Kultur - für euch? Damit war klar, dass Fritz Kultur als etwas rein Menschliches deklariert, aber ist Kultur wirklich rein menschlich? Wenn ja, was ist dann Evolution? Die Kultur der Natur ist das Entstehen der Arten, der Irrtum unserer Art ist schon sprachlich erkennbar. Der Mensch glaubt ernsthaft, aus der Natur hervorgegangen zu sein, tatsächlich ist er von ihr eingekreist. Der maximale Abstand, den der Mensch von der Natur erreichen kann ist der Abstand Kopf – Erde, einigen wir uns auf durchschnittlich 1,80 m. Aber auch wenn wir aufrecht gehen, ist unsere Kultur doch in Wahrheit latent auf Forschperspektive. Das zeigt sich immer dann, wenn irgendwo ein Krieg ausbricht. Kaum ein paar Wochen vom Hauptserver Kultur, der Zivilisation, abgekoppelt, mutiert das Kulturwesen Mensch zum Brutalsten aller Geschöpfe. Der Mensch, das Projekt K geht K.O., schon in der ersten Runde. Unsere Arroganz basiert auf der Annahme, dass wir inzwischen so viel wissen, dass wir nicht mehr wissen müssen, woher dieses Wissen stammt. Wir haben begonnen unser Wissen auszulagern – im großen Stil. Stil war mal Haltung, Kultur war mal Geisteshaltung, die man bitteschön mitzubringen hatte. Das Kulturvolk heute kocht nach Rezept, es kocht Rezepte nach. Was fehlt, ist eigener Geschmack. Um der drohenden Geschmacklosigkeit vorzubeugen, produziert unsere Kultur Werbung als Geschmacksverstärker. Werbung ist heute Kunst, Werbung ist Kultur. Die Kunst bei jeglicher Kultur ist, nie aus den Augen zu verlieren, dass Kultur künstlich bleibt. Wer Kultur in die freie Wildbahn aussetzt, wird Zeuge, wie erst sie und dann er eingeht. Wir glauben, dass die Art wie wir heute Kultur produzieren und vermarkten, dazu beiträgt, uns mit ihr unsterblich zu machen. Masse statt Klasse, das Resultat ist in Wahrheit massenhaftes Eingehen von Subkultur, ein Artensterben, das Sterben von Art. Was haben eine Grungeband aus Potsdam, Stuttgart, Seattle oder Schottland gemeinsam? Sie klingen alle gleich. Sie sehen alle gleich aus. Sie beziehen sich alle auf die gleichen vorher begradigten Einflüsse. Formatiert, sauber, abgepackt, durchschaubar wie - Handgepäck. Kulturbeutel, gebeutelte Kultur. Es beginnt immer gleich mit dem Verlust von kulturellen Nischen, die Freiheit sich abzuschotten existiert für Kulturen heute nur noch in Ausnahmefällen. Es gibt praktisch keine Ecke mehr, die nicht von der Mainstreamkultur konterminiert und damit platt gemacht wird. Monokultur, getarnt als Dolby Surround. Die Kultur des Homo-TV-Junkies neigt dazu, einen immer kleineren Teil der Gegenwart als das große Ganze anzustarren. Vorhersehbar wie die Cover von TV-Zeitschriften konsumieren wir permanent Ausschnittvergrößerungen, das große Ganze haben wir – im sogenannten Informationszeitalter längst aus den Augen verloren. Wir wissen jede Belanglosigkeit über die letzten 48 Stunden, aber nur das Nötigste über die letzten 350 Jahre. Unser Horizont wurde datenreduziert. Kultur ist heute google, eine Suchmaschine, die auf alles eine Antwort hat, aber keine einzige Frage stellt. Kultur fängt mit Fragen an. Die Fragen in unserer Gesellschaft sind derart belanglos, dass wir sie als Quiz verpackt durch Günther Jauch stellen lassen können. „Wer wird Millionär?“ interessiert uns mehr als „Wer wird überleben?“ Dabei ist Kultur nur ein anderes Wort für überleben. Kult, kultische Gegenstände sind nichts anderes als ein Datenspeicher, der überlebt hat. Unsere Vorfahren waren eben nicht nur primitive Jäger, sie waren auch vorausschauende Sammler, selber. Mit dem Selbersammeln haben wir lange aufgehört, dabei sein ist alles, alles sein lassen ist die Realität. Mitmachen hat unsere Kultur durch zugucken ersetzt, wir sind von Erzeugern von Kultur zu Zeugen von Kultur geworden. 20.000 Songs auf dem iPod, aber kein Lied auf den Lippen. MPdreist sind wir alle Kulturvernichter. Wir zerstören durch Unterlassung. Kultur dient heute nur noch der Unterhaltung, miteinander gesprochen wird dabei nur noch in Ausnahmefällen. Sprache als DIE Basis der menschlichen Kultur wurde auf SMS-Länge zusammengeschrumpft, 160 Zeichen müssen reichen. Schon morgen gibt es das gesamte Kulturangebot auf einem einzigen Gerät. Ein Gerät! Für immer Dasselbe. Christiansen ist Jack Bauer ist MC Donalds ist Madonna ist Kult. In der Politik haben wir das schon: was verharmlosend die bürgerliche Mitte heißt, ist in Wirklichkeit Mittelmaß. Eine Hochkultur zeichnete sich bisher immer auch dadurch aus, dass sie den Aufstand nicht nur probte, sondern dass sie auch aufstand, zum Beispiel für kulturelle Minderheiten, dass sie demonstriert. Demokratie. Der Gedanke dahinter war die Überzeugung, dass zwar alle Menschen irgendwie gleich sind, aber deshalb noch lange nicht die gleichen Rechte genießen. Die Würde des Menschen ist eben nicht unantastbar. Ein Kulturvolk wie die Deutschen haben darin reichlich Erfahrung, waren mal Marktführer für Unkultur. Wer aber geht in unserer Kultur noch auf die Straße, wenn es Kulturen an den Kragen geht? Nicht dass die Straße nicht beliebt wäre, wir haben die Love Parade, wir haben den Berlin-Marathon – Brot und Spiele-Kultur. Die Frage nach der Uhr in Kultur darf gestellt werden, aber in Realtime. Zeit braucht Raum, okay, aber wir, wir räumen die Kulturräume. Die Zeit an sich läuft in unserer Kultur ein und wir, wir laufen aus. In 50 Jahren wird unsere Kultur den Hafen, von dem sie losfuhr, vergessen haben. Nachfahren ohne Vorfahren, schlichtes Sein statt kompliziertes Bewusstsein. Alles, was unsere Kultur hinterlassen wird, ist ein gigantisches Fragezeichen. Die Frage dazu wird nicht mehr aufzutreiben sein. Unsere Höhlenmalerei wird sich versendet haben, aber mit Top-Quoten. Das Merkwürdige an unserer Kultur ist, dass wir das, was uns an Unkultur bedroht, gar nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen. Ihr könnt uns unsere Würde nehmen, aber der Fernseher bleibt stehen. Sechzehn zu neun und immer gegen uns, schön flach, wie die Inhalte. Innehalten heißt heute zappen, abschalten durch umschalten, Wegsehkultur, Fern – seh - kultur. Die ständige Wiederholung von Klischees. Ein Schlussbild? Gibt’s schon lange nicht mehr. Ein Schlusswort? Im Anfang war das Wort, dann kam der Urknall, sprich der Ton und das Licht dazu und noch bevor es die GEMA gab, verpackten die Menschen Kultur in Musik, in Lieder, in Geschichten. Musik ist keine Ware, Musik ist eine Chance.
Ken Jebsen



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