Gewaltsame Proteste in Asien, Straßenschlachten und Streiks in Europa: Der
jüngste Preissprung vom Freitag, als sich das Fass Erdöl schlagartig um rund
elf Dollar verteuerte, dürfte die Unruhen weiter anheizen. Jetzt will
Saudi-Arabien eine Opec-Sondersitzung einberufen, um die hohen Preise zu
diskutieren.

Der Ölpreis-Anstieg hat weltweit gewaltsame Proteste ausgelöst und es gibt
erste Reaktionen: Saudi-Arabien will eine Sondersitzung der in der Opec
zusammengeschlossenen Erdöl exportierenden Länder einberufen, um über den
rasanten Preisanstieg zu diskutieren.

Zuvor war die Polizei im indischen Teil Kaschmirs mit Wasserwerfern und
Schlagstöcken gegen die Menge vorgegangen, die sich in Srinagar vor dem Sitz
der Regionalregierung versammelt hatte. Mit der Forderung „senkt die Preise
für Benzin, Diesel und Gas!“ hatten Hunderte von Regierungsmitarbeiter gegen
die Kürzung der Energiesubventionen protestiert.

Aufruhr auch in Europa

Auch in Europa gab es neuen Aufruhr: An den Grenzübergängen zwischen und
Spanien und Frankreich warfen Lkw-Fahrer die Windschutzscheiben von Kollegen
ein, die sich nicht an einem Streik gegen die Benzinpreis-Anhebung
beteiligen wollten. Zudem zerstachen sie deren Reifen und zerschlugen
Lichter. Auch die Lkw-Fahrer in Portugal traten in den Streik. In Frankreich
blockierten rund 200 Fahrer den Verkehr in der Innenstadt von Bordeaux.
Fast schon bürgerkriegsähnliche Zustände erlebte die belgische Hauptstadt.
Die Polizei sperrte das Europa-Viertel mit Stacheldrahtbarrieren weiträumig
ab und schloss die Bahnstation Brüssel-Schuman. Demonstranten rissen
Bürgersteige auf und durchschossen mit Leuchtpistolen Fenster von Gebäuden
der EU-Kommission. In den Straßenschluchten stiegen Rauchsäulen von
bengalischen Feuern auf. Eine Anti-Gewalt-Einheit trieb die aufgebrachte
Menge auseinander und löschte mit Wasserwerfern brennende Spruchbänder.
Fischer hatten gegen die Verteuerung des Diesel-Kraftstoffs für Schiffe um
mehr als 240 Prozent protestiert.

Spekulanten kaum aktiv

Der jüngste Preissprung vom Freitag, als sich das Fass Erdöl schlagartig um
rund elf Dollar verteuerte, dürfte die Unruhen weiter anheizen – und den Ruf
nach Konsequenzen für die Schuldigen laut werden lassen. Das Kartell Erdöl
exportierender Länder (Opec) leugnete jedoch jedes Fehlverhalten und machte
neben politischen Spannungen im Nahen Osten die „Spekulanten“ für den
anhaltenden Preisanstieg verantwortlich. Aufgenommen wurde der Vorwurf unter
anderem vom Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD),
der am Wochenende „spekulative Gewinne“ für den Energiepreis-Anstieg
mitverantwortlich machte. Das Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ legte in
dieser Woche nach und warf den Spekulanten vor, einen „Angriff auf den
Wohlstand“ zu führen.
Ein Vorwurf, der freilich durch Marktdaten widerlegt wird: So kann die U.S.
Commodities Futures Trading Commission (CFTC), eine Behörde zur Überwachung
des von Spekulanten genutzten Futures- und Optionen-Marktes, derzeit keine
Anzeichen für deren Einfluss feststellen. Im Gegenteil: Anfang Juni wetteten
Spekulanten lediglich bei 28¿300 Ölkontrakten auf steigende Preise – was
kaum einem Drittel der weltweiten Tagesproduktion entspricht. „Diese
Position liegt auf dem niedrigsten Niveau der letzten 15 Monate“, sagt Frank
Schallenberger, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg: „Das widerspricht
der These vom spekulationsgetriebenen Ölpreis.“

Doch die Mär vom Spekulanten als dem eigentlich Schuldigen an der
Ölpreiskrise wird sich wohl halten. Grund dafür ist, dass sich diese anonyme
Gruppe trefflich als Sündenbock für Politiker, Ölproduzenten und
Industrie-Lobbyisten eignet, die ihre Mitschuld an den Rekordpreisen
vertuschen wollen: Die Ölproduzenten, weil sie nicht genug in Exploration
und Förderung investiert haben, die Industrie, weil sie sich nicht früh
genug auf effizientere Technologien und Ersatzstoffe eingestellt hat, und
die Politiker, weil sie mit außenpolitischem Zündeln beständig die
Rohstoffmärkte in Angst versetzen.
Zündeln am Ölfass
So auch am vergangenen Freitag, als Israels Verkehrsminister Schaul Mofas
öffentlich verkündete, sein Land müsse gegen den Iran Krieg führen, wenn
Teheran nicht von seinem Atomprogramm lasse. Die Sorge, der viertgrößte
Erdölproduzent der Welt könnte seine Exporte kriegsbedingt drosseln, ließ
die internationalen Notierungen sofort in die Höhe schießen.

Doch jenseits dieser außenpolitischen Unsicherheiten sehen Experten das
Spiel von Angebot und Nachfrage auf dem Ölmarkt noch intakt. Tatsächlich
reagiert der Markt zuletzt fast lehrbuchgemäß auf die Rekordpreise: So
reduzierte eine ganze Reihe von Staaten ihre Benzin-Subventionen, um die
Nachfrage zu drosseln, darunter Indien, Malaysia, Taiwan, Indonesien, und
Ägypten. Fluggesellschaften strichen ihr Streckennetz zusammen und legten
Flugzeuge still, große US-Autobauer wie Ford stellten ihre Angebotspalette
konsequent auf kleinere, Benzin sparende Modelle um. Der Ölverbrauch in
Europa sank im vergangenen Jahr um zwei Prozent. Japan und Russland, die auf
der Liste der größten Ölverbraucher die Plätze drei und fünf belegen,
konnten ihren Konsum 2007 um zwei beziehungsweise vier Prozent reduzieren.
Langfristig können solche Entwicklungen wieder zu fallenden Ölpreisen
führen.
Schlagworte

Mittelfristig gebe es allerdings keine Entwarnung, sagt LBBW-Experte
Schallenberger. Denn: „Auf der Angebotsseite tut sich nicht viel.“ Die Opec
beschäftigt sich erst im September wieder mit dem Thema Quotenerhöhung.
Gleichzeitig nehme die Nachfrage aus Asien zu: „Von den rund 39 Millionen
Barrel Öl, die täglich exportiert werden, dürfte im laufenden Jahr etwa
jedes siebte nach China oder Indien gehen“, rechnet Schallenberger vor:
„Schreibt man die aktuellen Wachstumsraten fort, wird im Jahr 2015 jedes
dritte Fass nach China und Indien exportiert – und 2020 sogar jedes zweite
Fass.“ Mit der Nachfrage dürfte das Angebot vorerst nicht Schritt halten
können: „Weiter steigende Ölpreise sind daher auf Sicht der nächsten Jahre
vermutlich programmiert.“
mit AP, dpa