xperten: Andere Lösungsmodelle für Logistikunternehmen
Hoher Dieselpreis als Chance

Von Stephanie Berling

Der Dieselpreis steigt und steigt. Zehntausende Jobs seien deshalb in der Transportbranche in Gefahr, beklagt der Verband der Transportunternehmer. Ganz anders sehen das Logistik-Experten, sie erkennen sogar Vorteile.
Dieselpreisanzeige und Lkw; Rechte: dpa, WDR[M], KirschBild vergrößern

Hoher Dieselpreis - mehr Jobs in Deutschland?

Die "logistische Trickkiste" halte auch in Zeiten hoher Dieselpreise Lösungsmodelle bereit. Da ist sich Bernd Noche sicher. Der Professor des Zentrums für Logistik und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen setzt auf Umdenken: Viele Jahre sei das Lagern nur an einem Standort im Trend gewesen, "deshalb werden heute große Entfernungen zurückgelegt". Es sei nun an der Zeit, "flexibleren, kleineren Einheiten eine Chance zu geben". Das gelte für Logistikunternehmen, aber auch für das produzierende Gewerbe. Bernd Noche räumt zwar ein, dass so der Druck auf Arbeitsplätze von Lkw-Fahrern steigen könne - im Gegenzug könnten aber Jobs in der Lager-Organisation hinzukommen.
Aktuell

* ARD: 20.000 Jobs wegen hoher Spritpreise in Gefahr? [tagesschau.de]
* Video: Rekord-Spritpreise: Kleine Spediteure bangen um Existenz [WDR]

Noche glaubt sogar, dass Firmen wieder nach Deutschland zurückkehren. "Bislang hat sich die Produktion im Ausland gerechnet, weil der Transport günstig war." Nun müssten Arbeitsplätze wieder näher an die Verbraucher verlegt werden.
Transportbranche steht weiter gut da

Generell malt der Logistik-Professor die Zukunft des Transportgewerbes nicht so düster: Zum einen, weil die Schiene keine Alternative sei. "Die Bahn war immer so unflexibel und das wird sich so schnell nicht ändern." Zum anderen, weil Deutschland einen Riesenstandortvorteil mit rund 80 Millionen Einwohnern habe: "Und wer die Leute hat, hat auch den Markt."
Verbraucherpreise nur wenig höher?
Schwerpunkt

* WDR: Das Rauf und Runter der Spritpreise

Bernd Noche rechnet damit, dass Logistikunternehmen die um 14 Prozent erhöhten Transportkosten durch Umorganisierung so stark reduzieren könnten, dass beim Endverbraucher "nur etwa ein Viertel" davon ankomme. Dennoch will laut einer Umfrage des Wirtschaftsverbandes Creditreform jedes zweite Unternehmen die Verbraucherpreise erhöhen. Wirtschaftsforscher Bernhard Lageman überrascht diese Aussage zunächst mal nicht: "Jedes Unternehmen wird das versuchen."

Realistisch gesehen komme es aber auf Branche und Produkt - und die Stärke der Kunden - an, ob und wie stark Preise erhöht werden können. Lagemann, Leiter des Kompetenzbereichs "Empirische Industrieökonomik" im Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, nennt zwei Beispiele: Taxifahrer etwa könnten kaum etwas am Preis machen, "denen bleibt schnell die Kundschaft weg". Autohersteller hingegen hätten im Höchstpreissegment durchaus Chancen: "Was sind da schon 10.000 Euro mehr?"
Politik sollte sich heraushalten
Bernhard Lageman, Leiter des Kompetenzbereichs Empirische Industrieökonomik des RWI Essen; Rechte: RWI EssenBild vergrößern

Lageman: "Sich den neuen Gegebenheiten anpassen"

Energieintensive Branchen fordern nun die Politik auf, angeschlagenen Unternehmen etwa durch Steuersenkungen zu helfen. Von solcher Art Subvention hält Lageman nichts. "Es bestehen größte Zweifel, ob man damit nicht denjenigen schadet, denen man eigentlich helfen will". Die Politik könne in diesem Fall nicht viel tun. Transportunternehmen müssten sich den neuen Gegebenheiten anpassen. "Die Logistik hat sich unheimlich entwickelt. Da wird es auch sicherlich weiterhin zu Verbesserungen kommen", schätzt der Experte.
"Kein großer Schock" für die Volkswirtschaft

Auch die Volkswirtschaft sieht Bernhard Lageman durch den hohen Dieselpreis nicht wirklich bedroht. Die jetzige Ölkrise sei "nicht so ein Schock wie in den 70er Jahren", weil die Entwicklung nicht ganz unerwartet komme. Der sparsame Umgang mit Energien werde schon im Zuge der Klimaentwicklung gepriesen. Unternehmen und private Kunden stellten sich darauf ein und sich um. Ökonom Lageman geht davon aus, dass sich daher die negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Grenzen halten.