Schatten auf dem Pfad, so heißt das Buch des unorthodoxen Heilers Abdi Assadi. Ein Buch, das so unbequem ist, dass es in Amerika kein Verleger anfassen wollte - und das obwohl Abdi Assadi mit Sting und Sheryl Crow überaus prominente Fürsprecher hat. Der Grund: Das Buch nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, das spirituelle Business mit all seinen Gurus, Methoden und Workshops zu hinterfragen. All das, so meint Assadi, hilft uns nicht nur nicht aufzuwachen, sondern lässt uns noch tiefer schlafen.
Erleuchtung ist nichts für Junkies, sagt Abdi Assadi. Wir alle sind trickreiche Wesen, wenn es darum geht, das Ego zu stärken und Schmerz zu vermeiden. Ob im heiligen Gewand, als Yogi oder „friedvoller Krieger“: Scheinbar suchen wir nach der Wahrheit und merken nicht, dass wir auch auf dem spirituellen Weg einfach nur high werden wollen.
Das Buch ist ein Plädoyer für schonungslose Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst, die Auseinandersetzung mit all den Schmerzen und Schatten, die wir im Herzen tragen und ein Aufwachen in eine Freiheit jenseits des Egos. David Rotter hat sich mit Abdi Assadi unterhalten.
Es wird derzeit viel über Lichtarbeit geredet. In deinem Verständnis geht es aber viel mehr um Schattenarbeit, das heißt die Orte, die unser Licht am Meisten brauchen, sind unsere eigenen Schatten. Nach einer Periode von positivem Denken und Manifestier-Kulten scheint dieses Verständnis sich wieder mehr zu verbreiteten. Magst du etwas sagen über das ambivalente Verhältnis von Spiritualität und Schattenarbeit und warum du glaubst, dass diese gerade jetzt so wichtig ist?
Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Ich war noch sehr jung, als ich Therapeut und Akupunkteur wurde, etwa 23 oder 24 Jahre. Damals begann die AIDS-Epidemie in New York. Und das war vor der Erfindung der AIDS-Medikamente, die heute vielen helfen, damals starben alle Menschen mit AIDS. Ich gehe in einen Raum und da war dieser Mann, nur ein oder zwei Jahre älter als ich, er stirbt, wiegt nichts, ist dabei, zu erblinden. Und er schaut in den Handtuchspender und rezitiert positive Affirmationen "Meine Zähne wachsen jetzt nach. Meine Haut wird immer schöner..." Ich glaube, er starb sechs Wochen später. Das war das erste Mal, dass ich erkannte, wie gefährlich dieses positiv-Denken-Zeug ist, und das war, als dieser Schwachsinn gerade erst begonnen hat.
All dieser positiv-Denken-Bullshit versucht, das Leben, wie es ist, zu negieren und Kontrolle darüber zu erlangen. Aber du erreichst das Licht nicht, indem du dir schillernde Lichter vorstellst, sondern indem du in den Untergrund gehst und dich mit dem auseinandersetzt, was ich die Schatten nenne. Zumindest in meiner Erfahrung gibt es keinen anderen Weg. Ich arbeite seit 25 Jahren und habe Tausende von Menschen behandelt und ich habe noch nie jemanden getroffen, der um diese Dinge herumgekommen wäre.
Also ist für dich die spirituelle Reise genau das: Das bewusste Umgehen mit den Schatten? Und es geht nicht darum, etwas zu bekommen, sondern darum, seine Schatten loszuwerden?
Ja, das hast du sehr schön gesagt. Die spirituelle Reise dreht sich allein ums Verlieren. Es geht darum, alles zu verlieren. Und es ist nur für die Mutigen. Es geht darum, auf die Angst einflößendste Art und Weise nackt zu werden, auf die man überhaupt nackt werden kan. Alles, was du auf der spirituellen Reise zu gewinnen scheinst, ist das Ego. Es gibt absolut keinen Gewinn. Wenn die Leute sagen: "Ich hatte diese wundervolle spirituelle Erfahrung" - ja, dein Ich hatte diese Erfahrung. Eine wirklich spirituelle Erfahrung tötet das Ich. Aber du selbst kannst das Ich nicht töten, weil du das Ich bist. Also gibt es diese Verwirrung. Es ist wieder nur das Ego, das ständig alles ansammelt. Der wirkliche Duft der der Liebe erreicht dich erst, wenn schon genug getötet wurdest.
Das Ich, das die Umwelt retten will, ist das gleiche Ich, das sie zerstört. Das Ich, das ein Heiler sein will, ist das gleiche Ich, das durch seine Selbstsucht all die Schmerzen verursacht. Es ist genau dieses Gefühl ein Ich zu sein, das es zu verlieren gilt. Wenn du glaubst, du wärst dein T-Shirt, dann bist du in Schwierigkeiten. Aber das ist, was die Menschen tun: sie besorgen sich einfach nur ein netteres T-Shirt. Statt Nylon ist es nun Baumwolle. Aber es ist immer noch ein Shirt.
Letztlich muss man völlig wahnsinnig sein, um spirituelle Arbeit zu tun. Das Ego kommt zur Spiritualität und denkt, es kann machtvoller werden. Aber die geistige Arbeit ist die Guillotine für das Ich. Es ist schmerzhaft. Wenn du nie Schmerzen auf deinem spirituellen Weg hast, dann vergiss es, du bist auf einem Ego-Trip. Es ist nicht angenehm.
Alle diese positiv-Denken-Zeug versucht, den Willen zu benutzen, um den Schmerz zu verdrängen. Aber bei der Spiritualität geht es gerade um Hingabe und darum, den kleinen Willen gehen zu lassen. Wir sind eben alle Kontroll-Freaks und wir haben Angst. Und das erzeugt eine Art spirituelle Sub-Persönlichkeit innerhalb des Egos.
Interview Abdi Assadi: Die Fallen der Spiritualität | Sein Redaktion



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