Fulcanelli
1926 erschien unter diesem Pseudonym das Buch ´Les Mystères des Cathédrales´. Im Vorwort schrieb Eugène Canseliet: >>Der Autor dieses Buches ist schon seit längerer Zeit nicht mehr unter uns.<< Dennoch erschien, wiederum mit einem Vorwort von Canseliet, 1929 das Werk Les Demeures Philosophales. 1935 gab es in Paris Gerüchte, es erscheine ein neues Buch Fulcanellis mit dem Titel Finis Gloria Mundi, doch ist dieses Werk leider nie erschienen…
Es ist immer noch ungeklärt, wer sich hinter dem Pseudonym Fulcanelli verbirgt. Kenneth Rayner Johnson ist der Frage nachgegangen und hat gezeigt, daß alle Vorgeschlagenen (z.B. Canseliet, der die Bücher herausgab, Julien Champagne, der die Illustrationen zu dem ersten Buch beisteuerte un der 1932 starb) nicht in Frage kommen können. Das Rätsel ist also ungelöst und wird es wahrscheinlich auch bleiben.
Nach den Regeln der traditionellen phonetischen Kabbala ist der Name Fulcanelli zusammengesetzt aus Vulcan und Helios und könnte gelesen werden: Das Feuer, das in der Materie eingeschlossen ist, ist das der Sonne; welche Idee für ein Pseudonym. Der Name könnte eine Verbindung von Alchemie und moderner Kernphysik andeuten. So ist es zu verstehen, daß Jacques Bergier, der Physik und Chemie studiert hatte, überzeugt war, mit Fulcanelli zusammengetroffen zu sein, als er 1937 von einem unbekannten Alchemisten gewarnt wurde: >>…Die Befreiung der Kernenergie ist leichter zu erreichen, als Sie glauben. Und die künstlich erzeugte Radioaktivität kann in wenigen Jahren die Atmosphäre unseres Planeten vergiften. Außerdem lassen sich mit Zuhilfenahme von ein paar Gramm Metall Atom-Sprengkörper fabrizieren, die ganze Städte vernichten können. Ich sage Ihnen das klipp und klar: die Alchemisten wissen es seit langem… es bedarf lediglich einer bestimmten geometrischen Anordnung außerordentliche reiner Stoffe, um die Atomkräfte zu entfesseln.<<
1945, nach dem Abwurf der ersten Atombombe, meinte Bergier, sein Besucher habe diese beschrieben. Er fuhr fort: >>…Und ich bitte Sie, einmal über die Tatsache nachzudenken, daß die Alchemisten mit ihren Forschungen moralische und religiöse Zwecke verbanden, während die moderne Physik (seit dem) 18. Jahrhundert…(eine) Wissenschaft ohne Gewissen(ist)… Ich hielt es für richtig, einige Forscher zu warnen, aber ich habe keine Hoffnung, daß diese Warnungen Früchte tragen werden…<<
Leider behielt er damit Recht! Warnungen in Bezug auf andere neue Techniken, z.B. die Genmanipulationen – von Alchemisten oder nicht – werden wohl genauso ungehört bleiben.
Auf die Frage nach dem, was die Alchemie sei, antwortete der Unbekannte: >>Sie verlangen von mir, daß ich in vier Minuten viertausend Jahre der Philosophie und die Bemühungen meines ganzen Lebens zusammenfasse. Und Sie verlangen außerdem, daß ich Begriffe, für die es keine klare Sprache gibt, in eine Ihnen verständliche Sprache übersetze. Trotz alledem kann ich Ihnen folgendes sagen: es ist Ihnen bekannt, daß in der offiziellen fortschrittlichen Wissenschaft dem Beobachter eine immer wichtigere Rolle zufällt. Das Relativitätsprinzip und die Unbestimmtheitsrelation zeigen Ihnen, wie weit der Beobachter heute selber gewissermaßen ein Teil der beobachteten Phänomene ist. Dies aber ist das Geheimnis der Alchemie: es besteht eine Möglichkeit, mit der Materie und der Energie so zu verfahren, daß sich das bildet, was die heutigen Wissenschaftler als ein Kraftfeld bezeichnen würden. Dieses Kraftfeld wirkt auf den Beobachter ein und versetzt ihn dem Universum gegenüber in eine bevorzugte Lage. Von diesem privilegierten Punkt aus hat er Zugang zu Realtäten, die uns gewöhnlich durch Raum und Zeit, Materie und Energie verborgen sind. Die Erreichung dieses Zustands ist das, war wir das >Große Werk< nennen…<<
Bergier beschäftigte sich später selbst mit Alchemie. Nachdem er die Arbeit des Alchemisten im Labor beschrieben hat, behauptete er: >>Der Alchemist erhält auf diese Weise völlig neue, in der Natur unbekannte Stoffe, die alle Eigenschaften der chemisch reinen Elemente besitzen, das heißt, mit chemischen Mitteln nicht weiter zerlegbar sind… So soll Fulcanelli aus einem Kilo Eisen zwanzig Gramm eines absolut neuen Elements extrahiert haben, dessen chemische und physikalische Eigenschaften mit keinem der bekannten chemischen Grundstoffe übereinstimmen…<<
Louis Pauwels, der Koautor Bergiers, traf 1953 einen Alchemisten in Paris, der ihm sagte, Fulcanelli würde noch leben! Canseliet, so wird berichtet, war 1954 in Spanien, da ihn sein Meister – Fulcanelli – dorthin bestellt habe; zu dieser Zeit müsste er dann glaubt man früheren Angaben Canseliets, etwa 110 Jahre alt gewesen sein: Ein Resultat der Kunst? Fulcanelli wäre demnach der letzte lebende und bekannt gewordene Adept, der neben dem Können für die Transmutation auch das Wissen über das Lebenselexier besaß.
Schließlich hatte Canseliet behauptet, er selbst habe im Labor der Gaswerke in Sarcelles bei Paris im September 1922 eine Transmutation auf Gold mit dem Pulver der Projektion, das er von Fulcanelli erhalten habe, unter Zeugen durchgeführt und 100 g Gold erhalten. Frater Albertus berichtet im Roman Der Alchemist von den Rocky Mountains von einer zweiten Transmutation Fulcanellis auf Uran aus Silber, die im Jahre 1937 (!) stattgefunden haben soll. Johnson erhielt allerdings von Frater Albertus keine Bestätigung dieser Transmutation. Frater Albertus besuchte 1975 Canseliet in Begleitung des Tessiner Alchemisten Pancaldi. Eine Zusammenarbeit, die Frater Albertus vorschlug, kam nicht zustande, Canseliet soll nicht besonders beeindruckt gewesen sein und zog sich zurück.
Auch wenn nur die Transmutation in Sarcelles zuträfe, wäre Fulcanelli der einzige Alchemist des letzten Jahrhunderts, von dem öffentlich behauptet wurde, es sei ihm gelungen, das Pulver der Projektion herzustellen und damit ein unedles Metall in Gold zu verwandeln.
Die Werke Fulcanellis zeigen jedenfalls eine profunde Kenntnis der Alchemie. Sein Werk Les Mystères des Cathédrales ist ein faszinierendes Buch über die Alchemie und ihre steinernen Lehrbücher, die gotischen Kathedralen. In Les Demeures des Philosophales wird das Thema aufgenommen und erweitert. Dort lesen wir: >>Die Chemie ist unbestreitbar eine Wissenschaft der Fakten, so wie die Alchemie eine der Ursachen ist. Die erste ist auf die materielle Welt beschränkt und stützt sich auf das Experiment; die zweite entnimmt ihre Richtlinien der Philosophie. Während die eine die natürlichen Körper zum Studienobjekt hat, versucht die andere in die geheimnisvolle Dynamik, die zu ihrer Veränderung führen, einzudringen. Dies ist der wesentliche Unterschied, er erlaubt es uns festzustellen, daß die Alchemie, verglichen mit der Chemie, unserer positiven Wissenschaft, die heute allein zugelassen ist und gelehrt wird, eine spirituelle (>>spiritualiste<<) Chemie ist, da diese es uns ermöglicht, durch die Dunkelheit der Stoffe hindurch das Wirken Gottes zu erahnen.<<
Fulcanelli war sicherlich einer der bedeutendsten Erscheinungen in der Alchemie des vorigen Jahrhunderts. In seiner Nachfolge gibt es - wie Roger mein – in Paris, der Stadt der Alchemie, viele unbekannte praktizierende Alchemisten…



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