Die Geschichte um den Zauberer Merlin wird erstmals 1136 ausführlich in Geoffrey von Monmouth's HISTORIA REGUM BRITANNICA (Geschichte der Könige von Britannien) erzählt. Geoffrey von Monmouth stützte sich dabei auf eine Chronik aus dem 9. Jahrhundert, die HISTORIA BRITTONUM, die einem als Person schwer fassbaren Herrn Nennius zugeschrieben wird.

Merlin wird, so berichtet Geoffrey von Monmouth, von den Boten des Königs Vortigern als der von den Hofmagiern als Opfer bestimmte, "vaterlose" Jüngling in Südwales gefunden. Er soll auf alte Art geopfert werden, damit mit seinem Blut das Fundament der Burg des Königs gefestigt wird. Denn die Mauern der Burg, die die Arbeiter des Königs am Tag hochzogen, waren bei Nacht immer wieder zusammengefallen. Merlin deckt dem König und seinen überraschten Magiern auf, dass die Mauern einstürzen, weil in einem darunter verborgenen Teich sich bei Nacht zwei Drachen, ein weißer und ein roter, bekämpfen. Merlin deutet den tieferen Sinn des Geschehens (der rote Drache sei Britannien und der weiße die Sachsen) und gibt eine lange, kryptische Prophezeihung über die zukünftigen Geschicke Englands und seiner Könige. Diese etwa 10 Seiten langen Prophezeiungen wurden unter dem Titel PROPHEZEIHUNGEN DES MERLIN bald als separate Handschrift in vielen Abschriften verbreitet und erfreuten sich das ganze Mittelalter hindurch hoher Beliebtheit beim Publikum.

Vierzehn Jahre nach Erscheinung seiner Historia veröffentlichte Geoffrey von Monmouth eine in 1529 Versen geschriebene Biografie des Magiers (VITA MERLINI), in der er alte walisische Gesänge über die Helden Myrrddin (= Merlin) und Talisien aus dem 6. Jahrhundert verarbeitete. Hier erscheint Merlin - bei Gelegenheit auch mal auf einem Hirsch reitend und von einem Rudel Rotwild begleitet - als Wilder Mann, als Herr des Waldes und Herr der Tiere, der vom Gipfel eines Berges aus die wilden Tiere, wie sie laufen und spielen, beobachtet, der aber auch zeitweilig immer mal wieder in heiligen Wahnsinn versinkt. Ein alter Wolf, der mit ihm durch "die geheimen Pfade der Wälder streift", ist sein Gefährte.

Von seiner Schwester Ganieda lässt er sich im Wald ein Observatorium bauen. "Baue mir ein abgelegenes Haus mit siebzig Türen und ebenso vielen Fenstern", wies er sie an, "durch die ich den feueratmenden Phoibos und Venus und die Sterne betrachten kann, die nachts vom Himmel fallen, und diese alle sollen mir zeigen, wie es den Menschen des Königreichs ergehen wird. Lasse die gleiche Zahl von Schreibern zur Hand sein, die geschult sind, meine Worte niederzuschreiben, und sie sollen achtsam meine Prophezeihungen auf ihren Tafeln festhalten." Mit einem Besucher, dem Propheten und Philosophen Telgesinus (Taliesin), führt er dort lange und gelehrte Gespräche über die Ursprünge der Welt, über die Kräfte der Natur in Wasser, Luft und Erde, die Ordnung der Geister und über die Mysterien des Jenseits.

Merlin beschließt schließlich, nur noch in seinem geliebten Wald - mit Telgesinus als Gefährten - zu leben und sich von der Welt ganz zurückzuziehen. Seine Schwester Ganieda gesellt sich zusammen mit einem Schüler Merlins den beiden Eremiten zu. Merlins Sehergabe geht auf sie über.

Die Erzählung des Geoffrey von Monmouth fand über die Jahrhunderte viele Ausschmückungen durch andere Autoren wie Robert de Boron (MERLIN, ca. 1200) und Thomas Malory (MORTE DARTHUR, 1485). Malory gab der Geschichte einen neuen Schluss. Merlin, der über sich selbst geweissagt hatte, "ich werde einen schmachvollen Tod sterben und lebend in der Erde vergraben werden", verliebt sich als alter Mann in das adlige Fräulein Nimue, die ihm im Laufe der Zeit alle Geheimnisse seiner Kunst entlockt und sich schließlich seiner entledigt, in dem sie ihn unter einen großen Stein bannt.

Im 17. und 18. Jahrhundert erschien eine Flut von Merlin-Almanachen und -schriften. Am bekanntesten wurde der Almanach des Astrologen William Lilly, der auch als Orakel benutzt wurde. Eine Ansprache, heißt es, die zu dieser Zeit von einem Engländer gehalten wurde, begann immer mit einem Hinweis auf eine Zukunftsverkündigung von Merlin. Und bei Eiden, die abgelegt wurden, war es in England üblich, "bei Merlins Mund" zu schwören.

In der 1859 erschienen Dichtung MERLIN UND VIVIEN lässt Alfred Tennyson Vivien (die Nimue bei Malory) Merlin mit einem Schiff in die Bretagne entführen. In den "wilden Wäldern von Broceliande" entlockt sie ihm die geheimen Worte, mit denen sie ihn - von einer Weißdornhecke umgeben - in den Schlaf schickt. Im Wald von Broceliande wird Besuchern heute gern ein megalithisches Steingrab als "Haus der Viviane" und die Reste eines Hünengrabs als Merlins Grab gezeigt. Am Fontaine der Barenton, dem Ort, wo Merlin und Viviene oft beieinander gesessen haben sollen, treffen sich zu jeder Jahreszeit Besucher aus aller Welt und spekulieren über den Verbleib des schlafenen Propheten.

"Wie es scheint", schreibt Nikolai Tolstoy in einer Arbeit über Merlin (AUF DER SUCHE NACH MERLIN. MYTHOS UND GESCHICHTLICHE WAHRHEIT, Köln 1987), "hat sich der Zauberer einen festen Platz im Bewußtsein der Menschheit gesichert. Die Jahrhunderte kommen und gehen, literarische Moden entstehen und veraltern wieder, aber der charismatische Magier taucht immer wieder vor uns auf: in wechselnder Gestalt und unter verschiedenen Namen, einmal spöttisch, dann wieder respektgebietend, im Grunde aber immer noch dieselbe Gestalt, deren Ruhm sich vor 800 Jahren über ganz Europa ausbreitete. Trickser, Schwindler, Philosoph und Zauberer in einem, verkörpert er einen Archetyp, bei dem das Menschengeschlecht Rat und Schutz sucht".

Von: Wolfgang Bauer

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