In Daniel Defoes berühmten Roman von 1719 folgt der Held Robinson Crusoe unbewusst genau dem Erfolgsrezept der Stoiker zum Glücklichsein: Mache dich unabhängig! Erwarte nichts von anderen und stell dich auf deine eigenen Füße. Das bedeutet: Bau nur auf dem auf, was in deiner eigenen Macht liegt! Und mach dir um alles andere keine Sorgen.
In Defoes Abenteuergeschichte strandet der junge Seemann Robinso Crusoe allein auf einer einsamen Insel und lebt dort 28 Jahre. Die übrige Schiffsbesatzung ist ertrunken. Vom Schiffswrack birgt er Werkzeug, Waffen, Munition und Kleidung. Er wohnt in einer Höhle, jagt wilde Ziegen und zähmt sie später, pflanzt einen Obstgarten und züchtet sogar Getreide.
Um nicht geistig zu versumpfen, schreibt er regelmässig Tagebuch, worin er seine Erlebnisse sorgfältig aufzeichnet und führt ein glückliches Leben, weil er mit dem zufrieden ist, was er hat. Als er seine berühmte Bilanz zwischen dem Guten und dem Schlechten zieht, das seine Situation prägt, kommt er zum Schluss, dass "kein Zustand auf der Welt so elend ist, um darin nicht auch etwas Gutes erkennen zu können". Denn mit Gottvertrauen und Tatkraft lassen sich auch ausweglos erscheinende Lagen meistern und Wohlergehen kann nur durch harte Arbeit erlangt werden: "Mein Lebtag hatte ich kein Handwerkszeug in der Hand gehabt, aber ich fand, dass man mit Arbeit und Fleiß, Geduld und einigem Scharfsinn erstaunlich viel fertig bringt ... Es war unnütz, mich dabei aufzuhalten, herbeizuwünschen, was nicht zu haben war; und dieser Gedanke war es, der mich zur Arbeit antrieb."
Robinson musste ums Überleben kämpfen. Was er anfasste, musste zum Erfolg führen. Darum gab er immer sein Bestes, egal ob er niedergeschlagen oder voll Zuversicht war. Davon hing seine gesamte Existanz ab. Wenn es an manchen Tagen nicht 100%ig ging, so schaffte er eben mit dem Eisatz aller Kräfte nur 75 % seiner Aufgabe. Trotz vieler Rückschläge aus Unkenntnis der Dinge lernte er aus seinen Fehlern und erreichte durch seine Beharrlichkeit nach und nach jedes seiner gesetzten Ziele. Der Kampf ums nackte Überleben ließ bei ihm nicht einmal den Gedanken an Jammerei aufkommen. Denn Jammern hilft nicht, sondern nur tatkräftiges Zupacken und lernen.
Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Es gibt keine Sache, die man nicht im dritten Anlauf erreicht". Und manchmal erst beim vierten oder fünften. Immer sein Bestes geben, heißt, vollkommen konzentriert in der Gegenwart leben und unabgelenkt seine Aufgabe erledigen. Wer seine Arbeit lieben lernt, dem kommt die Freude zu Hilfe. Die meisten modernen Mensch gehen deprimiert zur Arbeit und sitzen gequält ihre Stunden ab und warten, dass die Zeit vergeht. Diese totgeschlagene Zeit ist für sie verlorene Lebenszeit. Das fühlen sie und deshalb sind sie unglücklich. Ständig haben sie Fluchtgedanken und wann immer es möglich ist, flüchten sie in den Kurzurlaub, ins Shopping, in Wirtshäuser, in den Drogenrausch - und vergrößern dadurch ihr Elend.
Defoes Buch ist ein großartiges Lehrbuch für den modernen Menschen. Ganz recht: für den modernen Menschen. Denn die Erkenntnisse darin sind zeitlos. Gibt es eine schlagendere Erkenntnis als: "All unser Missvergnügen über das, was uns fehlt, scheint bloß aus dem Mangel an Dankbarkeit für das zu entspringen, was wir haben". Sind wir nicht jeder in unserem Leben zumindest einmal eine Art Robinson Crusoe? Jeder strandet irgendwann allein auf einem Eiland, fühlt sich von Freunden und Verwandten verlassen und muss wirtschaftlich, gesundheitlich, sozial, psychisch oder im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben kämpfen.
Aus: "Die Kunst der Bescheidenheit"
von Michael Korth
Liebe Grüße,
Viola![]()



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