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Thema: Ein starker Zauberspruch

  1. #1
    Viola
    Gast

    Ein starker Zauberspruch

    Der Lungerner Betruf:

    Das ist der Ort, das weiß Gott wo!
    Hier und um diese Alm geht ein goldener Ring,
    Darin sitzt Maria mit ihrem herzallerliebsten Kind,
    Hier und um diese Alp geht ein goldener Thron,
    Darin sitzt Maria mit ihrem herzallerliebsten Sohn.
    Hier und um diese Alp geht ein goldener Graben
    Darin sind die drei heiligen Knaben.
    Der erste ist Gott der Vater,
    Der andere ist Gott der Sohn,
    Der dritte ist Gott der Heilige Geist.
    Die wollen uns an Leib und Seel,

    An Ehre, Gut und Geist behüten und bewahren.
    Ave, Ave, Ave Maria.
    Jesus, o mein lieber Herr Jesus Christ.


    Der Text wurde zum besseren Verständnis aus dem rauen Innerschweizer Dialekt ins Hochdeutsche übersetzt. Dieser so genannte Lungerner Betruf ist eine der beeindruckensten mystischen Formeln, in der sich christlicher Glaube und magisches Brauchtum vereint haben. Er wird in den katholischen Kantonen der Schweizer Alpen auch heute noch bebraucht.

    Am Abend kurz vor Sonnenuntergang tritt der Senn vor die Almhütte, hält einen hölzernen Trichter zur Schallverstärkung vor den Mund und ruft den Betruf über die Berge und die Almen. Sein Ruf ist nicht nur laut, er ähnelt eher einem rauen Schrei, der über die Gipfel und in den Himmel hallt. Jeder, der dies einmal miterleben durfte, kann sich der magischen Aufladung nicht entziehen und findet sich mit einer Gänsehaut oder zumindest mit Tränen in den Augen wieder.

    Aus: "Der magische Haushalt"
    von Monnica Hackl

    Liebe Grüße,
    Viola

  2. #2
    Viola
    Gast

    AW: Ein starker Zauberspruch

    In der bergigen Schweiz ist dieser Betruf verbreitet, dabei haben sich neben dem oben zitierten Hauptteil noch einige zusätzliche Beifüngungen ergeben. So werden in der Ostschweiz noch einige vielsagende Verse angeführt, die den magischen Charakter des Rufes verstärken. Der heilige Petrus wird angerufen, mit seinem Schlüssel gefährliche Tiere zu bannen:

    Beschließe wohl
    Dem Bären seinen Gang,
    Dem Wolf seinen Zahn,
    Dem Luchs sein Gräuel,
    Dem Raben den Schnabel,
    Dem Wurm den Schweif,
    Den Flug dem Greif
    Dem Stier den Sprung.


    Damit sind natürlich nicht nur gewöhnliche Tiere gemeint, Lindwurm und Greif gehören zu den mythischen Fabeltieren, die Mensch und Tier bedrohen und töten können. Sie gehören aber auch zu den Tieren des Bösen, wie sie auch in den modernen Fantasyfilmen so drastisch gezeigt werden.

    Die hier aufgezählten Tiere wurden von den wehrlosen Menschen der führeren Zeit sehr gefürchtet. Wolf und Luchs machten sich an die Herden heran und trugen Schafe und Ziegen weg, zudem heulte der Wolf noch schauerlich in der Nacht, so dass die Menschen in den Hütten zitterten und näher zusammenrückten.

    Der Rabe galt schlechthin als Totenvogel, Unglücksbringer und Bote schlechter Nachrichten. Dieser Aberglaube sitzt noch heute tief in den Landleuten drin. Und so wurde und wird dieser Vogel auch heute noch gelegentlich getötet und dann an eine Scheune oder einen Pfahl genagelt, um alle anderen Raben und Unglücksboten dadurch abzuschrecken.

    In ähnlicher Form erstreckt sich diese tief sitzende Angst vor Unheil bringenden Vögeln auch auf alle Eulen. Die meisten Eulenvögel sind nachtaktiv, ein Umstand, der früher besonders unheimlich und verdächtig wirkte. Ihnen wurde insbesondere nachgesagt, dass sie Boten des nahenden Todes seien. Besonders gefährlich wurde es, wenn man sie des Nachts schreien hörte, dann konnte man sicher sein, dass in den nächsten Tagen einer aus dem Dorf sterben musste. Aus diesem Grund waren diese Vögel Anfang des letzten Jahrhunderts beinahe ausgerottet und es ist dem Einsatz der Naturschützer zu verdanken, dass ihre Population sich langsam wieder erholen durfte.

    Bär und Stier sind Tiere mit großer körperlicher Kraft, es ist ihnen ein Leichtes, nur durch die Wucht ihres Körpergewichtes einen Menschen zu töten. All diese unheimlichen Tiere, die den Menschen mit ihren Raubzähnen, ihren Schreien und ihrer immensen Körperkraft bedrohten, wurden des Nachts in der Dunkelheit besonders gefährlich. Deswegen wird Sankt Petrus angerufen, er hat nicht nur die Schlüssel des Himmelreiches in seinen Händen, wie auf vielen Abbildungen zu sehen ist. Im Lungerner Betruf hören wir, dass er uns nicht nur die Tür zum Paradies aufschließen kann! Er hat auch die Gewalt, mit seinem großen goldenen Schlüssel alle bösen und gefährlichen Tiere wegzuschließen, so dass die Menschen ruhig schlafen können.

    Wenn man die verschiedenen Textfassungen des Betrufes vergleicht, erkennt man die Struktur heidnischer Bannsprüche, die der Bevölkerung bekannt waren und in Rhythmus und Aufbau übernommen wurden. Der Inhalt jedoch ist christlich. In diesem wunderbaren Gebetsspruch wurden die christliche und die magische Welt würdevoll vereint und in die moderne Zeit hinübergetragen, wobei der christliche Gott und seine Heiligen sich als starke Macht erweisen.

    Zahlreiche Sagen, Geschichten und mündliche Überlieferungen aus der Schweiz erzählen auf beeindruckende Weise, wie oft der Betruf den Hirten und Sennern auf der Alm Unheil abgewendet und Segen gebracht hat.

    Dieser starke Text hilft nicht nur dem Senn auf der Alp! Der rhythmische Klang und der dreifache Ring nehmen auch uns in ihren Bann und Schutz. Sagen Sie dieses starke Gebet am Abend und stellen Sie sich, Ihre Familie und Ihre Wohnung in die schützenden Ringe hinein. Sie werden sofort eine ganz andere Kraft verspüren.

    Der Name Lungerner Betruf kommt daher, dass er besonders in Lungern im Kanton Obwalden aufgezeichnet und angewendet wurde. Er ist nun kein gewöhnliches Gebet, sondern vereint in sich die magischen Elemente des Ringes, der heiligen Zahl drei, des Ave Marias und einer unverständlichen magischen Formel, die sich wohl aus einer missverstandenen Zeile des Johannesevangeliums ableiten lässt. Maria, die Mutter Gottes, spielt in der Volksverehrung eine herausragende und wichtige Rolle. Sie schützt die Menschen vor allen Gefahren, errettet sie aus Krankheit und Tod - sie hat sogar die unglaubliche Macht, die Hilfesuchenden vor dem Zorn Gottes und seiner Strafe zu schützen! Einige sehr schöne Darstellungen der Gotik zeigen die himmlische Mutter in ihrer ganzen Macht: Sie hat ihren Mantel über ihre Schützlinge geworfen, um sie vor Pfeilen und Angriffen zu schützen, die nicht nur von bösen Menschen, sondern aus vom erzürnten Gott herniederhageln. Besonders schön ist sie in dieser Funktion an der Nordwand der Kirche in Tiefenbronn zu sehen. Sie ist hier ganz die mächtige Theotoke, die Gottesgebärerin, unter ihrem Mantel ist eine Schar versammelt und die mächtigen Pfeile und Blitze aus dem Himmel prallen davon ab. "Unter Deinem Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin ..." heißt ein anderes altes Schutzgebet.

    In der orthodoxen Kirche gibt es sogar einen uralten Hymnus, in dem Maria als üermächtige Feldherrin besungen wird, der ihrer Stadt Jubellieder singt, weil sie aus großen Gefahen errettet wurde. Die Macht dieser Frau ist dem Volksglauben nach so stark, dass allein die beiden Worte Ave Maria geügen, um böse Geister abzuhalten.

    Die erste Zeile des Lungerner Betrufes klingt wie ein uraltes Rätsel: "Das ist der Ort, da weiß Gott wo." Wir werden von einem geheimnisvollen Schauder erfasst und haben dabei das Gefühl, gleichsam ins Weltall hinausgeschleudert zu werden bei dieser Zeile. Tatsächlich steht aber hinter diesem Satz die erste - missverstandene - Zeile des Johannesevangeliums: "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort." Diesem mystischen und für viele unverständlichen Satz wurde im Volksbrauchtum eine magische Kraft zugeschrieben und er wurde wie eine Beschwörung gebraucht. Im häufigen, mündlichen Gebrauch schliff sich dieser Satz so ab, dass aus "Wort" schließlich "Ort" wurde. Seltsamerweise hat das seiner Kraft und magischen Ausstrahlung keinen Abbruch getan. "Das ist der Ort, das weiß Gott wo" kann überall in der Welt sein und vor allem genau da, wo wir uns gerade befinden.

    Viele alte Bannsprüche erzählen uns von einem heiligen Kreis, einem Ring. Auch im Lungerner Betruf haben wir diesen Zauberkreis, der sich in drei magischen Ringen um die Alm schließt. Hier sind es ein goldener Ring, ein goldener Thron und ein goldener Graben. Nicht nur die magischen Ringe schützen die Alm, nein diese drei goldenen Ringe sind auch noch von mächtigen heiligen Gestalten bewacht und gesichert, deren bloße Anwesenheit all diejenigen mit ganzer Kraft schützt, die sich im Inneren dieser Zauberkreise befinden.

    Allein über diese verschiedenen Elemente des Lungerner Betrufs ließe sich ein eigenes Buch schreiben. Dass er keines der üblichen Gebete war, zeigt ein Bericht des Luzerner Chronisten Cysat, der im Jahre 1565 schrieb, dass ohne den Betruf die dem Senn anvertrauten Tiere von Gespenstern in die Lüfte gehoben und hinweggeführt würden.

    Die Kirche sah dieses magische Brauchtum nicht gern, sie hatte Angst, dass es sich hierbei um Aberglauben handelte. Aber auch der Staat befürchetete magische Praktiken und so verbot die Regierung von Appenzell im Jahre 1609 das "abgöttische Ave-Maria-Rufen". Das alles zeigt nur, dass diese Gebetsformel im Volk sehr verbreitet und hoch geachtet war. Viele Geschichten erzählen, was alles für Unheil auf den Almen gesehen ist, als der Senn einmal den Betruf vergessen hatte. Der Hirte nahm den Hut vom Kopf, bevor er des Abends seinen heiligen Spruch hinaussrief und er wusste, dass der mystische Text nur richtig und ganz im Ernst gesprochen werden durfte. In anderen Leuten nur einfach vorzuführen oder ihn zur falschen Zeit zu rufen, war ein Frevel und brachte Unglück.

    Aus: "Der magische Haushalt"
    von Monnica Hackl

    Liebe Grüße,
    Viola

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