Zwar erscheinen Persönlichkeitszüge wie Habgier und Zorn oder Schwächen wie Trägheit oder Neid als "zeitlos" und ewig menschlich, zumal wenn sie "in reinster Form" und quasi archetypisch auftreten. Der neue Mensch kann genauso zornig, neidisch, träge oder habgierig sein wie der alte Adam. Was aber zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation als das Böse schlechthin galt, als Todsünde, und inwieweit man es tolerierte, ist vor allem eine Frage des Kontextes und unterliegt der Bewertung durch den gesellschaftlichen Konsens. Die auffälligste Neubewertung der alten Todsünden fand vor etwas mehr als 500 Jahren statt: Dasselbe Verhalten, das einmal als übles Laster oder als strafwürdiges Vergehen gegen Gott und die Menschen galt, wurde allmählich zu nützlichen, das Gemeinwohl fordernden Handlungsweisen transformiert - zumindest galt dies für den größten Teil der sieben Todsünden.
Die Evolution der Laster zu nützlichen Eigenschaften oder gar Tugenden begann in der Renaissance, schritt in der Moderne weiter fort und ist bis heute nicht abgeschlossen. Niccolo Macchiavelli hatte geschrieben: "Wenn man alles genau betrachtet, wird man finden, dass manches, was als Tugend gilt, zum Untergang führt, und dass manches, was als Laster gilt, Sicherheit und Wohlstand bringt." Der Kulturhistoriker Lewis Mumford beobachtete, dass bis auf Trägheit alle anderen Sünden in der industriellen Revolution zu Tugenden umgeformt wurden - sie wurden zu den treibenden Kräften der neuen Wirtschaftsordnung. Die Sünden waren nun keine persönlichen Verfehlungen und Laster mehr, sondern wichtige soziale und strukturelle Faktoren in einer neuen Kultur. Sie schufen Märkte, formten soziale oder wirtschaftlich erwünschte Eigenschaften oder auch Tugenden: Geiz wird zur Sparsamkeit, zum ich-starken Bedürfnisaufschub, Habgier ist die Triebfeder der Akkumulation von Kapital, das die Industrialisierung erst finanzieren kann und der Neid ist er heimliche Motor zunächst der Arbeitsgesellschaft, später auch des Konsumkapitalismus. Immanuel Kant schrieb: "Dank sei der Natur für die Unvertragsamkeit, für die missgünstig eifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Gier zum Haben oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit ewig unterentwickelt schlummern. Der Mensch will Eintracht, aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht."
Die politischen Denker der Renaissance wollten den Menschen ergründen, "wie er wirklich ist" - und nicht so, wie ihn Religion oder Philosophie gerne gehabt hätten. Es ging ihnen um wirksamere Methoden zur Regelung des menschlichen Verhaltens: Gewalt und gefährliche Leidenschaften ließen sich offenbar nicht durch philosophisches Moralisieren oder die Androhung von Verdammnis und Höllenfeuer eindämmen. Die Apelle an das Gute, an Vernunft oder Moral fruchteten nachweislich nicht. Aber auch die Repression durch einen starken Herrscher oder durch staatliche Autorität erwies sich als ungeeignet - denn auch die Herrscher können grausam, habgierig oder träge sein und so die Ordnung gefährden, indem sie erst recht Leidenschaften entfesseln.
Besser wäre es, die Leidenschften - statt vergeblich zu versuchen, sie zu unterdrücken - für nützliche Zwecke einzuspannen: Es kommt darauf an, sie so in eine Ordnung zu überführen, dass sie Gutes bewirken. Giambattista Vico hat diesen psychologisch-revolutionären Grundgedanken so formuliert: "Aus Grausamkeit, Habsucht und Ehrgeiz, den drei Lastern, die alle Menschheit in die Irre führen, macht die Gesellschaft nationale Verteidigung, Handel und Politik und begründet damit die Stärke, den Wohlstand und die Weisheit der Republiken; aus diesen drei großen Lastern, die ganz gewiss den Menschen auf Erden vernichten würden, lässt die Gesellschaft auf diese Weise das allgemeine Glück hervorgehen. Dieses Prinzip beweist die Existenz einer göttlichen Vorsehung: Durch ihre vernünftigen Gesetze werden die Leidenschaften der Menschen, die gänzlich mit dem Streben nach privaten Vorteilen beschäftigt sind, in eine öffentliche Ordnung verwandelt, die es den Menschen erlaubt, in der menschlichen Gesellschaft zu leben."
Der Wirtschaftswissenschaftler Albert O. Hirschman, der den Transformationsprozess der Laster und Sünden in Interessen und letztlich nützliche Tugenden beschrieben hat, sieht in diesen Sätzen Vicos schon den Vorschein ähnlicher, späterer Denkfiguren: Hegels "List der Vernunft" oder Freuds Konzept der Sublimation. Immer geht es um den quasi-alchemischen Prozess, das Gute im Schlechten zu erkennen und herauszufiltern. Oder, wie Goethe seinen Mephisto erklären lässt, diese Inkarnation der wunderbaren Transformation von Sünden in Tugenden: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft."
Das Wirken einer "unsichtbaren Hand", das Adam Smith, der große Theoretiker des Frühkapitalismus, beschrieb, ist die wohl wirkungsmächtigste Fortführung des Grundgedankens, die menschlichen Laster in nützliche Interessen und in eine geordnete Vorteilsuche zu überführen. Die "unsichtbare Hand" sorgt dafür, dass die individuellen Leidenschaften und Begierden, darunter vor allem natürlich die Hauptsünde des Kapitalismus, die Habgier, sich gegenseitig neutralisieren und zum Wohle aller zusammenwirken.
Der Holländer Bernard de Mandeville erklärte in seiner 1714 erschienenen Bienenfabel, dass ohne die Todsünde der avaritia, des Geizes, der allgemeine Wohlstand nicht möglich wäre. Sein berühmtes Geiz-Pamphlet trägt den Untertitel: Private Laster, Öffentliche Vorurteile: Die "habgierigen" Bienen leben in Wohlstand, weil Handel und Gewerbe in ihrem Staatswesen blühen. Bis ihnen ein Moralprediger ins Gewissen redet. Sie werden genügsam und ehrlich - und prompt bricht das gesamte Wirtschaftsleben zusammen: Die reiche Bienengesellschaft fällt in einen archaischen Naturzustand der Armut und des Elends zurück.
Mit der einsetzenden Neuzeit kommt es also in Staatsphilosophie und praktischer Politik darauf an, die unvermeidlichen menschlichen Neigungen zu Gier, Neid, Zorn oder Hochmut so zu lenken und zu organisieren, dass sie nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern den Wohlstand und das Glück der Bürger in einem Gemeinwesen vergrößern. Als eine Methode dieser Transformation schlug der Philosoph Francis Bacon vor, "Affekt gegen Affekt" einzusetzen, also die Leidenschaften sich gegenseitig neutralisieren zu lassen oder Feuer mit Feuer zu bekämpfen. So ließe sich beispielsweise die Genusssucht (Völlerei und Wollust) durch den Erwerbstrieb (Habgier) eindämmen, oder die Habgier - etwa eines Amtsträgers - ließe sich durch Stolz und durch Ehrgeiz konterkarieren: Wenn jemand zu gierig ist, riskiert er die Chance, sein Amt zu behalten, weiter aufzusteigen und sich Ehre und Ansehen zu erwerben.
Die Idee der sich ausgleichenden oder neutralisierenden Todsünden oder Leidenschaften ist im Gedanken der Gewaltenteilung verankert, dem Kern der modernen Staatsidee: In der Demokratie tritt Ehrgeiz gegen Ehrgeiz an, nach festen Spielregeln und mit einem System der checks and balances.
Der neue Zentralbegriff dieser Entwicklung aber ist das Interesse: Menschen sind nicht in erster Linie Sünder, sie haben nicht nur Laster und Leidenschaften, sondern vor allem Interessen. Sie suchen als vernunftbegabte Wessen vor allem ihren Vorteil und wollen ihren Nutzen mehren. Aus dieser modernen, man könnte sagen: coolen Mischung aus Egoismus und Rationalität entsteht das materielle Interesse, das letztlich alles überragende Motiv des neuen Individualismus. Adam Smith schrieb: "Eine Vermehrung des Reichtums ist das Mittel, durch das die meisten Menschen ihren Zustand zu verbessern trachten und wünschen." Und dieses Streben, so zeigte sich, macht die Menschen des frühen Kapitalismus zuverlässig, berechenbar, zielstrebig und methodisch - Eigenschaften, die in einem modernen Staat erwünscht und "zielführend" waren. Vor allem der Vorteil der Berechenbarkeit wog den eventuellen Nachteil eines allzu berechnenden Egoismus auf, der durchaus noch als Gewinnsucht erkennbar bleibt. Der neue Begriff: Interesse maskierte nur sehr notdürftig die böse alte Habgier. Und die Einführung einer nüchternen Sprache für den Egoismus hieß nicht, dass das Laster nun völlig abgedankt hätte oder dass nicht auch die Leidenschaften uns immer wieder überwältigen und zu "unvernünftigen" Handlungen hinreißen würden. Aber das Interesse ist zum neuen Paradigma der modernen Wirtschaftstheorie und der liberalen Staatsphilosophie geworden, bis heute, bis in den Neoliberalismus unserer Tage.
Die zivilisierende Kraft des kühlen Eigeninteresses, ausgelebt in einer Demokratie, erweist sich als vergleichsweise erträglich, betrachtet man die zerstörerischen Leidenschaften, die in den "heroischen Abenteuern" ideologisch oder religiös verblendeter Akteure entfesselt werden. John Maynard Keynes schrieb: "Dank der Möglichkeit, Geld zu erwerben und privaten Reichtum anzuhäufen, lassen sich die gefährlichen menschlichen Triebe in vergleichsweise harmlose Bahnen lenken ... Es ist sicher besser, ein Mensch übt tyrannisch Herrschaft über sein Bankkonto aus, als über seine Mitbürger; und wenn ersteres auch manchmal als bloßes Mittel zu letzterem geschmäht wird, stellt es doch, jedenfalls manchmal, eine Alternative dar."
Aus: Wie uns der Teufel reitet"![]()
von Heiko Ernst
Also haben unsere Sünden auch etwas Gutes und soll man sie gar nicht ganz ausmerzen, weil sonst unser Gesellschafts-System zusammenbrechen würde??![]()
Liebe Grüße,
Viola![]()



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