52
Tafel 4: SPANNUNGSVERURSACHENDE MENTALE
BEWEGUNGEN
Spannungsverursachend wirken alle psychomentalen Bewegungen
(Vrttis), die von instinktiven Neigungen (Kleshas) bestimmt sind (YS
II:3). Instinktive Neigungen klassifiziert Patanjali nach fünf Typen:
· Unfähigkeit zur Erkenntnis der Wirklichkeit durch Verhaftung mit
individuellen Neigungen, Unwissenheit, Verwechslung des Gesehenen
mit demWirklichen (Avidya);
· Ichverhaftung, egozentrische Perspektive (Asmita);
· Anziehung, Anhaftung an das Angenehme (Raga);
· Abneigung, Vermeidung des Unangenehmen (Dvesa);
· Selbsterhaltungstrieb, Angst vor dem Tod (Abhinivesha).
Diese Einteilung charakterisiert eine angeborene Grundstruktur, um
die sich die menschliche Wahrnehmung von Wirklichkeit formt. Hauptantriebskräfte sind Anziehung (Raga) und Abneigung (Dvesa). Dadurch
folgt das Bewusstsein einer Tendenz, dem Angenehmen anzuhaften und
das Unangenehme zu meiden. Die egozentrische Perspektive (Asmita)
verleitet dazu, allem, was das eigene Selbstgefühl verletzt, mit Abneigung
(Dvesa) zu begegnen. Hass und Abneigung haben ihre Wurzeln in
der Anziehung, im Anhaften an das Angenehme (Raga). Die kleinste
Störung von Raga läst die Gefühle in Dvesa umschlagen. (vgl. Deshpande
1985, S.103).
Spannungsverursachend wirkt der gesamte Komplex der instinktiven
Neigungen, weil sich der Mensch in eine Sicht (Khyati) der Wirklichkeit
verstrickt, die auf individuellen Neigungen beruht (Avidya Khyati), wobei
das Ausmaß vorhandener Prägungen übersehen wird (YS I:4, II:5,
24) (vgl. Deshpande 1985, S. 114). Daraus entsteht eine Spannung zwischen dem Vorgestellten und dem Wirklichen. Diese Spannung manifestiert sich früher oder später als Ergebnis der auf diesem Grundkonflikt aufbauenden Handlungen (YS II:12, II:13, II:14, II:34, IV:7).
53
Tafel 5: SPANNUNGSAUFLÖSENDE MENTALE BEWEGUNGEN
Psychomentale Bewegungen sind immer in der einen oder anderen Art
vorhanden - abgesehen vom sogenannten `Nirodha´-Zustand, der gleichbedeutend ist mit dem völligen Stillstand psychomentaler Bewegungen
und der dauerhaft nur durch langes Training erreicht werden kann. Die
Yogaphilosophie plädiert dafür, den psychomentalen Bewegungen durch
eine innere Entscheidung eine spannungsauflösende Richtung vorzugeben.
Spannungsauflösend wirken alle psychomentalen Bewegungen,
die dazu dienen, Irrtum und Unwissenheit (Avidya) aufzulösen.
Dieser Richtungswechsel führt zu einer Gegenbewegung zur normalerweise
vorherrschenden, durch instinktive Neigungen bestimmten
Struktur. Indem sich der Mensch für die Möglichkeit entscheidet, seine
Gedankenbewegungen in den Dienst der Aufklärung von Irrtum und
Unwissenheit zu stellen (YS II:17, IV:24), kann sich eine objektive Sicht
der Wirklichkeit entfalten (YS I:5). Es entsteht die aus Unterscheidungskraft resultierende Sichtweise (Viveka Khyati) (YS II:26), wodurch sich der Mensch aus der Struktur von Identifizierungen (Vrtti Sarupya) (YS I:3) lösen kann, die spannungsverursachend wirkt.
Prinzipiell besteht entweder die Möglichkeit, dem Bewusstsein eine
spannungsverursachende (Avidya Khyati) oder eine spannungsauflösende
Richtung (Viveka Khyati) zu geben. Für den Richtungswechsel bedarf es
eines inneren Antriebes. Der entscheidende Impuls dazu geht von der Unterscheidungskraft (Viveka) aus. Erst auf Basis der Unterscheidungskraft
kann der spannungsverursachende Charakter von Wahrnehmungen erkannt
werden, die auf einer Verwechslung des Wahrgenommenen mit dem Wirklichen beruhen (YS II:15, II:17). Kommt dann ein Interesse hinzu, eine
objektive Wahrnehmung zu entfalten, entsteht ein Prozess der Gegenbewegung (Pratiprasava) zur spannungsverursachenden Wahrnehmung (Avidya Khyati) (YS II:10). Seinen Abschluss findet diese Gegenbewegung (Pratiprasava), die Loslösung aus der von instinktiven Neigungen (Kleshas) bestimmten Struktur von Identifizierungen mit Wahrnehmungen erst dann, wenn Citta Vrtti Nirodha dauerhaft und nicht nur kurzzeitig erreicht ist.
Dann hat sich die konditionierte Wahrnehmung (Avidya Khyati) durch
ständige Unterscheidung zwischen dem Vorgestellten und dem Wirklichen
(Viveka Khyati) aufgelöst und einer Erfahrung der Wirklichkeit (Purusha
Khyati) Platz gemacht.
54
Nirodha
`Nirodha´ ist nach Digambarji/Sahay (1991) der vollkommene Stillstand
der psychomentalen Bewegungen (Citta Vrttis), deren Stelle von `Samapatti
´ eingenommen wird. `Samapatti´ wird von Taimni als Verschmelzung
des Wahrnehmenden mit dem Objekt der Wahrnehmung definiert (vgl.
Taimni 1982, S. 95) und von Deshpande als eine Art der Betrachtung, die
sich den Gegenstand der Kontemplation vollkommen aneignet, ihn völlig
durchdringt (vgl. Deshpande 1985, S.197).
Dieser Zustand vollkommener Stille ist ein im Menschen angelegtes Potential
und nicht eine von Patanjali eingeführte willkürliche Kategorie, die
auf die indische Kultur beschränkt ist. Er kann in jedem Menschen kurz
aufblitzen, ohne dass er bewusst wahrgenommen wird (vgl. Karambelkar
1987, S. 349). Taimni bezeichnet dieses Phänomen als einen "unmodifizierten momentanen Zustand der Psyche", der eintritt, "bevor ein Eindruck der das Bewusstseinsfeld einnimmt, durch einen anderen verdrängt wird"
(Taimni 1982, S. 256).
Völlige Geistesruhe (Nirodha) kann durch Übung absichtlich hervorgerufen
und zeitlich immer mehr ausgedehnt werden (vgl. Taimni 1982, S.
256). Wie jede Handlung hinterlässt auch die Übung in Geistesruhe Eindrücke (Samskaras), die einen Transformationsprozess unterstützen (YS
III:10), der `Nirodha Parinama´ (YS III:9) genannt wird - die Wandlung der
Psyche in einen dauerhaften Zustand von Nirodha.
Da es sich um eine von Gedankenbewegungen losgelöste Verfassung
handelt, kann Nirodha immer nur spontan eintreten und nicht durch Willensanstrengung veranlasst werden, denn der Wille ist eine gedankliche
Anstrengung. Durch systematische Übungspraxis erhöht sich aber die
Wahrscheinlichkeit eines Eintretens des Phänomens.
Bis zur dauerhaften Etablierung von Nirodha müssen verschiedene Phasen
durchlaufen werden (YS I:17, III:9-13). Im voll entwickelten Zustand
ist das Bewusstsein nicht nur frei von jeglicher Identifikation mit seelischgeistigen Vorgängen, sondern auch frei von unterbewussten Eindrücken (Vasanas) und instinktiven Neigungen (Kleshas) (YS IV:28).
http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokse...=966107101.pdf
G.Tariel



LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren



Lesezeichen