Der Verstand

und die islamische ´Aqida

Will man den grundlegenden Unterschied des Islam zu anderen Ideologien

verstehen, so muß zunächst einmal eine Auseinandersetzung mit der

islamischen ´Aqida (Überzeugung) stattfinden, ehe man sich überhaupt aufs

Feld der praktischen Aspekte des Islam begibt.

Diese seit etwa 1400 Jahren bestehende Ideologie, die zweifelsohne eine

der größten Kulturen und Zivilisationen in der Menschheitsgeschichte

hervorgebracht hat, prägt nach wie vor das Leben von Millionen von

Menschen, welche ihre Konzepte zum Teil noch tragen: Als eine ´Aqida und

eine ihr entspringende umfassende Ordnung.

Obwohl weite Teile der islamischen Jurisprudenz im Zuge des

Imperialismus und der Säkularisierung der islamischen Welt von der

Kolonialzeit bis zum heutigen Tag weitgehend aus Staat und Gesellschaft

verbannt worden sind, bleibt der Islam für die meisten Menschen, und nicht

nur für die Muslime allein, die einzige Hoffnung, um sich von den Fesseln

einer heute fast alle Lebensbereiche der Menschen dominierenden

kapitalistischen Ideologie zu befreien.

Will man den Islam richtig verstehen und (er)leben, so ist eine vorurteilsfreie

und rationale Auseinandersetzung mit der islamischen ´Aqida

unumgänglich.

Seit den ersten Schuljahren wächst man mit der Ansicht auf, daß "Verstand"

bzw. "Denken" irgendwie mit "Logik" zu tun hat. Dies führt i.A. dazu, daß die

einfachsten Grundlagen menschlichen Denkens, bedingt durch die

Verwechslung beider Begriffe, keine scharfen Grundrisse annehmen

können. Das Bild über den Sinn unserer Existenz, welches sich die

Menschen dann ausmalen, bleibt für immer verschwommen.

Daher gilt es, dieses mächtige Werkzeug, das die Menschen besitzen,

nämlich den Verstand, zu definieren und die ihm von der qur´anischen

Offenbarung zugewiesene Rolle anhand einiger Beispiele aufzuzeigen.

Verstehen heißt begreifen, würde man sagen. Richtig!

Aber Verstehen heißt auch erkennen und urteilen können, d.h. denken!

Es ist unbestreitbar, daß ohne ein gesundes und ausgereiftes menschliches

Gehirn kein Denken möglich sein kann. Das Vorhandensein dieses

wichtigen Organs allein reicht jedoch nicht aus, um unsere Umgebung

(unmittelbare Realität) wahrzunehmen und zu beurteilen.

Unbestreitbar ist auch die Tatsache, daß ein blinder Mensch, der nie in

seinem Leben Farben gesehen hat, diese nicht erkennen kann. Wie sollte

er dies auch tun, wenn sie sich seiner visuellen Wahrnehmung entziehen?

Ein tauber Mensch, der nie im Leben ein Geräusch gehört hat, kann mit

Begriffen wie laut, leise oder Musik wohl nichts anfangen.

Ein Mensch, dessen Hautnerven beschädigt sind, kann sich die Hand

verbrennen, ohne jedoch irgendwelche Schmerzen zu verspüren. D.h. er

kann weder fühlen noch urteilen, ob beispielsweise irgendein Gegenstand

kalt oder warm ist.

Diese einfachen Beispiele zeigen, daß neben dem Gehirn zwei weitere und

zugleich wichtige Elemente - die 5 Sinne und die uns umgebende Realität -

vorhanden sein müssen, um verstehen, d.h. urteilen, zu können. Eine

weitere noch notwendige Komponente stellt das Vorhandensein bestimmter,

zumindest primärer Informationen über die uns umgebende Realität dar.

Unabhängig davon, ob sie durch Dritte oder durch die eigenen Erfahrungen

erlangt worden sind, sind sie jedoch unverzichtbar, wenn die Realität

begriffen bzw. verstanden werden soll.

Ein Mensch mit einem ausgereiften und gesunden Hirn, sowie intakten

Sinnen kann natürlich keinen Unterschied zwischen koreanischer und

chinesischer Schrift machen, solange er zuvor keine, wenn auch einfache,

Informationen über beide Schriftzeichen erworben hat.

Hat er dagegen vorher elementare Kenntnisse über beide Schriftzeichen

vermittelt bekommen, so kann er gewiß den Unterschied erkennen und sein

Urteil darüber fällen, welche Schrift die chinesische und welche die

koreanische ist. Daher wird vom Verstand nur dann gesprochen, wenn alle

4 Elemente gleichzeitig vorhanden sind:

Das gesunde, ausgereifte Hirn, die 5 Sinne, eine uns umgebende Realität

und die notwendigen Vorinformationen, die diese Realität erklären können.

Verstehen heißt auch denken. Aber wie?

Der Mensch nimmt die ihn umgebende Realität mit seinen Sinnen wahr,

also er "empfindet" sie. Diese Empfindung wird durch diese Sinne mittels

seiner Nerven ins Gehirn übertragen, wo ein "Vergleich" zwischen der eben

übertragenen Empfindung mit den im Nervenzentrum gespeicherten und

dieser Realität erklärenden Vorinformationen stattfindet, dann fällt er sein

Urteil über diese von ihm wahrgenommene Realität: er hat eben gedacht.

Dieser Denkprozeß ist die natürlichste Art und Weise, auf die der Mensch

seine Umgebung - Gegenstände und Ereignisse - sowohl wahrnehmen als

auch beurteilen (verstehen) kann.

Es ist der rationale Denkprozeß schlechthin, dessen Ergebnisse, was die

Existenz oder Nichtexistenz eines Gegenstandes angeht, zweifelsohne

eindeutig sind. Daher kann eine Verwechslung der Ratio mit der Logik,

deren Aussagen nicht immer realitätsbezogen sind, und die oft auf

Annahmen beruhen (auch wenn sie logisch richtig miteinander verknüpft

sind) für die ´Aqida einer Umma fatale Folgen haben.

Natürlich sind diese Denkprozesse in ihrer Komplexität von Mensch zu

Mensch unterschiedlich. Manche denken oberflächlich, wie jeder von uns

Durchschnittsmenschen es auch tut, manch andere denken eben

tiefgründiger, wie z.B. Wissenschaftler und Politiker.

Erstere begnügen sich mit relativ wenig Informationen, um sich eine eigene

Meinung (Urteil) zu bilden. Letztere aber, bedingt durch den Grad ihrer

Verantwortung und ihres Aufgabenbereichs, betrachten die Realität viel

gründlicher, wenn sie zu einem möglichst korrekten Urteil kommen wollen.

Die islamische ´Aqida verlangt nicht nur eine tiefgründige Denkweise mit

einer scharfen Analyse unserer Realität, sondern viel mehr als das.

Will man alle Fragen über unsere Existenz korrekt und überzeugend

beantworten, so ist Luzidität im Denken erforderlich. Es genügt nicht, die

uns umgebende Realität tiefgründig zu beobachten und korrekt zu

beurteilen. Es muß auch über das "davor" und das "danach" nachgedacht

werden, wenn das Urteil eindeutig und richtig, d.h. überzeugend, sein soll.

Es ist notwendig, auf die stets aufgeworfene Frage nach dem Sinn

menschlicher Existenz: woher komme ich, warum bin ich hier und wohin

führt mich mein Schicksal?, eine überzeugende Antwort zu geben, damit

sich alle anderen in unserem Leben auftauchenden Zweigfragen

beantworten lassen.

Um diese essentielle Frage exakt beantworten zu können, ist das luzide,

d.h. die Dinge und ihre Umstände erhellende Denken gefragt, welches den

Menschen nur von einer vollkommenen Ideologie gegeben werden kann,

nämlich vom ISLAM und nur vom ihm alleine. Keine Religion oder

philosophische Denkschule der Welt konnte oder kann diese eben

gestellten Fragen umgehen, ohne wenigstens den Versuch zu wagen, eine

mehr oder weniger zufriedenstellende Antwort darauf zu geben.

Der Kapitalismus mit seiner säkulären Weltsicht konnte sie nach dem

Prinzip "gib dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist "

geschickt vermeiden und sie somit weitgehend der "Kirche" bzw. dem

privaten Bereich des einzelnen Individuums überlassen. Der Kommunismus

versuchte seinerseits vergeblich, die Utopie eines ausschließlich auf das

Materielle bezogenen "idealen" Menschen in einer "vollkommenen"

Gesellschaft zu verwirklichen. Die Früchte dieser beiden Ideologien konnten

und können sich bis in in unsere Tage sehen lassen. Die erstgenannte

noch siegreiche Ideologie setzt ihr Zerstörungswerk fort, ehe sie langsam

dahinsiecht. Dagegen ist letztere schon nach fast 70 Jahren ruinösen

Realsozialismus sang- und klanglos dahingeschieden, ohne daß ihr

irgendeiner heutzutage ein Tränchen nachzuweinen braucht.

Es wird oft gesagt, der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Wie wahr!

Man lebt vor allem von Ideen, sollte man auch sagen können und dürfen.

Aber wie wertvoll kann eine Idee sein, wenn sie etweder mit der Realität

nicht übereinstimmt oder keine Akzeptanz beim Menschen findet? Genau

hier setzt die islamische Überzeugung (´Aqida) an. Eine Idee, die keine

Entsprechung in der Realität findet, ist entweder eine Utopie oder das

Produkt der eigenen Phantasie.

Das Leben eines Menschen beginnt nun mal mit seiner Geburt und endet

mit dem Tod. Es ist somit begrenzt. Der Mensch ist sowohl in seinen

Dimensionen als auch durch den von ihm gefüllten Raum begrenzt. Unser

Universum, das nichts anderes als eine "Sammlung" begrenzter Objekte

darstellt, ist auch somit begrenzt, unabhängig davon, wie groß die Anzahl

dieser Objekte auch sein mag. Sie bleibt zahlenmäßig endlich, sprich

begrenzt.

Diese 3 Elemente: Mensch, Leben und Universum, sind auch bedürftig, d.h.

sie können nicht unabhängig weiter bestehen. Um weiter bestehen zu

können, sind sie wohl auf "etwas" anderes angewiesen, das keine Materie

ist.

Dieses "etwas" kann auch nicht durch die Naturgesetze verkörpert werden.

Denn diese sind ebenfalls von diesem "etwas anderem", das sich unserer

Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft entzieht, abhängig. Darüber hinaus

verlieren sie ihre Wirkung, sobald diese 3 Elemente verschwinden.

Demnach sind die Naturgesetze genauso begrenzt und bedürftig.

Da diese Elemente in ihrem Dasein und Fortbestehen, also in ihrer

Existenz, begrenzt und bedürftig sind, können sie konsequenterweise

weder von jeher noch bis in die Ewigkeit existieren. Folgerichtig müssen sie

einen Anfang und ein Ende haben, sie sind eben nicht ohne Anfang und

ohne Ende, d.h. sie sind nicht ???? . Mit anderen Worten: sie müssen

geschaffen worden und in ihrem Dasein von ihrem Schöpfer abhängig sein.

Die Frage, die hier aufgeworfen werden kann, betrifft die Herkunft dieses

Schöpfers.

Eine eindeutige Aussage darüber kann wohl gemacht werden.

Kann dieser Schöpfer selber erschaffen worden sein?

Nein! Denn ein "erschaffener Schöpfer" ist zwangsläufig von seinem

"eigentlichen Schöpfer" abhängig und ist somit zumindest in der Zeit

begrenzt. Das würde heissen, er ist auf seinen Urheber, ohne den er nicht

existieren kann, angewiesen. Deshalb schließt sich dieser Fall von selbst

aus.

Die zweite Möglichkeit, ob er sich selbst geschaffen haben könnte, ist

genauso absurd und läßt sich keinesfalls mit dem gesunden

Menschenverstand vereinbaren. Denn eine solche Möglichkeit birgt viele

Widersprüche in sich. Daher scheidet sie genauso aus.

Es bleibt nur die einzig vernünftige Erklärung, daß dieser Schöpfer keine

Eigenschaften mit seiner Schöpfung teilt. Er hat keinen Anfang und kein

Ende, er ist eben ????, Er ist auch nicht bedürftig und muß vollkommen

sein. Er ist Allah (swt), der immer da war, da ist, und für immer da sein wird.

Er ist Allah (swt), auf den alles Geschaffene, sei es sichtbar oder nicht, in

seinem Dasein und auch in seinem Fortbestehen angewiesen ist und immer

angewiesen sein wird.

Mit diesen einfachen Überlegungen wurde ganz rational die Existenz

unseres Schöpfers - Allah (swt) - bewiesen.

Allah (swt) sagt in Surat Ar-Ra´d (Aya 16):


(Sprich: Wer ist der Herr der Himmel und der Erde? Sprich: Allah.

Sprich: Nehmt ihr euch außer Ihm andere Beschützer, welche sich

weder nutzen noch schaden können? Sprich: Sind etwa der Blinde

und der Sehende gleich? Oder sind etwa die Finsternis und das Licht

gleich? Oder machten sie Allah andere Nebengötter, die etwas wie

seine Schöpfung erschufen, so daß beide Schöpfungen ihnen

ähnlich erscheinen? Sprich: Allah ist der Schöpfer eines jeden

Dinges und Er ist der Einzige, der Allbezwinger)