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Thema: Thorwald Dethlefsen

  1. #1
    Kewan
    Gast

    Thorwald Dethlefsen

    >hi!

    >in z-netz.alt.esoterik wurde folgender artikel gepostet:

    >Hallo NG,

    >es wird ja öfters mal gefragt, was aus Thorwald Dethlefsen geworden ist. Kürzlich bekam ich folgenden Text - das Nachwort aus der Neuauflage von Ödipus, der Rätsellöser - den ich, obwohl nicht mit allem übereinstimmend, wichtig genug finde, um ihn ins Netz zustellen.

    >Gruß Frank

    >-----------------------------------------------------------------------

    >Nachwort zu "Ödipus der Rätsellöser"

    >Genau zehn Jahre sind vergangen, seitdem ich dieses Büchlein über die attische Tragödie niederschrieb. Es markiert in meinem Leben eine wichtige Schwelle. Es markiert ein Ende und damit einen Neuanfang. Den Umbruch, der das Alte vom Neuen unterscheidbar macht, könnte man die Abwendung vom Subjektiven und damit die Hinwendung zum Objektiven nennen. Kreiste ich bis zu diesem Zeitpunkt doch immer mehr oder weniger um die Probleme der menschlichen Psyche, des Charakters des Menschen, seines Schicksals , seines Umgangs mit der Welt, seines Ausgespanntseins zwischen der Polarität, zwischen Gut und Boese, so habe ich erst durch die Beschaeftigung mit der Tragödie meinen Blick endgültig erhoben zu jenem Bereich des Daseins, der den Namen "Wirklichkeit" verdient, denn von ihm gehen die Wirkungen aus, die dann später ihren Niederschlag finden im subjektiven Erleben des Menschen und in der Ausgestaltung der materiellen Welt.

    >Konkreter ausgedrückt: Das Büchlein über Ödipus markiert den ersten Schritt in einem Erkenntnis- und Wahrnehmungsprozeß, in dem Schritt für Schritt immer klarer wurde, daß die Lösung aller menschlichen Probleme und damit die Erlösung der Welt nicht dadurch erreicht werden kann, daß man forscht, nach Ursachen sucht, Theorien entwickelt. Vorträge und Lehren über die Menschen gießt, Kongresse veranstaltet Parteien gruendet, Menschen therapiert, Meditationstechniken kreiert, Selbsterkenntnisprozessen nachjagt, kurz: alles mögliche versucht, um aus dem unerlösten Menschen durch gutes Zureden, Erziehung. Training und andere "Umerziehungsmassnahmen" einen weisen, an Leib und Seele gesunden, einsichtigen und zu guter Letzt erleuchteten Menschen zu machen, verbunden mit der Hoffnung, wenn einmal alle Menschen dieser Welt (sechs Milliarden!) diesen Schritt getan haben, die Welt erlöst sei. An dieser Stelle sei eingeräumt, daß die christlichen Kirchen das auch so sehen, deshalb Glaube und Gnade als Voraussetzung der Erlösung postulieren und die Erlösung der Welt an das Werk Jesu koppeln. Diese Sichtweise hat bestimmt eine hohe Berechtigung, allein die Erlösung der Welt bleibt hier entweder ein metaphysisches Geheimnis oder es läßt schon sehr lange auf sich warten - je nachdem, ob man der Meinung ist, die Erlösung der Welt habe bereits stattgefunden, oder sie auf einen zukünftigen Zeitpunkt projiziert. Diese Unsicherheit führt wohl dazu, daß in unserer Zeit die Erloesung der Welt für die Mehrheit aller Menschen kaum noch ein aussagekräftiger Begriff ist, nachdem ja sogar die eigene Erlösung für die meisten Menschen kein konkretes Ziel darstellt und fuer die anderen sich meist hinter unklaren, nebelhaften, schwärmerischen Bildern verborgen hält.

    >Deshalb ist die Konsequenz, daß man sich doch lieber ganz den täglichen Problemen und Aufgaben zuwendet und dabei nach immer neuen Möglichkeiten Ausschau hält, denn verändern will man - zufrieden mit sich und der Welt, wie sie nun mal ist - in der Tiefe keiner. So basteln denn alle an irgendwelchen Modellen und Methoden, das, was einem nicht gefaellt, die Quelle des Leids, aus dem Leben und aus der Welt zu verbannen, träumend von einer besseren Zukunft. Dieses Vorgehen wird dann mit dem Etikett »gesunder Realitätsbezug« betitelt und vorsichtshalber gleich eine jede andere Haltung als "ungesunde, gefährliche Weltflucht" verteufelt.

    >Bei dieser einfachen Polarisierung übersieht man meist, daß jener Ichwahn, welcher die Idee einflüstert, man könne durch eigene Anstrengung, eigene Klugheit, eigenen Fleiß, die Dinge schon in den Griff bekommen, daß dieser - in der Tat teuflische - Selbsterloesungswahn zwei Masken hat, in denen er auftritt: Die erste Maske ist die Funktionalität, wie sie sich beispielsweise in unserer Zeit unter dem Schlagwort Wissenschaft entfaltet hat. Hier glaubt man fest daran, man könne durch genügend Forschung. Das heißt durch eigene Klugheit und Fleiß, mit der Zeit alle unliebsamen Phänomene (Hunger, Krankheit, Naturkatastrophen, Tod ... ) aus Leben und Welt verbannen. Die zweite Maske des gleichen Wahns ist die "Spiritualität". Hier glaubt man ebenfalls, man könne durch eigene Leistung – gesunde Ernährung, Meditation, Atemuebungen, Körperbewußtsein, Selbsterfahrung – ein guter Mensch sein und, und, und... - sich die Erlösung erarbeiten. Fast die gesamte Esoterikwelle, die in den letzten beiden Jahrzehnten in Mode kam, tappte in diese Falle. Wie auch immer die Erscheinungsform aussieht - manchmal ist sie plump, manchmal raffiniert getarnt -, dahinter steht immerdie gleiche Instanz im Menschen: die Hybris, der Traum sein eigener Gott zu sein. Und gerade sich von dieser Hybris, von diesem seinem Ich, seinemSonderwahn zu befreien, ist dem Menschen aus eigener Kraft nicht möglich.

    >Hier schließt sich der Teufelskreis - und ich meine dies wörtlich! In diesem Teufelskreis bewegt sich der Mensch seit eh und je - entwickelt ständig neue Formen, doch seine Wirklichkeit ändert sich dadurch nicht. Die Welt bleibt ein Jammertal, es bleiben die Kriege, die Katastrophen, Mord und Totschlag, der Mensch bleibt krank, unglücklich, altert, stirbt. Gibt es also doch keine Erlösung?

    >Ein schnelles Nein ist genauso gefährlich wie ein schnelles Ja. Ich will keinen Zweifel lassen: Es gibt Erlösung - sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die gesamte Welt! Das Problem ist nur: Erlösung ist viel, viel komplizierter, als die meisten glauben, und gleichzeitig viel, viel einfacher, als die meisten glauben! An dieser Stelle verirrt man sich eben leicht. Der Mensch denkt in Polaritäten und versucht hier zu unterscheiden - dabei übersieht er, daß die notwendige Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Gespiegelten getroffen werden muß; und das ist nicht so leicht, denn Spiegelbilder aehneln dem Original bis ins Detail – der Unterschied ist nur: Spiegelbilder haben keine Wirklichkeit. Es ist eben viel leichter, einen Apfel von einer Zitrone zu unterscheiden als einen Apfel von seinem Spiegelbild.

    >Ein solches Beispiel klingt sehr banal - aber alle Irrtümer dieser Weit beruhen auf diesem Phänomen! Und so kann sich denn auch die menschliche Hybris gleichermaßen der beiden »Gegensätze« Materialismus und Spiritualitaet als Masken, als Formen bedienen. Nicht Materie noch Geist stören, sondern der sich dahinter tarnende Ichwahn schafft das Problem. Ohne diesen Ichwahn kann man mit Materie und Geist arbeiten, und aus dem Entweder - Oder wird ein Sowohl - Als - Auch, - beide werden uns deshalb als "Form und Inhalt" bald wiederbegegnen.

    >Halten wir also zwei Punkte an dieser Stelle fest:

    >Erstens: Das wirklich Teuflische im Menschen ist seine Identifikation mit seinem "Ich", diesem Sonderwahn, der Grenzen schafft; dies macht ihn un-heil, dies ist sein Unheil.

    >Zweitens: Von diesem Wahn kann der Mensch sich nicht aus eigener Kraft lösen. Was immer er versucht, führt lediglich zu einer immer verlogeneren Vermaskung des Ichs. Das fuehrt dann zu grotesken Zerrbildern, wenn beispielsweise der Asket voll heimlichen Stolzes und Überheblichkeit verkündet, er habe um der Erlösung willen auf alle Freuden der Welt verzichtet, oder ein anderes Ich bei jeder Gelegenheit laut hinausposaunt,es habe schon "laengst sein Ich geopfert". Hier ist der Raum, in dem der Irrsinn in bunter Vielfalt erblüht. Hier ist als erstes deshalb die Einsicht - Einsicht! - vonnöten, daß es gerade des hybriden Ichs liebster Gedanke ist, das Hauptproblem der Erlösung, naemlich die Überwindung des Ichwahnes, natürlich selbst und aus eigener Kraft lösen zu können

    >Münchhausen wuerde sich so gerne am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen. Diesen Umstand meinte ich, als ich vorhin sagte, Erlösung sei viel schwieriger, als die meisten annehmen, ja, man kann bei genauerer Analyse mit gutem Recht sagen: sie sei unmöglich. Kehren wir kurz zu dem Bild des Münchhausen zurück, so würde sich die hoffnungslose Situation dieses "Lügenbarons" erst in dem Moment ändern, in dem ein anderer Mensch, der wohlgemerkt nicht im Sumpf steckt, vorbeikaeme, ihm die Hand entgegenreckte und ihn aus dem Sumpf zöge. Genau dies ist auch die Antwort innerhalb unserer Fragestellung. Der unerlöste Mensch in dieser Welt kann weder sich selbst erlösen noch durch einen anderen unerloesten Menschen erlöst werden; er bedarf dazu einer helfenden Hand, die sich ihm entgegenreckt und bereit ist,. ihn herauszuziehen aus dieser unerlösten Welt. Es bedarf also eines Erlösers. Diesen Akt der Hilfe nennt man Gnade. Ohne Gnade keine Erlösung! Doch sei auch hier gleich wieder die Warnung ausgesprochen, nicht zu einseitig und zu naiv sein Hoffen nur auf Gnade nun zu stützen. Es bedarf bei diesem Rettungsakt der beiden Pole - Eigenanstrengung und Gnade. Brandmarkte ich eben noch die Eigenanstrengung als so gefährlich, so lag das daran, daß sie ohne Gnade unausbalanciert war und damit einseitig und damit ver-hängnisvoll – der Wille war noch an das Ich gebunden. Doch in dein Moment, da eine Hand von oben greift, bedarf es nun der anderen Hand, die sich ihr entgegenreckt, die will, daß man sie greift, die dem Retter vertraut, sich ihm ausliefert und alles eigene Besserwis-sertum beiseite läßt. Das fällt dem Menschen sehr viel schwerer, als es sich hier liest. Schon beim Retten von Ertrinkenden ist dies oft das Problem, daß sie zuviel Eigenbewegung ins Spiel bringen, nicht ruhig sind, nicht vertrauen, sich nicht ausliefern. Zu tief sitzt im Menschen der Wahn, im Zweifelsfall doch selbst am besten zu wissen, was für ihn gut und richtig ist.

    >Die Forderung von Hingabe und Vertrauen ist nicht die Forderung nach dummen, blinden Schafen, wie an dieser Stelle von den immer besser Wissenden schnell vermutet wird. Es ist lediglich die notwendige Voraussetzung dafuer, daß der Mensch lernen kann und dadurch seine Dummheit einmal hinter sich lassen darf. In jeder Schule haben wir den gleichen Zusammenhang: Das unwissende Kind muß erst einmal zum Unterricht kommen, die Spielregeln der Schule beachten, zuhören lernen und schlicht das tun, was der Lehrer ihm sagt. So wird es gerade Striche schreiben üben, dann runde Kreise, dann gebogene Linien usw- Hier ist nicht der Zeitpunkt und der Raum, daß der Schüler mit dem Lehrer darüber diskutiert, wozu dies gut sein soll: auch würde es dem Sechsjährigen nicht viel bringen, wenn der Lehrer ihm erklärte, die Fähigkeit, Kreise zu zeichnen, wäre eine zwingende Voraussetzung, um später einmal Goethes "Faust" lesen zu können.. Es genügt völlig, daß der Schüler gehorcht, daß er tut, was man ihm sagt - und er wird mit der Zeit hineinwachsen in immer neue Bereiche, er wird immer wissender, bis er einmal nachträglich mit einem Blick erfassen kann, wie sinnvoll und unverzichtbar die Schreibübungen von damals waren.

    >Auch Erlösung setzt einen Wachstumsprozeß voraus, denn die unerlösten Menschen dieser Welt sind wie Kinder und müssen erst wachsen, um Er-wachsene, um wirklich Menschen zu werden. Gehorchen fällt allen "Kindern" gleich schwer - der Grund ist einfach: Die Größenphantasien des Ichs wehren sich dagegen. Und wieder droht sich unser Teufelskreis zu schließen.

    >Gnade hat also ihre Bedingungen, wie jede Rettung ihre Bedingungen hat, um funktionieren zu können. Wer diese Bedingungen nicht begreift und sich ihnen nicht unterwirft, verspielt die Gnade und trägt dafür selbst die Verantwortung. Gnade ist also alles andere als eine »Zwangserlösung«, sie ist ein Angebot. Wer es schafft, dieses Angebot in aller Einfachheit und Schlichtheit - ohne die Schaumschlägerei des Besserwissertunis - anzunehmen, zu ergreifen, für den gilt dann, daß Erlösung einfacher ist, als die meisten glauben. Der Prozeß selbst bleibt zwar sehr schwierig und komplex, doch für den, der sich von oben, vom Wissenden greifen und ziehen, er-ziehen läßt, wird das Schwierige einfach, denn das Komplexe wird für ihn in einfache Schritte zerlegt und gegliedert. wie der Lehrer die Komplexität des Lesens und Schreibens in überschaubare Einzelschritte zerlegt. Es ist machbar, Linien und Kreise schreiben zu lernen, dann Buchstaben usw. Der Schüler muesste jedoch scheitern, würde man ihm einfach Goethes "Faust" in die Hand drücken mit der Aufforderung: »Lerne Lesen und Schreiben!«

    >Ich habe mich bei diesen einfach erscheinenden Themen nicht ohne Grund so lange aufgehalten, denn die Schwierigkeiten, bestimmte »anspruchsvolle« Themen zu begreifen, wurzeln meist hier.

    >Der Ausgangspunkt der Betrachtungen dieses Buches ueber Ödipus war die Feststellung, daß es in früheren Kulturen offensichtlich kollektive Methoden gab, die sich um die seelische Gesundung und das seelische Wachstum der Menschen kümmerten. Dieser Ansatz impliziert, daß unsere heutige Sicht, dem Menschen könne man dadurch helfen, daß man seine individuellen, biographischen, sozialen und psychischen Strukturen aufrolle, analysiere und bewußtmache, ein Irrweg sein könnte, da der individuelle Formenreichtum der Symptomatik sich in Wirklichkeit auf eine allgemeinmenschliche Ebene reduzieren läßt, welche die Grundlage des Menschseins darstellt und in der alle Probleme und Krankheiten der Menschen verwurzelt sind. Die "Blueten", das heißt die Symptome, mögen dabei noch so vielfältig aussehen, echte Hilfe geschieht erst dort, wo es gelingt, die Verbindung zu den Wurzeln des Uebels zu durchtrennen. Dies aber passiert gerade da nicht, wo der Blick in der individuellen Vielfalt verlorengeht. Man kann dann beliebig viele »Blüten« abschneiden, sie wachsen mit Bestimmtheit nach.

    >Als Beispiel für einen solchen ganz anderen Ansatz, dem Menschen seelische Führung angedeihen zu lassen, wählte ich die attische Tragödie im allgemeinen und König Ödipus als konkrete Ausformung. Dabei ist mir wichtig, klarzustellen, daß die Tragödienauffuehrung als solche das wirkende, das heißt heilende Agens ist. Der jeweilige Inhalt der Tragödie zeigt dem Menschen das Grundmuster des Menschseins, läßt ihn also in einen Spiegel blicken, und zerstört dabei all seine Illusionen, seine falschen Bilder, die er sich über sich und die Welt machte, zeigt ihm die Wirklichkeit, wie sie ist, zeigt ihm die magische Realitaet, die einzige, die es gibt. Dies ist kein intellektueller Prozeß. Es ist auch keine Selbsterfahrungsgruppe, keine Interaktion, keine Gebrauchsanweisung für das tägliche Leben, es ist allein magisches Ritual, welches sein Ziel in dem Moment verwirklicht hat, in dem die Tragödienauffuehrung endet. Deshalb war Athen auch nach der Auffuehrung einer Tragödie gereinigt.

    >In unserer Zeit versteht fast niemand diese Zusammenhaenge, da unser Blick sich ausschließlich auf die Ebene der Erscheinungen konzentriert und dadurch des Wissens verlustig gegangen ist um jene - den meisten – unsichtbaren Ebenen, die hinter aller Sichtbarkeit liegen und welche für alles Sichtbare verantwortlich sind, denn das Sichtbare ist lediglich der materielle Niederschlag des Unsichtbaren. Im Beispiel: Ein Brief ist nur der Niederschlag, der formale Ausdruck einer bestimmten Haltung oder Absicht des Briefschreibers, und es wäre töricht, den Inhalt eines unliebsamen Briefes dadurch verändern zu wollen, daß man ihn zerschneidet und die Worte neu zusammenklebt; klüger wäre es, zu versuchen, die Haltung des Schreibers zu verändern - doch gerade das bedingt den Wechsel der Formebene: Man muß den Blick vom Brief allein wegwenden und dafür hinwenden zum Schreiber als Urheber des Briefes.

    >Im selben Sinne steht hinter der sichtbaren Welt - sei es Mensch, Blume, Stein oder was auch immer - eine unsichtbare Entsprechung, die nur für uns Menschen die längste Zeit unsichtbar, als solche jedoch sehr wohl formal und konkret ist. Jede Veränderung auf diesen unsichtbaren Ebenen hat zur Folge, daß sich - meist über den Umweg der Zeit - auch der Niederschlag in unserer sichtbaren materiellen Welt hinein entsprechend ändert. Solches Arbeiten an und in unsichtbaren Ebenen und Welten, welche der Wirklichkeit näher stehen als unsere sichtbare Welt, trägt den Namen Magie. Das Handwerkszeug der Magie ist das Ritual. Ein Ritual ist ein bestimmtes Handlungsmuster, durch dessen Verwirklichung Veränderungen in unsichtbaren Bereichen vollzogen werden. Dies zu begreifen, sträubt sich unsere Zeit, obwohl der Zusammenhang recht einfach ist. Jede Form ist von sich aus Träger eines Inhalts, kann aber darüber hinaus auch jederzeit an einen weiteren Inhalt gebunden werden, soweit dieser dem bereits vorhandenen nicht vollig widerspricht. Inhalte sind auf der Seite des Geistigen angesiedelt, Formen auf der Seite der Materie (ich versprach bereits oben, auf »Geist und Materie« als "Inhalt und Form" zurückzukommen).

    >Liebe beispielsweise ist ein Inhalt - ich kann Liebe nicht messen, nicht wiegen, nicht lagern. nicht konservieren. Ich kann sie auch nicht zeigen - Wenn ich dies will, muß ich mich der Form bedienen. Die Form ist auswechselbar, zwar nicht beliebig, aber innerhalb jener Formen, deren Eigeninhalt grundsätzlich wesensverwandt ist mit dem Inhalt Liebe. Demnach kann man eine rote Rose als Form benutzen, um den Inhalt Liebe transportfähig, mitteilbar, zeigbar zu machen: es muß aber keine rote Rose sein, man kann auch auf Papier eine Liebeserklärung schreiben oder ganz einfach einen Kuß verschenken, Worte schenken oder auch ein Schmuckstück - groß ist die Auswahl an Formen, den einen, immer gleichen Inhalt »Liebe« zu zeigen und zu bewegen. Es gibt auch ungeeignete Formen für Liebe, zum Beispiel ein Messer, ein Pflasterstein. eine Zitrone ... Warum wird abereine rote Rose unmißverständlich als Liebeserklärung gedeutet? Erstens, weil sie selbst Ausdruck von Inhalten ist, die mit Liebe kongruent sind (Schönheit, Duft, Erblühen etc.), zweitens aber, und dies ist das entscheidende, weil man in unserer Kultur den Inhalt Liebe an rote Rosen gebunden hat. Auch gelbe Rosen sind schön und duften, doch an sie wurde das Thema Liebe nicht gekoppelt. Ein solches Anbinden eines Inhalts an eine geeignete Form ist,wenn sie bewußt und absichtlich geschieht, ein magischer Vorgang, und man nennt ihn Weihe. Eine derartige Anbindung ist ein sehr konkreter Akt und darf gerade vor dem Hintergrund unseres kleinen Beispiels von Liebe und Rose nicht verwechselt werden mit einer sozialen Übereinkunft, wie sie zum Beispiel bei Verkehrszeichen oder dergleichen vorliegt. Es hat eher Ähnlichkeit mit einem Programmierschritt, der etwa ein komplexes Programm an eine Funktionstaste oder an ein Bildschirmsymbol anbindet.

    >Solche Anbindung von Inhalt an Form macht es nun möglich, einen an sich unsichtbaren Inhalt durch Bewegung der entsprechenden Form zu bewegen und zu gestalten. Die Anbindung ist die Brücke, welche die Kluft zwischen Inhalt und Form, zwischen Geist und Materie, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem überwindet. Im magischen Ritual arbeiten »geweihte Menschen« mit geweihten Gegenständen und bauen damit bestimmte Muster auf. Wenn ich von »geweihten Menschen« spreche, so meint dies weder besonders fromme, heilige noch liebe Menschen, sondern es meint »angeschlossene, angebundene« Menschen, denen nämlich in einer Weihe die Vollmacht verliehen wurde, in einer bestimmten Welt in einem bestimmten Bereich arbeiten zu dürfen. Gleichfalls wurden die Ritualgegenstände mit bestimmten Inhalten einer anderen Welt verbunden, so daß es nun möglich ist, durch Veränderung der sichtbaren Dinge die entsprechenden unsichtbaren Dinge zu verändern. Dieser Vorgang ist erschreckend einfach - das Geheimnis liegt allein in der Anbindung. Deshalb kann man auch jedes magische Ritual formal kopieren, ohne daß irgend etwas auf anderen Ebenen geschieht, weil eben die Anbindung fehlt. Ob ich mit einem Telefon telefoniere, das am Netz angeschlossen ist oder nicht, äußerlich sieht das immer gleich aus (ein Vorteil, den die meisten Möchtegernmagier zu nutzen wissen!). Eine Götterstatue kann ein schönes, wertvolles, aber leeres Kunstwerk sein, oder es kann den Betrachter direkt zu Gott selbst in Kontakt bringen - die Frage ist allein, ob sie angebunden wurde-. Äußerlich sieht sie immer gleich aus, nur die Wirkung ist eine andere. Unzählige Beispiele ließen sich auflisten, um diesen Zusammenhang zu illustrieren - das Wichtigste sei aber doch noch erwähnt: der Mensch! In ihm wurde an einen materiellen Körper die unsichtbare Seele gebunden: den Weg durchs Leben geht der Körper, doch dadurch ermöglicht er der Seele den Weg durchs Leben, den Weg durch die Welt. Leben ist Magie - doch der Mensch braucht oft sehr lange, bis ihm seine Magie bewußt wird und er die Verantwortung dafür übernimmt.

    >Wenden wir uns wieder der Tragödie zu. Das Gesagte sollte die Voraussetzung dafür schaffen, zu verstehen, was es meint, daß die Tragödienauflührung ein magisches Ritual war. Die Wirkung einer solchen Auffuehrung erschöpfte sich eben nicht in der sichtbaren und hörbaren Handlung, wie dies heute bei einer Theaterauffuehrung der Fall ist - selbst wenn es sich um eine griechische Tragödie handelt -, sondern durch die Anbindung wurde aus dem Theater ein Ritual, durch das die Gesamtheit der Zuschauer seelisch geführt und gereinigt werden konnte. Dies meinte ich mit der oben rwähnten »Einfachheit«. Magie zeichnet sich immer durch diese umglaubliche Einfachheit aus. Das hat sich bis zum modernen Bühnenzauberkünstler erhalten: Nur durch ein Wort, nur durch eine Handbewegung läßt er Elefanten, Züge oder Freiheitsstatuen verschwinden oder erscheinen. Man könnte Elefanten auch anders auf oder von der Bühne zerren, doch dann wäre es keine Magie mehr - so ist es! Die Einfachheit, die unglaubliche Einfachheit zeichnet die Magie aus. Zehn Inkarnationen hindurch zu fasten und zu meditieren, entbehrt dieses Charmes, es ist deshalb auch keine Magie!

    >Magie hat die Leichtigkeit und die Heiterkeit Gottes, denn Magie ist göttlich. Die Größe der Magie liegt im Effekt, nicht in der Steuerung. Man kann riesige Theorien und Inhalte an kleinste, oft unscheinbare materielle Formen binden - und so durch kleinste sichtbare Prozesse ganze Welten verändern. Das glaubt keiner, es ist eben Magie. Es versteht keiner - deshalb ist Magie den meisten Menschen unserer Zeit unheimlich, der Machtanspruch des Ichs fühlt sich nicht ernst genommen! Da ist viel Wahres dran - denn die Magie lächelt über alle Mächtigen der Welt, da sie doch selbst die höchste Macht ist. Woher sie diese Macht erhält? Von Gott! Hier liegt die Macht - hier aber auch liegt die Kontrolle. Denn die Anbindungen, die Weihen, kann der Mensch aus sich heraus nicht machen - sie werden ihm aus höchster Hand gegeben und auch wieder genommen, wenn er sie nur im leisesten für Ziele seines Ichs mißbraucht. Ja, es gibt schwarze Magier, aber nicht lange! Magie lebt aus dem Kontakt mit höheren Welten – alles andere ist bestenfalls Zauberei, meist aber nur Einbildung und Wahn. Magie ist wahres Wissen, dem Menschen in Form einer Vollmacht verliehen, auf daß eine Tür sei in dieser Welt für den, der solche Tür wirklich sucht. Die hohe Herkunft der Magie ist auch der Grund dafuer, warum Magie sich niemals beweist oder rechtfertigt; Wahrheit entsteht nicht durch Mehrheitsbeschluß, Wahrheit ist auch dann wahr, wenn niemand sie sieht.

    >Das Gesagte war lediglich ein Versuch, ein paar Vorurteile, die in unserer Zeit den Blick auf das Thema Magie verbauen, wegzuräumen, denn mein Anliegen ist, sehr wohl ein Verständnis dafür zu vermitteln, daß das magische Ritual das größte und erhabenste Hilfsmittel ist, das den Menschen je geschenkt wurde, um die Stufen auf dem Wege zur Befreiung zu gehen. Hier nun schließt sich der Kreis. Vor zehn Jahren war dieses Buch der Versuch, am historischen Beispiel der Tragödie aufzuzeigen, daß es in der Antike kollektive kultische Formen ermoeglichten, die Seelen der Menschen zu fuehren. Ich nannte eingangs dieses Büchlcin eine Schwelle und einen Neuanfang. Denn was ich damals bestenfalls leise ahnte, aber nicht wußte, hat als ein gewaltiger Einbruch meine Arbeit in den letzten zehn Jahren bestimmt und wird es weiterhin bestimmen: Der Welt wurden in dieser Zeit des Aeonenwechsels neue magische Rituale geschenkt und anvertraut; das heißt. es wird in unserer Zeit ein neuer Impuls gesetzt, durch magische Arbeit, gekleidet in die Formen unserer Zeit, sichere Schritte zu gehen, die herausführen aus den vielfältigen Verir-rungen des alten Aeon und somit eine Geburtshilfe darstellen fuer eine neue Zeit. Seit einem Jahrzehnt laufen nun schon die vielen Vorbereitungen, diese gegebenen Möglichkeiten in adaequate Formen zu gießen. So wurde die Kirche Kawwana geboren, die Kirche des Neuen Aeon. Ahnlich dem Begriff "Magie" ist auch das Wort "Kirche" befrachtet mit Vorurteilen und Fehlinterpretationen. Doch ist es an der Zeit, diese gestuerzten Begriffe wieder auf jenes Niveau hochzuheben, wohin sie gehören. Kirche ist ein Synonym für erloeste Welt, für jenen Anteil Gottes, dessen Er sich beim Akt der Schöpfung entäußerte, um Welt werden zu lassen. Diese Welt aus dem Exil heimzuholen, sie wieder zurück zufuehren zu ihrem Ursprung, ist das Ziel der Heilsgeschichte. Kawwana heißt das Ziel. Wenn Welt sich als Kirche begreift, dann ist sie ihrem Ziel nahe. Denn die Welt des Menschen ist die Kirche Gottes.

    >München, im Frühjahr 2ooo Thorwald Dethlefsen


  2. #2
    Kewan
    Gast

    Re: Thorwald Dethlefsen

    >daraufhin habe ich im netz etwas recherchiert und folgendes gefunden:

    >Aus SPUREN Nr. 56/ Sommer 2000

    >KAMPF DER FINSTERNIS

    >Mit Brimborium und magischem Glanz hob Thorwald Dethlefsen zum Jahrhundertende in München eine Art Gegenkirche aus der Taufe: Kawwana soll Licht bringen gegen die Mächte der Finsternis - ausgerechnet!

    >VON MARTIN FRISCHKNECHT

    >Auf einer grossen, geräumigen Bühne sitzt auf einem Stuhl allein ein Mann. Flankiert wird er von zwei Sphinxstatuen. Sie sind aus Gold und strahlen bis in die hintersten Zuschauerränge. Das sind nicht irgendwelche billigen Pappkameraden, mal schnell als Partygag zusammengekleistert und mit Farbe besprüht. Nein, die mythischen Tiere, denen Weisheit und Schrecken zugeschrieben werden, sind aus festem Material. Die werden ein paar Jahre halten. Sie lassen sich anfassen, doch vom Fleck rühren lassen sie sich nicht, dazu sind sie zu gewichtig.

    >Sieben Stufen führen auf die Bühne. Bei weitem nicht alle der mehreren hundert Anwesenden werden über diese Stufen schreiten, weder symbolisch noch reell. Schon gar nicht jetzt. Der Mann dort oben bleibt allein. Er trägt einen eleganten Anzug ganz in Schwarz. So waren schon die Türsteher gekleidet, welche die Ankommenden beim Einlass prüften. Tadellos. Schwarz steht ihm gut zu den blonden Haaren und es hebt ihn ab von den goldenen Statuen. Er ist der «Vicarius». Als er zu reden anhebt, erkennt man ihn wieder. So spricht kein Zweiter: Wort für Wort wohl gewählt, druckreife Sätze über Stunden, ohne dass ein Manuskript ersichtlich wäre. Das ist das Markenzeichen von Thorwald Dethlefsen.

    >Wie fühlt man sich da? Auserwählt und erhoben. Man ist gekommen zu einer Feierstunde. Lange hatte er geschwiegen, der Fortbestand der Sache schien in Gefahr. Nach einer Reihe streng geheimer Einweihungsrituale war es zu einer Indiskretion gekommen - karmische Konsequenzen! Die Tore schlossen sich, der Lichtstrahl, nach Jahrtausenden Unterbruch kaum eben wieder in die Welt gekommen, erlosch.

    >Doch dann kam die frohe Botschaft. Noch vor Ablauf des zweiten Jahrtausends erging die Einladung nach München, ein Rundschreiben an ehemalige Kursteilnehmer und Zuhörer der Vorträge, welche Thorwald Dethlefsen in den achtziger Jahren auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Wirkens erlebt hatten: «Kawwana, die Kirche des neuen Äons, beginnt ihre ersten Arbeiten in der Welt.» Zum ersten Termin Anfang Oktober 1999 strömten achthundert Teilnehmer, zur zweiten Versammlung im Dezember noch einmal rund fünfhundert.

    >Fühlt man sich da nicht auch klein und ängstlich wie eine Kirchenmaus? Was bin ich schon? Einer in der Menge, verglichen mit dem auf der Bühne, der es alleine mit allen aufnimmt, der stets die Fassung behält, auch als es zum Schluss zu recht angriffigen Fragen kommt. Die Leute sind ja nicht blöd, gerade sein Publikum nicht. Leser seiner esoterischen Werke lassen sich nicht so rasch ein X für ein U vormachen. Und doch: Wenn etwas dran ist an dem, was er jetzt sagt, so ist dies gewiss ein ganz besonderer Augenblick. Und ich darf dabei sein und teilhaben am Mysterium. «Am Samstag um 16 Uhr findet das magische Ritual 'Chrysaor' statt, ein Ritual, das zwei Ebenen der Teilnahme ermöglicht: Erstens - und dies gilt für alle - ist man anwesend und hört», stand in den einführenden Unterlagen.

    >

    >Schluss mit Krankheit

    >«Zweitens kann man zusätzlich - wenn man will - einen rituellen Weg durchlaufen, wodurch auf einer sehr tiefen (und daher bewusst nicht wahrnehmbaren) Ebene bestimmte Kräfte im Menschen, die für die Ausbildung von Krankheitssymptomen verantwortlich sind, erstarrt werden.» Wer sich vorab zu Chrysaor angemeldet hatte, schritt am Nachmittag die sieben Stufen empor und stand vor zwei Gorgonenhäuptern. Die Bedeutung der beiden von Schlangen umwundenden Riesenköpfen auf Drachenkörpern hatte der Meister zuvor in langfädigen, komplizierten Ausführungen aus griechischer und indischer Mythologie hergeleitet.

    >Barfuss wurden die Kandidatinnen - es waren überwiegend Frauen - von weissgewandeten Helfern zu sieben Stationen der Reinigung geleitet. Dabei trugen sie Gegenstände auf sich, die sie zum Ritual von sich einzubringen hatten, darunter ein Fläschchen mit eigenem Urin. Das Mitgebrachte wurde geopfert, abgegeben oder verzehrt. Auch wenn es Stunden dauerte, so geschah das alles in grossem Ernst und Würde, schliesslich ging es um die eigene Gesundheit.

    >Wie war das noch mal? Es lohnt sich, die oben zitierten Sätze mehrfach zu lesen. Nicht nur, dass das Wort «Ritual» auffällig häufig vorkommt, versprochen wird durch magisches Wirken nichts Geringeres als das Erstarren krankheitsbildender Kräfte. «Krankheit als Weg» wäre somit abgehakt, ein für alle Mal. Wird diese Möglichkeit in Aussicht gestellt, nimmt man wohl gerne in Kauf, den rituellen Ablauf auf der «bewusst nicht wahrnehmbaren Ebene» im Einzelnen nicht recht zu verstehen.

    >Die Unkenntnis über das Wirken der verborgenen Kräfte ist sozusagen der Preis, der für die Gesundheit zu entrichten wäre. Wie viel das insgesamt kostet, ist allerdings nicht in Erfahrung zu bringen. Wer sich an die Enthüllungen einer Teilnehmerin der ersten Kawwana-Einweihungen in SPUREN Nr. 45 erinnert, den beschleichen düstere Ahnungen.

    >

    >Die neue Kirche

    >Doch halten wir uns an das Geschehen auf der offensichtlichen, sinnlich wahrnehmbaren Ebene. Was Thorwald Dethlefsen an zwei Wochenenden im Herbst 1999 in München mit den wohlklingenden Programmteilen «Dogmatik», «Chrysaor», «Dionysikon» und «Anabasis» auf die Bühne brachte, war nichts Geringeres als die Geburt einer neuen Kirche. Ohne falsche Scham spricht er von «Kawwana» als der «Kirche des neuen Äon» und dabei ist die Einzahl durchaus ernst gemeint. Denn alle anderen Kirchen könnten getrost vergessen gehen. Die gehörten dem verflossenen Zeitalter der Dunkelheit an und seien dem Untergang geweiht.

    >Wussten wir das nicht längst? Bloss mit einer neuen Kirche haben wir eher nicht gerechnet. Und dass ausgerechnet er, dessen Aussagen einst auf viele so erhellend und befreiend wirkten, in einer zum Heiligtum umgebauten Industrieliegenschaft uns diese neue Kirche werde verkündigen, das ist schon fast ein Albtraum.

    >Ein schwerer Traum, den er jedoch meisterlich zu inszenieren weiss. Wer wollte nicht dabei sein, wenn Kawwana abends zum «rauschenden Weinfest» bittet mit Leckereien, dass sich die Tische biegen, Wein in offenen Behältern, gross wie Brunnentröge, und Tanz bis in den Morgen? Wer wollte abseits stehen, wenn es heisst: «Die Heilung des Menschen ist die Heilung Gottes»? Und schliesslich: Wer wollte nicht mit eigenen Augen sehen, wie der Vicarius am Sonntagmorgen nach der Ausnüchterung zum grossen Ritual der Kraftübertragung schritt?

    >Symbole markierten die grossen Religionen der Welt und die Weisheitstraditionen. Wie ein Strahl wurde aus jeder Richtung eine brennende Kerze zum Zeremonienmeister getragen, der die kleineren Flammen der Kerzen mit magischen Gebärden in Empfang nahm und der eigenen, weitaus mächtigeren Flamme übergab. Schliesslich sahen die Zuschauer den Magier die einzig verbliebene Flamme erheben und feierlich durch ihre Reihen tragen. Will sagen: Der Träger des Lichts tritt in die Welt hinaus und nimmt die Arbeit auf. Die früheren Lichter haben ihren Geist zu Gunsten der Kawwana-Flamme aufgegeben.

    >

    >Grandioser Auftrag

    >Dass Thorwald Dethlefsen damit weit mehr meint als ein Lichterkränzchen mit Pfadfinderromantik, stellte er in der Fragestunde am Sonntagnachmittag noch einmal klar. Jetzt gehe es nicht darum, Gutes zu tun und Gegensätze zu versöhnen. Auf seinem Plan stehe die kompromisslose Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel. Unter dem aus der jüdischen Kabbala bekannten Lebensbaum bestehe als dessen Schatten auch ein Todesbaum. Unter dessen Einfluss stehe heute die gesamte Welt, die Religionen mit eingeschlossen. Kawwana, die Kirche des Lichts, nehme den Kampf auf gegen die Mächte der Finsternis und sorge für das Aufrichten eines neuen Lebensbaums.

    >Da gibt es also ein Reich der Finsternis und ein Reich des Lichts. Dämonen und Engel stehen sich unversöhnlich gegenüber. Wenn das die Wahl ist, so wird rasch klar, auf welche Seite wir uns zu stellen haben. Natürlich kämpfen wir für die Mächte des Guten, Lichten und Schönen. Nur, die Geschichte unserer christlichen Kultur besteht seit Anbeginn aus nichts anderem als eben diesem Kampf. Einmal waren es christliche Kaiser, welche Heiden abschlachteten zur Vertreibung der Finsternis aus der Welt, dann wieder Gnostiker, Templer und so genannte Ketzer, welche mit ihrer kompromisslosen Unterscheidung der Welt in Licht und Finsternis dafür sorgten, dass das Kämpfen und Morden weiterging.

    >Denn so viel ist klar: Wo sich eine Gruppe als alleinige Vertreterin des Guten verstand, da traf sie stets auch auf eine Gegenmacht mit demselben Weltbild, aber umgekehrten Vorzeichen, die sich ihr entgegenstellte. Die Reaktion von Sektenjägern und Kirchenvertretern wird nach Dethlefsens Vorstoss nicht lange auf sich warten lassen. Hüben wie drüben wird man den Gegner krimineller Machenschaften und schwarzer Magie bezichtigen. Auch das ist so gewiss wie das Amen in der anderen Kirche. Wer ein Wunder wirken will, der bringe diesen Krankheitskeim zum Erstarren.

    >Wenn nicht gerade er es gewesen wäre, der einst so eloquent auf solche Zusammenhänge hingewiesen hätte, brauchte man sich eigentlich nicht zu wundern. Doch Thorwald Dethlefsen hatte eben auch eine andere, wenig bekannte Seite, die jetzt deutlicher hervortritt. Eingeweihte, die seine Laufbahn durch Logen und Geheimbünde zeitweise begleiteten, sprechen von einem Magier, der sich zur Rolle des Hohepriesters berufen fühlt. Mit kleinen, eingeschworenen Zirkeln mochte er sich nicht zufrieden geben. Ihn drängte es zum grossen Auftritt vor Massen.

    >

    >Hintergrund in Zürich

    >Regelmässig verkehrte der Kawwana-Prophet beim Zürcher Esoteriker und Sammler Oskar Schlag (1907-1990). Von Schlags Wirken als Medium vom Zürichberg und von seiner Hinterlassenschaft einer grossartigen Bibliothek der Geheimwissenschaften berichteten wir in SPUREN Nr. 42. Jahrelang hatte Dethlefsen den alten Meister bedrängt, ihn in Rituale und geheime Zusammenhänge einzuweihen. Kurz vor Oskar Schlags Tod kam es schliesslich zur Eröffnung eines Tempels in München, als dessen Meister Dethlefsen eingesetzt wurde. Als der Lehrer starb, kam es zum Bruch unter seinen Anhängern. Einige Mitglieder des Schlag-Kreises wanderten mit dem jungen Meister nach München, wo sie heute als Helfer von Kawwana wirken.

    >Von «Kawwana» gesprochen hatte «Atma», die geistige Wesenheit, welche seit den dreissiger Jahren durch Oskar Schlag sprach. Immer wieder enthielten die Atma-Durchsagen auch Anweisungen für Rituale. Doch die Anweisungen musste man im Wust des Materials zu finden und zu entschlüsseln wissen. Auf diese Kunst verstand sich Oskar Schlag. Den anderen und schon gar Thorwald Dethlefsen gegenüber verhielt er sich jedoch nicht eben gross zügig. Sogar als Atma selber ihm riet, sein Wissen offen zu legen, und als das Geistwesen daraufhin verstummte, gab sein Medium sich lange Zeit bedeckt. Erst nach Schlags Tod in den neunziger Jahren wurde die Veröffentlichung der Atma-Durchsagen an die Hand genommen. Mittlerweile sind fünf von zehn geplanten Bänden dieses Werks erschienen.

    >Von Atma war bei den Münchner Kirchweihen aber nicht die Rede. Dethlefsen bezog sich auf einen Geist namens «Ari», die Wesenheit eines Menschen, der im 16. Jahrhundert gelebt habe. Ari spiele in seiner neuen Kirche eine zentrale Rolle, denn auf Aris Anweisungen beruhe die magische Arbeit von Kawwana. Kenner vermuten, dass Ari nicht direkt zu Dethlefsen spricht, sondern durch dessen Schwägerin, die bei den Anlässen aber nicht in Erscheinung trat.

    >Der von Dethlefsen gewählte Ausdruck «Kirche des neuen Äon» verweist auf die Handschrift eines Mannes, der es als Magier im zwanzigsten Jahrhundert zu einem hervorragenden Ruf als Hexenmeister und Antichrist brachte: Aleister Crowley. Sollte Thorwald Dethlefsen es darauf angelegt haben, jenes grosse Werk zu vollenden, von dem Crowley seinen Anhängern die Ohren voll schwärmte, so dürfte das letzte Kapitel in dieser Geschichte noch längst nicht geschrieben sein. Jungfrauen mit rotem Haar melden sich gefälligst am Gärtnerplatz in München.


  3. #3
    Tom
    Gast

    Re: Thorwald Dethlefsen

    >Sicher sollte man die momentane Arbeit von Kawwana auch kritisch betrachten. Wir hatten in den letzten Jahrzehnten wirklich einige sonderliche Propheten... Aber ich denke, dass wenn Dethlefsen mit seinen Aktivitäten das hält, was er verspricht, es sich hierbei um das Schaffen einer Art neuer Religion handelt, welche den direkten Kontakt zu "Gott" ermöglicht. Und das ist doch was-oder?

    >

    >hi!

    >>in z-netz.alt.esoterik wurde folgender artikel gepostet:

    >>Hallo NG,

    >>es wird ja öfters mal gefragt, was aus Thorwald Dethlefsen geworden ist. Kürzlich bekam ich folgenden Text - das Nachwort aus der Neuauflage von Ödipus, der Rätsellöser - den ich, obwohl nicht mit allem übereinstimmend, wichtig genug finde, um ihn ins Netz zustellen.

    >>Gruß Frank

    >>-----------------------------------------------------------------------

    >>Nachwort zu "Ödipus der Rätsellöser"

    >>Genau zehn Jahre sind vergangen, seitdem ich dieses Büchlein über die attische Tragödie niederschrieb. Es markiert in meinem Leben eine wichtige Schwelle. Es markiert ein Ende und damit einen Neuanfang. Den Umbruch, der das Alte vom Neuen unterscheidbar macht, könnte man die Abwendung vom Subjektiven und damit die Hinwendung zum Objektiven nennen. Kreiste ich bis zu diesem Zeitpunkt doch immer mehr oder weniger um die Probleme der menschlichen Psyche, des Charakters des Menschen, seines Schicksals , seines Umgangs mit der Welt, seines Ausgespanntseins zwischen der Polarität, zwischen Gut und Boese, so habe ich erst durch die Beschaeftigung mit der Tragödie meinen Blick endgültig erhoben zu jenem Bereich des Daseins, der den Namen "Wirklichkeit" verdient, denn von ihm gehen die Wirkungen aus, die dann später ihren Niederschlag finden im subjektiven Erleben des Menschen und in der Ausgestaltung der materiellen Welt.

    >>Konkreter ausgedrückt: Das Büchlein über Ödipus markiert den ersten Schritt in einem Erkenntnis- und Wahrnehmungsprozeß, in dem Schritt für Schritt immer klarer wurde, daß die Lösung aller menschlichen Probleme und damit die Erlösung der Welt nicht dadurch erreicht werden kann, daß man forscht, nach Ursachen sucht, Theorien entwickelt. Vorträge und Lehren über die Menschen gießt, Kongresse veranstaltet Parteien gruendet, Menschen therapiert, Meditationstechniken kreiert, Selbsterkenntnisprozessen nachjagt, kurz: alles mögliche versucht, um aus dem unerlösten Menschen durch gutes Zureden, Erziehung. Training und andere "Umerziehungsmassnahmen" einen weisen, an Leib und Seele gesunden, einsichtigen und zu guter Letzt erleuchteten Menschen zu machen, verbunden mit der Hoffnung, wenn einmal alle Menschen dieser Welt (sechs Milliarden!) diesen Schritt getan haben, die Welt erlöst sei. An dieser Stelle sei eingeräumt, daß die christlichen Kirchen das auch so sehen, deshalb Glaube und Gnade als Voraussetzung der Erlösung postulieren und die Erlösung der Welt an das Werk Jesu koppeln. Diese Sichtweise hat bestimmt eine hohe Berechtigung, allein die Erlösung der Welt bleibt hier entweder ein metaphysisches Geheimnis oder es läßt schon sehr lange auf sich warten - je nachdem, ob man der Meinung ist, die Erlösung der Welt habe bereits stattgefunden, oder sie auf einen zukünftigen Zeitpunkt projiziert. Diese Unsicherheit führt wohl dazu, daß in unserer Zeit die Erloesung der Welt für die Mehrheit aller Menschen kaum noch ein aussagekräftiger Begriff ist, nachdem ja sogar die eigene Erlösung für die meisten Menschen kein konkretes Ziel darstellt und fuer die anderen sich meist hinter unklaren, nebelhaften, schwärmerischen Bildern verborgen hält.

    >>Deshalb ist die Konsequenz, daß man sich doch lieber ganz den täglichen Problemen und Aufgaben zuwendet und dabei nach immer neuen Möglichkeiten Ausschau hält, denn verändern will man - zufrieden mit sich und der Welt, wie sie nun mal ist - in der Tiefe keiner. So basteln denn alle an irgendwelchen Modellen und Methoden, das, was einem nicht gefaellt, die Quelle des Leids, aus dem Leben und aus der Welt zu verbannen, träumend von einer besseren Zukunft. Dieses Vorgehen wird dann mit dem Etikett »gesunder Realitätsbezug« betitelt und vorsichtshalber gleich eine jede andere Haltung als "ungesunde, gefährliche Weltflucht" verteufelt.

    >>Bei dieser einfachen Polarisierung übersieht man meist, daß jener Ichwahn, welcher die Idee einflüstert, man könne durch eigene Anstrengung, eigene Klugheit, eigenen Fleiß, die Dinge schon in den Griff bekommen, daß dieser - in der Tat teuflische - Selbsterloesungswahn zwei Masken hat, in denen er auftritt: Die erste Maske ist die Funktionalität, wie sie sich beispielsweise in unserer Zeit unter dem Schlagwort Wissenschaft entfaltet hat. Hier glaubt man fest daran, man könne durch genügend Forschung. Das heißt durch eigene Klugheit und Fleiß, mit der Zeit alle unliebsamen Phänomene (Hunger, Krankheit, Naturkatastrophen, Tod ... ) aus Leben und Welt verbannen. Die zweite Maske des gleichen Wahns ist die "Spiritualität". Hier glaubt man ebenfalls, man könne durch eigene Leistung – gesunde Ernährung, Meditation, Atemuebungen, Körperbewußtsein, Selbsterfahrung – ein guter Mensch sein und, und, und... - sich die Erlösung erarbeiten. Fast die gesamte Esoterikwelle, die in den letzten beiden Jahrzehnten in Mode kam, tappte in diese Falle. Wie auch immer die Erscheinungsform aussieht - manchmal ist sie plump, manchmal raffiniert getarnt -, dahinter steht immerdie gleiche Instanz im Menschen: die Hybris, der Traum sein eigener Gott zu sein. Und gerade sich von dieser Hybris, von diesem seinem Ich, seinemSonderwahn zu befreien, ist dem Menschen aus eigener Kraft nicht möglich.

    >>Hier schließt sich der Teufelskreis - und ich meine dies wörtlich! In diesem Teufelskreis bewegt sich der Mensch seit eh und je - entwickelt ständig neue Formen, doch seine Wirklichkeit ändert sich dadurch nicht. Die Welt bleibt ein Jammertal, es bleiben die Kriege, die Katastrophen, Mord und Totschlag, der Mensch bleibt krank, unglücklich, altert, stirbt. Gibt es also doch keine Erlösung?

    >>Ein schnelles Nein ist genauso gefährlich wie ein schnelles Ja. Ich will keinen Zweifel lassen: Es gibt Erlösung - sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die gesamte Welt! Das Problem ist nur: Erlösung ist viel, viel komplizierter, als die meisten glauben, und gleichzeitig viel, viel einfacher, als die meisten glauben! An dieser Stelle verirrt man sich eben leicht. Der Mensch denkt in Polaritäten und versucht hier zu unterscheiden - dabei übersieht er, daß die notwendige Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Gespiegelten getroffen werden muß; und das ist nicht so leicht, denn Spiegelbilder aehneln dem Original bis ins Detail – der Unterschied ist nur: Spiegelbilder haben keine Wirklichkeit. Es ist eben viel leichter, einen Apfel von einer Zitrone zu unterscheiden als einen Apfel von seinem Spiegelbild.

    >>Ein solches Beispiel klingt sehr banal - aber alle Irrtümer dieser Weit beruhen auf diesem Phänomen! Und so kann sich denn auch die menschliche Hybris gleichermaßen der beiden »Gegensätze« Materialismus und Spiritualitaet als Masken, als Formen bedienen. Nicht Materie noch Geist stören, sondern der sich dahinter tarnende Ichwahn schafft das Problem. Ohne diesen Ichwahn kann man mit Materie und Geist arbeiten, und aus dem Entweder - Oder wird ein Sowohl - Als - Auch, - beide werden uns deshalb als "Form und Inhalt" bald wiederbegegnen.

    >>Halten wir also zwei Punkte an dieser Stelle fest:

    >>Erstens: Das wirklich Teuflische im Menschen ist seine Identifikation mit seinem "Ich", diesem Sonderwahn, der Grenzen schafft; dies macht ihn un-heil, dies ist sein Unheil.

    >>Zweitens: Von diesem Wahn kann der Mensch sich nicht aus eigener Kraft lösen. Was immer er versucht, führt lediglich zu einer immer verlogeneren Vermaskung des Ichs. Das fuehrt dann zu grotesken Zerrbildern, wenn beispielsweise der Asket voll heimlichen Stolzes und Überheblichkeit verkündet, er habe um der Erlösung willen auf alle Freuden der Welt verzichtet, oder ein anderes Ich bei jeder Gelegenheit laut hinausposaunt,es habe schon "laengst sein Ich geopfert". Hier ist der Raum, in dem der Irrsinn in bunter Vielfalt erblüht. Hier ist als erstes deshalb die Einsicht - Einsicht! - vonnöten, daß es gerade des hybriden Ichs liebster Gedanke ist, das Hauptproblem der Erlösung, naemlich die Überwindung des Ichwahnes, natürlich selbst und aus eigener Kraft lösen zu können

    >>Münchhausen wuerde sich so gerne am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen. Diesen Umstand meinte ich, als ich vorhin sagte, Erlösung sei viel schwieriger, als die meisten annehmen, ja, man kann bei genauerer Analyse mit gutem Recht sagen: sie sei unmöglich. Kehren wir kurz zu dem Bild des Münchhausen zurück, so würde sich die hoffnungslose Situation dieses "Lügenbarons" erst in dem Moment ändern, in dem ein anderer Mensch, der wohlgemerkt nicht im Sumpf steckt, vorbeikaeme, ihm die Hand entgegenreckte und ihn aus dem Sumpf zöge. Genau dies ist auch die Antwort innerhalb unserer Fragestellung. Der unerlöste Mensch in dieser Welt kann weder sich selbst erlösen noch durch einen anderen unerloesten Menschen erlöst werden; er bedarf dazu einer helfenden Hand, die sich ihm entgegenreckt und bereit ist,. ihn herauszuziehen aus dieser unerlösten Welt. Es bedarf also eines Erlösers. Diesen Akt der Hilfe nennt man Gnade. Ohne Gnade keine Erlösung! Doch sei auch hier gleich wieder die Warnung ausgesprochen, nicht zu einseitig und zu naiv sein Hoffen nur auf Gnade nun zu stützen. Es bedarf bei diesem Rettungsakt der beiden Pole - Eigenanstrengung und Gnade. Brandmarkte ich eben noch die Eigenanstrengung als so gefährlich, so lag das daran, daß sie ohne Gnade unausbalanciert war und damit einseitig und damit ver-hängnisvoll – der Wille war noch an das Ich gebunden. Doch in dein Moment, da eine Hand von oben greift, bedarf es nun der anderen Hand, die sich ihr entgegenreckt, die will, daß man sie greift, die dem Retter vertraut, sich ihm ausliefert und alles eigene Besserwis-sertum beiseite läßt. Das fällt dem Menschen sehr viel schwerer, als es sich hier liest. Schon beim Retten von Ertrinkenden ist dies oft das Problem, daß sie zuviel Eigenbewegung ins Spiel bringen, nicht ruhig sind, nicht vertrauen, sich nicht ausliefern. Zu tief sitzt im Menschen der Wahn, im Zweifelsfall doch selbst am besten zu wissen, was für ihn gut und richtig ist.

    >>Die Forderung von Hingabe und Vertrauen ist nicht die Forderung nach dummen, blinden Schafen, wie an dieser Stelle von den immer besser Wissenden schnell vermutet wird. Es ist lediglich die notwendige Voraussetzung dafuer, daß der Mensch lernen kann und dadurch seine Dummheit einmal hinter sich lassen darf. In jeder Schule haben wir den gleichen Zusammenhang: Das unwissende Kind muß erst einmal zum Unterricht kommen, die Spielregeln der Schule beachten, zuhören lernen und schlicht das tun, was der Lehrer ihm sagt. So wird es gerade Striche schreiben üben, dann runde Kreise, dann gebogene Linien usw- Hier ist nicht der Zeitpunkt und der Raum, daß der Schüler mit dem Lehrer darüber diskutiert, wozu dies gut sein soll: auch würde es dem Sechsjährigen nicht viel bringen, wenn der Lehrer ihm erklärte, die Fähigkeit, Kreise zu zeichnen, wäre eine zwingende Voraussetzung, um später einmal Goethes "Faust" lesen zu können.. Es genügt völlig, daß der Schüler gehorcht, daß er tut, was man ihm sagt - und er wird mit der Zeit hineinwachsen in immer neue Bereiche, er wird immer wissender, bis er einmal nachträglich mit einem Blick erfassen kann, wie sinnvoll und unverzichtbar die Schreibübungen von damals waren.

    >>Auch Erlösung setzt einen Wachstumsprozeß voraus, denn die unerlösten Menschen dieser Welt sind wie Kinder und müssen erst wachsen, um Er-wachsene, um wirklich Menschen zu werden. Gehorchen fällt allen "Kindern" gleich schwer - der Grund ist einfach: Die Größenphantasien des Ichs wehren sich dagegen. Und wieder droht sich unser Teufelskreis zu schließen.

    >>Gnade hat also ihre Bedingungen, wie jede Rettung ihre Bedingungen hat, um funktionieren zu können. Wer diese Bedingungen nicht begreift und sich ihnen nicht unterwirft, verspielt die Gnade und trägt dafür selbst die Verantwortung. Gnade ist also alles andere als eine »Zwangserlösung«, sie ist ein Angebot. Wer es schafft, dieses Angebot in aller Einfachheit und Schlichtheit - ohne die Schaumschlägerei des Besserwissertunis - anzunehmen, zu ergreifen, für den gilt dann, daß Erlösung einfacher ist, als die meisten glauben. Der Prozeß selbst bleibt zwar sehr schwierig und komplex, doch für den, der sich von oben, vom Wissenden greifen und ziehen, er-ziehen läßt, wird das Schwierige einfach, denn das Komplexe wird für ihn in einfache Schritte zerlegt und gegliedert. wie der Lehrer die Komplexität des Lesens und Schreibens in überschaubare Einzelschritte zerlegt. Es ist machbar, Linien und Kreise schreiben zu lernen, dann Buchstaben usw. Der Schüler muesste jedoch scheitern, würde man ihm einfach Goethes "Faust" in die Hand drücken mit der Aufforderung: »Lerne Lesen und Schreiben!«

    >>Ich habe mich bei diesen einfach erscheinenden Themen nicht ohne Grund so lange aufgehalten, denn die Schwierigkeiten, bestimmte »anspruchsvolle« Themen zu begreifen, wurzeln meist hier.

    >>Der Ausgangspunkt der Betrachtungen dieses Buches ueber Ödipus war die Feststellung, daß es in früheren Kulturen offensichtlich kollektive Methoden gab, die sich um die seelische Gesundung und das seelische Wachstum der Menschen kümmerten. Dieser Ansatz impliziert, daß unsere heutige Sicht, dem Menschen könne man dadurch helfen, daß man seine individuellen, biographischen, sozialen und psychischen Strukturen aufrolle, analysiere und bewußtmache, ein Irrweg sein könnte, da der individuelle Formenreichtum der Symptomatik sich in Wirklichkeit auf eine allgemeinmenschliche Ebene reduzieren läßt, welche die Grundlage des Menschseins darstellt und in der alle Probleme und Krankheiten der Menschen verwurzelt sind. Die "Blueten", das heißt die Symptome, mögen dabei noch so vielfältig aussehen, echte Hilfe geschieht erst dort, wo es gelingt, die Verbindung zu den Wurzeln des Uebels zu durchtrennen. Dies aber passiert gerade da nicht, wo der Blick in der individuellen Vielfalt verlorengeht. Man kann dann beliebig viele »Blüten« abschneiden, sie wachsen mit Bestimmtheit nach.

    >>Als Beispiel für einen solchen ganz anderen Ansatz, dem Menschen seelische Führung angedeihen zu lassen, wählte ich die attische Tragödie im allgemeinen und König Ödipus als konkrete Ausformung. Dabei ist mir wichtig, klarzustellen, daß die Tragödienauffuehrung als solche das wirkende, das heißt heilende Agens ist. Der jeweilige Inhalt der Tragödie zeigt dem Menschen das Grundmuster des Menschseins, läßt ihn also in einen Spiegel blicken, und zerstört dabei all seine Illusionen, seine falschen Bilder, die er sich über sich und die Welt machte, zeigt ihm die Wirklichkeit, wie sie ist, zeigt ihm die magische Realitaet, die einzige, die es gibt. Dies ist kein intellektueller Prozeß. Es ist auch keine Selbsterfahrungsgruppe, keine Interaktion, keine Gebrauchsanweisung für das tägliche Leben, es ist allein magisches Ritual, welches sein Ziel in dem Moment verwirklicht hat, in dem die Tragödienauffuehrung endet. Deshalb war Athen auch nach der Auffuehrung einer Tragödie gereinigt.

    >>In unserer Zeit versteht fast niemand diese Zusammenhaenge, da unser Blick sich ausschließlich auf die Ebene der Erscheinungen konzentriert und dadurch des Wissens verlustig gegangen ist um jene - den meisten – unsichtbaren Ebenen, die hinter aller Sichtbarkeit liegen und welche für alles Sichtbare verantwortlich sind, denn das Sichtbare ist lediglich der materielle Niederschlag des Unsichtbaren. Im Beispiel: Ein Brief ist nur der Niederschlag, der formale Ausdruck einer bestimmten Haltung oder Absicht des Briefschreibers, und es wäre töricht, den Inhalt eines unliebsamen Briefes dadurch verändern zu wollen, daß man ihn zerschneidet und die Worte neu zusammenklebt; klüger wäre es, zu versuchen, die Haltung des Schreibers zu verändern - doch gerade das bedingt den Wechsel der Formebene: Man muß den Blick vom Brief allein wegwenden und dafür hinwenden zum Schreiber als Urheber des Briefes.

    >>Im selben Sinne steht hinter der sichtbaren Welt - sei es Mensch, Blume, Stein oder was auch immer - eine unsichtbare Entsprechung, die nur für uns Menschen die längste Zeit unsichtbar, als solche jedoch sehr wohl formal und konkret ist. Jede Veränderung auf diesen unsichtbaren Ebenen hat zur Folge, daß sich - meist über den Umweg der Zeit - auch der Niederschlag in unserer sichtbaren materiellen Welt hinein entsprechend ändert. Solches Arbeiten an und in unsichtbaren Ebenen und Welten, welche der Wirklichkeit näher stehen als unsere sichtbare Welt, trägt den Namen Magie. Das Handwerkszeug der Magie ist das Ritual. Ein Ritual ist ein bestimmtes Handlungsmuster, durch dessen Verwirklichung Veränderungen in unsichtbaren Bereichen vollzogen werden. Dies zu begreifen, sträubt sich unsere Zeit, obwohl der Zusammenhang recht einfach ist. Jede Form ist von sich aus Träger eines Inhalts, kann aber darüber hinaus auch jederzeit an einen weiteren Inhalt gebunden werden, soweit dieser dem bereits vorhandenen nicht vollig widerspricht. Inhalte sind auf der Seite des Geistigen angesiedelt, Formen auf der Seite der Materie (ich versprach bereits oben, auf »Geist und Materie« als "Inhalt und Form" zurückzukommen).

    >>Liebe beispielsweise ist ein Inhalt - ich kann Liebe nicht messen, nicht wiegen, nicht lagern. nicht konservieren. Ich kann sie auch nicht zeigen - Wenn ich dies will, muß ich mich der Form bedienen. Die Form ist auswechselbar, zwar nicht beliebig, aber innerhalb jener Formen, deren Eigeninhalt grundsätzlich wesensverwandt ist mit dem Inhalt Liebe. Demnach kann man eine rote Rose als Form benutzen, um den Inhalt Liebe transportfähig, mitteilbar, zeigbar zu machen: es muß aber keine rote Rose sein, man kann auch auf Papier eine Liebeserklärung schreiben oder ganz einfach einen Kuß verschenken, Worte schenken oder auch ein Schmuckstück - groß ist die Auswahl an Formen, den einen, immer gleichen Inhalt »Liebe« zu zeigen und zu bewegen. Es gibt auch ungeeignete Formen für Liebe, zum Beispiel ein Messer, ein Pflasterstein. eine Zitrone ... Warum wird abereine rote Rose unmißverständlich als Liebeserklärung gedeutet? Erstens, weil sie selbst Ausdruck von Inhalten ist, die mit Liebe kongruent sind (Schönheit, Duft, Erblühen etc.), zweitens aber, und dies ist das entscheidende, weil man in unserer Kultur den Inhalt Liebe an rote Rosen gebunden hat. Auch gelbe Rosen sind schön und duften, doch an sie wurde das Thema Liebe nicht gekoppelt. Ein solches Anbinden eines Inhalts an eine geeignete Form ist,wenn sie bewußt und absichtlich geschieht, ein magischer Vorgang, und man nennt ihn Weihe. Eine derartige Anbindung ist ein sehr konkreter Akt und darf gerade vor dem Hintergrund unseres kleinen Beispiels von Liebe und Rose nicht verwechselt werden mit einer sozialen Übereinkunft, wie sie zum Beispiel bei Verkehrszeichen oder dergleichen vorliegt. Es hat eher Ähnlichkeit mit einem Programmierschritt, der etwa ein komplexes Programm an eine Funktionstaste oder an ein Bildschirmsymbol anbindet.

    >>Solche Anbindung von Inhalt an Form macht es nun möglich, einen an sich unsichtbaren Inhalt durch Bewegung der entsprechenden Form zu bewegen und zu gestalten. Die Anbindung ist die Brücke, welche die Kluft zwischen Inhalt und Form, zwischen Geist und Materie, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem überwindet. Im magischen Ritual arbeiten »geweihte Menschen« mit geweihten Gegenständen und bauen damit bestimmte Muster auf. Wenn ich von »geweihten Menschen« spreche, so meint dies weder besonders fromme, heilige noch liebe Menschen, sondern es meint »angeschlossene, angebundene« Menschen, denen nämlich in einer Weihe die Vollmacht verliehen wurde, in einer bestimmten Welt in einem bestimmten Bereich arbeiten zu dürfen. Gleichfalls wurden die Ritualgegenstände mit bestimmten Inhalten einer anderen Welt verbunden, so daß es nun möglich ist, durch Veränderung der sichtbaren Dinge die entsprechenden unsichtbaren Dinge zu verändern. Dieser Vorgang ist erschreckend einfach - das Geheimnis liegt allein in der Anbindung. Deshalb kann man auch jedes magische Ritual formal kopieren, ohne daß irgend etwas auf anderen Ebenen geschieht, weil eben die Anbindung fehlt. Ob ich mit einem Telefon telefoniere, das am Netz angeschlossen ist oder nicht, äußerlich sieht das immer gleich aus (ein Vorteil, den die meisten Möchtegernmagier zu nutzen wissen!). Eine Götterstatue kann ein schönes, wertvolles, aber leeres Kunstwerk sein, oder es kann den Betrachter direkt zu Gott selbst in Kontakt bringen - die Frage ist allein, ob sie angebunden wurde-. Äußerlich sieht sie immer gleich aus, nur die Wirkung ist eine andere. Unzählige Beispiele ließen sich auflisten, um diesen Zusammenhang zu illustrieren - das Wichtigste sei aber doch noch erwähnt: der Mensch! In ihm wurde an einen materiellen Körper die unsichtbare Seele gebunden: den Weg durchs Leben geht der Körper, doch dadurch ermöglicht er der Seele den Weg durchs Leben, den Weg durch die Welt. Leben ist Magie - doch der Mensch braucht oft sehr lange, bis ihm seine Magie bewußt wird und er die Verantwortung dafür übernimmt.

    >>Wenden wir uns wieder der Tragödie zu. Das Gesagte sollte die Voraussetzung dafür schaffen, zu verstehen, was es meint, daß die Tragödienauflührung ein magisches Ritual war. Die Wirkung einer solchen Auffuehrung erschöpfte sich eben nicht in der sichtbaren und hörbaren Handlung, wie dies heute bei einer Theaterauffuehrung der Fall ist - selbst wenn es sich um eine griechische Tragödie handelt -, sondern durch die Anbindung wurde aus dem Theater ein Ritual, durch das die Gesamtheit der Zuschauer seelisch geführt und gereinigt werden konnte. Dies meinte ich mit der oben rwähnten »Einfachheit«. Magie zeichnet sich immer durch diese umglaubliche Einfachheit aus. Das hat sich bis zum modernen Bühnenzauberkünstler erhalten: Nur durch ein Wort, nur durch eine Handbewegung läßt er Elefanten, Züge oder Freiheitsstatuen verschwinden oder erscheinen. Man könnte Elefanten auch anders auf oder von der Bühne zerren, doch dann wäre es keine Magie mehr - so ist es! Die Einfachheit, die unglaubliche Einfachheit zeichnet die Magie aus. Zehn Inkarnationen hindurch zu fasten und zu meditieren, entbehrt dieses Charmes, es ist deshalb auch keine Magie!

    >>Magie hat die Leichtigkeit und die Heiterkeit Gottes, denn Magie ist göttlich. Die Größe der Magie liegt im Effekt, nicht in der Steuerung. Man kann riesige Theorien und Inhalte an kleinste, oft unscheinbare materielle Formen binden - und so durch kleinste sichtbare Prozesse ganze Welten verändern. Das glaubt keiner, es ist eben Magie. Es versteht keiner - deshalb ist Magie den meisten Menschen unserer Zeit unheimlich, der Machtanspruch des Ichs fühlt sich nicht ernst genommen! Da ist viel Wahres dran - denn die Magie lächelt über alle Mächtigen der Welt, da sie doch selbst die höchste Macht ist. Woher sie diese Macht erhält? Von Gott! Hier liegt die Macht - hier aber auch liegt die Kontrolle. Denn die Anbindungen, die Weihen, kann der Mensch aus sich heraus nicht machen - sie werden ihm aus höchster Hand gegeben und auch wieder genommen, wenn er sie nur im leisesten für Ziele seines Ichs mißbraucht. Ja, es gibt schwarze Magier, aber nicht lange! Magie lebt aus dem Kontakt mit höheren Welten – alles andere ist bestenfalls Zauberei, meist aber nur Einbildung und Wahn. Magie ist wahres Wissen, dem Menschen in Form einer Vollmacht verliehen, auf daß eine Tür sei in dieser Welt für den, der solche Tür wirklich sucht. Die hohe Herkunft der Magie ist auch der Grund dafuer, warum Magie sich niemals beweist oder rechtfertigt; Wahrheit entsteht nicht durch Mehrheitsbeschluß, Wahrheit ist auch dann wahr, wenn niemand sie sieht.

    >>Das Gesagte war lediglich ein Versuch, ein paar Vorurteile, die in unserer Zeit den Blick auf das Thema Magie verbauen, wegzuräumen, denn mein Anliegen ist, sehr wohl ein Verständnis dafür zu vermitteln, daß das magische Ritual das größte und erhabenste Hilfsmittel ist, das den Menschen je geschenkt wurde, um die Stufen auf dem Wege zur Befreiung zu gehen. Hier nun schließt sich der Kreis. Vor zehn Jahren war dieses Buch der Versuch, am historischen Beispiel der Tragödie aufzuzeigen, daß es in der Antike kollektive kultische Formen ermoeglichten, die Seelen der Menschen zu fuehren. Ich nannte eingangs dieses Büchlcin eine Schwelle und einen Neuanfang. Denn was ich damals bestenfalls leise ahnte, aber nicht wußte, hat als ein gewaltiger Einbruch meine Arbeit in den letzten zehn Jahren bestimmt und wird es weiterhin bestimmen: Der Welt wurden in dieser Zeit des Aeonenwechsels neue magische Rituale geschenkt und anvertraut; das heißt. es wird in unserer Zeit ein neuer Impuls gesetzt, durch magische Arbeit, gekleidet in die Formen unserer Zeit, sichere Schritte zu gehen, die herausführen aus den vielfältigen Verir-rungen des alten Aeon und somit eine Geburtshilfe darstellen fuer eine neue Zeit. Seit einem Jahrzehnt laufen nun schon die vielen Vorbereitungen, diese gegebenen Möglichkeiten in adaequate Formen zu gießen. So wurde die Kirche Kawwana geboren, die Kirche des Neuen Aeon. Ahnlich dem Begriff "Magie" ist auch das Wort "Kirche" befrachtet mit Vorurteilen und Fehlinterpretationen. Doch ist es an der Zeit, diese gestuerzten Begriffe wieder auf jenes Niveau hochzuheben, wohin sie gehören. Kirche ist ein Synonym für erloeste Welt, für jenen Anteil Gottes, dessen Er sich beim Akt der Schöpfung entäußerte, um Welt werden zu lassen. Diese Welt aus dem Exil heimzuholen, sie wieder zurück zufuehren zu ihrem Ursprung, ist das Ziel der Heilsgeschichte. Kawwana heißt das Ziel. Wenn Welt sich als Kirche begreift, dann ist sie ihrem Ziel nahe. Denn die Welt des Menschen ist die Kirche Gottes.

    >>München, im Frühjahr 2ooo Thorwald Dethlefsen


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