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Thema: Depression und Transformation

  1. #1
    Vivian
    Gast

    Depression und Transformation

    >Dieser Text hat mir auch geholfen, weshalb ich ihn weitergeben möchte:

    >Zum Thema Depression fand ich die folgenden Ausführungen von Pater Willigis Jäger sehr hilfreich. Mögen sie auch anderen helfen.

    >Depression oder Transformationsprozess

    >[Willigis Jäger: Suche nach dem Sinn des Lebens, Verlag Via Nova]

    >1. Bestimmung des Menschen

    >Der Mensch ist entwicklungsmäßig noch ein Kind. Er hat kaum Vorstellungen von seinen wahren Möglichkeiten. Der Grund dafür liegt in seiner tiefen Verwurzelung auf der Ebene des Ichbewußtseins. Seine wahre Identität bleibt in der Tiefe verborgen und trifft, wenn sie sich entwickeln will, auf den massiven Widerstand des Ichbewußtseins.

    >Wir tragen einen göttlichen Keim in uns, der durch alle Verkrustungen des Materiellen hindurchwachsen und sich offenbaren will. Der Mensch steht in einem kontinuierlichen Prozeß der Befreiung aus einem eingrenzenden Ich. Seine fieberhafte Suche nach Sinn ist nichts anderes als jene heimliche Evolutionskraft des Göttlichen. Lange will der Mensch nicht wahrhaben, daß der Sinn in seinen tieferen Bewußtseinsschichten zu finden ist und daß wirklicher Friede nur in der verborgenen spirituellen Ordnung des Seins beheimatet ist.

    >Unsere Ratio ist ein Instrument unseres Bewußtseins, nicht mehr und nicht weniger; ein Instrument ähnlich unseren Sinnen. Sie soll uns den Weg zurück zu unserem Ursprung, zurück zu unserer Göttlichkeit zeigen. Nicht als ob wir nicht immer aus Gott und in Gott wären. Aber unsere Misere ist, daß wir nicht wissen, wer wir wirklich sind. Die Ratio soll uns auf den Weg zu dieser Erkenntnis helfen, sie soll uns durch die verschiedenen Bewußtseinsstufen hindurchfahren, bis wir unsere Göttlichkeit erkennen. Diese ist immer da. Wir brauchen sie eigentlich gar nicht zu suchen. Es gilt nur, den Schutt wegzuräumen, unter dem sie verborgen liegt. Alles ist bereits angelegt in uns. Wir brauchen nicht draußen zu suchen.

    >Ein Gedicht von Kabir drückt das wunderbar aus:

    >"Ich lache, wenn ich höre,

    >daß den Fisch dürstet im Wasser:

    >Du siehst nicht,

    >daß zu Hause die Wirklichkeit ist,

    >und du wanderst von Wald zu Wald - lustlos!

    >Hier ist die Wahrheit!

    >Gehe hin, wo immer du willst,

    >nach Benares oder Mathura -

    >wenn du die eigene Seele nicht findest, bleibt dir die Welt unwirklich".

    >

    >Um ein anderes Bild zu gebrauchen: Das volle Menschentum, zu dem wir heranreifen sollen, liegt wie ein Samenkorn in unserem Innern Wenn wir eine Eichel nehmen, dann enthält sie bereits die Charakteristika des Eichbaumes. Sie entfaltet ihre Dynamik aber erst, wenn sie der Dunkelheit, Feuchtigkeit und Beschwernis des Bodens ausgesetzt wird. Dann arbeitet sie sich ans Licht.

    >Entwicklung scheint immer mit Widerstand verbunden zu sein. Die Widerstände, auf die unser wahres Wesen bei seiner Entfaltung stößt, zeigen sich oft als Depressionen. Diese haben im Entwicklungsprozeß des Menschen also eine wichtige Funktion. Was wir zu leicht als Hindernis und vielleicht sogar als Krankheit abtun, ist unsere große Chance zum Reifen.

    >

    >2. Widerstände unseres Ich

    >Unser Leben gleicht einem Koordinatensystem. Die waagrechte Linie zieht uns zu materiellen Zielen, die senkrechte zu spirituellen. Nun hat die waagrechte Koordinate die fatale Eigenschaft, daß sie immer nach mehr drängt. Je mehr der Mensch besitzt, um so mehr meint er zu brauchen. Er ist ein Gefangener seiner Gewohnheiten, Ängste, Ambitionen und Begierden. Er beginnt, seinen Besitz um jeden Preis zu verteidigen. Er schafft, plant und strebt danach, innerhalb dieser engen Grenzen Glück und Sicherheit zu erlangen, vergißt aber, daß die Umwelt nur helfen soll, ihn auf dem spirituellen Weg zu begleiten, nicht aber, ihm den Sinn seines Lebens zu deuten. Schlimm ist, daß ihm die Mauern seines Ichgefängnisses oft die Sicht blockieren und ihn unfähig machen, einen herausführenden Gedanken zu fassen.

    >Wir durchlaufen also in unserem Leben einen Prozeß, der uns aus der Umklammerung des Physisch-Psychisch- Materiellen befreien soll. Wohl dem Menschen, der das erkennt! Alle Leiden sollen uns nämlich nur zu einem schnelleren Erkennen verhelfen. Sie sollen uns lösen aus der Ichverhaftung. Leben ist eine Art Hindemisrenneu, bei dem die Hürden genau auf den einzelnen zugeschnitten sind, auch wenn er das nicht einsehen will. An den Widerständen soll er reifen, an dem, was das Christentum "Wille Gottes" und die östlichen Religionen "kosmisches Gesetz" nennen.

    >Der Mensch ist stolz darauf, daß er einen freien Willen hat, und ist empört, wenn ihm einer diese "Freiheit" nehmen will. In Wirklichkeit aber ist er Sklave seiner Gedanken, Ängste, Emotionen und Begierden. Dieses kleine Ich reagiert heftig und begehrt auf, wenn ihm seine dominierende Rolle genommen werden soll. Es möchte in dieser grobstofflichen Welt der Formen und der Entbehrungen bleiben, obwohl diese ihm Leid über Leid zufügt. Und so taumelt der Mensch auf der Suche nach dauerhaftem Glück von einer vorläufigen Befriedigung in die nächste. Er verfällt dem fundamentalen Irrtum, für irgendein Bedürfnis dauernde Erfüllung finden zu können. Mit anderen Worten ausgedruckt: Emotionale Bindungen, Begierden und Ängste halten uns besetzt. Die Schuld, warum wir das Glück nicht erreichen, schieben wir dann leicht den Umständen, dem Schicksal oder anderen Menschen zu.

    >Die Esoterik spricht hier schlicht und einfach von Dummheit. Der Mensch läßt sich ständig an der Nase herumfahren. Manche erkennen das und suchen einen Ausweg. Sie raffen sich auf und steigen aus der Höhle und ihren Schattenbildern hinauf ins Sonnenlicht, wie Plato es in seinem Höhlengleichnis geschildert hat. Aber das geht nicht ohne Widerstand. Der Konflikt gehört zu dieser Entwicklung wie die verkrustete Erde zur Entfaltung des Samenkorns. Daran haben wir zu reifen und zu wachsen.

    >Ganz deutlich muß hier aber gesagt werden, daß auch die materielle und psychische Ebene zu unserem Menschsein gehören, Teil des Ganzen sind. Wir dürfen sie nicht verachten, sondern haben sie als zu uns gehörig zu erfahren, ohne davon ständig irritiert zu werden.

    >

    >3. Sinn des Leides

    >In diesem Entwicklungsprozeß des Menschen hat das Leid eine wichtige Funktion. Im Leid bedrängt uns das Göttliche, unsere Verhaftung endlich aufzugeben. Das Leid, sagt Eckehart, ist das schnellste Pferd zu Gott. Wir brauchen offensichtlich die ständige Frustration, um uns auf den Weg zu machen.

    >Unser Ich gibt den Kampf um die Selbsterhaltung - besser Icherhaltung - nicht leicht auf. Dieser Konflikt verläuft für manchen dramatisch und quälend. Wir sind so verstrickt in die dreifache Ebene der Physis, der Psyche und der Ratio, daß wir uns schwertun, unser Leben als eine heilige Pilgerreise zu begreifen, auf die wir gesetzt worden sind, damit wir zu unserer letzten Bestimmung heranreifen. Der Sinn dieser unserer jetzigen Existenz ist es, zu wachsen und zu reifen. Wir haben zu lernen, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Esoterik drückt das aus mit dem Wort 'Erwachen'. Wir haben zu unserem tiefsten Wesen zu erwachen.

    >Verwirrung, Schmerzen, Angst vor dem Wahnsinn, Hoffnungslosigkeit sind der Preis, der für die spirituelle Entfaltung zu entrichten ist. Wohl dem Menschen, der dann einen Begleiter findet, der ihn nicht gleich in die Psychiatrie einweisen will, sondern seine spirituelle Depression von einer gewöhnlichen Enttäuschung des Ich unterscheiden kann! Diese Phase der spirituellen Entwicklung kann auch von psychosomatischen Beschwerden begleitet sein - Kopfweh, Magenschmerzen, Erschöpfungszustände, Gliederschmerzen, um nur ein paar Symptome zu nennen.

    >Fast alle Mystiker haben auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung ähnliche Zustände erlebt, wie etwa Johannes vom Kreuz, der dieses Phänomen in seinem Buch "Die Dunkle Nacht" ausführlich beschreibt. Eine große Schwierigkeit besteht darin, daß der Prozeß nur sehr langsam verläuft und niemand voraussagen kann, wann er beginnen oder enden wird. Spirituelle Depressionen gehören zur Struktur der Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit - im Gegensatz zu anderen Depressionen, die durch ein enttäuschtes Ego entstehen, also aus einem ehrgeizigen Streben, aus Gewinnsucht oder materieller Gier. Je mehr wir aus unserem tiefsten Innern leben, um so mehr verläßt uns die Angst. Unsere "Unwissenheit" verwandelt sich langsam in Weisheit.

    >Wir können natürlich fragen: Warum sind wir überhaupt in diesem widersprüchlichen und leidbeladenen Zustand, wenn wir,göttlicher Natur' sind? Warum mußten wir in diese grobstoffliche Existenz? Darauf habe ich keine endgültige Antwort. Aber ich ahne, daß es einen Sinn hat. Das Ichbewußtsein scheint ein notwendiger Durchgang zu sein. Was die Bibel Ursünde nennt, ist nichts anderes als das Auftauchen des Bewußtseins aus einer archaischen in die mentale Form. Die Ursünde ist nicht Abfall von Gott, nicht Schuld, sondern der Eintritt des Menschen in die rationale Bewußtseinsstufe, also ein wichtiger, neuer Schritt auf dem Heimweg zu unserem Ursprung. Alle esoterischen Wege sagen, daß unsere Existenzweise als Menschen eine besondere Bedeutung hat im Hinblick auf unsere letzte Bestimmung.

    >

    >4. Zwei Arten von Depression

    >Die eine kommt aus der Frustration des Ich, das auf seiner Ebene nicht erreicht, was es unbedingt möchte, nämlich das, was wir landläufig unter Glück verstehen: Glück in der Liebe, Glück beim Lotto, d.h. genug materiellen Besitz, Gesundheit, "ewige Jugend" und ähnliches. Wenn das nicht eintritt, ist der Mensch unglücklich und wird depressiv. Daraus resultieren Redewendungen wie: Warum muß es mich treffen? Wie kann Gott so grausam sein? Warum bekomme ich nicht mehr Zuwendung? Warum bin ich überall das Aschenbrödel?

    >Es gibt aber noch eine Depression, in die nicht wenige geraten, wenn sie einen spirituellen Weg einschlagen. Sie tritt ein, wenn das Ich merkt, es wird seiner dominierenden Macht beraubt. Es gerät dann in Angst, ja in Panik. Von dieser Depression, die nichts anderes ist als ein Reinigungsprozeß, sei hier die Rede.

    >Wenn ich im Gespräch frage: "Wovor hast du Angst?", bekomme ich oft zur Antwort: "Ich weiß nicht!". Keine Partnerschaftsprobleme liegen vor, keine finanziellen Sorgen, keine Befürchtungen um die Gesundheit. Es ist blanke Angst. Sie resultiert aus der Bedrohung des Ich. Hoffnungslosigkeit, ein Gefühl der Haltlosigkeit und der Sinnlosigkeit gehen damit einher. Johannes vom Kreuz hat das in erschütternden Worten beschrieben:

    >"Ringsum Geröchel des Todes - Qualen der Hölle - in die Finsternis geworfen versenkt in den Pfuhl der untersten Tiefe - lichtlose Schatten des Todes - Todesschatten, Todesstöhnen, Höllenqualen - beklemmendes Leiden - aufgehängt in der Luft, ohne atmen zu können, die Knochen müssen im Feuer verbrennen - weggezehrt ist das Fleisch - die Gliedmaßen werden zerlöst - tödliches Hinschmachten - die Seele sieht die Hölle vor sich aufklaffen". In manchen Fällen kommt sogar der Gedanke an Selbstmord auf. Einerseits trägt die Ichebene nicht mehr, andererseits ist die neue spirituelle Ebene noch nicht gefestigt genug. Ja diese spirituelle Ebene ist es sogar, die sich bedrohlich auf das Ich auswirkt und zur Ursache der Angst wird. Das Numinosum ist eben nicht nur das Fascinosum, sondern auch das Tremendum.

    >In diesem Stadium kann der Icherhaltungstrieb noch einmal verstärkt auftreten. Das Ich bäumt sich auf und setzt sich mit aller Macht zur Wehr. Es kommt zu einer Zerreißprobe zwischen beiden Ebenen. Die elementaren Kräfte des Ich versuchen, ihren Herrschaftsraum zu halten, aber die Kraft der tieferen Bewußtseinsschichten stellt ihn immer aufs neue in Frage.

    >Das eigentlich Schwere an dieser Situation ist, daß die Läuterung vor dem religiösen Bereich nicht haltmacht, so daß auch da die Sicherheiten schwinden. Wie Johannes vom Kreuz gesagt hat, ist auch in Gott kein Halt mehr. Auch die religiöse Geborgenheit schwindet dahin. Konnte man sich vorher noch in der Hand des "göttlichen Vaters" sicher fühlen, so bietet auch diese Hand plötzlich keine Stütze mehr. Schuldgefühle kommen hoch. Sie gipfeln in der Angst, man habe sich selbst durch Versagen in diese Situation gebracht.

    >Jetzt hat der Prozeß der spirituellen Evolution richtig begonnen. Was wir für eine psychische Krankheit halten - bzw. was von manchen Therapeuten so definiert wird - ist in Wirklichkeit ein Transformationsprozeß. Das aber zu akzeptieren, wenn man so richtig drinsteckt, fällt ungeheuer schwer. Und doch befindet sich der Mensch jetzt nicht in einem bemitleidenswerten Zustand, sondern am Ausgangspunkt zu einer neuen Ebene des Bewußtseins. Er entrinnt langsam der niederziehenden Kraft des unersättlichen Ichbewußtseins und beginnt sich aus der Bindung an die physische, psychische und rationale Welt zu lösen. Er durchschaut die Unbeständigkeit der Dinge und erkennt, daß Verhaftetsein an sie zur Frustration führen muß.

    >Das ist im Grunde genau das, was uns alle heiligen Bücher künden. Aber es wurde uns in einer religiösen Verbrämung gesagt, die uns unglaubwürdig erschien, weil sie zu oft mit einer Verachtung und Verneinung, ja "Abtötung" der Welt einherging. Und genau davor haben wir uns zu hüten. Alle Askese hat nur den einen Grund: uns aus der Bindung an das Ich zu befreien. Die Dinge sind nicht gut und nicht schlecht. Die Begriffe "wahr" und "falsch", "gut" und "böse" werden gegenstandslos. Entscheidend ist, die spirituelle Bestimmung aller Dinge, auch unseres Ichbewußtseins, zu erkennen.

    >Unser Ichbewußtsein ist nämlich von großer Bedeutung. Seine Existenz ist Voraussetzung für eine tiefere Erfahrung. Ein Tier kann nicht erfahren, was der Mensch erfährt. So geht es nicht darum, dieses Ichbewußtsein zu töten. Es geht darum, seine Dominanz zurückzunehmen, damit es aus der spirituellen Schicht durchleuchtet werden kann. Die Ebenen des materiellen und Psychischen zu durchlaufen gehört zu unserem Reinigungsprozeß. Eine volle Erleuchtung durchdringt alle Ebenen des Bewußtseins, auch die physische und die psychische. Vom Wesensstandpunkt aus gesehen gibt es keine Trennung zwischen dem Höheren und Niedrigeren, zwischen dem Materiellen und Geistigen. Es ist die Ganzheit, die wir zu erfahren haben. Daher spielt auch unser Körper eine bedeutsame Rolle. Ohne ihn können wir nichts erfahren, sagt Kabir in einem Gedicht:

    >"O Freund! Dieser Körper ist seine (Gottes) Lyra: Er strafft ihre Saiten und entlockt ihr die Melodie des Brahma. Wenn die Saiten erschlaffen und die Schlüssel sich lockem, dann muß zu Staub werden wieder dies Instrument aus Staub: Kabir sagt: Niemand als Brahma kann diese Melodie hervorbringen."

    >Oder:

    >"O Sadhu!

    >Reinige deinen Körper auf die einfache Art!

    >Wie der Samen im Feigenbaum ist,

    >und im Samen sind Blüten, Früchte und Schatten,

    >so ist der Keim im Körper und im Keim wieder der Körper.

    >Feuer, Luft, Wasser, Erde und Äther, du kannst es nicht haben ohne ihn. O Kazi, o Pandit! Bedenke es wohl!

    >Was gibt es, was nicht in der Seele liegt?

    >Der wassergefüllte Krug im Wasser: Wasser ist drinnen und draußen.

    >Nicht benennen soll man's, damit es nicht auslöst den Irrtum der Dualität.

    >Kabir sagt: Hör' auf das Wort, die Wahrheit, die dein Sein ist.

    >ER spricht das Wort zu Sich selbst, und ER Selbst ist der Schöpfer."

    >

    >5. Heilungsmöglichkeiten

    >Der emotionale Schmerz der Depression kann so stark werden, daß der Zustand von einer sogenannten endogenen Depression kaum mehr unterscheidbar ist. Die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit des Betroffenen scheint Dauerzustand zu werden, und es ist nicht vorhersagbar, wie lange jemand in einer solchen Phase bleiben wird. Es gibt kein Zurück mehr in die alte Lebensauffassung, aber auch keine Hoffnung für die Zukunft. Die Symptome dieses Zustandes sind Schlafstörungen, Desinteresse am sozialen und politischen Leben, an Beruf und Zukunftsplänen. Vor allem leidet das Selbstwertgefühl, das sich oft auch mit Kindheitsdefiziten paart wie überhaupt negative Züge der psychischen Gesamtstruktur dabei neu aufgeladen werden können, so daß z. B. Aggressivität und Zomesaussprüche unvernüttelt auftreten. Auch körperliche Symptome können sich zeigen. Eine reinigende psychophysische Kraft geht durch den ganzen Körper (Kundalini).

    >Das Schlimmste ist jedoch, daß der Betroffene seinen Zustand nicht begreifen kann und daß auch gutgemeinter Zuspruch nicht lange anhält. Dazu kommt die Angst vor dem Wahnsinn, die schlimmer sein kann als die Angst vor dem Tod und manchmal zu Selbstmordgedanken beiträgt. Meist findet man bei einer eingeleiteten Analyse keine gravierenden psychische Schäden, was die Angst vor dem Verrücktwerden nur steigert. Die üblichen Heilungsversuche der Therapie schlagen nicht an, Medikamente helfen wenig, und es gibt kaum Aussicht auf dauerhafte Heilung.

    >Welche Heilungsmöglichkeiten stehen in dieser Situation dem Menschen zur Verfügung?

    >1. Der erste Schritt zur Hilfe ist Aufklärung. Der Betroffene muß gesagt bekommen, daß er nicht an einer üblichen Depression leidet, und muß die Gesetzmäßigkeit dieser "Quasidepression" erkennen, daß es sich nämlich um einen Reinigungsprozeß handelt, der Voraussetzung für den Übergang auf eine neue Bewußtseinsebene ist. Es geht um spirituelle Entwicklung, um einen Transformationsprozeß, also um einen positiven Vorgang.

    >2. Als nächstes ist wichtig, daß der Betroffene über seinen Zustand sprechen darf und daß ihm ein Partner zuhört. Diese Aussprache sollte oft möglich gemacht werden. Depressive Phasen kommen nämlich anfallhaft.

    >3. Der Mensch darf sich der depressiven Stimmung nicht einfach hingeben. Er muß dagegen angehen. Der Anfall bietet die größten Heilungschancen, obwohl die Umklammerung dann vielleicht am schlimmsten zu sein scheint. Der Betroffene muß erkennen, daß es nur einen Durchbruch durch den Tunnel nach vorne gibt, keinen Weg zurück. Die wichtigste Arbeit liegt nicht beim Begleiter, sondern beim

    >Betroffenen selbst, in seinem Durchhalten. Es gehört also eine gute Portion Mut und Selbstdisziplin dazu, um von diesem Prozeß zu profitieren.

    >4. Das nächste Hilfsmittel ist die innere Präsenz in allem, was wir tun, das "Sakrament des Augenblicks": ganz in jedem Schritt, in jeder Bewegung, in jedem Handgriff zu sein. Körperliche Betätigung, Sport, Arbeit, Spazierengehen, Hobbies können weiterhelfen.

    >5. Was die eigentliche Dramatik des ganzen Vorganges ausmacht und letztlich allein Heilung bringt, ist die Begegnung mit dem, was die Mystik das Nichts nennt. Dieses Nichts bietet keinen Halt und hat kein Ende. Es verweigert jede Form der Eingrenzung, sei sie räumlich, zeitlich oder anderer Art. Es läßt sich zu Beginn nicht ohne weiteres aushalten. Daran zeigt sich bereits, daß es nicht einfach nichts ist. Vielmehr geht ein starker zwingender Eindruck von ihm aus, der sich allerdings nicht in eine positive Sprache fassen läßt. Der Mensch ahnt aber, daß in ihm etwas Entscheidendes verborgen liegt.

    >Zunächst wird es als Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, als "horror vacui" erfahren. Das ist der Punkt, an dem Nietzsche stehengeblieben ist. An dieser Stelle läßt er den Weisen auf dem Marktplatz ausrufen: "Gott ist tot, ich habe ihn getötet". Nietzsehe war ein steckengebliebener Mystiker. Im Nichts führt nämlich eine Spur in den Nihilismus und eine Spur in die Erfahrung der letzten Wirklichkeit.

    >Erst wer dieses Nichts wirklich annehmen kann, wird herausfinden, daß es eine Qualität hat, die ins Unendliche hineinreicht. Es ist das Tor in die religiöse Erfahrung. Es ist das helle Dunkel Gottes.

    >Im Christentum war es die"negative Theologie", die Gott in der Verneinung kennzeichnete. Gregor von Nyssa schrieb z. B.: "Darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gesuchten, darin das Sehen im Nicht-Sehen, daß der Gesuchte alle Erkenntnis übersteigt, wie durch Finsternis durch seine Unbegreiflichkeit auf allen Seiten abgeschlossen".

    >Vor allem aber Meister Eckehart hat in seinen lateinischen Werken eine hohe metaphysische Begrifflichkeit entwickelt, in der auch das Nichts eine wichtige Rolle spielt. Wenn er z. B. von einer Kraft in der Seele spricht, die "Gott nicht aufnimmt, sofern er gut ist, und sie nimmt Gott auch nicht, sofern er die Wahrheit ist. Sie dringt weiter auf den Grund und sucht weiter und erfaßt Gott in seiner Einung und in seiner Einöde. Sie nimmt Gott in seiner Wüste und in seinem Grunde". So geschieht in der tiefsten Hoffnungslosigkeit, wo dem Menschen nichts mehr zu bleiben scheint, die Verwandlung: im Nichts blickt ihn das ewige Auge des Göttlichen an.

    >

    >--------------------------------------------------------------------------------

    >möge der eine oder andere es neu finden ;-)


  2. #2
    Martin
    Gast

    Es bringt vieles auf den Punkt, schöner Text! (ohne Text)


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