Hallo nochmal,


ich bin beim Lesen des Buches "Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen" von G. Scholem auf eine Textstelle gestoßen, die relativ anspruchsvoll ist.


Ich habe mir zwar eine Auslegung zurechtgelegt, würde aber gerne erfahren, wie andere Esoteriker diese Textstelle auslegen, damit ich meine Interpretation mit anderen vergleichen kann.


Damit man einigermaßen verstehen kann worum es geht, habe ich vor und nach dem eigentlichen Text noch mehr davon angeführt. Der eigentlich Text wurde von mir dann rot markiert.


Mich würde interessieren, wie ihr diese (rot markierte) Textstelle deutet.




=== Beginn G. Scholem Text (allgemeine Wesenszüge der jüdischen Mystik) ===




Kehren wir aber zu unserer ursprünglichen Fragestellung zurück: wie wir schon sahen, haben beide, Philosophen und Mystiker, das alte Judentum auf einer neuen Ebene lebendig zu machen gesucht. Aber die Differenz zwischen beiden ist dennoch außerordentlich. Ich möchte das etwa am Begriff der Sithre Tora, der "Geheimnisse des Gesetzes", erläutern. Beide sprechen davon, diese Geheimnisse entfalten zu wollen, und die Philosophen sind im Gebrauch solcher esoterischen Terminologie keineswegs weniger verschwenderisch als die wirklichen Esoteriker und Kabbalisten. Aber was sind diese Geheimnisse dem Sinn des Philosophen nach? Es sind die Wahrheiten der Philosophie, die Wahrheiten der Metaphysik oder Ethik des Aristoteles, des Alfarabi oder Avicenna. Wahrheiten also, die auch jenseits der religiösen Ebene erkannt werden könnten und die durch allegorische und typologische Interpretation in die alten Bücher hineingebracht wurden. Die Urkunden der Religion drücken hier keine besondere Schicht religiöser Wirklichkeit mehr aus, sondern sind eine populäre Einkleidung der Beziehungen, die zwischen den Begriffen der Philosophie stattfinden. Die Geschichte von Abraham und Sara, von Lot und seinem Weibe, von den vier Erzmüttern und dergleichen sind nichts als Schilderungen der Beziehungen zwischen Materie und Form, zwischen dem Intellekt und der Materie oder den vier Elementen. Auch wo die Allegorisation nicht in dieser Art bis zum Absurden vorgetrieben wurde, blieb es doch dabei, daß die Tora, als Vehikel, wenn auch vielleicht ein besonders großartiges und vollkommenes Vehikel, für tiefgründige philosophische Wahrheiten erschien.


Mit anderen Worten: der Philosoph fand sein eigentlichstes Leben erst da, wo er die Wirklichkeit des Judentums, die ja ganz konkret ist, in Allgemeines auflösen konnte. Das Einzelne ist ihm kein Gegenstand spezifisch philosophischer Versenkung. Der Kabbalist aber geht nicht darauf aus, die Wirklichkeit allegorisch zu entziffern, obwohl die Allegorie auch in den Schriften vieler Kabbalisten eine große Rolle spielt. Seine Weltauffassung ist, was ich in einem prägnanten Sinn symbolisch nennen möchte.


Es ist vielleicht angemessen, dies näher zu erklären.

In der Allegorie kann in einem unendlichen Netz von Bedeutungen und Korrelationen alles als Zeichen für alles dienen, wobei aber doch alles innerhalb der Welt des Ausdrucks und der Sprache bleibt. Man kann in diesem Sinne von einer Immanenz der Allegorie sprechen. Das, was in dem Zeichen, das zur Allegorie wird, aufleuchtet, stammt doch aus seiner eigenen Welt. Aber in der Allegorie verliert der Gegenstand, auf den sie angewandt wird, sein ihm eigenes Sein zugunsten eines anderen, dem er als Vehikel dient. Das Leben der Allegorie entsteht aus dem Abgrund, der sich hier zwischen Form und Bedeutung auftut. Beide sind nicht mehr unzertrennlich und absolut aneinander gebunden, so daß die Bedeutung nur eben Bedeutung dieser bestimmten Form und die Form nur Form für jene Bedeutung und jenen Gehalt wäre. Es ist der Abgrund der unendlichen Bedeutung in jedem Zeichen, der sich in der Allegorie auftut. Die "Geheimnisse der Tora", von denen ich oben sprach, betreffen bei den Philosophen diese Welt der Allegorien. Diese Allegorien stellen ebensosehr eine eigene, neue Welt des mittelalterlichen Bewußtseins dar, wie sie zugleich eine verhüllte Kritik an der alten bedeuten.


Auch die Kabbalisten treiben - wie gesagt - oft genug Allegorese. Aber nicht das scheidet ihre Welt von der der Philosophen. Vielmehr ist es das Symbol, das sich weit über die Welt der allegorischen Bedeutungen herhebt, das ihr Eigenstes anzeigt. Im mystischen Symbol wird eine Wirklichkeit, die in sich selbst, vom Menschen her gesehen, keinen Ausdruck hat, unmittelbar in einer anderen Wirklichkeit transparent. Erst von ihr her bezieht sie ihren Ausdruck, insbesondere wenn sie sich mit einem formulierbaren, ja sichtbaren Inhalt ausstattet, wie zum Beispiel dem christlichen Kreuz oder dem jüdischen siebenarmigen Leuchter. Der zum Symbol gewordenen Gegenstand bleibt dann in seiner ursprünglichen Form und in seinem ursprünglichen Gehalt bestehen. Er wird nicht sozusagen entleert, um einen anderen Gehalt aufzunehmen, sondern in ihm selber, aus seiner eigenen Existenz heraus, erscheint an ihm jene andere Wirklichkeit, die sich anders gar nicht mitteilen kann. Steht also in der Allegorie ein Ausdrückbares für ein anderes Ausdrückbares, so steht im mystischen Symbol ein Ausdrückbares für etwas, was der Welt des Ausdrucks und der Mitteilung entrückt ist. Man möchte sage: es steht für etwas, was aus einer Schicht kommt und ihr zugehört, die ihr Gesicht, uns abgewandt, nach innen kehrt. Ein verborgenes Leben, das keinen Ausdruck hat, findet ihn im Symbol. Das Symbol ist solcherart zwar auch Zeichen, aber nicht Zeichen allein.