>O Sohn! Ich beschreibe also dieses zum erstenmal aus Liebe gegen den Menschen und rechten Dienst gegen GOTT.
>Denn es geschieht fürwahr ein rechter Gottesdienst, wenn man achthat auf die Wesen und dafür demselben dankbar ist, der
>dieselben gemacht hat: Dieses zu tun, will ich nicht unterlassen.
>O Vater! Was soll man denn tun, dieweil (um das Leben ehrlich durchzubringen) hier nichts wahrhaftig ist.
>O Sohn! Sei fromm; denn der fromm ist, der ist der größte Liebhaber der Weisheit: Denn ohne die Liebe zur Weisheit ist es
>unmöglich, zum meisten oder zum höchsten fromm zu sein.
>Aber wer da gelernt hat, was dieselbe sei, wie sie geordnet, von wem und zu was Ende; derselbe wird dem Werkmeister als einem
>guten Vater, nützlichen Unterhalter und getreuen Versorger dankbar sein.
>Wer demnach dankbar ist, der wird auch fromm sein, und ein Frommer wird zugleich ergründen und erfinden, wo die Wahrheit ist
>und was dieselbe sei, und wenn er dieses gefunden, wird er auch viel frömmer sein.
>Denn, o Sohn! Solange die Seele in dem Leibe ist und sich selbst hat erhoben zur Begreifung des guten und wahren Wesens, so
>kann sie im Gegenteil auch nicht verfallen.
>Denn wenn die Seele ihren eigenen Ursprung gelernt hat, so hat sie heftige Liebe und Vergessenheit alles Übels und kann von dem
>Guten nicht mehr abfällig gemacht werden.
>Und dieses, o Sohn, ist das Ende der Frömmigkeit, wirst du dazu kommen, so wirst du beides, wohl leben und glücklich sterben,
>deiner Seele wird nicht unbekannt sein, wohin sie soll auffliegen, und dieses, o Sohn, ist allein der einzige Weg zu der Wahrheit,
>welchen unsere Vor-Eltern auch gewandelt haben, und die denselben sind gegangen, haben das Gute bekommen.
>Dieser Weg ist ehrlich und eben, doch schwer für die Seele, solange sie im Leibe ist, denselben zu wandern, denn sie muß fürwahr
>erstlich mit ihr selbst gestritten und eine große Scheidung gemacht haben und von dem einen Teil mehr überwunden sein.
>Denn da geschieht ein Treffen eines gegen zwei, das eine Teil fliehend, aber das andere Teil sterbend entgegenzuhalten, die
>Überwindung aber von beiden ist nicht gleich, denn das eine befleißigt wohl zu dem Guten, aber das andere wohnt der Bosheit bei.
>Und obwohl das eine begehrt frei zu sein, so lieben die andern die Dienstbarkeit, und obschon alle beide überwunden werden, so
>bleiben sie doch ohne Haupt oder Herrscher.
>Aber wenn das eine überwunden wird, so wird es von den zweien geführt, gestraft zu werden von dem Richter, der darin herrscht.
>Dies ist, o Sohn, der Geleitsmann des Weges, der dahin leitet; denn, o Sohn, du mußt erstlich den Leib verlassen und das sterbliche
>Leben überwunden haben und überwunden habend alsdann aufsteigen.
>Aber nun, o Sohn, will ich die Wesen kurz überlaufen; denn du sollst wohl verstehen dasjenige, was gesagt ist, und dich wiederum
>erinnern, was du gehört hast.
>Alle Wesen werden bewegt; allein das Nicht-Wesen ist unbeweglich, alle Leiber sind veränderlich, aber alle Leiber sind nicht
>auflöslich, es ist nicht ein jedes Tier oder Geschöpf sterblich noch ein jedes Geschöpf unsterblich.
>Das Verderbliche ist auflöslich, was bleibt, ist unveränderlich, das Unveränderliche ist ewig, dasjenige, was allezeit wird, das
>verdirbt auch allezeit, aber das einmal geworden ist, verdirbt nimmermehr und wird nicht etwas anders.
>Das Erste GOTT, das Zweite die Welt, das Dritte der Mensch, die Welt um der Menschen willen, aber der Mensch um Gottes
>willen.
>Das empfindliche Teil der Seele ist wohl sterblich, aber das vernünftige unsterblich, jedes Wesen ist unsterblich, ein jedes Wesen
>ist veränderlich.
>Alles, was ist, ist zweierlei; keines von den Dingen, die da sind, bestehen, es wird nicht alles durch die Seele bewegt, alles, was
>bewegt wird, wird durch die Seele bewegt.
>Alles, was leidet, das empfindet, alles, was empfindet, leidet, alles, was betrübt und erfreut wird, ist ein unsterbliches Geschöpf.
>Es ist nicht ein jeder Leib der Krankheit unterworfen. Alle Leiber, die der Krankheit unterworfen sind, sind auflöslich. Das Gemüt
>ist in GOTT, die Überlegung der Vernunft ist im Gemüt, das Gemüt leidet nicht.
>In dem Leibe ist nichts wahrhaftig, alles was in dem Unleiblichen ist, ist verderblich, es ist nichts Gutes auf Erden und nichts Böses
>im Himmel.
>GOTT ist gut, der Mensch bös, das Gute ist willig, das Böse unwillig; Götter (Regenten oder Planeten) erwählen das Gute als gut,
>die gute Beherrschung des Guten ist eine gute Beherrschung, die gute Beherrschung ist ein Gesetz, die Zeit ist göttlich, das Gesetz
>menschlich.
>Die Bosheit ist der Welt Nahrung, die Zeit des Menschen Verderb, alles, was im Himmel ist, ist unveränderlich, alles was auf
>Erden ist, ist veränderlich.
>In dem Himmel ist nichts dienstbar, auf Erden ist nichts frei. In dem Himmel ist nichts unbekannt, auf Erden ist nichts bekannt, das
>Irdische hat keine Gemeinschaft mit dem Himmlischen, alles, was in dem Himmel ist, ist alles untadelhaft, was auf Erden ist, ist
>tadelhaft.
>Das Unsterbliche ist nicht sterblich, das Sterbliche ist nicht unsterblich, das Gesäte ist nicht auf einmal geworden, das auf einmal
>geworden ist, ist auch gesät, das Auflösliche hat zwei Zeiten, die eine Zeit ist von der Säung bis zu der Geburt, die andere Zeit von
>der Geburt bis an den Tod.
>Es ist nur eine Zeit des ewigen Leibes, nämlich von der Geburt an, die auflöslichen Leiber wachsen und nehmen ab, die auflösliche
>Materie wird verändert in gegenstreitige Dinge, nämlich in Verderbung und Geburt, aber die ewige in sich selbst oder in
>ihresgleichen Dinge.
>Die Geburt der Menschen ist Verderbung, die Verderbung des Menschen ist der Anfang der Geburt, was zuerst wird, hört auch
>auf zu sein, von den wesentlichen Dingen sind etliche in den Leibern, andere aber nur in Gestalten, die Kräfte sind im Leibe, das
>Unsterbliche wird des Sterblichen nicht teilhaftig, aber das Sterbliche wird des Unsterblichen teilhaftig.
>Das Sterbliche geht nicht in einen unsterblichen Leib, sondern das Unsterbliche geht zu dem Sterblichen, die Kräfte gehen nicht
>aufwärts, sondern niederwärts.
>Die Dinge, die auf Erden sind, helfen den Dingen nicht, die im Himmel sind, alles, was im Himmel ist, hilft dem, was auf Erden ist,
>der Himmel begreift in sich ewige Leiber, die Erde begreift in sich verderbliche Leiber.
>Die Erde ist unvernünftig, der Himmel vernünftig, die Dinge, die im Himmel sind, sind eine heruntergehende Stütze, und die auf
>Erden sind, sind eine aufstehende Stütze auf Erden, der Himmel ist das erste Element.
>Die Vorsehung ist eine göttliche Ordnung, die Notwendigkeit ist eine dienstbare Vorsehung, das Glück ist eine Bewegung von der
>Unordnung, ein Bild der wirkenden Kraft, eine falsche Meinung.
>Was ist GOTT! Ein unveränderliches Gut; was ist der Mensch? Ein unveränderliches Übel; wenn du dieser Hauptstücke wirst
>eingedenk sein, so wirst du dich auch leichtlich erinnern der Dinge, welche ich dir mit vielen Worten erklärt habe, denn diese sind
>ein kleiner Begriff von jenen.
>Meide den Umgang des Pöbels, nicht daß ich will, daß du neidisch sollst sein, sondern vielmehr, weil du von den Gemeinen würdest
>ausgelacht werden, denn gleich gesellt sich zu seinesgleichen, aber das Ungleiche hält auf keine Weise mit dem, das ihm ungleich
>ist.
>Doch sind da wenig, welche diesen Reden Gehör geben, oder es mögen ungefähr künftig wenig darauf achten, dennoch halten sie
>etwas Sonderliches in sich: Den Bösen wecken sie mehr zur Bosheit, darum muß man sich vor dem Pöbel hüten, weil sie nicht
>verstehen die Kraft der Dinge, die gesegnet werden.
>Vater, wie verstehst du das?
>Also, Sohn! Ein jedes Tier ist zum Bösen mehr geneigt als die Menschen, und es wird damit erzogen, darum hat dasselbe seine
>Lust darin.
>Doch im Fall dasselbe Tier hätte gelernt, daß die Welt wäre geworden und alles durch Vorsehen und Notwendigkeit wäre
>geschehen, weil das Schicksal alles regiert, so würde es deshalb nicht schlimmer sein, indem es alles Gewordene verachtet.
>Aber indem es die Ursache des Bösen dem Notschicksal zuschreibt, so würde er sich von keiner bösen Tat enthalten.
>Darum muß man sich vor solchen hüten, auf daß sie in der Unwissenheit bleibend weniger böse sind, aus Furcht vor dem, das
>ihnen verborgen ist.



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