>Philosophie des Geldes

> ex: Georg Simmel: Philosophie des Geldes.

> Duncker & Humblot Verlag, Berlin 1900 (1. Auflage).

> Drittes Kapitel: Das Geld in den Zweckreihen Teil 2 (229-266)

> Das psychologische Auswachsen der Mittel zu Zwecken; das Geld als extremstes Beispiel.

> Die Abhängigkeit seines Zweckcharakters von den kulturellen Tendenzen der Epochen.

> Psychologische Folgen der teleologischen Stellung des Geldes: Geldgier, Geiz,

> Verschwendung, asketische Armut, moderner Zynismus, Blasiertheit.

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> In dem Vorhergehenden ist eine Tatsache des Wertgefühls vorausgesetzt worden, deren

> Selbstverständlichkeit für uns leicht über ihre Bedeutsamkeit hinwegtäuschen kann.

> Das Geld ist uns wertvoll, weil es das Mittel zur Erlangung von Werten ist; aber ebenso gut könnte man doch

> sagen: obgleich es nur das Mittel dazu ist.

> Denn logisch notwendig erscheint es keineswegs, daß der Ton des Wertes, der auf den Endzwecken unseres

> Handelns ruht, sich auch auf die Mittel übertrage, die an sich und ohne Einstellung in die teleologische Reihe

> völlig wertfremd wären.

> Daß diese Wertübertragung, auf Grund rein äußerer Zusammenhänge, stattfindet, ordnet sich in eine sehr

> allgemeine Form unserer geistigen Bewegungen ein, die man die psychologische Expansion der Qualitäten

> benennen könnte.

> Wenn nämlich eine sachliche Reihe von Gegenständen, Kräften, Geschehnissen ein Glied enthält, das

> bestimmte subjektive Reaktionen in uns auslöst: Lust oder Unlust, Liebe oder Haß, positive oder negative

> Wertgefühle - so scheint uns dieser Wert nicht nur auf seinem unmittelbaren Träger zu haften, sondern wir

> lassen auch die anderen, an sich nicht ebenso ausgezeichneten Glieder der Reihe an ihm teilhaben: dies ist

> keineswegs nur bei teleologischen Reihen der Fall, deren Endglied seine Bedeutung auf alle Ursachen seiner

> Verwirklichung ausstrahlt, sondern auch bei anders laufenden Verknüpfungen der Elemente: alle Mitglieder

> einer Familie partizipieren an der Ehrung oder Degradierung eines einzelnen von ihnen; die unbedeutendsten

> Produkte eines großen Dichters genießen, weil andere bedeutend sind, eine ihnen an sich nicht zukommende

> Schätzung; Neigung oder Haß des Einzelnen, aus politischer Parteistellung entsprungen, erstreckt sich auf

> diejenigen Punkte der Parteiprogramme, denen an und für sich er gleichgültig oder mit entgegengesetzten

> Gefühlen gegenüberstehen würde; die Liebe zu einem Menschen, von dem sympathischen Gefühl für eine

> seiner Wesensseiten ausgehend, umfaßt schließlich seine Gesamtpersönlichkeit und damit vielerlei

> Eigenschaften und Äußerungen mit der gleichen Leidenschaft, auf die diese ohne solchen Zusammenhang

> keinen Anspruch erheben würden.

> Kurz, wo nur immer Mehrheiten von Menschen (> 230) und Dingen sich durch irgendwelche Verknüpfung als

> Einheiten darbieten, fließt das Wertgefühl, das ein einzelnes Element hervorruft, gleichsam durch die

> zusammenhaltende Wurzel des Systems hindurch auch auf die anderen über, die an sich jenem Gefühle fremd

> sind.

> Gerade weil die Wertgefühle nichts mit der Struktur der Dinge selbst zu tun, sondern ihr unüberschreitbares

> Gebiet jenseits dieser haben, halten sie sich nicht streng an ihre logischen Begrenzungen, sondern entfalten sich

> mit einer gewissen Freiheit über die objektiv gerechtfertigten Beziehungen zu den Dingen hinaus.

> Wenn es an sich etwas Irrationales hat, daß die relativen Höhepunkte des Seelenlebens ihre benachbarten, an

> sich aber nicht in jene Qualitäten hinaufreichenden Momente färben, so offenbart dies dennoch den ganzen

> beglückenden Reichtum der Seele, ihr von innen her bestimmtes Bedürfnis, die einmal empfundenen

> Bedeutsamkeiten und Werte auch nach dem vollen Maße ihrer inneren Resonanz an den Dingen auszuleben,

> ohne ängstlich nach dem Rechtsgrund zu fragen, nach dem jedes seinen Anteil beanspruchen könnte.

> Die rationellste und einleuchtendste von allen Formen solcher Expansion der Qualitäten ist sicher die der

> Zweckreihe.

> Sachlich allerdings erscheint auch diese nicht unbedingt notwendig; denn die Bedeutung, die das an sich

> gleichgültige Mittel dadurch erhält, daß es einen wertvollen Zweck verwirklicht, brauchte keineswegs in einem

> darauf übertragenen Werte zu bestehen, sondern könnte eine eigenartige Kategorie sein, die auf die

> außerordentliche Häufigkeit und Wichtigkeit dieser Konfiguration hin wohl hätte entstehen können.

> Allein tatsächlich hat nun einmal die psychologische Expansion die Wertqualität ergriffen und nur den

> Unterschied bestehen lassen, nach dem man den Wert des Endzwecks als absoluten, den der Mittel als

> relativen bezeichnen kann.

> Absolut - in dem hier fraglichen, praktischen Sinne - ist der Wert der Dinge, an denen ein Willensprozeß

> definitiv haltmacht.

> Dieses Haltmachen braucht natürlich keine zeitlich ausgedehnte Fermate zu sein, sondern nur der Abschluß

> einer Innervationsreihe, so daß, wenn diese sich in dem Befriedigungsgefühl ausgelebt hat, das Weiterleben

> des Wollens sich in neuen Innervationen kundgeben muß.

> Relativ wertvoll dagegen ist ein Objekt, wenn das Fühlen seiner als eines Wertes dadurch bedingt ist, daß

> seine Verwirklichung die eines absoluten Wertes bedingt; es zeigt seine Relativität darin, daß es seinen Wert in

> dem Augenblick einbüßt, in dem ein anderes Mittel zu demselben Zweck als das wirksamere oder

> erreichbarere erkannt wird.

> Mit dem oben behandelten Gegensatz des objektiven und des subjektiven Wertes fällt der des absoluten und

> relativen so wenig zusammen, daß sowohl (> 231) innerhalb der subjektiven wie der objektiven

> Wertsetzungen der letztere Gegensatz sich entfalten kann.

> Ich habe hier die Begriffe des Wertes und des Zweckes ziemlich ungeschieden gebraucht; tatsächlich sind

> beide in diesem Zusammenhange nur verschiedene Seiten einer und derselben Erscheinung: die

> Sachvorstellung, die nach ihrer theoretisch-gefühlsmäßigen Bedeutung ein Wert ist, ist nach ihrer

> praktisch-wilIensmäßigen ein Zweck.

> Die seelischen Energien nun, die die eine und die andere Art der Werte und Zwecke setzen, sind sehr

> verschiedener Natur.

> Die Kreierung eines Endzwecks ist unter allen Umständen nur durch eine spontane Willenstat möglich,

> während einem Mittel sein relativer Wert ebenso unbedingt nur vermittels theoretischer Erkenntnis zuerkannt

> werden kann.

> Die Setzung des Zieles erfolgt aus dem Charakter, der Stimmung, dem Interesse; den Weg aber schreibt uns

> die Natur der Dinge vor; die Formel, die über so viele Lebensverhältnisse mächtig ist: daß das Erste uns

> freisteht und wir beim Zweiten Knechte sind, gilt deshalb nirgends ausgedehnter als auf dem teleologischen

> Gebiet.

> Allein diese Entgegengesetztheit, in der sich das sehr mannigfaltige Verhältnis unserer inneren Kräfte zum

> objektiven Sein offenbart, verhindert keineswegs, daß einer und derselbe Inhalt aus der einen Kategorie in die

> andere übertrete.

> Gerade die Spontaneität der Endzwecksetzung, zusammen mit der Tatsache, daß die Mittel psychologisch an

> dem Werte ihres Zieles teilhaben, ermöglicht die Erscheinung, daß das Mittel für unser Bewußtsein völlig den

> Charakter eines definitiven, für sich befriedigenden Wertes annehmen kann.

> Obgleich dies nur durch die Unabhängigkeit der letzten Willensinstanz in uns von aller verstandesmäßigen

> logischen Begründung möglich ist, so kann die Tatsache selbst, so sehr sie der Zweckmäßigkeit

> zuwiderzulaufen scheint, derselben dennoch dienen.

> Es ist nämlich keineswegs ausgemacht, kann vielmehr nur bei ganz flüchtigem Hinsehen gelten, daß wir unsere

> Zwecke am besten erreichen, wenn sie uns am klarsten als solche bewußt sind.

> So schwierig und unvollkommen nämlich der Begriff des »unbewußten Zweckes« auch sei - die damit

> ausgedrückte Tatsache: daß unser Handeln in der genauesten Anpassung an gewisse Endziele verläuft und

> ohne irgendwelche Wirksamkeit derselben völlig unverständlich ist, während in unserem Bewußtsein von ihrer

> Wirksamkeit nichts zu finden ist - diese Tatsache wiederholt sich so unendlich oft und so unsere ganze

> Daseinsart bestimmend, daß wir eine besondere Bezeichnung für sie gar nicht entbehren können.

> Wir müßten sie nur mit dem Ausdruck des unbewußten Zweckes nicht erklärt, sondern nur benannt haben

> wollen.

> Das Problem wird durchsichtiger, wenn (> 232) wir uns das Selbstverständliche immer vor Augen halten, daß

> unser Handeln nie durch einen Zweck als durch etwas, was sein wird, verursacht ist, sondern immer nur durch

> ihn als eine physisch-psychische Energie, die vor dem Handeln besteht.

> Daraufhin läßt sich nun der folgende Sachverhalt vermuten.

> Unsere gesamten Betätigungen werden einerseits durch zentrale, aus unserem innerlichsten Ich entspringende

> Kräfte, andrerseits durch die Zufälligkeiten von Sinneseindrücken, Launen, äußeren Anregungen und

> Bedingtheiten gelenkt, und zwar in sehr mannigfaltigen Mischungen beider.

> Unser Handeln ist in demselben Maß zweckmäßiger, in dem der erstere Faktor überwiegt, in dem die aus

> dem geistigen Ich im engeren Sinne stammenden Energien alles mannigfaltig Gegebene in ihre eigene Richtung

> lenken.

> Wenn ein erhebliches Quantum gespannter Energie in uns einheitlich gesammelt ist, derart, daß ihre allmähliche

> Entladung eben jene unentwegte, alles Äußerliche von dem Ausgangspunkt her beherrschende Richtung

> einhält - eine Konstellation, - die sich formal identisch auch an nebensächlichen und verwerflichen Interessen

> verwirklicht - so heißt diese reale, physischpsychische Potentialität, wenn sie sich im begrifflichen Bewußtsein

> spiegelt, eben Zweck.

> Ist dieser nun als Bewußtseinsvorgang der seelische Reflex der so bezeichneten Energiespannung, so ist klar,

> wieso er, bei der tatsächlichen weiteren Entwicklung derselben, als bewußter fortfallen kann: denn eben sein

> reales Fundament ist ja in der Auflösung begriffen, es setzt sich allmählich in wirkliche Aktionen um und lebt

> nur noch in seinen Wirkungen fort.

> Und obgleich, nach der Struktur unseres Gedächtnisses, die einmal entstandene Zweckvorstellung, jene reale

> Grundlage überlebend, im Bewußtsein weiterbestehen kann, so ist dies doch für die Aktionen, die von ihr

> durchdrungen und gelenkt erscheinen, nicht erforderlich.

> Vielmehr, wenn diese Konstruktion richtig ist, so bedarf es, damit wir in teleologischen Reihen handeln, nur

> des Vorhanden-Gewesenseins jener Energieeinheit, also der einmaligen Existenz des Zweckes überhaupt.

> Was an ihm wirkliche Kraft war, lebt sich in dem daraufhin eintretenden Handeln aus, dieses bleibt von

> seinem Ausgangspunkt, dem Zwecke, gelenkt, gleichviel ob dieser als fortbestehender Bewußtseinsinhalt die

> praktische Reihe noch länger begleitet oder nicht.

> Nun ist aber weiterhin klar, daß, wenn das Bewußtsein des Zweckes lebendig bleibt, es nichts rein ideelles,

> sondern auch seinerseits ein Prozeß ist, der organische Kraft und Bewußtseinsintensität verbraucht.

> Die allgemeine Lebenszweckmäßigkeit wird also dahin streben, ihn auszuschalten, da er ja zu der

> teleologischen Lenkung unseres Handelns prinzipiell (von allen Komplikationen und Ab- (> 233)lenkungen

> abgesehen) nicht mehr nötig ist.

> Und dies scheint nun endlich die Erfahrungstatsache durchsichtig zu machen: daß das Endglied unserer

> praktischen Reihen, nur durch die Mittel realisierbar, um so sicherer von diesen hervorgebracht wird, je

> vollständiger unsere Kräfte auf die Hervorbringung der Mittel gerichtet und konzentriert sind.

> Eben diese Herstellung der Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; je gründlicher sie gelöst ist, desto mehr

> wird der Endzweck der Willensbemühung entraten können und sich als der mechanische Erfolg des Mittels

> einstellen.

> Dadurch, daß der Endzweck immerzu im Bewußtsein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft verbraucht,

> die der Arbeit an den Mitteln entzogen wird.

> Das praktisch Zweckmäßigste ist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zu

> verwirklichende Stufe der Zweckreihe; d. h., man kann für den Endzweck nichts Besseres tun, als das Mittel

> zu ihm so zu behandeln, als wäre es er selbst.

> Die Verteilung der psychologischen Akzente, deren es mangels unbeschränkt verfügbarer Kräfte bedarf, folgt

> also durchaus nicht der logischen Gliederung: während für diese das Mittel etwas völlig Gleichgültiges ist und

> alle Betonung auf dem Zweck liegt, verlangt die praktische Zweckmäßigkeit die direkte psychologische

> Umkehrung dieses Verhältnisses.

> Was die Menschheit dieser scheinbar so irrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen.

> Wir würden wahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie hinausgekommen sein, wenn unser

> Bewußtsein immer an diesen hängen und so für den Bau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein

> würde; oder wir würden eine unerträgliche und lähmende Zersplitterung erfahren, wenn wir bei der Arbeit an

> jedem untergeordneten Mittel die ganze Reihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem schließlichen

> Endzweck fortwährend im Bewußtsein haben müßten; wir würden endlich für die Aufgabe des Augenblicks

> oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben, wenn wir uns ihre Minimität gegenüber den letzten Zielen immer

> mit logischer Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, die dem Bewußtsein überhaupt

> entsprechen, gesammelt in den Dienst des vorläufig Notwendigen stellten.

> Es liegt auf der Hand, daß diese Metempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher stattfinden

> muß, je komplizierter die Technik des Lebens wird.

> Mit steigendem Wettbewerbe und steigender Arbeitsleistung werden die Zwecke des Lebens immer schwerer

> zu erreichen, d. h. es bedarf für sie eines immer höheren Unterbaues von Mitteln.

> Ein ungeheurer Prozentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in dem Interesse an der Technik, in

> jedem Sinne des Wortes, befangen; die Bedingungen, die die Verwirklichung ihrer Endabsichten (> 234)

> tragen, beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf sich, daß jene wirklichen

> Ziele dem Bewußtsein völlig entschwinden, ja, oft genug schließlich in Abrede gestellt werden.

> Das wird durch den Umstand begünstigt, daß in kulturell ausgebildeten Verhältnissen das Individuum schon in

> ein sehr vielgliedriges teleologisches System hineingeboren wird (z. B. in Hinsicht äußerer Sitten, nach deren

> Ursprung als Bedingungen sozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische Imperative

> gelten), daß er in die Mitarbeit an längst feststehenden Zwecken hineinwächst, daß sogar seine individuellen

> Ziele ihm vielfach als selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre entgegenkommen und mehr in

> seinem tatsächlichen Sein und Sich-Entwickeln als in deutlichem Bewußtsein zur Geltung gelangen.

> Alle diese Umstände helfen dazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt, sondern auch innerhalb des

> Lebens nur unvollständig über die Schwelle des Bewußtseins steigen zu lassen und die ganze Zuspitzung

> desselben auf die praktische Aufgabe, die Realisierung der Mittel, zu richten.

> Es bedarf wohl keines besonderen Nachweises, daß diese Vordatierung des Endzwecks an keiner

> Mittelinstanz des Lebens in solchem Umfange und so radikal stattfindet als am Geld.

> Niemals ist ein Objekt, das seinen Wert ausschließlich seiner Mittlerqualität, seiner Umsetzbarkeit in

> definitivere Werte verdankt, so gründlich und rückhaltslos zu einer psychologischen Absolutheit des Wertes,

> einem das praktische Bewußtsein ganz ausfüllenden Endzweck aufgewachsen.

> Auch wird diese abschließende Begehrtheit des Geldes gerade in dem Maße steigen müssen, in dem es immer

> reineren Mittelscharakter annimmt.

> Denn dieser bedeutet, daß der Kreis der für Geld beschaffbaren Gegenstände sich immer weiter ausdehnt,

> daß die Dinge sich immer widerstandsloser der Macht des Geldes ergeben, daß es selbst immer

> qualitätsloser, aber eben deshalb jeder Qualität der Dinge gegenüber gleich mächtig wird.

> Seine wachsende Bedeutung hängt daran, daß alles, was nicht bloß Mittel ist, aus ihm herausgeläutert wird,

> weil erst so die Reibungen mit den spezifischen Charakteren der Objekte hinwegfallen.

> Indem sein Wert als Mittel steigt, steigt sein Wert als Mittel, und zwar so hoch, daß es als Wert schlechthin

> gilt und das Zweckbewußtsein an ihm definitiv haltmacht.

> Die innere Polarität im Wesen des Geldes: das absolute Mittel zu sein und eben dadurch psychologisch für die

> meisten Menschen zum absoluten Zweck zu werden, macht es in eigentümlicher Weise zu einem Sinnbild, in

> dem die großen Regulative des praktischen Lebens gleichsam erstarrt sind.

> Wir sollen das Leben (> 235) so behandeln, als ob jeder seiner Augenblicke ein Endzweck wäre, jeder soll

> so wichtig genommen werden, als ob das Leben eigentlich um seinetwillen bis zu ihm gereicht hätte; und

> zugleich: wir sollen das Leben so führen, als ob überhaupt keiner seiner Augenblicke ein definitiver wäre, an

> keinem soll unser Wertgefühl stillhalten, sondern jeder hat als ein Durchgang und Mittel zu höheren und immer

> höheren Stufen zu gelten.

> Diese scheinbar widerspruchsvolle Doppelforderung an jeden Lebensmoment, ein schlechthin definitiver und

> ein schlechthin nicht definitiver zu sein, quillt aus den letzten Innerlichkeiten, in denen die Seele ihr Verhältnis

> zum Leben gestaltet - und findet, wunderlich genug, eine gleichsam ironische Erfüllung am Gelde, dem

> äußerlichsten, weil jenseits aller Qualitäten und Intensitäten stehenden Gebilde des Geistes.

> Der Umfang, in dem sich das Geld für das Wertbewußtsein verabsolutiert, hängt von der großen Wendung

> des wirtschaftlichen Interesses von der Urproduktion zum industriellen Betrieb ab.

> Die neuere Zeit und etwa das klassische Griechentum nehmen dem Gelde gegenüber hauptsächlich daraufhin

> so verschiedene Stellungen ein, weil es damals nur der Konsumtion, jetzt aber wesentlich auch der Produktion

> dient.

> Dieser Unterschied ist von der äußersten Wichtigkeit für die teleologische Rolle des Geldes, das sich auch hier

> als der treue Index der Wirtschaft überhaupt zeigt: denn auch das allgemeine ökonomische Interesse war

> damals viel mehr der Konsumtion als der Produktion zugewandt; die letztere war eben hauptsächlich

> agrarischer Art, und deren einfache und traditionell feststehende Technik fordert keine so erhebliche

> Aufwendung wirtschaftlichen Bewußtseins wie die fortwährend variierende Industrie, und läßt dieses deshalb

> sich mehr auf die andere Seite der Wirtschaft, die Konsumtion, richten.

> Die Entwicklung der Arbeit überhaupt zeigt dies Schema; bei den Naturvölkern ist sie fast nur eine solche, die

> um des unmittelbar folgenden Verbrauches willen geschieht, nicht um des Besitzes willen, der die Staffel zu

> weiterem Erwerbe abgäbe, weshalb denn auch die als sozialistisch zu bezeichnenden Bestrebungen und Ideale

> des Altertums wohl auf eine Organisierung der Konsumtion, aber nicht der produktiven Arbeit gehen; so daß

> sich hierin Platos Idealstaat ohne weiteres mit der athenischen Demokratie begegnet, zu deren Bekämpfung er

> gerade bestimmt war.

> Eine Stelle bei Aristoteles beleuchtet dies besonders scharf.

> Sobald für die politischen Funktionen ein Sold eingeführt wird, so bewirke dies in der Demokratie ein

> Übergewicht der Armen über die Reichen.

> Denn jene seien durch Privatgeschäfte weniger in Anspruch genommen als diese und haben deshalb mehr

> Zeit, ihre öffentlichen Rechte (> 236) auszuüben, was sie denn auch um des Soldes willen tun.

> Es ist hier also schlechthin selbstverständlich, daß die Armen die Beschäftigungsloseren sind.

> Ist dies aber, im Gegensatz zu späteren Zeiten, nichts Zufälliges, sondern ein prinzipiell in jener

> Wirtschaftsform Begründetes, so folgt, daß das Interesse der Massen eben nur darauf gehen konnte,

> unmittelbar zu leben zu haben: eine soziale Struktur, die die Arbeitslosigkeit der Armen voraussetzt, muß im

> wesentlichen ein konsumtives statt eines produktiven Interesses haben.

> Die sittlichen Vorschriften, die sich bei den Griechen über das ökonomische Gebiet finden, betreffen fast

> niemals den Erwerb - freilich schon deshalb, weil an die numerisch weit überragenden Urproduzenten, die

> Sklaven, sich überhaupt kein soziales oder ethisches Interesse knüpfte.

> Nur die Verwendung, nicht die Beschaffung gebe, wie Aristoteles meint, Gelegenheit zur Entfaltung positiver

> Sittlichkeit.

> Das harmoniert völlig mit seiner und Platos Meinung über das Geld, in dem beide nur ein notwendiges Übel

> erblicken.

> Denn wo die Wertbetonung ausschließlich auf der Konsumtion liegt, enthüllt das Geld seinen indifferenten und

> leeren Charakter besonders deutlich, weil es mit dem Endzweck der Wirtschaft unmittelbar konfrontiert wird;

> als Produktionsmittel rückt es von jenem weiter ab, es wird rings von anderen Mitteln umgeben, gegen die

> gehalten es eine ganz andere relative Bedeutung besitzt.

> Dieser Unterschied in dem Sinne des Geldes geht auf die letzten Entscheidungen in dem Geiste der Epochen

> zurück.

> Das Bewußtseins - Übergewicht des konsumtiven Interesses über das produktive ging, wie eben erwähnt,

> von dem Vorwiegen agrarischer Produktion aus; der Grundbesitz, die relativ unverlierbare und durch das

> Gesetz geschützteste Substanz, war der einzige, der dem Griechen das Beharren und die Einheit seines

> Lebensgefühls gewährleisten konnte.

> Darin war der Grieche doch noch Orientale, daß er sich die Kontinuität des Lebens nicht anders vorstellen

> konnte, denn als die Ausfüllung der Zeitreihe mit festen und beharrenden Inhalten: das war das Haften am

> Substanzbegriff, das die ganze griechische Philosophie charakterisiert.

> Keineswegs freilich ist damit die Wirklichkeit des griechischen Lebens bezeichnet, sondern gerade sein

> Versagtes, seine Sehnsucht und Erlösung: das ist die ungeheure Spannweite des griechischen Geistes, daß er

> seine Ideale nicht nur in der Fortsetzung und Komplettierung der Gegebenheit suchte, wie es bei weniger

> großen und schwungvollen Volksnaturellen geschieht; sondern daß ihre leidenschaftliche, gefährdete, durch

> fortwährende Parteiungen und Kämpfe zerrissene Realität ihre Vollendung in ihrem Anderen suchte, in der

> festen Begrenztheit und den ruhigen Formen ihres Denkens und Bildens.

> Völlig entgegen- (> 237) gesetzt ist die moderne Anschauung, die die Einheit und den Zusammenhang des

> Lebens in dem Kräftespiel und der gesetzlichen Aufeinanderfolge der inhaltlich abwechslungsvollsten

> Momente erblickt.

> Die ganze Mannigfaltigkeit und Bewegtheit unseres Lebens hebt uns nicht das Gefühl seiner Einheit auf -

> wenigstens prinzipiell nicht, sondern nur in Fällen, die wir selbst als Abirrungen oder Unzulänglichkeiten

> empfinden - ja gerade von jener wird es getragen, zu stärkstem Bewußtsein gebracht.

> Aber diese dynamische Einheit war den Griechen fremd; derselbe Grundzug, der ihre ästhetischen Ideale in

> den Formen der Architektur und der Plastik gipfeln ließ, der ihre Weltanschauung zu der Begrenztheit und

> Abrundung des Kosmos und zur Perhorreszierung der Unendlichkeit führte - eben dieser ließ sie die

> Kontinuität des Daseins nur als eine substanzielle anerkennen, die sich an den Grundbesitz anlehnt und an ihm

> verwirklicht, wie jene moderne am Geld mit seiner fließenden, sich stets aus sich heraussetzenden, die

> Gleichheit des Wesens an der höchsten und abwechselndsten Mannigfaltigkeit der Äquivalente darstellenden

> Natur.

> Dazu kam, um das eigentliche, auf das Geld basierte Handelsgeschäft bei den Griechen zu diskreditieren, daß

> dasselbe immer etwas Langsichtiges hat und mit der Berechenbarkeit der Zukunft operiert; ihnen aber

> erschien die Zukunft prinzipiell als etwas Unberechenbares, die Hoffnung auf sie als etwas äußerst

> Trügerisches, ja Vermessenes, durch das man den Zorn der Götter herausfordern konnte.

> All diese inneren und äußeren Momente der Lebensgestaltung sind so wechselwirkende, daß man kaum eines

> als das zeitlich fundamentale, unbedingt veranlassende bezeichnen kann.

> Der Charakter einer agrarischen Wirtschaft, mit ihrer Zuverlässigkeit, mit ihrer geringen und wenig variabeln

> Zahl der Mittelglieder, mit ihrem Betonen der Konsumtion gegenüber der Produktion einerseits, die auf die

> Substanzialität der Dinge gerichtete Sinnesart, die Scheu vor allem Unberechenbaren, bloß Labilen und

> Dynamischen andrerseits sind doch wohl nur verschiedenartige, durch das Medium differenzierter Interessen

> gebrochene Strahlen einer einheitlichen historischen Grundbeschaffenheit, die wir freilich mit unserem auf das

> Zerlegen angelegten Verstande nicht unmittelbar greifen und benennen können -oder sie gehören jenen

> Bildungen an, zwischen denen die Frage nach der Priorität überhaupt falsch gestellt ist, weil ihr Wesen von

> vornherein in der Wechselwirkung besteht, eines sich auf das andere und das andere auf das eine und so ins

> Unendliche aufbaut, in einem Zirkel, der für die Einzelheiten des Erkennens fehlerhaft, für seine grundlegenden

> Momente aber wesentlich und unvermeidlich ist.

> Wie sich das nun aber auch deuten lasse, die (> 238) Tatsache war, daß bei den Griechen Mittel und Zwecke

> der Wirtschaft nicht so weit auseinandertraten wie später, daß die ersteren deshalb nicht dasselbe

> psychologische Eigenleben gewannen wie später, und daß das Geld nicht so selbstverständlich und ohne

> innere Widerstände zu finden, zu einem selbständigen Werte aufwuchs.

> Die Bedeutung des Geldes, das größte und vollendetste Beispiel für die psychologische Steigerung der Mittel

> zu Zwecken zu sein - tritt erst in ihr volles Licht, wenn das Verhältnis zwischen Mittel und Endzweck noch

> näher beleuchtet wird.

> Ich habe vorhin schon eine Reihe von Veranlassungen erwähnt, die die wirklichen Ziele unseres Handelns vor

> uns selbst verbergen, so daß unser Wollen in Wirklichkeit auf ganz andere hingeht, als es uns selbst scheint.

> Wenn es aber so durchaus legitim ist, über die Zwecke innerhalb unseres Bewußtseins hinaus nach weiteren

> zu fragen - wo liegt die Grenze für dieses Hinausfragen.

> Wenn überhaupt einmal die teleologische Reihe nicht mit ihrem letzten momentan bewußten Gliede abschließt,

> ist dann nicht der Weg für ihren Weiterbau ins Unendliche eröffnet, ist es nicht geradezu erforderlich, uns mit

> keinem gegebenen Endzweck, auf den unser Handeln führe, zu begnügen, sondern für jeden eine noch weitere

> Begründung in einem noch darüber gelegenen zu suchen.

> Es tritt hinzu, daß kein erreichter Gewinn oder Zustand jene endgültige Befriedigung gewährt, die mit dem

> Begriff eines Endzweckes Iogisch verbunden ist, daß vielmehr jeder erreichte Punkt eigentlich nur als

> Durchgangsstadium zu einem darü