Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) bietet durchaus Sendungen, die Wissenswertes vermitteln. Beispiel : "Abenteuer Forschung". Allein diese genügt nicht, um das ZDF als Informations- und Bildungssender zu etablieren. Der hohe Anspruch scheitert vornehmlich an zwei Namen mit dem Anfangsbuchstaben "K": Knopp und Kerner. Guido Knopp präsentiert einmal wöchentlich sein Geschichtsmagazin "History". Er legt dabei größeren Wert auf die Darstellung historischer Größen als auf die Analyse von Hintergründen. Statt fundierter Aufklärung liefert Knopp Stoff zur Heranbildung weiterer Mythen und Legenden. Johannes B. Kerner (B. für Baptist, könnte aber auch für "Blender" oder "Blödmann" stehen) moderiert eine der flachsinnigsten, seifigsten Gesprächsrunden im deutschen Fernsehen. Substanzlose Fragen sind das Steckenpferd von "Muttis liebstem Schwiegersohn", der einfach nur nett sein will. Seine Beredsamkeit steht im Verdacht, die geballte Ahnungslosigkeit zu verdecken.
Mitte November vorigen Jahres bekam der ZDF-Zuschauer Kerner und Knopp an einem Abend im Doppelpack serviert. Kerner als jugendlich lässiger Moderator der Sendereihe "Unsere Besten - Wer ist der größte Deutsche?" Knopp als einen der Studiogäste, der sich für seinen "Favoriten", in diesem Fall Konrad Adenauer, stark machte. Ziel der Sendereihe war es, herauszufinden, welche Persönlichkeit der Zeitgeschichte die ZDF-Zuschauer als die bedeutenste einstufen. Auf der Basis von Zuschaueranrufen wurde eine Top 10 Liste aufgestellt, die man von Sendung zu Sendung aktualisierte. Dazwischen fanden Duelle zwischen den "Großen" statt, zum Beispiel Marx (vertreten von Grogor Gysi - PDS beziehungsweise SED-Nachfolgepartei) gegen Bismarck (vertreten durch Helmut Markwort - Chefredakteur "Focus"). Über Sinn und Unsinn des ganzen Unterfangens ließe sich ausgiebig diskutieren. Ähnlich wie in Knopps "History" wurde auch hier der Eindruck vermittelt, der Lauf der Geschichte würde von Einzelpersonen bestimmt, die nur allein auf Grund ihrer herausragenden Fähigkeiten in die jeweiligen Positionen gelangten. Das mag der kritische Historiker halbwegs für die Bereiche Kunst, Literatur, Musik und Wissenschaft gelten lassen. Nicht aber für die Politik. Gerade hier verhält es sich sehr viel komplizierter. Ausschlaggebend dafür, wer wo landet, sind soziale Herkunft, allgemeine Störungen und Umwälzungen im Zusammenhang mit Beziehungsgeflechten und Interessen bestimmter Personengruppen. Das alles zusammen ergibt die geschichtliche Entwicklung. Sie spült die Mächtigen erst in deren Positionen, die diese dann mehr oder weniger gut ausfüllen. Sie mögen ihren Stempelabdruck hinterlassen. Doch erst nachdem ihnen die Geschichte den Stempel in die Hand gedrückt hat. Der Rest ist Mythen- und Legendenbildung, die die Person großartiger und mächtiger macht, als sie ist. Ausgerechnet diese wird vom vermeintlichen Bildungssender ZDF bestens gehegt und gepflegt.
Nicht zuletzt an jenem Novemberabend, als sich der Legendenhistoriker Knopp aufraffte, den ZDF-Zuschauern seinen Favoriten Adenauer als besten und größten Deutschen anzupreisen. Ihm gegenüber saß WDR-Intendant Friedrich Nowottny in Vertretung von Willy Brandt. Nowottny bezichtigte Adenauer der groben Vernachlässigung der Ostpolitik. Darüber hinaus wagte er es aber nicht, an dem Denkmal des "Alten aus Rhöndorf" zu kratzen. Dabei ließen sich genügend historische Fakten anführen, die ausreichen, den ersten Kanzler der BRD mit Schwung vom Sockel zu kippen. So schwer es fällt zu beurteilen, wer der "größte Deutsche" ist, so zielsicher läßt sich feststellen: Adenauer ist es auf keinen Fall. Er ist lediglich der Meistüberschätzte. Guido Knopp tat alles, dieses Zerrbild aufrechtzuerhalten. Er machte Adenauer zum Vater des Wirtschaftswunders der 50er Jahre, zum Garanten der jungen deutschen Demokratie, zum Befreier der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, zum Architekten der Integration der Bundesrepublik ins westliche Bündnis, dem Gegenstück zu Brandts Ostpolitik.
So weit der Mythos. Nun zu den Fakten: Die Bundesrepublik wurde mit tatkräftiger Unterstützung der Westalliierten, zu deren besonderem Nutzen und Wohlergehen, gegründet. Von daher brauchte es auch nicht viel, sie in das westliche Bündnis zu integrieren. Sie diente dem Westen als Vorposten im kalten Krieg. Das angeblich von Adenauer geschaffene "Wirtschaftswunder" der 50er Jahre war eine Folge des 2. Weltkrieges und nicht eine hervorragende Tat des ehemaligen Oberbürgermeisters der Stadt Köln, die es rechtfertigen würde, diesen zum "größten Deutschen" zu machen. Bedingt durch den Krieg wurden alte Strukturen zerstört und so Raum geschaffen für Neuinvestitionen, getätigt im Zuge des Wiederaufbaus. Wenn in diesem Zusammenhang einem der Titel "größter Deutscher" beziehungsweise "größte Deutsche" verliehen werden sollte, dann den "Trümmerfrauen", die unser deutsches Vaterland aus Schutt und Asche wieder erblühen ließen. Nicht in Vergessenheit sollte geraten, daß die Ära Adenauer auch für die Beinahe-Abtretung des Saarlandes an Frankreich verantwortlich war. Hinter der demokratischen Maske verbarg der "Alte von Rhöndorf" den Autokraten und kalten Krieger, der sich mit der Freiheit Andersdenkender schwer tat. Der angebliche "Demokrat" Adenauer war weit davon entfernt, den Saustall, den er angerichtet hat, vor der eigenen Haustür auszumisten. Am allerwenigsten taugt die Realperson Adenauer zum Idealbild des rechtschaffenden, aufrichtigen, vertrauenswürdigen Politikers. Tatsächlich neigte kaum ein anderer so sehr zu Klüngelei wie er, hatte kaum wer eine derart ausgeprägte Selbstbedienungsmentalität. Als Oberbürgermeister von Köln führte er eine schwarze Kasse, ließ sich Privatausgaben aus der Stadtkasse erstatten und betrieb Insidergeschäfte mit Aktien (näheres siehe "Colonia Corrupta" von Werner Rügemer). Hinzu kamen später dubiose Spendenpraktiken, der mit seiner Unterstützung gegründeten "Staatsbürgerlichen Vereinigung 1954 e.V.". Das alles ist mehr als genug, um die Legende Adenauer zu entblättern. Das wiegt auch die ihm zugeschriebene Durchsetzung der Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nicht auf. Bis heute wird spekuliert, ob die sowjetische Seite deren Freilassung nicht ohnehin längst beschlossen hatte.
Adenauer soll der "größte Deutsche" sein. Er ist auf jeden Fall derjenige, der am größten gemacht wird. Und beim ZDF tragen sie nach bestem Wissen und Gewissen dazu bei. Aber was soll man auch von Sendungen erwarten, die ein Johannes B. Kerner moderiert? Noch am selben Abend empfing der König der Seifenbläser in seiner eigenen Gesprächsrunde, auf Neudeutsch "Talkshow" genannt, den bekannten US-Filmemacher und kritischen Autor Michael Moore (Stupid White Men"). Dieser tourte gerade durch Deutschland, um sein neuestes Buch vorzustellen, das US-Präsident Bush im Visier hat. Kerner konnte sich nicht verkneifen, Moore allen Ernstes zu fragen, was dieser gegen George W. Bush hätte. "Was hat der Mann Ihnen getan?" Als trage Moore in seinen Büchern eine persönliche Fehde zwischen sich und dem US-Präsidenten aus. Wer Michael Moore kennt, weiß, daß dies kompletter Unsinn ist. Es paßt halt nur so gut zur Personenfixiertheit des kernerischen (wie auch knoppschen) Weltbildes.
Moore blieb in der Sendung gegenüber Kerner höflich, verwies auf die Folgen der US-Kriegspolitik und belehrte Muttis naiven Schwiegersohn, daß Bush nicht der rechtmäßig gewählte Präsident der Vereinigten Staaten sei, sondern nur auf Grund massiver Wahlmanipulationen ins Weiße Haus gelangte. Kerner konnte es kaum fassen. Er hätte einen genaueren Blick in "Stupid White Men" werfen sollen. Da steht alles detailliert geschildert, auf Basis fundierter Quellen. Aber Lesen und Reden sind halt zweierlei. Schüler Kerner hatte schlichtweg seine Hausaufgaben nicht gemacht. Gibt nachträglich ein "Ungenügend" von mir. Lieber Michael Moore, suchen Sie sich bei der nächsten Deutschlandreise Moderatoren, die auch intelligente Fragen stellen können. Sie haben es nicht verdient, mit einem Kerner abgespeist zu werden!



LinkBack URL
About LinkBacks


Lesezeichen