NEKTAR DES ENTZÜCKENS aus dem BHAKTI YOGA
VORWORT
In der Gestalt Radhas offenbart sich nichts anderes als der Aspekt der
Seligkeit oder die Verzücken schaffende Kraft (Hladini Shakti) Krishnas,
der die Wahrheit, der Geist und die Seligkeit ist. Konkret ausgedrückt ist
Radha nichts anderes, als die einmalige und unvergleichliche Gestaltwerdung
reinster Liebe zu Krishna. Liebe ist der Ursprung dieser Verzücken
schaffenden Kraft, und die Quintessenz der Liebe heißt Madana
Mahabhava (verzehrende, höchste Liebe), deren lebendige Verkörperung
Radha ist. Sie selbst ist sichtbarer Ausdruck der Hladini Shakti. Sie ist die
Seele, die Gottheit, die über die reinste, ständig sich mehrende Liebe
regiert. Radhas einzige Aufgabe besteht darin, Krishna Freude zu bereiten,
indem sie ihm voll Reinheit und Selbstverleugnung ständig dient.
Dies ist der Sinn ihres Daseins.
In Krishna findet sich keinerlei sinnliche Begierde
nach ihr, noch die geringste, auch nur scheinbare Spur eines Verlangens
nach eigener Befriedigung.
Radha ist die vollkommenste Offenbahrung
göttlicher Schöpferkraft, während Krishna sie auf vollkommenste Weise
besitzt.
Beide sind ewig verschieden und nicht-verschieden.
In ihrem nicht-verschiedenen Aspekt ist Radha und Krishna ohne Anfang und Ende
und so immer identisch.
Seit ewiger Zeit leuchten sie als zwei Wesen, die
sich ihres transzendenten Spieles erfreuen, das voll Liebe und Entzücken
ist.
Radhas Liebe, oder Madana Mahabhava, ist zwar überaus vollkommen,
aber sie ist sich ihres göttlichen Charakters nicht bewusst. Sie entspringt sozusagen einer tiefen Zuneigung, die ihren Ursprung im
Gefühl des Meinseins findet.
Sie weiß nichts von ihrer Größe und bemüht
sich auch nicht um deren Anerkennung. Obwohl sie alles übertrifft, ist sie
frei von Egoismus und anderen Schwächen.
Die Liebe Radhas nimmt
allein in Madana Mahabhava eine einmalige Form an.
Auf diese Weise
dient Radha ihrem einzig geliebten Krishna; es ist die Liebe, die den
selbstlos Liebenden kennzeichnet. Das vollkommene Glück, das Radha in
ihrer Hingabe erlebt, ist unendlich viel größer, als das Liebesglück
Krishnas, der ihre Hingabe als Ziel ihrer Liebe empfängt.
Aus diesem Grunde sehnt sich Krishna danach, lieber Gefäß der Liebe als ihr Ziel zu
sein.
Mit anderen Worten: Er will die Rolle des Liebespenders spielen,
anstatt ausschließlich als Empfänger zu handeln; er will nicht nur
Gegenstand der Verehrung sein, sondern selbst verehren.
Deshalb nimmt
er selbst die Rolle des Anbeters an, obwohl er für Radha auf immer Ziel
ihrer Verehrung bleibt.
Wo Krishna der Liebende ist, ist Radha seine
Geliebte; wo Radha als Liebende spricht, ist Krishna Ziel ihrer Liebe.
Beide glauben, dass sie für den anderen keine Liebe empfinden, und sie
fühlen sich gering und einander verpflichtet, denn darin liegt das Wesen
wahrer Liebe.
3
Der größte Teil der Literatur, die sich mit der Liebe Krishnas und
Radhas beschäftigt, besteht aus Gedichten, in denen Krishna als Geliebter
und Radha als Liebende dargestellt werden.
In acht der hier vorliegenden
sechzehn Gedichte betrachtet Krishna Radha als seine Geliebte und als
Herrscherin im Königreich der Liebe; er selbst glaubt, keine Liebe zu
besitzen.
In den übrigen acht Gedichten entgegnet ihm Radha, und nun
spricht sie davon, dass sie keine Liebe besitze, während Krishna reich an
Liebe sei.
Auf diese Weise stellen die sechzehn Gedichte dar, wie im
Liebenden die Demut zunimmt, und sie erhöhen den Geliebten mehr und
mehr in seinen Augen.
Je mehr sich der Leser vom Geist der Gedichte gefangen nehmen lässt,
umso mehr wird er erkennen, wie rein, selbstlos, hingabebereit und
transzendent die Liebe Radhas und Krishnas ist.
Diese Gedichte wurden
veröffentlicht, damit alle jene, die diese Liebe als Ideal erkennen und sich
um sie bemühen, ihren Weg entsprechend wählen und sich von der Liebe
zu den Füßen Radhas und Krishnas mehr und mehr ergreifen lassen.
RADHA MADHAVAS
– NEKTAR DES ENTZÜCKENS –
16 Liebesgesänge
SALUT FÜR DIE HERRIN RADHA,
DIE VERKÖRPERUNG DER HÖCHSTEN LIEBE,
UND DEN HERRN KRISHNA,
DIE HÖCHSTE GLÜCKSELIGKEIT IN PERSON.
Beide sind Chakoravögeln gleich, bekannt für ihre Liebe zum Mond, in
ihrer Beziehung zu einander, und beide sind der Mond, der Geliebte der
genannten Vögel. Beide sind Bhramaras gleich, den schwarzen Bienen, in
Beziehung zueinander, und beide sind die Lotusblume, die Geliebte der
Bienen.
Beide sind Chataka Vögeln gleich, bekannt für ihre Liebe zur
Regenwolke, und beide stellen die Wolke dar, die Geliebte der Chatakas.
Beide sind Fischen gleich, die nicht ohne Wasser leben können, und beide
stellen das Wasser dar, das Geliebte der Fische.
Beide sind Quellen der Liebe, in denen die Liebe wohnt, und beide sind
sich Ziele der Liebe, an die sich die Liebe bindet. Beide sind Liebende und
Geliebte zugleich. Das Glück des einen ist abhängig vom Glück des
anderen.
Beide, die Herrin Radha, die Verkörperung der höchsten Liebe, und der
Herr Krishna, die höchste Glückseligkeit in Person, freuen sich am Genuss
ihrer seligen Mußestunden, und indem sie aus dem Kleinsten etwas zu
machen verstehen, gewähren sie einander immer neues Entzücken.
Beide sind von Ewigkeit her begabt mit zahllosen, sich widersprechenden
Charakterzügen und Merkmalen, die nicht durch Worte oder
Gedanken begriffen werden können und voll unübertrefflichem Zauber
und Eleganz sind.
Ich verneige mich wieder und wieder zu den Füßen der Herrin Radha
und des Herrn Krishna, vor dem einen Wesen in zwei verschiedenen
Erscheinungsformen, den Ozeanen ewigen Entzückens.
1. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNGEN AN RADHA
Du bist die wahre Quelle meines Daseins, oh Radha!
Du bist das
unvergleichliche, sich nie erschöpfende Elixier meines Lebens. Nichts
allüberall kommt Dir gleich.
So wie jedes Glied des Körpers reizvoll ist an seinem Platz, ohne Leben
aber nutzlos und bar aller Reize,
so bist Du, mein Liebling, die einzige Grundlage für die Freude an
allem.
Das Leben, welches einem jeden so teuer ist, wird fade ohne Dich.
Dein Leben allein haucht mit Leben ein.
Es ist Dein Geist, welcher
mich mit Geist begabt hat.
Mit einem einzigen Tropfen aus dem Ozean
Deiner Liebe bin ich imstande, jedermann zu entzücken.
Aus Deinem geheiligten Schatz an Seligkeiten erlangen selbst Bettler
einen Funken Freude. Du bist die Vollkommenheit in sich selbst, die nicht
ihresgleichen besitzt – bitte, vermute auch nicht eine Spur von Unwahrheit
darin.
Obgleich ich (wie ich Dir eben versichert habe) die Freude allein aus
Deiner Schatzkammer an Seligkeiten sparsam austeilte, so tue ich das nur
mit großer Mäßigkeit, mit äußerster Zurückhaltung, Rücksicht und
Zaghaftigkeit. Zu keiner Zeit hat jemals irgendwo ein solch freigebiger
Besitzer der Seligkeit existiert, wie Du es bist.
Was mich selbst anbetrifft, so hast Du einen unendlichen, ewigen
Anspruch auf mich und eine Fülle von Rechten in jeder Weise. Indem Du
mich zu einem Instrument Deiner Freigebigkeit machst, veranlasst Du
Deine eigenen anderen Selbste (die Kuhhirtinnen von Vraja), sehr
großzügig Seligkeiten auszuteilen.
Ich wünsche nur, dass durch Deine Geheimnisvolle und bezaubernde,
süße Liebe ich immer fortfahren möge, Dir als ein Instrument zu dienen
zur Aufheiterung mancher trüber Stimmungen.
2. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Ich bin nur Deine ewige Dienerin.
Du bist der Herr meines Atems, der
größte Schatz meines Lebens.
Zu Deinen Füßen werfe ich mich selbst als
Opfergabe.
Du darfst an mich Deine höchste Liebe verschwenden und mich als
ganz Dein Eigen empfangen, geistig so gut wie körperlich. Oder Du magst
eine feindliche Haltung mir gegenüber annehmen, Furcht in mir erwecken,
mich verfolgen und verschmähen.
In Deinem Glück allein liegt mein Glück, ich kenne kein anderen
Glück. Wenn Du Dich an meinem Leid freust, so sehe ich das als eine
unvergleichliche Wohltat an.
Ich erfreue mich an Deinem Glück. Keine andere Freude existiert in
meiner Vorstellung. Ich wünsche nichts, als Dich glücklich zu sehen in
jedem Augenblick des Tages und der Nacht, am Morgen und am Abend.
Ich lasse meinen Geist vor Dir leuchten und pflege meinen Körper nur,
um Dich glücklich zu sehen. Mich Dir zu Füßen darbringend folge ich
immer nur dem, was Dir gefällt.
Weil du dabei glücklich bist, mich „Königin meines Lebens“ zu
nennen, „Geliebte meines Herzens“ oder „Liebling“, nehme ich alle diese
Kosenamen entgegen, obgleich mein Herz dabei verwirrt ist.
3. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Radha, Du Objekt meiner Anbetung, mein Geist lebt in dem Deinen
immerdar. Um Deines gesegneten Anblicks willen habe ich mich in
Gokula niedergelassen.
Der Sinn meines Lebens ist allein, das wahre Wesen der Liebe, welche
in Dir wohnt, zu erfassen und zu kosten. Mit diesen Gedanken im Sinn
streife ich Tag und Nacht umher und spiele auf meiner Flöte.
In dieser Absicht gehe ich aus, um zu baden, und bleibe an den Ufern
der Yamuna sitzen.
Mein Geist sehnt sich ruhelos nach dem gesegneten
Anblick Deiner süßen Reize.
Aus diesem Grunde verweile ich unter dem Kadamba-Baum und
meditiere in jedem Augenblick über Dich. Wie der Chataka Vogel nach
einem Schluck Regenwasser dürstet im gegebenen Augenblick, wenn die
Konstellation Swati aufgeht, so dürstet mich nach Deiner Schönheit.
Die wohltuende Süße Deiner Schönheit, Deiner liebenswerten
Neigungen und Tugenden haben für immer mein Herz gestohlen. Ich singe
das Lob Deiner Liebe in jedem Augenblick und bleibe stets darin
versunken.
4. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Lausche, oh Prinz des Lords von Vraja, dem folgenden meiner
demütigen Gebete. Du allein sollst die Stütze meines Lebens sein in
Äonen, von Geburt zu Wiedergeburt.
Lass mich immerdar fortfahren, wie eine schwarze Biene über den
Pollen Deiner Lotusfüße zu summen, oh Liebling von Nanda. Lass mich
immerdar um Dich gerankt bleiben, wie eine goldene Schlingpflanze um
einen jungen Tamalabaum, der sich durch seine dunkle Rinde
auszeichnet.
Indem ich mein Leben zu Deinen Füßen hingegeben habe, habe ich
mein ganzes Selbst für alle kommende Zeit in Deine Dienste gestellt. Mit
dem Band der Liebe an Deine Füße gebunden, ist mein Leben aufs
höchste gesegnet worden.
Ich habe erkannt, dass in allen drei Welten niemand anders als Du mein
ist. Wer sonst spricht mich an, indem er mich „Radha“ ruft, und wem habe
ich, Radha, je einen Blick zugeworfen?
Wer ist mein in dieser meines Vaters Familie und jener meines
Ehegatten und in ganz Vraja, diesem Weideplatz der Kuhherden? Indem
ich ausschließlich den Schutz Deiner roten, weichen, lotosgleichen Füße
suche, bin ich stumm geworden.
Ohne Dich zu sehen, findet mein Gemüt auch nicht für einen
Augenblick Frieden. Du bist für immer der Herr meines Lebens; wem
außer Dir soll ich mein Herz öffnen?
Mich als bar aller körperlichen Reize, liebenswerten Neigungen und
Tugenden betrachtend, weise mich nur ab soviel Du kannst. Ich, der Staub
vor Deinen Füßen, werden in jedem Augenblick an Deine Sohlen
geklammert bleiben: Das ist alles, was ich weiß.
9
5. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Oh Entzücken des Prinzen Vrshabhanu, oh unvergleichliche Quelle der
nektargleichen Süße der Liebe, ich, der ich umherstreife von Wald zu
Wald die Kühe weidend, was kann ich wissen von den Gesetzen der
Liebe?
Mich immer nur in der Gesellschaft von Kuhhirtinnen bewegend, spiele
ich immer nur ländliche Spiele. Welche Verwandtschaft kann ich, der ich
nicht besser als heißer Sand bin, mit Dir haben, Du Strom nektargleicher
Liebe?
Wenn Du, oh Königin, übersprudelnd von Liebe, mir Deinen
gesegneten, geliebten Anblick gewährst, überkommt mich übermäßige
Freude und meine Verpflichtung gegen Dich wächst über alle Maßen.
Wie werde ich jemals imstande sein, meine Schuld zurückzahlen, wo
mir doch ewig am Reichtum der Liebe mangelt? Es ist an Dir allein
fortzufahren, mich mit den Gaben der Liebe aus reinem Mitleid heraus zu
segnen.
6. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Oh jugendlicher Liebling des Lords von Vraja, dunkelbraunhäutig und
reizend anzusehen, mit Augen, die den Kelchblättern der Lotosblüte
ähneln, oh Erlöser aus allem Ungemach, lass mich Dich unaufhörlich im
Tempel meines Herzens anschauen, oh Eroberer meiner Seele!
Alle die bergehohen Schranken von weltlichem Ansehen, gutem
Betragen, Ehre, Familienstellung und Moral zerschmetternd, lass mich
Dich stets an meiner Seite haben und Dich niemals fortschicken, sei es
auch noch so nah, nicht für die winzige Spanne eines Augenblicks.
Ich bin jedoch nur eine überaus bäuerische Kuhhirtin, bar aller
Vorzüge, das Brandmal niedriger Geburt tragend und zu allen Zeiten
hässlich in meiner Erscheinung, während Du hingegen wohlerzogen im
Betragen bist, eine Fundgrube an Tugenden, ein leuchtendes Juwel Deiner
Rasse und die Schönheit in Person.
Während ich jedes ästhetische Gefühl vermissen lasse und bar allen
guten Geschmacks bin, bist Du ein Meister in gutem Geschmack und das
allerhöchste Juwel eines Mannes von gutem Geschmack. Wie dem auch
sei, oh Ozean des Mitleids, Du bleibst in meinem Busen gehegt.
7. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Meine geliebteste Radha, Deine Glorie ist unvergleichlich, unaussprechlich
und unendlich. Von Ewigkeit zu Ewigkeit habe ich sie ohne
Unterlass gesungen und finde doch nirgendwo ein Ende.
Deine liebliche Rede, die unschätzbar ist, ergießt nektarhaftes
Entzücken in mein Herz. Ich bin für immer gefesselt durch Deine
reizenden Lotosaugen und Deine geschwungenen Augenbrauen.
Ich wiederhole immer wieder auf meiner Flöte Deinen unvergleichlich
süßen und transzendenten Namen, und mit unersättlichen Augen trinke ich
in jedem Augenblick Deine außergewöhnliche Schönheit.
Nirgendwo konnte ich solche unschuldig reine Liebe finden,
nirgendwo war meines Herzens Sehnsucht verwirklicht. In Dir allein habe
ich die Persönlichkeit gefunden, welche meine Wünsche erfüllt hat.
Das große Wunder Deiner außerordentlichen Liebe ist es, angenehmes
Verlangen und genussvolle Sehnsucht in mir zu erwecken, der ich
gleichzeitig stets befriedigt und ewig frei von Wünschen bin.
8. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Die Frage, was ich Dir geben könnte, hat immer meine Gedanken
beschäftigt, oh Reichtum meines Lebens! Tatsächlich bist Du allein der
Schatz, nach dem ich suche, um ihn Dir zu verleihen.
Du allein bist das Teuerste meines Lebens, und ich bin immer Dein, oh
Geliebtester! Ich stehe jeden Augenblick zu Deinen Füßen bereit, Dir
darzubringen, was in Wirklichkeit Dir gehört.
Mit welchen Worten soll ich klar zum Ausdruck bringe, mein Liebling,
was meine Seele fühlt? Während andere viele haben, die sie ihre
Angehörigen nennen, habe ich niemand anderen mir zu eigen als Dich
allein, oh Geliebtester!
Tatsächlich bist Du die einzige Krönung all meiner Bemühungen. Du
allein bist der Herrscher meines Lebens und mein dauernder Reichtum.
Das ist alles, was ich zu sagen habe.
Die Bande des Körpers, der Eigentumsrechte und der Verwandtschaft
haben sich gelöst. Die Schmerzen in Gestalt von Vergnügungssucht und
das Suchen nach Freiheit haben mich für immer verlassen. Ich wurde
gesegnet, indem ich der geliebten Verbindung mit Dir versichert wurde,
oh Geliebtester!
9. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Meine geliebte Radha, in der sich mein Lebensatem verkörpert hat, die
Quelle meines Daseins, Dich zu vergessen, könnte ich nicht einen
Augenblick überleben, oh süßer Liebling!
Durch jeden meiner Atemzüge fließt der immerwährende heilige
Strom des Gedenkens Deiner. Bis ins Innerste durchschauert, hört jedes
Haar meines Körpers niemals auf, Dich zu umarmen.
Meine Augen betrachten Dich in jedem Augenblick, und diese Ohren
trinken Deine süßen Worte. Meine Nase atmet den Duft Deiner
Persönlichkeit ein, während die Zunge die nektargleiche Süße Deiner
Lippen genießt.
Jedes meiner Glieder wird geheiligt durch die geliebte Berührung mit
Deinem Körper. Die Süße Deiner Liebe erhält in jedem Augenblick
frischen Reiz und wächst, und damit erblüht auch die Freude meines
Herzens immer wieder von neuem.
10. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Du allein bist mein Reichtum, mein nächster Verwandter und mein
Leben. Du allein bist mir Körper und Seele. Du bist mein ganzer Halt. In
Dir allein wohnt all meine Freude, mein lieber und einzig Naher, der
Inhalt meines Lebens.
Kurz und gut, Du bist alles, was ich brauche und die Lösung für alles.
Du bist das einzig heilige und zauberhafte Idol, das würdig ist, in jedem
Augenblick auf jegliche Weise angebetet zu werden.
Du allein bestimmst all meine Angelegenheiten und Aufenthalte, Du
bist der einzige, zu dem ich gehöre. Du thronst Tag und Nacht als Gottheit
im Tempel meiner Seele. Immer voller Wonne strahlst Du bei Tag und
Nacht Freude aus auf den entzückenden See meiner Seele.
Du verleihst in jedem Augenblick all meinen Sinnen Deinen heiligsten
und lebenspendenden Kontakt. In meinem Innern sowie in meinem
Äußeren bist Du unaufhörlich dabei, Deine Melodie zu stimmen.
Gehe niemals aus dem Blickfeld meiner Augen, lass Dich niemals von
mir trennen! Wenn Du mir vereint, vielmehr ganz mit mir eins geworden
bist, genießt Du und lässt mich die ungetrübte Glückseligkeit genießen,
die Dir eigen ist.
In diesem Genuss jedoch hege ich keinerlei Absicht, die von der Deinen
verschieden ist. All mein Begehren hat sein Ende erreicht, und die Bäume
des Egoismus und des Besitzrechts sind verrottet und zerfallen.
Du bist der Genießende, der Gegenstand des Genusses und alles, und
Du allein bist es, der in Form des Genusses erscheint. Vielmehr, indem Du
die Gestalt meiner Seele annimmst, erfährst Du allein die Freude der
Vereinigung sowie den Schmerz der Trennung.
11. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Mein Körper und meine Seele, alles gehört Dir. Du allein bist für immer
meine einzige Königin. Dieser mein Körper oder Geist kann weder der
Genießer noch der Gegenstand des Genusses anderer sein. Dies ist mein
unfehlbares Gelübde.
Es ist wahr, mein Körper, im allgemeinen gesprochen, verbleibt nicht
immer an Deiner Seite; mein Astralkörper jedoch kann nicht für einen
einzigen Augenblick Dir unvereint bleiben und wird äußerst ungeduldig.
Er bleibt immerdar mit Dir vereint und an die Sohlen Deiner Füße
geheftet. Du allein bist unmissverständlich die einzige Lebensbedingung
seines Lebens.
Kein anderer hat jemals den geringsten Anspruch darauf gehabt oder
soll ihn je haben. Er wird niemals Anstrengungen machen, irgendjemanden
zu entzünden oder von irgendjemandem auf irgendeine Weise Freude
zu erlangen.
Wenn er jemals in Liebe zu irgendeinem gesehen oder von
irgendeinem anderen nur im geringsten Maße geliebt wird, so ist das
nichts als ein heiliger Widerschein Deiner Liebe allein.
Du kannst mir sagen, was immer Du magst. Ich stehe immer zu Deiner
Verfügung. Aber bitte, verstehe das nicht falsch, und nenne Dich niemals
demütig.
Nichtsdestoweniger bin ich niemals imstande, alle Deine Wünsche zu
erfüllen. Darum fahre ich fort, eine dauernde Quelle des Kummers für
Dich zu sein.
Im vertrauen auf Dein gutmütiges Wesen vergiss bitte all meine
Ungehörigkeiten und fahre fort, mich durch die Gabe des heiligen Staubes
von Deinen Lotosfüßen zu segnen.
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12. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Ich habe immer und einzig nur von Dir empfangen und wurde niemals
müde, immer wieder neue Ansprüche an Dich zu stellen. Liebe und Segen
über alle Maßen sind mir zuteil geworden, und nichts davon konnte ich
zurückgeben.
Niemals hast Du Dich darum gekümmert, meine Nachteile und Fehler
anzusehen. Du hast immer nur den Spender gespielt und bist niemals
ermüdet im Geben. Und noch viel mehr, Du hast alle Deine Liebe an mich
verschwendet.
Und doch sagst Du: „Ich konnte Dir niemals irgendetwas geben, mein
Liebling! Du bist unvergleichlich in liebenswerten Neigungen und
Tugenden. Ich stehe, mich Dir selbst darbringend, zu Deinen Füßen.“
Was soll ich darauf antworten, Du liebstes Gut meines Lebens? Ich
fühle mich so klein, wenn ich mich selbst betrachte. Du liest Liebe in jeder
meiner Handlungen, oh jugendvoller Liebling von Nanda!
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13. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Radha, Du allein bist das Entzücken meiner Seele, vielmehr mein
eigenes Bewusstsein selbst. Du allein bist mein ewiges Selbst, so wie
Deine Seele in mir enthalten ist.
Dir verdanke ich meine Existenz, mein Lebensatem hat seine Quelle in
Dir. Du allein bist mein Geist, Verstand, Augenlicht, Gehör, Tastsinn und
Geschmackssinn. Du allein bist mein Geruchssinn.
Du allein enthältst alle die wundervollen Organe meiner Sinne, die
groben wie die feinen. Du bist ich, und ich bin Du. Alles in allem – die
Verwandtschaft zwischen Dir und mir hat nirgendwo seinesgleichen.
Ich existiere nicht getrennt von Dir, und Du hast keine Existenz
getrennt von mir. Diese einzigartige Beziehung unveränderlicher
Gleichartigkeit besteht zwischen uns. Kurz gesagt ist das die ganze
Wahrheit unserer Existenz.
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14. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Du bist die unerschöpfliche Fontäne aus Nektar in der schönsten
Form; vollkommen Süße, welche kein Ende kennt, wohnt in Dir. Du bist
der grenzenlose Ozean der Göttlichkeit. Immerwährend wohnt aller
reiner Heldenmut in Dir.
Als ein Ozean aller höchsten Tugenden wirfst Du Deine Wogen nach
allen Seiten in unendlicher Ausdehnung. Du bist eine unvergleichliche
Schatzkammer aller transzendenten Seligkeiten, ein vollkommener
Liebhaber der Schönheit, unendliche Glückseligkeit in Person.
Derjenige, welcher unermesslich, unbegrenzt und ungebunden ist, was
Vortrefflichkeit und Glückseligkeit anbetrifft, bedarf somit auf keinerlei
Weise irgendeiner Tugend oder Seligkeit.
Ich jedoch habe absolut keine Tugenden, bin grob in den Manieren,
und bäurisch in jeder Beziehung. Ich lasse Schönheit und Süße vermissen,
bin rau, hässlich und eine wahre Wohnstätte aller Übel.
Ich habe nichts, womit ich Dir Entzücken spenden kann, womit ich
Dich bezaubern kann, womit ich Dich anbeten und ehren kann.
Und doch behaupte ich etwas zu haben, das andere nicht mit mir
teilen, das wirklich kein Ende kennt und nicht seinesgleichen findet. Das
ist, dass Du mir immer teuer bist. Obgleich an sich unbedeutend, ist es zu
gleicher Zeit doch etwas von großer Tragweite.
Dies allein genügte, Dich zu bezaubern, und Du nahmst mich als Dein
Eigen an. Du kamst aus Deinem eigenen freien Willen und botest Dich
mir selbst an ohne die geringste Überlegung.
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Ganz und gar Deine höhere Natur und Göttlichkeit vergessend, sowie
alle Deine Ansprüche auf Herrentum, trafst Du mich, unbedeutend wie ich
bin, auf gleicher Ebene, indem Du selber unbedeutend wurdest und alle
Bedenken abschütteltest,
als wärest Du ganz ungeduldig, mich zu treffen und äußerst ruhelos.
Noch viel mehr – Deine wahre Natur, Dein allumfassendes Wesen
vergessend, fingst Du an, Tränen zu vergießen.
Dich unruhig fühlend und Dich selbst anklagend mit unbegründeter
Erregung suchtest Du das Ufer des Flusses reiner Liebe auf und begannst,
tief darin unterzutauchen, gegen jegliche Nachsicht verstoßend und alle
gesellschaftlichen Schranken zerschmetternd.
Der heilige Strom der Liebe erhob sich in unbändigem Maße,
überflutete seine Ufer und breitete sich überall aus. Alle Gegensätze lösten
sich darin auf, und da war kein Ende und kein Anfang irgendwo zu
sehen.
Die Unterscheidung zwischen Liebendem, Liebe und höchstem
Geliebten verschwand aus Deinem Geist, und Du warst in Ekstase
verloren. Du hattest kein Bewusstsein, nicht einmal, ob ich allein, Dein
Liebling Radha, existierte, noch ob Du, mein geliebter Herr Krishna,
Nandas jugendlicher Sohn, allein übrigbliebst.
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15. KRISHNAS LIEBESBETEUERUNG AN RADHA
Radha, Du bist mein einziger, ebenbürtiger Partner; niemand anders
kann sich irgendwo mit Dir vergleichen. In Dir braust ein unerschöpflicher
Ozean an nektargleicher Liebe, welcher kein Ende oder Anfang kennt.
Ich bleibe immer darin versunken und steige niemals zur Oberfläche.
Durch Deinen Willen allein werde ich gelegentlich hoch auf die Wellen
geworfen.
Aber auch jene Wellen singen nur Deine freudenspendende Herrlichkeit.
Ihr ganzer Reiz und ihre Süße wird einzig von Dir bestimmt.
Doch wenn ich auch auf ihrer Außenseite schaukle, so komme ich
natürlich nur zur Oberfläche, um Dir Freude zu bereiten.
Du ergießt verschwenderisch Gnade über mich, oh meine Königin, die
keine Rivalin hat! Du befeuerst die Augenblicke meines Lebens, indem
Du mich jederzeit an Deiner Seite behältst.
Indem Du mit unergründlichen Augen meine guten Seiten siehst,
bleibst Du immer damit beschäftigt, mich zu verherrlichen. Du steigerst
meine einzige Freude immerdar und durchflutest meine Brust mit
grenzenloser Fröhlichkeit.
Ich bin immer, immer, immer Dein, kein anderer irgendwo auf der Welt
kann jemals den geringsten Anspruch auf diesen, Deinen ewigen und
ausschließlichen Diener erheben.
Ich will immer nach Deiner Flöte tanzen. Das ist meine einzige, heilige
Pflicht, dies entspricht meiner angeborenen Natur und ist meine einzige
natürliche Beschäftigung.
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16. RADHAS LIEBESBETEUERUNG AN KRISHNA
Du bist der Arbeiter und ich ein von Dir gemachtes Instrument. Ich bin
eine Puppe und Du der Drahtzieher. Du lässt mich handeln, sprechen und
tanzen, wie Du willst.
Ich handle, spreche und tanze immer nur, wie es Dein Wille
vorschreibt, ohne Ichbewusstsein. Meine Seele ist still – nein, ich habe gar
keine eigene Seele. Ich bin ein Spielzeug ohne Eigenwillen, und Du bist
der Spielende.
Ich bin stumm, für ewig unfähig zu handeln und mich zu rühren, und
für immer frei von krankhaften Neigungen. Tue jederzeit, was immer Dir
gefällt, ohne irgendwelche Bedingungen oder Einschränkungen von
meiner Seite.
Leben und Tod bedeuten nichts für mich. Und was frage ich nach Ehre
und Schmach? All dies ist nichts als ewiger Zeitvertreib für Dich, der Du
so voll Glückseligkeit bist, mein einzig Geliebter!
Mich zu einem Spielzeug in Deinen Händen machend, hast Du mich
aufs höchste gesegnet. Aber wer bin ich, sogar das zu glauben oder zu
wissen? Du allein kennst Deine eigenen Angelegenheiten und
Handlungen.
Sogar während ich gerade dies geäußert habe, weißt Du, wer in mir
wirkt. Du bist es, der Du mich zu Deinem Organ gemacht hast, der aus mir
wie ein plapperndes Mädchen sprach. Ich für meinen Teil bin frei von
Verantwortung und stumm.
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NACHWORT
Diese Gesänge stellen die die Seele gefangen nehmenden Gefühle der
Herrin Radha dar, welche nichts anderes ist als die Verkörperung der
höchsten Liebe, und des Herrn Krishna, die höchste Glückseligkeit in
Person, und geben ihrer transzendenten und wohltuenden Sehnsucht
Ausdruck, die voll tiefgründiger Liebe und mit Demut geschmückt ist.
Indem sie ganz einfach alles füreinander aufgegeben haben, haben
beide die Rolle übernommen, sich aneinander zu erfreuen mit Herzen, die
von Liebe überfließen.
Beide stellen ewig füreinander sowohl den Liebenden als auch den
Geliebtesten dar. Sie sind dauernde, unerschöpfliche, unvorstellbare,
heilige und unerklärliche Brunnen der Liebe.
Jede Freude und jeden Kummer begrüßen beide erfreut, sofern diese nur
eine Quelle des Glücks für den höchst Geliebten sind. Alle anderen
falschen Hindernisse für das eigene Glück sind ganz natürlich
verschwunden.
Die Süße der Liebe, die zwischen dem Herrn Krishna und der Herrin
Radha besteht, ist unsagbar und unvorstellbar. Die vorangehenden
16 Gesänge geben nur eine schwache Vorstellung davon, so wie die Nähe
des Neumondes dem Ast eines Baumes nur dazu dient, ihn seine Stellung
fühlen zu lassen, der jedoch selbst unfähig ist, ihn (den Mond) wahrzunehmen.
23
Über den Autor der Radha Madhavas
Sri Hanumanprasadji Poddar wird von vielen als großer Heiliger
betrachtet, welcher dazu beitrug, die Religion und Kultur seines Landes
neu zu beleben. Er wurde am 17. September 1892 in Shillong/Assam im
Nordosten Indiens geboren. Sein Widerstand gegen die englische Besatzung
veranlasste die Regierung im Jahre 1916 dazu, ihn für 21 Monate
zu verhaften. In dieser Zeit geschah es, dass er sich Gott zuwandte. 45
Jahre lang gab er eine bekannte Zeitschrift über Religion und Liebe zu
Gott heraus („Kalyan“ in Hindi) und leitete auch die Veröffentlichung
einer ähnlichen Zeitschrift in englischer Sprache („Kalyan Kalpataru“).
Außerdem verfasste er zahlreiche Werke in Prosa und Gedichte, die
jedoch seinen Namen meistens nicht trugen, da er sich in keiner Weise
hervortun wollte. Seine spirituelle Größe erhob sich über die verschiedenen
Kasten und Glaubensrichtungen. Sri Hanumanprasadji Poddar gab
auch den Hauptanstoß zu den zahlreichen Veröffentlichungen der Gita
Press, die damit die Upanishaden, die Puranas, das Mahabaratam, das
Ramayana und viele religiöse Schriften ganz Indien zugänglich machte.
Es existiert heutzutage kaum eine gebildete Familie in Indien, bei der man
kein Buch der Gita Press findet. Der Eifer von Sri Hanumanprasadji
Poddar war die maßgebliche Ursache für diese Verbreitung. Sri Poddarji
verließ seinen Körper am 22. März 1971 in Gita Vatika, Gorakhpur, wo
ein ehrwürdiges Denkmal über seiner heiligen Asche errichtet wurde, das
zu einem Ort der Pilgerschaft geworden ist.
***



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