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Thema: Epiktet: HANDBUCH DER MORAL

  1. #1
    Musa Musa
    Gast

    Epiktet: HANDBUCH DER MORAL

    >Ich finde, die Auseinadnersetzung mit Moral gehört in die Praxis- Arbeit, daher entschied ich mich den Text von Epiktet hierher zu stellen.

    >Epiktets Text soll eher als Anregung für das Eigene Selbststudium und Philosophieren dienen, denn man muss nicht nach einem gültigen "Moralmodell" (Religion, Staat ...) leben / handeln, sondern seine eigene Definition kreiiren, den diese Moralmodelle, die die eigene Individualität zu gunsten einer Gemeinschaftsnorm opfern, sind immer zum Scheitern verurteilt.

    >Gruss

    >Musa

    >--------------------------------------------------------------------------------

    >WAS IN UNSERER MACHT STEHT UND WAS NICHT (1)

    >Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht. In unserer Macht stehen: Annehmen und Auffassen, Handeln, Wollen,

    >Begehren und Ablehnen - alles, was wir selbst in Gang setzen und zu verantworten haben. Nicht in unserer Macht stehen: unser

    >Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung - kurz: alles, was wir selbst nicht in Gang setzen und zu

    >verantworten haben.

    >Was sich in unserer Macht befindet, ist von Natur aus frei und läßt sich von einem Außenstehenden nicht behindern oder stören;

    >was sich aber nicht in unserer Macht befindet, ist ohne Kraft, unfrei, läßt sich von außen behindern und ist fremdem Einfluß

    >ausgesetzt. Denk daran: Wenn du das von Natur aus Unfreie für frei und das Fremde für dein Eigentum hältst, dann wirst du dir

    >selbst im Wege stehen, Grund zum Klagen haben, dich aufregen und aller Welt Vorwürfe machen; hältst du aber nur das für

    >dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde aber für fremd, dann wird niemand jemals Zwang auf dich ausüben,

    >niemand wird dich behindern, du brauchst niemandem Vorwürfe zu machen oder die Schuld an etwas zu geben, wirst nichts

    >gegen deinen Willen tun, keine Feinde haben, und niemand kann dir schaden; denn es gibt nichts, was dir Schaden zufügen

    >könnte.

    >Wenn du nach einem so hohen Ziel strebst, dann sei dir bewußt, daß dies mit erheblicher Anstrengung verbunden ist: Du mußt

    >auf manches ganz verzichten und manches zeitweilig aufgeben. Wenn du aber nicht nur dieses willst, sondern auch noch der

    >Macht und dem Reichtum nachjagst, dann wirst du wahrscheinlich nicht einmal hierin Erfolg haben, weil du zugleich das andere

    >haben willst. Auf keinen Fall aber wirst du das bekommen, wodurch allein Freiheit und Glück möglich sind. Bemühe dich daher,

    >jedem unangenehmen Eindruck sofort mit den Worten zu begegnen: «Du bist nur ein Eindruck, und ganz und gar nicht das, was

    >du zu sein scheinst. » Dann prüfe und beurteile den Eindruck nach den Regeln, die du beherrschst, vor allem nach der ersten

    >Regel, ob sich der Eindruck auf die Dinge bezieht, die in unserer Macht stehen oder nicht; und wenn er sich auf etwas bezieht,

    >was nicht in unserer Macht steht, dann sag dir sofort: «Es geht mich nichts an.»

    >

    >WAS MAN BEGEHREN UND WAS MAN ABLEHNEN SOLL (2)

    >Merke dir: Begehren zielt darauf, daß man das, was man begehrt, auch bekommt; Ablehnung zielt darauf, daß einem das, was

    >man ablehnt, nicht zuteil wird, und wer sein Begehren nicht befriedigen kann, ist unglücklich; unglücklich ist aber auch, wem das

    >zuteil wird, was er vermeiden möchte. Wenn du also nur von den Dingen, die in deiner Macht stehen, das ablehnst, was gegen

    >die Natur ist, dann wird dir auch nichts von dem zustoßen, was du ablehnst. Wenn du aber Krankheit, Tod oder Armut zu

    >entgehen suchst, dann wirst du unglücklich sein. Hüte dich also vor Abneigung gegenüber allen Dingen, die nicht in unserer

    >Macht stehen, und gib ihr nur nach gegenüber den Dingen, die in unserer Macht stehen, aber gegen die Natur sind. Das

    >Begehren aber laß für den Augenblick ganz sein. Denn wenn du etwas begehrst, was nicht in unserer Macht steht, dann wirst du

    >zwangsläufig unglücklich, und von den Dingen, die in unserer Macht stehen und die du gern begehren könntest, weißt du noch

    >nichts. Beschränke dich auf den Willen zum Handeln und auf den Willen, nicht zu handeln, doch nicht verkrampft, sondern mit

    >Zurückhaltung und Gelassenheit.

    >

    >SEI DIR ÜBER DAS WESEN DER DINGE IM KLAREN (3)

    >Bei allem, was dir Freude macht, was dir nützlich ist oder was du gern hast, denke daran, dir immer wieder zu sagen, was es

    >eigentlich ist. Fang bei den unbedeutendsten Dingen an. Wenn du zum Beispiel an einem Topf hängst, dann sage dir: «Es ist ein

    >einfacher Topf, an dem ich hänge.» Dann wirst du dich nämlich nicht aufregen, wenn er zerbricht. Wenn du dein Kind oder

    >deine Frau küßt, dann sage dir: «Es ist ein Mensch, den du küßt. » Dann wirst du deine Fassung nicht verlieren, wenn er stirbt.

    >

    >HALTUNG BEWAHREN (4)

    >Wenn du irgend etwas vorhast, dann mach dir klar, was du eigentlich vorhast. Wenn du zum Beispiel zum Baden gehst, dann

    >stell dir vor, wie es in einem öffentlichen Bad zugeht, wie sie dich naßspritzen, hin und her stoßen, beschimpfen und bestehlen.

    >Du wirst daher mit größerer Ruhe und Sicherheit hingehen, wenn du dir von vornherein sagst: «Ich will baden und meiner

    >sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befinde.» Das

    >gilt auch für alles andere. Denn wenn dich wirklich etwas beim Baden stört, wirst du dir sagen können: «Ich wollte ja nicht nur

    >baden, sondern auch meiner sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen

    >Vernunftnatur befinde. Das tue ich aber nicht, wenn ich mich über derartige Vorgänge ärgere. »

    >

    >NICHT DIE DINGE SELBST MIT DEN URTEILEN ÜBER SIE VERWECHSELN (5)

    >Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie. So ist zum Beispiel der Tod

    >nichts Furchtbares - sonst hätte er auch Sokrates furchtbar erscheinen müssen -, sondern nur die Meinung, er sei furchtbar, ist

    >das Furchtbare. Wenn wir also in Schwierigkeiten geraten, beunruhigt oder betrübt werden, wollen wir die Schuld niemals

    >einem anderen, sondern nur uns selbst geben, das heißt unseren Meinungen und Urteilen.

    >Ein Ungebildeter pflegt seinen Mitmenschen vorzuwerfen, daß es ihm schlecht geht. Ein Anfänger in der philosophischen Bildung

    >macht sich selbst Vorwürfe. Der wirklich Gebildete schiebt die Schuld weder auf einen anderen noch auf sich selbst.

    >

    >WORAUF MAN STOLZ SEIN DARF (6)

    >Sei nicht stolz auf einen Vorzug, der nicht dein eigener ist. Wenn ein Pferd in seinem Stolz sagen würde: «Ich bin schön», so

    >wäre das noch erträglich. Aber wenn du mit Stolz behaupten würdest: «Ich habe ein schönes Pferd», dann mußt du bedenken,

    >daß du nur auf die Schönheit deines Pferdes stolz bist. Was gehört also dir? Der Gebrauch deiner Eindrücke. Wenn du dich

    >aber beim Gebrauch deiner Eindrücke im Einklang mit der menschlichen Vernunftnatur befindest, dann kannst du mit Recht stolz

    >sein. Dann nämlich wirst du auf einen Vorzug stolz sein, der wirklich dir gehört.

    >

    >WENN DER STEUERMANN RUFT (7)

    >Wenn das Schiff auf einer Seereise vor Anker geht und du aussteigst, um frisches Wasser zu holen, dann kannst du unterwegs

    >eine Muschel oder einen kleinen Tintenfisch auflesen, aber deine Aufmerksamkeit muß auf das Schiff gerichtet bleiben, und du

    >mußt es ständig im Auge behalten, der Steuermann könnte ja rufen, und wenn er ruft, dann mußt du alles liegen lassen, damit du

    >nicht gefesselt wie die Schafe auf das Schiff geworfen wirst. So ist es auch im Leben: Wenn dir statt einer Muschel oder eines

    >Tintenfisches eine Frau und ein Kind gegeben sind, so wird dies kein Hindernis sein. Wenn der Steuermann ruft, lauf zum Schiff,

    >laß alles liegen und dreh dich nicht um. Wenn du aber alt geworden bist, dann entferne dich nur nicht zu weit vom Schiff, damit

    >du nicht zurückbleibst, falls du gerufen wirst.

    >

    >NICHT ZUVIEL VERLANGEN (8)

    >Verlange nicht, daß alles, was geschieht, so geschieht, wie du es willst, sondern wünsche dir, daß alles so geschieht, wie es

    >geschieht, und du wirst glücklich sein.

    >

    >KRANKHEIT IST KEIN UNGLÜCK (9)

    >Krankheit ist hinderlich für den Körper, nicht aber für die sittliche Entscheidung, falls sie selbst es nicht will. Eine Lähmung

    >behindert ein Bein, nicht aber die sittliche Entscheidung. Sag dir das bei allem, was dir zustößt. Du wirst nämlich finden, daß es

    >für etwas anderes hinderlich ist, nicht aber für dich selbst.

    >

    >WAS GEGEN FALSCHE VORSTELLUNGEN HILFT (10)

    >Bei allem, was dir passiert, denke daran, in dich zu gehen und dich zu fragen: «Welche Kraft hast du, um richtig darauf zu

    >reagieren?» Wenn du einen schönen Knaben oder ein schönes Mädchen siehst, so wirst du als Gegenkraft Selbstbeherrschung

    >haben; erwartet dich eine schwere Anstrengung, so wird dein Gegenmittel Ausdauer sein, wird dir eine Beleidigung zuteil, so

    >wirst du mit Duldsamkeit reagieren. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die (falschen) Vorstellungen und Eindrücke

    >nicht mehr beherrschen.

    >

    >MAN KANN NICHTS VERLIEREN (11)

    >Sag nie von einer Sache: «Ich habe sie verloren», sondern: «Ich habe sie zurückgegeben.» Dein Kind ist gestorben? Nein, du

    >hast es zurückgegeben. Deine Frau ist gestorben"? Nein, du hast sie zurückgegeben. «ich habe mein Grundstück verloren.» Gut,

    >auch das hast du zurückgegeben. «Aber es ist doch ein Verbrecher, der es mir gestohlen hat. » Was geht es dich an, durch wen

    >es der, der es dir einst gab, von dir zurückforderte? Solange er es dir überläßt, behandle es als fremdes Eigentum wie die

    >Reisenden ihr Gasthaus.

    >

    >DU MUSST UMDENKEN (12)

    >Wenn du moralische Fortschritte machen willst, mußt du Gedanken wie die folgenden abwerfen: «Wenn ich mich nicht um mein

    >Vermögen kümmere, werde ich nichts zu essen haben. » Oder: «Wenn ich meinen Diener nicht bestrafe, wird er ein

    >Taugenichts.» Denn es ist besser zu verhungern, aber ohne Sorgen und Angst gelebt zu haben, als im Überfluß, aber in ständiger

    >Aufregung. Es ist besser, daß dein Diener ein Taugenichts ist, als daß du selbst unglückliech bist. Beginne also mit kleinen

    >Dingen: Wird dir ein Tropfen Öl vergossen oder ein bißchen Wein gestohlen, so sage dir: «Das ist der Preis für Gleichmut und

    >innere Ruhe. Umsonst bekommt man nichts". »

    >Wenn du deinen Diener rufst, bedenke, daß er dich vielleicht nicht hören kann, und wenn er dich gehört hat, daß er vielleicht gar

    >nicht in der Lage ist, das zu tun, was du von ihm verlangst. Aber er befände sich in keiner besonders glücklichen Lage, wenn

    >deine innere Ruhe von ihm abhinge.

    >

    >WAS MAN VON DIR DENKT, SEI DIR GLEICHGÜLTIG (13)

    >Wenn du Fortschritte machen willst, dann halte es aus, daß man dich wegen äußerer Dinge für töricht und einfältig hält, und

    >habe auch nicht den Wunsch, den Anschein zu erwecken, etwas zu verstehen, und wenn andere es von dir glauben, mißtraue dir

    >selbst. Denn sei dir darüber im klaren, daß es nicht leicht ist, seiner moralischen Entscheidung, durch die man sich in

    >Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befindet, treu zu bleiben und zugleich die äußeren Dinge zu

    >berücksichtigen. Es gibt vielmehr nur ein Entweder-Oder: Wer sich um das eine kümmert, muß das andere vernachlässigen.

    >

    >ÜBE, WAS IN DEINER MACHT STEHT (14)

    >Wenn du willst, daß deine Kinder, deine Frau und deine Freunde ewig leben, bist du ein Narr; denn du verlangst, daß das, was

    >nicht in deiner Macht steht, in deiner Macht stehe, und daß das, was dir nicht gehört, dir gehöre. Ebenso töricht bist du, wenn

    >du wünschst, daß dein Diener keinen Fehler mache; denn du willst, daß der Fehler kein Fehler sei, sondern etwas anderes.

    >Wenn du aber den Willen hast, dein Ziel nicht zu verfehlen, so kann dir dies möglich sein. Übe dich einfach in dem, was dir

    >möglich ist. Jedem anderen überlegen ist derjenige, der die Möglichkeit hat, ihm das zu geben, was er haben will, und ihn von

    >dem zu befreien, was er nicht haben will. Wer aber frei sein will, der darf weder erstreben noch meiden, was in der Macht eines

    >anderes steht. Sonst wird er zwangsläufig zum Sklaven.

    >

    >VERZICHTEN IST BESSER ALS ZUGREIFEN (15)

    >Denke daran, daß du dich im Leben verhalten mußt wie bei einem Gastrnahl. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an

    >die Reihe. Streck deine Hand aus und nimm dir ein bißchen. Es wird weitergereicht. Halte es nicht zurück. Es ist noch nicht bei

    >dir angekommen. Richte dein Verlangen nicht weiter darauf, sondern warte, bis es zu dir kommt.

    >So halte es auch mit dem Wunsch nach Kindern, nach einer Frau, nach einer angesehenen Stellung, nach Reichtum, und du wirst

    >eines Tages eines Gastmahls mit den Göttern würdig sein.

    >Wenn du aber nichts von dem nimmst, was dir vorgesetzt wird, sondern es unbeachtet läßt, dann wirst du nicht nur ein

    >Tischgenosse der Götter sein, sondern auch an ihrer Macht teilhaben. Denn so taten es Diogenes, Herakles und ähnliche

    >Männer, und darum waren sie mit Recht göttlich und wurden mit Recht göttlich genannt.

    >

    >GRENZEN DES MITLEIDS (i6)

    >Wenn du jemanden jammern und klagen siehst, weil sein Kind weit fort ist oder weil er sein Vermögen verloren hat, achte

    >darauf, daß du dich nicht von der Vorstellung hinreißen läßt, er sei aufgrund dieser äußeren Dinge tatsächlich im Unglück. Halte

    >dir vielmehr sofort vor Augen: «Nicht das, was passiert ist, betrübt diesen Mann jemand anders nämlich betrübt es nicht),

    >sondern seine Meinung darüber. »

    >Zögere jedoch nicht, ihn mit Worten zu trösten und, wenn es sich so ergibt, auch mit ihm zu klagen. Aber hüte dich davor, auch

    >mit innerer Anteilnahme zu jammern.

    >

    >SPIEL DEINE ROLLE GUT (17)

    >Erinnere dich, daß du ein Schauspieler in einem Drama bist; deine Rolle verdankst du dem Schauspieldirektor. Spiele sie, ob sie

    >nun kurz oder lang ist. Wenn er verlangt, daß du einen Bettler darstellst, so spiele auch diesen angemessen; ein Gleiches gilt für

    >einen Krüppel, einen Herrscher oder einen Durchschnittsmenschen.

    >Denn das allein ist deine Aufgabe: die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, ist Sache eines anderen.

    >

    >VORZEICHEN (18)

    >Wenn dir ein Rabe krächzend Unheil verkündet, laß dich nicht von deiner Vorstellung hinreißen, sondern triff sofort die

    >Unterscheidung bei dir und sag dir: «Keines dieser Vorzeichen gilt mir, sondern nur meinem erbärmlichen Körper, meinem

    >bißchen Besitz, meinem kümmerlichen Ansehen, meinen Kindern oder meiner Frau. Mir aber wird Oberhaupt nur Glück

    >prophezeit, wenn ich es will. Was auch immer davon eintreffen mag - es liegt bei mir, Nutzen daraus zu ziehen.»

    >

    >WAHRE FREIHEIT (19)

    >Du kannst unbesiegbar sein, wenn du dich auf keinen Kampf, einläßt, in dem der Sieg nicht von dir abhängt. Wenn du jemanden

    >siehst, der hochgeehrt, sehr mächtig oder sonst in großem Ansehen steht, laß dich nicht von dem äußeren Eindruck blenden und

    >preise ihn nicht glücklich. Denn wenn das wahre Wesen des Guten zu dem gehört, was in unserer Macht steht, dann ist weder

    >Neid noch Eifersucht am Platze. Du selbst willst doch kein Feldherr, Senator oder Konsul sein, sondern ein freier Mann. Dahin

    >führt aber nur ein einziger Weg: Alles gering zu schätzen, was nicht in unserer Macht steht.

    >

    >BELEIDIGUNGEN KÖNNEN MICH NICHT TREFFEN (20)

    >Sei dir dessen bewußt, daß dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung,

    >daß diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, daß es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt

    >hat. Deshalb versuche vor allem, dich von deinem ersten Eindruck nicht hinreißen zu lassen. Denn wenn du dir Zeit zum

    >Nachdenken nimmst, dann wirst du die Dinge leichter in den Griff bekommen.

    >

    >NACHDENKEN ÜBER DEN TOD (21)

    >Tod, Verbannung und alles andere, was als furchtbar gilt, halte dir täglich vor Augen, besonders aber den Tod , und du wirst

    >niemals kleinliche Gedanken haben oder etwas übermäßig begehren.

    >

    >SICH NICHT BEIRREN LASSEN (22)

    >Wenn du nach Weisheit strebst, so mach dich von vornherein darauf gefaßt, daß man dich auslachen wird und daß dich viele

    >verspotten und sagen werden: «Er ist plötzlich als Philosoph wiedergekommen. »Oder: «Wie kommt es, daß er auf einmal die

    >Brauen so hochzieht?»

    >Du brauchst aber keine finstere Miene zu ziehen. Aber halte dich an das, was dir als das Beste erscheint, so als ob du von Gott

    >auf diesen Posten gestellt wärest. Erinnere dich daran: Wenn du dabei bleibst, dann werden dich alle, die dich vorher ausgelacht

    >haben, nachher bewundern. Wenn du dich aber von ihnen einschüchtern läßt, dann wird man dich doppelt auslachen.

    >

    >DEM LEBENSPLAN TREU BLEIBEN (23)

    >wenn es dir einmal passiert, daß du dich den Äußerlichkeiten zuwendest, weil du jemandem gefallen willst, dann sei dir darüber

    >im klaren: Du hast deinen Lebensplan aufgegeben. Es muß dir also ganz und gar genügen, ein Philosoph zu sein- wenn du aber

    >als solcher angesehen werden willst dann sieh dich selbst als solchen an, und du wirst zufrieden sein.

    >

    >WOZU BIN ICH NÜTZLICH? (24)

    >Diese Gedanken dürfen dich nicht quälen: «Ich werde ohne Ansehen leben und nirgends etwas gelten. » Falls das Fehlen von

    >Ansehen wirklich ein Unglück ist: du kannst doch nicht durch einen anderen im Unglück oder in Schande leben. Hängt es etwa

    >von dir ab, ein Amt zu bekommen oder zu einem Gastmahl eingeladen zu werden? Keineswegs. Wieso ist dies dann noch als

    >Fehlen von Ansehen zu verstehen? Wie kann es sein, daß du nirgends etwas giltst, da du doch einzig auf dem Gebiet, das in

    >deiner Macht steht, etwas bedeuten sollst, wo es dir möglich ist am bedeutendsten zu sein?

    >Aber du hast Freunde und kannst ihnen nicht helfen? Was meinst du mit «nicht helfen können»? Sie werden von dir kein Geld

    >bekommen; du wirst ihnen auch nicht das römische Bürgerrecht verschaffen können. Wer hat dir denn gesagt, daß dies zu den

    >Dingen gehört, die in unserer Macht stehen, obwohl sie in Wirklichkeit unserem Einfluß entzogen sind? Wer kann jemandem

    >etwas geben, was er selbst gar nicht besitzt? «Dann verschaff dir Geld», sagt ein Freund, «damit auch wir etwas davon haben.»

    >Wenn ich Geld bekommen kann, ohne dabei meine Zurückhaltung, meine Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit und meine

    >Großzügigkeit zu verlieren, dann zeige mir den Weg, und ich werde das Geld erwerben. Wenn ihr aber von mir verlangt, daß ich

    >meine Güter aufgebe, damit ihr zu Gütern kommt, die gar keine sind, dann müßt ihr begreifen, wie ungerecht und unverständig

    >ihr seid.

    >Was wollt ihr denn lieber haben? Geld oder einen verläßlichen und bescheidenen Freund? Helft mir also lieber dabei und

    >verlangt nicht von mir, daß ich etwas tue, wodurch ich diese Eigenschaften verlieren.

    >«Aber das Vaterland wird von mir keinen Nutzen haben - » Dazu ist wiederum zu fragen: Welche Art von Nutzen meinst du?

    >Säulenhallen und Badeanstalten wird es nicht von dir bekommen. Aber was heißt das schon? Denn es bekommt ja auch keine

    >Schuhe vom Schmied und keine Waffen vorn Schuster. Es reicht, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfüllt". Wenn du aus

    >irgendeinem Mitmenschen einen zuverlässigen und bescheidenen Mitbürger machst, bist du damit dem Vaterland etwa nicht

    >nützlich? «Doch.» Folglich dürftest du ihm auch nicht nutzlos sein. «Welche Stellung werde ich im Staat einnehmen?» Die

    >Stellung, die du ausfallen kannst, ohne dabei deine Zuverlässigkeit und Bescheidenheit zu verlieren. Wenn du diese

    >Eigenschaften aber verlierst, weil du dem Staat dienen willst, was dürfte es ihm nützen, wenn du am Ende unzuverlässig und

    >unbescheiden geworden bist?

    >

    >ÜBER DIE BEDINGUNGEN DES ÖFFENTLICHEN ERFOLGES (25)

    >Es wurde dir jemand bei einer Einladung oder bei einer morgendlichen Begrüßung vorgezogen, oder du bist nicht um einen Rat

    >gebeten worden. Wenn dies etwas Gutes ist, dann solltest du dich freuen, daß jemand anders in seinen Genuß gekommen ist.

    >Wenn es aber etwas Schlechtes ist, dann ärgre dich nicht, daß du es nicht bekommen hast.

    >Bedenke doch, daß du, wenn du nicht dasselbe tust wie die anderen, um das zu bekommen, was nicht in unserer Macht steht,

    >nicht dasselbe beanspruchen kannst. Denn wie kann einer, der nicht die Klinken eines Mächtigen putzt, dasselbe beanspruchen

    >wie einer, der es tut? Entsprechendes gilt für den, der sich im Gefolge eines Mächtigen sehen läßt, und den, der das nicht tut,

    >oder für den, der diesen lobt, und den, der das sein läßt.

    >Du wirst ungerecht und unersättlich sein, wenn du jenes, ohne den Preis zu bezahlen, für den man es kaufen kann, umsonst

    >haben willst. Wieviel kostet zum Beispiel der Salat? Einen Obolus vielleicht. Wenn also jemand den Obolus hinlegt und dafür

    >seinen Salat bekommt, du aber nichts hinlegst und nichts bekommst, dann darfst du nicht glauben, daß du schlechter daran bist

    >als derjenige, der etwas bekommt. Denn wie jener seinen Salat hat, so hast du noch den Obolus, den du nicht ausgegeben hast.

    >Dasselbe ist auch hier der Fall. Du bist nicht zum Essen eingeladen worden? Du hast nämlich dem Gastgeber den Preis nicht

    >bezahlt, für den er sein Essen verkauft. Für ein Lob oder eine Aufmerksamkeit verkauft er es. Gib ihm den Preis, für den er es

    >verkauft, wenn es dir nützlich ist. Wenn du das eine aber nicht bezahlen und das andere trotzdem haben willst, dann bist du

    >unverschämt und einfältig. Hast du nichts statt der Einladung? Du kannst doch sagen, du hast den nicht gelobt, den du nicht

    >loben wolltest, und du brauchst dich nicht mit den Wächtern an seiner Tür auseinanderzusetzen.

    >

    >LEID IST FÜR ALLE GLEICH (26)

    >Den Willen der Natur kann man dort erkennen, wo wir uns nicht voneinander unterscheiden. Wenn zum Beispiel der Diener

    >eines anderen das Trinkglas zerbricht, dann sagt man sogleich: «Das kann schon einmal passieren. » Also sei dir darüber im

    >klaren: Wenn dein eigenes Trinkglas zerbricht, dann mußt du dich konsequenterweise genauso verhalten wie damals, als das

    >Glas des anderen zerbrach. Übertrage dies nun auch auf wichtigere Dinge. Ein Kind oder die Frau eines anderen ist gestorben.

    >Es gibt keinen, der nicht sagen würde: «Das ist nun einmal das Los des Menschen.» Aber wenn einem das eigene Kind stirbt,

    >dann jammert er sofort: «Ach, ich Armer.» Aber es wäre nötig, daß wir bedenken, was wir empfinden, wenn wir bei einem

    >anderen von einem solchen Unglück hören.

    >

    >DAS BÖSE (27)

    >Wie kein Ziel aufgestellt wird, damit man es verfehle, so gibt es auch nichts von Natur aus Böses in der Welt.

    >

    >LASS DICH NICHT AUS DER FASSUNG BRINGEN (28)

    >Wenn jemand deinen Körper dem ersten besten, der dir begegnet, übergeben würde, dann wärst du empört. Daß du aber dein

    >Herz jedem Beliebigen überläßt, und es sich, wenn du beschimpft wirst, aufregt und aus der Fassung gerät - deshalb schämst du

    >dich nicht?

    >

    >MAN MUSS SICH ENTSCHEIDEN (29)

    >Bei jeder Tat prüfe ihre Voraussetzungen und Folgen und geh erst dann an sie heran. Wenn du das nicht tust, wirst du dich

    >anfangs mit Begeisterung auf die Sache werfen, da du ja nicht an ihre Folgen gedacht hast,- wenn später aber irgendwelche

    >Schwierigkeiten auftreten, dann wirst du aufgeben und Schimpf und Schande ernten.

    >Du willst in Olympia siegen? Das will ich auch, bei den Göttern. Denn das ist eine schöne Sache. Aber denke an die

    >Voraussetzungen und Folgen und dann erst geh an die Sache heran. Du mußt dich einer strengen Disziplin unterwerfen, eine Diät

    >einhalten, darfst keinen Kuchen mehr essen, mußt nach einem genauen Plan trainieren - zu festgesetzter Zeit, bei Hitze und

    >Kälte. Dann darfst du kein kaltes Wasser und keinen Wein trinken, wenn du Lust dazu hast, du hast dich dem Trainer wie

    >einem Arzt auszuliefern. Darauf mußt du dich beim Wettkampf auf der Erde wälzen. Es kann auch vorkommen, daß du dir die

    >Hand verrenkst, den Fuß verstauchst und viel Staub schlucken mußt. Manchmal bekommst du sogar Schläge - und nach all

    >diesen Anstrengungen mußt du vielleicht am Ende eine Niederlage hinnehmen.

    >Wenn du dies alles bedacht hast und noch willst, dann nimm an den Spielen teil. Andernfalls wirst du dich wie die Kinder

    >benehmen, die einmal Ringkampf, ein anderes Mal Gladiatorenkampf spielen, bald Trompete blasen, bald Theater spielen. So

    >bist auch du heute ein Ringer, morgen ein Gladiator, dann wieder Redner und ein anderes Mal Philosoph. Mit ganzer Seele aber

    >bist du gar nichts, sondern wie ein Affe machst du alles nach, was du siehst, und heute gefällt dir dieses, morgen jenes. Denn du

    >gehst ohne Überlegung und ohne gründliche Prüfung an eine Sache heran. Du folgst bedenkenlos jeder zufälligen Laune.

    >So haben zum Beispiel manche einen Philosophen gesehen und reden hören, wie Euphrates redet - in der Tat: Wer kann so

    >reden wie er? -, und nun wollen sie selbst Philosophen sein. Mensch, überlege dir doch, worum es eigentlich geht. Dann prüfe

    >deine eigenen Fähigkeiten, ob du der Sache auch gewachsen bist. Du willst Fünfkämpfer oder Ringer werden? Sieh dir deine

    >Arme und deine Schultern an, untersuche deine Hüften. Denn der eine ist für dieses, der andere für jenes geeignet.

    >Meinst du, dag du bei dieser Tätigkeit wie bisher essen und trinken oder die gleichen Wünsche und Abneigungen haben kannst?

    >Du mußt auf Schlaf verzichten, Anstrengungen auf dich nehmen, die Angehörigen verlassen, von einem Sklaven dich verachten

    >lassen, dich von den Leuten auf der Straße auslachen lassen, in allem unterlegen sein, wenn es um eine Stellung oder ein Amt

    >geht und wenn du vor Gericht stehst, in jeder Hinsicht also mußt du Nachteile in Kauf nehmen. Überleg es dir gut: Willst du um

    >diesen Preis innere Ruhe, Freiheit und Ungestörtheit gewinnen?

    >Wenn du das nicht willst, dann fang gar nicht erst an, damit du es nicht wie die Kinder machst: Heute Philosoph, morgen

    >Zöllner, dann Redner, dann Beamter des Kaisers. Das paßt nicht zusammen. Du kannst nur eines sein: ein guter oder ein

    >schlechter Mensch.

    >Du mußt dich entscheiden: Entweder arbeitest du für deine Seele oder für die äußeren Dinge. Entweder bemühst du dich um das

    >innere oder um das Äußere, das heißt, entweder spielst du die Rolle eines Philosophen oder eines gewöhnlichen Menschen.

    >

    >DIE PFLICHTEN (30)

    >Unsere Pflichten richten sich im allgemeinen nach unseren sozialen Beziehungen. Da ist ein Vater: Man ist dazu verpflichtet, sich

    >um ihn zu kümmern, ihm in allem nachzugeben, es zu ertragen, wenn er schimpft und einen schlägt. «Aber es ist ein schlechter

    >Vater.» Hast du dich etwa einem von Natur aus guten Vater anvertraut? Nein, sondern nur einem Vater. «Mein Bruder tut mir

    >unrecht.» Gut, aber ändere nicht dein Verhalten ihm gegenüber. Kürnmere dich nicht darum, was er tut, sondern was du tun

    >mußt, wenn deine sittliche Entscheidung in Obereinstimmung mit der Vernunftnatur bleiben soll. Denn dir wird kein anderer

    >Schaden zufügen, wenn du es nicht willst. Du wirst aber dann geschädigt, wenn du annimmst, daß du geschädigt wirst.

    >So wirst du auch erkennen, was du von deinem Nachbarn, deinem Mitbürger und deinem Feldherrn zu erwarten hast, wenn du

    >dich daran gewöhnst, deine sozialen Beziehungen zu ihnen zu berücksichtigen.

    >

    >FRÖMMIGKEIT (31)

    >Was die Frömmigkeit gegenüber den Göttern betrifft, So wisse, daß es am wichtigsten ist, richtige Vorstellungen über sie zu

    >haben: daß sie existieren und die ganze Welt schön und gerecht regieren und daß du dich darauf einstellen mußt, ihnen zu

    >gehorchen und dich allem, was geschieht, zu fügen und freiwillig zu unterwerfen in der Überzeugung, daß es von der höchsten

    >Vernunft vollzogen wurde. Dann wirst du die Götter nämlich niemals tadeln und ihnen vorwerfen, daß sie sich nicht um dich

    >kümmerten.

    >Aber das ist nur dann möglich, wenn du deine Vorstellung von Gut und Böse nicht aus dem gewinnst, was nicht in unserer

    >Macht steht, sondern allein dort suchst, wo wir freie Verfügungsgewalt haben. Denn wenn du etwas von den Dingen, die nicht in

    >unserer Macht stehen, für gut oder schlecht hältst, dann ist es nur konsequent, daß du die Verursacher tadelst und haßt, sobald

    >du etwas nicht bekommst, was du dir wünschst, oder wenn dir etwas zustößt, was du nicht willst. Denn es liegt in der Natur

    >eines jeden Lebewesens, das, was ihm schädlich erscheint und was Schaden verursacht, zu meiden und zu fliehen, dem

    >Nützlichen und seinen Ursachen aber nachzugehen und es zu bewundern.

    >Es ist undenkbar, daß sich einer, der sich geschädigt glaubt, über den vermeintlichen Urheber des Schadens freut, wie es ja

    >auch ausgeschlossen ist, daß man sich über den Schaden selbst freut.

    >Daher wird auch ein Vater von seinem Sohn verwünscht, wenn er ihn nicht an den Dingen teilhaben läßt, die er für gut hält. So

    >wurden auch Polyneikes und Eteokles zu Feinden, weil sie glaubten, die Herrschaft sei ein Gut. Deshalb beschimpfen auch der

    >Bauer, der Seemann und der Kaufmann die Götter, und dasselbe tun diejenigen, die ihre Frauen und Kinder verlieren. Denn wo

    >Nutzen ist, dort ist auch Frömmigkeit.

    >Wer daher das Richtige erstrebt oder meidet, der ist auch fromm. Aber Trank- und Brandopfer darzubringen und die

    >Erstlingsgaben nach altem Brauch darzubringen, ist jedermanns Pflicht - mit reinem Herzen, nicht gedankenlos, nicht nachlässig,

    >nicht zu knausrig, aber auch nicht über unsere Möglichkeiten hinaus.


  2. #2
    Musa
    Gast

    Fortsetzung

    >ÜBER DIE BEFRAGUNG DES ORAKELS (32)

    >Wenn du zu einem Orakel gehst, denke daran, daß du nicht weißt, was passieren wird, sondern daß du gekommen bist, um das

    >vom Wahrsager zu erfahren. Von welcher Art aber eine Sache ist, das wußtest du schon, als du hingingst falls du wirklich ein

    >Philosoph bist. Denn wenn es etwas ist, was zu den Dingen gehört, die nicht in unserer Macht stehen, dann ist es zwangsläufig

    >weder etwas Gutes noch etwas Schlimmes. Äußere also gegenüber dem Wahrsager weder einen Wunsch noch Ablehnung; geh

    >auch nicht mit einem Gefühl der Angst zu ihm, sondern in der Überzeugung, daß alles, was geschehen wird, gleichgültig ist und

    >für dich keine Bedeutung hat. Was es auch sei, es wird dir möglich sein, einen guten Gebrauch davon zu machen, und niemand

    >wird dich daran hindern.

    >Wende dich mutig an die Götter, die du als deine Ratgeber betrachten mögest. Und dann, wenn dir ein Rat erteilt wird, denke

    >daran, an welche Ratgeber du dich gewandt hast und wem du den Gehorsam verweigerst, falls du nicht hörst. Aber wende dich

    >nach dem Vorbild des Sokrates nur in solchen Fällen an das Orakel, wo sich die ganze Befragung auf den Ausgang des

    >Geschehens richtet und wo es weder durch vernünftige Überlegung noch durch irgendeine andere Kunst möglich ist, die

    >anstehenden Fragen zu klären.

    >Wenn es also nötig ist, einem Freund oder dem Vaterland beizustehen, frage nicht das Orakel, ob du Hilfe leisten sollst. Denn

    >wenn dir der Wahrsager erklärt, daß die Opferzeichen etwas Schlimmes bedeuten, dann heißt dies, daß Tod, schwerer

    >körperlicher Schaden oder Verbannnung angekündigt werden. Die Vernunft jedoch gebietet, trotz dieser Gefahren dem Freund

    >zu helfen und dem Vaterland beizustehen.

    >Folge also dem größeren Wahrsager, dem pythischen Apoll, der einen Menschen des Tempels verwies, weil er seinem Freund

    >in Lebensgefahr nicht zu Hilfe gekommen war.

    >

    >LIEBER SCHWEIGEN (33)

    >Gib endlich deiner Persönlichkeit ein dauerhaftes Gepräge, das du bewahrst, ob du nun für dich allein oder mit anderen

    >zusammen bist.

    >Schweige meistens oder sprich nur das Notwendige und das nur mit wenigen Worten. Selten aber und nur, wenn die Umstände

    >dich zum Reden veranlassen, rede, aber nicht über die üblichen Themen, über Kämpfe in der Arena, über Pferderennen,

    >Athleten, Essen und Trinken, die Allerweltsthemen. Vor allem sprich nicht über andere Leute, weder tadelnd, noch lobend oder

    >sie vergleichend. Wenn du es schaffst, so lenke das gemeinsame Gespräch durch deinen Beitrag auf einen wertvollen

    >Gegenstand. Bist du aber allein unter Freunden, so schweige lieber.

    >Lach nicht zu oft, nicht über zu viele Dinge und nicht ungehemmt.

    >Einen Eid mußt du ganz ablehnen, falls es geht; ist das nicht möglich, soweit es geht.

    >Lehne Einladungen bei Andersgesinnten und philosophisch Ungebildeten ab. Sollte es aber einmal unumgänglich sein, stell dich

    >voll darauf ein, daß du niemals das Benehmen solcher Leute annimmst. Denn sei dir darüber im klaren: Hat man einen

    >verkommenen Freund, so muß man, wenn man engen Umgang mit ihm pflegt, ebenso verkommen, auch wenn man selbst

    >unverdorben ist.

    >Die körperlichen Bedürfnisse, wie Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung und Bechenung, befriechge nur so weit, wie es

    >unbechngt notwendig ist. Aber meide ganz, was äußeren Glanz verleiht oder dem Luxus dient.

    >In geschlechtlicher Hinsicht übe vor der Ehe größtmögliche Zurückhaltung. Wenn du dich dennoch darauf einläßt, so bleibe im

    >Rahmen des gesetzlich Erlaubten. Beschimpfe und tadle auf jeden Fall nicht diejenigen, die sich dem Geschlechtsgenuß

    >hingeben. Erzähle auch nicht überall, daß du dies nicht tust.

    >Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: «Er kannte wohl meine

    >anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

    >Es ist nicht nötig, häufig zu den öffentlichen Spielen zu gehen. Wenn sich einmal die Gelegenheit dazu ergibt, dann zeige dich für

    >niemanden besonders interessiert außer für dich selbst, das heißt habe nur den Wunsch, daß alles so abläuft, wie es abläuft, und

    >laß den Sieger Sieger sein. So gerätst du nämlich nicht aus der Fassung.

    >Verzichte ganz darauf zu schreien, über jemanden zu lachen oder dich zu sehr aufzuregen. Und wenn alles zu Ende ist, unterhalte

    >dich nicht zu lange über das, was geschehen ist, soweit es nicht zu deinem eigenen Vorteil ist. Denn ein solches Verhalten zeigt,

    >daß das Schauspiel deine Bewunderung hervorgerufen hat.

    >Zu den öffentlichen Autorenlesungen geh nicht unüberlegt und ohne innere Bereitschaft. Gehst du aber hin, so bewahre deine

    >Würde und Zurückhaltung und sorge dafür, daß du niemandem lästig wirst.

    >Wenn du die Absicht hast, jemanden zu treffen, vor allem wenn es sich um eine hochgestellte Persönlichkeit handelt, dann stell

    >dir vor, was Sokrates und Zenon in dieser Situation getan hätten, und du wirst genau wissen, wie du die Situation angemessen

    >meistern kannst.

    >Wenn du einen mächtigen und bedeutenden Mann aufsuchen mußt, dann mach dir klar, du wirst ihn zu Hause nicht antreffen,

    >man läßt dich nicht vor, die Tür wird dir vor der Nase zugeschlagen oder er wird dich Oberhaupt nicht beachten. Und wenn du

    >trotzdem hingehen mußt, dann geh, nimm hin, was kommt, und sag dir nicht: «Das hat sich nicht gelohnt!» Denn das bewiese

    >eine unphilosophische und verkehrte Einstellung gegenüber den äußeren Dingen, Wenn du mit anderen Menschen zusammen

    >bist, vermeide es, zu ausführlich und zu ausgiebig von deinen eigenen Leistungen und Problemen zu reden. Denn wenn es dir

    >Spaß macht, von deinen Abenteuern zu erzählen, so bedeutet dies nicht, daß auch die anderen gern hören, was du überstanden

    >hast. Verzichte auch darauf, Witze zu reißen. Denn ein derartiges Verhalten wirkt schnell gewöhnlich und fülhrt dazu, daß deine

    >Mitmenschen die Achtung vor dir verlieren.

    >Gefährlich ist es auch, in ein Gespräch über unanständige Dinge verwickelt zu werden. Wenn derartiges geschieht, dann weise

    >denjenigen, der es so weit hat kommen lassen, zurecht, falls die Situation es zuläßt. Sollte dir das aber unmöglich sein, so zeige

    >wenigstens durch dein Schweigen, dein Erröten und deine finstere Miene, daß dir die Worte mißfallen.

    >

    >LUSTGEFÜHLE (34)

    >Wenn du dir eines Lustgefühls bewußt wirst, dann hüte dich wie bei allen anderen Eindrücken, dich von ihm überwältigen zu

    >lassen. Laß vielmehr die Sache nicht gleich an dich heran. Halte dich noch ein Weilchen zurück. Dann denke an die beiden

    >Augenblicke, wo du die Lust genießt und wo du sie genossen hast, aber alles bereuen wirst und dir Vorwürfe machst. Und halte

    >dagegen, wie du dich freuen und mit dir selbst zufrieden sein wirst, wenn du dich zurückgehalten hast.

    >Hältst du es aber für angebracht, dich auf die Sache einzulassen, so achte darauf, daß dich ihre Verlockung, ihr Reiz und ihre

    >Anziehung nicht überwältigen. Denk stattdessen daran, wieviel schöner es ist, sich bewußt zu sein, einen Sieg errungen zu haben.

    >

    >LASS DICH NICHT BEIRREN (35)

    >Wenn du erkannt hast, daß du etwas Bestimmtes tun mußt, und es dann auch tust, dann scheue dich nicht, dabei gesehen zu

    >werden, auch wenn die Mehrheit dazu neigt, schlecht darüber zu denken. Denn wenn das, was du vorhast, Unrecht ist, dann laß

    >es sein. Wenn das aber nicht der Fall ist, warum fürchtest du die Leute, die dich zu unrecht tadeln ?

    >

    >ANSTAND WAHREN (36)

    >Wie die beiden Sätze «Es ist Tag» und «Es ist Nacht» sehr sinnvoll sind, wenn sie nicht miteinander verbunden sind, aber keinen

    >Sinn ergeben, wenn sie miteinander verknüpft sind, so mag es zwar auch für den Körper gut sein, sich beim Essen das größte

    >Stück zu nehmen; im Blick auf die in Gesellschaft notwendige Zurückhaltung und Bescheidenheit ist dieses Benehmen jedoch

    >würdelos. Wenn du also bei jemandem zum Essen eingeladen bist, denk daran, nicht nur den Wert der aufgetragenen Speisen

    >im Auge zu haben, sondern auch gegenüber dem Gastgeber Anstand und Zurückhaltung zu zeigen.

    >

    >ÜBERFORDERT?(37)

    >Falls du eine Rolle übernimmst, die deine Kräfte übersteigt, so machst du keine gute Figur und hast außerdem das versäurnt,

    >wozu du eigentlich fähig gewesen wärst.

    >

    >VORSICHTIG SEIN (38)

    >Wie du beim Gehen darauf achtest, daß du nicht in einen Nagel trittst oder dir den Fuß verstauchst, so nimm dich auch davor in

    >acht, daß das leitende Prinzip in dir keinen Schaden nimmt. Und wenn wir diese Regel bei jeder Handlung einhalten, dann

    >werden wir mit größerer Sicherheit an die Sache herangehen.

    >

    >DAS RICHTIGE MASS (39)

    >Bei jedem Menschen ist der Körper ein Maß für den Umfang seines materiellen Besitzes wie der Fuß für den Schuh. Wenn du

    >dich von diesem Prinzip leiten läßt, dann wirst du das richtige Maß einhalten. Wenn du es aber überschreitest, dann wirst du

    >eines Tages unweigerlich in den Abgrund stürzen. Es ist wie beim Schuh: Wenn du einmal den Fuß als natürliches Maß

    >überschritten hast, dann bekommst du zuerst einen vergoldeten, dann einen purpurnen und schließlich einen gestickten Schuh.

    >Denn wenn du erst einmal das Maß überschritten hast, dann gibt es keine Grenze mehr.

    >

    >DIE MÄDCHEN (40)

    >Die Mädchen werden, wenn sie vierzehn geworden sind, von den Männern «Damen» genannt. Und wenn sie sehen, daß sie

    >keine andere Aufgabe haben, als Bettgenossinnen der Männer zu sein, fangen sie an, sich schön zu machen und darauf all ihre

    >Hoffnung zu setzen. Es ist also angebracht, ihnen bewußt zu machen, daß sie nur dann geehrt werden, wenn sie bescheiden und

    >zurückhaltend sind.

    >

    >KÖRPER UND GEIST (41)

    >Es ist ein Zeichen mangelhafter Begabung, wenn man sich zu ausgiebig mit körperlichen Dingen beschäftigt, zum Beispiel: wenn

    >man zuviel Sport treibt, zuviel ißt, zuviel trinkt, zu oft zur Toilette rennt, um sich zu entleeren, und zu oft den Beischlaf ausführt.

    >Statt dessen sollte man diese Dinge nur nebenbei tun, und die ganze Fürsorge sollte auf die Entfaltung deiner Vernunft gerichtet

    >sein.

    >

    >«ES SCHIEN IHM EBEN RICHTIG SO» (42)

    >Wenn dir jemand etwas Böses antut oder schlecht über dich redet, denke daran, daß er dies tut oder sagt, weil er glaubt, er

    >müsse es tun. Es ist doch nicht möglich, daß er tut, was du für richtig hältst, sondern was ihm richtig erscheint. Daraus folgt, daß

    >auch er den Schaden hat, wenn er die Dinge falsch sieht. Denn er ist es, der sich irrte. Denn auch wenn jemand eine richtige

    >Verknüpfung von Aussagen für falsch hält, schadet das der Verknüpfung nicht, sondern nur dem, der sich geirrt hat. Wenn du

    >das bedenkst, wirst du nachsichtig gegenüber dem, der dich beschimpft. Sag dir nämlich immer: «Es schien ihm eben richtig so.»

    >

    >JEDES DING HAT ZWEI HENKEL (43)

    >Jedes Ding hat zwei Henkel. An dem einen kann man es anfassen, an dem anderen nicht. Wenn dir dein Bruder unrecht tut,

    >dann packe ihn nicht bei seinem Unrecht - denn an diesem Henkel läßt er sich nicht anfassen -, sondern lieber an dem anderen

    >Henkel, der besagt, dag er dein Bruder ist und mit dir aufwuchs; dann wirst du ihn dort packen, wo er sich fassen läßt.

    >

    >UNVEREINBARE AUSSAGEN (44)

    >Folgende Aussagen sind unvereinbar: «Ich bin reicher als du - also bin ich dir überlegen. Ich kann besser reden als du - also bin

    >ich dir überlegen.» Folgende Aussagen passen besser zusammen: «ich bin reicher als du - also ist mein Besitz größer als dein

    >Besitz. Ich kann besser reden als du also bin ich ein besserer Redner als du.» Du selbst bist doch weder dein Besitz noch deine

    >Redekunst.

    >

    >NICHT ZU VOREILIG URTEILEN (45)

    >Jemand wäscht sich eilig. Sag nicht: er wäscht sich schlecht, sondern: er wäscht sich eilig. Jemand trinkt viel Wein. Sag nicht:

    >das ist schlecht, sondern: er trinkt viel. Denn bevor du dir deine Meinung bilden kannst - woher weißt du denn, ob er schlecht

    >handelt? So wird es dir nicht passieren, daß du von einigen Dingen eine richtige Vorstellung gewinnst, anderen aber unüberlegt

    >deine Zustimmung gibst.

    >

    >NICHT REDEN, HANDELN (46)

    >Nenn dich niemals einen Philosophen und sprich mit den Leuten auch möglichst nicht über philosophische Überzeugungen,

    >sondern handle danach. Ebenso sag während eines Gastmahls nicht, wie man essen muß, sondern iß, wie es sich gehört. Denn

    >erinnere dich, daß Sokrates so vollständig auf äußere Selbstdarstellung verzichtete, daß die Leute zu ihm kamen und ihn baten,

    >sie mit Philosophen bekannt zu machen, und er sie weiterempfahl. So leicht fiel es ihm, übersehen zu werden. Und wenn unter

    >gewöhnlichen Leuten die Sprache auf irgendein philosophisches Thema kommt, schweige, so gut es geht. Denn die Gefahr ist

    >groß, daß du gleich wieder etwas hervorbringst, was du noch nicht verdaut hast. Und wenn jemand zu dir sagt, daß du nichts

    >weißt, und du dich dadurch nicht verletzt fühlst, dann wisse, daß du einen Anfang gemacht hast. Denn auch die Schafe bringen

    >ihr Futter nicht zu ihrem Hirten, um ihnen zu zeigen, wieviel sie gefressen haben; sie verdauen vielmehr ihre Nahrung und liefern

    >dann Wolle und Milch. So bring auch du keine philosophischen Oberzeugungen unter die Leute, sondern zeig Taten, nachdem

    >du die Lehren der Philosophen verarbeitet hast.

    >

    >NICHT PRAHLEN (47)

    >Wenn du deinen Körper an ein einfaches Leben gewöhnt hast, dann prahle nicht damit. Und wenn du nur Wasser trinkst, dann

    >sage nicht bei jeder Gelegenheit, daß du nur Wasser trinkst. Wenn du dich im Ertragen von Strapazen üben willst, dann tue das

    >für dich und nicht vor anderen. Umarme nicht die kalten Standbilder in aller Öffentlichkeit, sondern wenn du einmal furchtbaren

    >Durst hast, nimm einen Schluck kaltes Wasser, spuck es wieder aus und erzähle das niemandem.

    >

    >WER AUF DEM RICHTIGEN WEG IST (48)

    >Zustand und Charakter eines Durchschnittsmenschen: Niemals erwartet er Nutzen oder Schaden von sich selbst, sondern nur

    >von den äußeren Umständen. Zustand und Charakter eines Philosophen: er erwartet allen Nutzen und allen Schaden von sich

    >selbst.

    >Kennzeichen eines Menschen, der auf dem richtigen Weg ist: er rügt niemanden, lobt niemanden, tadelt niemanden, macht

    >niemandem Vorwürfe, spricht nicht von sich selbst, als ob er etwas sei oder etwas wüßte. Wenn er durch irgend etwas

    >behindert oder gestört wird, macht er sich selbst Vorwürfe. Und wenn ihn jemand lobt, lacht er im Stillen über den, der ihn lobt.

    >Und wenn ihn jemand tadelt, verteichgt er sich nicht. Er bewegt sich wie ein Kranker und paßt auf, daß er nicht etwas bewegt,

    >was noch nicht richtig in Ordnung ist.

    >Jedes Verlangen hat er verdrängt. Seine Ablehnung gilt allein den widernatürlichen Dingen, die in unserer Macht stehen. Allem

    >gegenüber übt er größte Zurückhaltung. Es macht ihm nichts aus, wenn er als einfältig oder töricht gilt. Mit einem Wort: Wie

    >einen Feind, der ihm ständig auflauert, beobachtet er sich selbst voll Argwohn.

    >

    >THEORIE UND PRAXIS (49)

    >Wenn jemand stolz darauf ist, daß er die Schriften des Chrysipp versteht und erklären kann, dann sprich zu dir selbst: «Wenn

    >Chrysipp nicht schwer verständlich geschrieben hätte, dann hätte ich nichts, worauf ich stolz sein könnte. » Was aber will ich?

    >Ich will die Vernunftnatur erkennen und ihr folgen. Ich frage daher, wer sie mir erklärt; und da ich gehört habe, daß Chrysipp es

    >tut, wende ich mich an ihn. Aber ich verstehe seine Schriften nicht. Also suche ich jemanden, der sie mir erklärt. Bis jetzt besteht

    >noch kein Grund, stolz zu sein. Wenn ich aber einen gefunden habe, der sie mir erklärt, dann bleibt nur noch die Aufgabe, die

    >Lehren auch anzuwenden. Nur darauf kann man stolz sein. Wenn ich aber nur die Auslegung bewunderte, dann wäre ich

    >höchstens ein Philologe, aber kein Philosoph. Der Unterschied wäre nur, daß ich statt Homer Chrysipp interpretierte. Daher

    >erröte ich noch mehr, sobald jemand zu mir sagt: «Lies mir aus Chrysipp vor», wenn ich nicht in der Lage bin, die Taten

    >aufzuweisen, die den Worten entsprechen.

    >

    >VORSÄTZEN TREU BLEIBEN (50)

    >Bleibe deinen Vorsätzen wie gewöhnlichen Gesetzen treu in der Oberzeugung, daß du eine gottlose Tat begehst, wenn du sie

    >mißachtest. Was man auch über dich sagt - kümmere dich nicht darum; denn das ist nicht mehr deine Sache.

    >

    >WIE LANGE WARTEST DU NOCH? (51)

    >Wie lange willst du noch damit warten, dich zu dem höchsten moralischen Ziel zu bekennen und auf keinen Fall gegen die

    >Vernunft zu handeln, die die richtige Unterscheidung ermöglicht? Du hast die philosophischen Lehren empfangen, die du

    >anerkennen mußt, und du hast sie anerkannt. Auf welchen Lehrer wartest du jetzt noch, um ihm die Aufgabe anzuvertrauen,

    >deine moralische Besserung herbeizuführen? Du bist kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Mann. Wenn du jetzt nachlässig

    >und leichtsinnig bist, immer nur einen Vorsatz nach dem anderen faßt und es von einem Tag auf den anderen schiebst, an dir

    >arbeiten zu wollen, dann wirst du, ohne es zu merken, keine Fortschritte machen, sondern als Durchschnittsmensch weiter

    >dahinleben, bis du stirbst. Entschließe dich endlich, wie ein erwachsener Mann zu leben, der auf seinem Weg vorankommt; und

    >alles, was dir als das Beste erscheint, sei dir ein unverbrüchliches Gesetz. Auch wenn dir etwas Beschwerliches oder

    >Angenehmes, Ruhmvolles oder Ruhmloses begegnet, denke daran, daß es jetzt zu kämpfen gilt und daß die olympischen Spiele

    >angefangen haben und es nicht mehr möglich ist, etwas aufzuschieben, und daß es von einem einzigen Tag und einer einzigen Tat

    >abhängt, ob der Fortschritt bestehen bleibt oder zusammenbricht.

    >Auf diese Weise wurde Sokrates so, wie er war, indem er bei allem, womit er zu tun hatte, auf nichts anderes achtete als auf die

    >Vernunft. Du aber, auch wenn du noch kein Sokrates bist, solltest so leben, als ob du einer sein wolltest.

    >

    >AUF DIE PRAXIS KOMMT ES AN (52)

    >Der erste und notwendigste Bereich der Philosophie umfaßt die Anwendung ihrer Lehren, wie zum Beispiel nicht zu lügen. Der

    >zweite handelt von den Beweisen: Hier geht es zum Beispiel um die Frage, aus welchem Grund man nicht lügen darf. Der dritte

    >bezieht sich auf die Begründung und Gliederung dieser Beweise; dabei wird zum Beispiel gefragt: Wie kommt es, daß dies ein

    >Beweis ist? Wodurch ist es denn ein Beweis? Was ist eine logische Folgerung? Was ist ein Widerspruch? Was ist wahr? Was

    >ist falsch? Der dritte Bereich ist notwendig wegen des zweiten und der zweite wegen des ersten. Der wichtigste, mit dem man

    >sich vor allem befassen soll, ist der erste. Wir machen es aber genau umgekehrt. Denn wir verbringen unsere Zeit mit dem

    >dritten Bereich, und ihm gilt unser ganzer Eifer. Den ersten aber vernachlässigen wir völlig. Deshalb lügen wir. Wie man aber

    >beweist, daß man nicht lügen darf, ist uns vertraut.

    >

    >SICH DEM SCHICKSAL FÜGEN (53)

    >Bei jeder Gelegenheit müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen: «Ach, Zeus, und du, mein Schicksal, führt mich an den Platz,

    >der mir einst von euch bestimmt wurde. ich werde folgen ohne Zögern. Wenn ich aber nicht wollte, wäre ich ein feiger

    >Schwächling und müßte euch trotzdem folgen. » - «Wer sich dem unausweichlichen Schicksal auf rechte Weise fügt, gilt bei uns

    >als weise und kennt das Göttliche" . » - «Nun, mein Kriton, wenn es den Göttern recht ist, soll es so geschehen". » «Anytos und

    >Meletos können mich zwar töten, aber schaden können sie mir nicht. »


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