>Ich finde, die Auseinadnersetzung mit Moral gehört in die Praxis- Arbeit, daher entschied ich mich den Text von Epiktet hierher zu stellen.
>Epiktets Text soll eher als Anregung für das Eigene Selbststudium und Philosophieren dienen, denn man muss nicht nach einem gültigen "Moralmodell" (Religion, Staat ...) leben / handeln, sondern seine eigene Definition kreiiren, den diese Moralmodelle, die die eigene Individualität zu gunsten einer Gemeinschaftsnorm opfern, sind immer zum Scheitern verurteilt.
>Gruss
>Musa
>--------------------------------------------------------------------------------
>WAS IN UNSERER MACHT STEHT UND WAS NICHT (1)
>Das eine steht in unserer Macht, das andere nicht. In unserer Macht stehen: Annehmen und Auffassen, Handeln, Wollen,
>Begehren und Ablehnen - alles, was wir selbst in Gang setzen und zu verantworten haben. Nicht in unserer Macht stehen: unser
>Körper, unser Besitz, unser gesellschaftliches Ansehen, unsere Stellung - kurz: alles, was wir selbst nicht in Gang setzen und zu
>verantworten haben.
>Was sich in unserer Macht befindet, ist von Natur aus frei und läßt sich von einem Außenstehenden nicht behindern oder stören;
>was sich aber nicht in unserer Macht befindet, ist ohne Kraft, unfrei, läßt sich von außen behindern und ist fremdem Einfluß
>ausgesetzt. Denk daran: Wenn du das von Natur aus Unfreie für frei und das Fremde für dein Eigentum hältst, dann wirst du dir
>selbst im Wege stehen, Grund zum Klagen haben, dich aufregen und aller Welt Vorwürfe machen; hältst du aber nur das für
>dein Eigentum, was wirklich dir gehört, das Fremde aber für fremd, dann wird niemand jemals Zwang auf dich ausüben,
>niemand wird dich behindern, du brauchst niemandem Vorwürfe zu machen oder die Schuld an etwas zu geben, wirst nichts
>gegen deinen Willen tun, keine Feinde haben, und niemand kann dir schaden; denn es gibt nichts, was dir Schaden zufügen
>könnte.
>Wenn du nach einem so hohen Ziel strebst, dann sei dir bewußt, daß dies mit erheblicher Anstrengung verbunden ist: Du mußt
>auf manches ganz verzichten und manches zeitweilig aufgeben. Wenn du aber nicht nur dieses willst, sondern auch noch der
>Macht und dem Reichtum nachjagst, dann wirst du wahrscheinlich nicht einmal hierin Erfolg haben, weil du zugleich das andere
>haben willst. Auf keinen Fall aber wirst du das bekommen, wodurch allein Freiheit und Glück möglich sind. Bemühe dich daher,
>jedem unangenehmen Eindruck sofort mit den Worten zu begegnen: «Du bist nur ein Eindruck, und ganz und gar nicht das, was
>du zu sein scheinst. » Dann prüfe und beurteile den Eindruck nach den Regeln, die du beherrschst, vor allem nach der ersten
>Regel, ob sich der Eindruck auf die Dinge bezieht, die in unserer Macht stehen oder nicht; und wenn er sich auf etwas bezieht,
>was nicht in unserer Macht steht, dann sag dir sofort: «Es geht mich nichts an.»
>
>WAS MAN BEGEHREN UND WAS MAN ABLEHNEN SOLL (2)
>Merke dir: Begehren zielt darauf, daß man das, was man begehrt, auch bekommt; Ablehnung zielt darauf, daß einem das, was
>man ablehnt, nicht zuteil wird, und wer sein Begehren nicht befriedigen kann, ist unglücklich; unglücklich ist aber auch, wem das
>zuteil wird, was er vermeiden möchte. Wenn du also nur von den Dingen, die in deiner Macht stehen, das ablehnst, was gegen
>die Natur ist, dann wird dir auch nichts von dem zustoßen, was du ablehnst. Wenn du aber Krankheit, Tod oder Armut zu
>entgehen suchst, dann wirst du unglücklich sein. Hüte dich also vor Abneigung gegenüber allen Dingen, die nicht in unserer
>Macht stehen, und gib ihr nur nach gegenüber den Dingen, die in unserer Macht stehen, aber gegen die Natur sind. Das
>Begehren aber laß für den Augenblick ganz sein. Denn wenn du etwas begehrst, was nicht in unserer Macht steht, dann wirst du
>zwangsläufig unglücklich, und von den Dingen, die in unserer Macht stehen und die du gern begehren könntest, weißt du noch
>nichts. Beschränke dich auf den Willen zum Handeln und auf den Willen, nicht zu handeln, doch nicht verkrampft, sondern mit
>Zurückhaltung und Gelassenheit.
>
>SEI DIR ÜBER DAS WESEN DER DINGE IM KLAREN (3)
>Bei allem, was dir Freude macht, was dir nützlich ist oder was du gern hast, denke daran, dir immer wieder zu sagen, was es
>eigentlich ist. Fang bei den unbedeutendsten Dingen an. Wenn du zum Beispiel an einem Topf hängst, dann sage dir: «Es ist ein
>einfacher Topf, an dem ich hänge.» Dann wirst du dich nämlich nicht aufregen, wenn er zerbricht. Wenn du dein Kind oder
>deine Frau küßt, dann sage dir: «Es ist ein Mensch, den du küßt. » Dann wirst du deine Fassung nicht verlieren, wenn er stirbt.
>
>HALTUNG BEWAHREN (4)
>Wenn du irgend etwas vorhast, dann mach dir klar, was du eigentlich vorhast. Wenn du zum Beispiel zum Baden gehst, dann
>stell dir vor, wie es in einem öffentlichen Bad zugeht, wie sie dich naßspritzen, hin und her stoßen, beschimpfen und bestehlen.
>Du wirst daher mit größerer Ruhe und Sicherheit hingehen, wenn du dir von vornherein sagst: «Ich will baden und meiner
>sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befinde.» Das
>gilt auch für alles andere. Denn wenn dich wirklich etwas beim Baden stört, wirst du dir sagen können: «Ich wollte ja nicht nur
>baden, sondern auch meiner sittlichen Entscheidung treu bleiben, durch die ich mich in Übereinstimmung mit der menschlichen
>Vernunftnatur befinde. Das tue ich aber nicht, wenn ich mich über derartige Vorgänge ärgere. »
>
>NICHT DIE DINGE SELBST MIT DEN URTEILEN ÜBER SIE VERWECHSELN (5)
>Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie. So ist zum Beispiel der Tod
>nichts Furchtbares - sonst hätte er auch Sokrates furchtbar erscheinen müssen -, sondern nur die Meinung, er sei furchtbar, ist
>das Furchtbare. Wenn wir also in Schwierigkeiten geraten, beunruhigt oder betrübt werden, wollen wir die Schuld niemals
>einem anderen, sondern nur uns selbst geben, das heißt unseren Meinungen und Urteilen.
>Ein Ungebildeter pflegt seinen Mitmenschen vorzuwerfen, daß es ihm schlecht geht. Ein Anfänger in der philosophischen Bildung
>macht sich selbst Vorwürfe. Der wirklich Gebildete schiebt die Schuld weder auf einen anderen noch auf sich selbst.
>
>WORAUF MAN STOLZ SEIN DARF (6)
>Sei nicht stolz auf einen Vorzug, der nicht dein eigener ist. Wenn ein Pferd in seinem Stolz sagen würde: «Ich bin schön», so
>wäre das noch erträglich. Aber wenn du mit Stolz behaupten würdest: «Ich habe ein schönes Pferd», dann mußt du bedenken,
>daß du nur auf die Schönheit deines Pferdes stolz bist. Was gehört also dir? Der Gebrauch deiner Eindrücke. Wenn du dich
>aber beim Gebrauch deiner Eindrücke im Einklang mit der menschlichen Vernunftnatur befindest, dann kannst du mit Recht stolz
>sein. Dann nämlich wirst du auf einen Vorzug stolz sein, der wirklich dir gehört.
>
>WENN DER STEUERMANN RUFT (7)
>Wenn das Schiff auf einer Seereise vor Anker geht und du aussteigst, um frisches Wasser zu holen, dann kannst du unterwegs
>eine Muschel oder einen kleinen Tintenfisch auflesen, aber deine Aufmerksamkeit muß auf das Schiff gerichtet bleiben, und du
>mußt es ständig im Auge behalten, der Steuermann könnte ja rufen, und wenn er ruft, dann mußt du alles liegen lassen, damit du
>nicht gefesselt wie die Schafe auf das Schiff geworfen wirst. So ist es auch im Leben: Wenn dir statt einer Muschel oder eines
>Tintenfisches eine Frau und ein Kind gegeben sind, so wird dies kein Hindernis sein. Wenn der Steuermann ruft, lauf zum Schiff,
>laß alles liegen und dreh dich nicht um. Wenn du aber alt geworden bist, dann entferne dich nur nicht zu weit vom Schiff, damit
>du nicht zurückbleibst, falls du gerufen wirst.
>
>NICHT ZUVIEL VERLANGEN (8)
>Verlange nicht, daß alles, was geschieht, so geschieht, wie du es willst, sondern wünsche dir, daß alles so geschieht, wie es
>geschieht, und du wirst glücklich sein.
>
>KRANKHEIT IST KEIN UNGLÜCK (9)
>Krankheit ist hinderlich für den Körper, nicht aber für die sittliche Entscheidung, falls sie selbst es nicht will. Eine Lähmung
>behindert ein Bein, nicht aber die sittliche Entscheidung. Sag dir das bei allem, was dir zustößt. Du wirst nämlich finden, daß es
>für etwas anderes hinderlich ist, nicht aber für dich selbst.
>
>WAS GEGEN FALSCHE VORSTELLUNGEN HILFT (10)
>Bei allem, was dir passiert, denke daran, in dich zu gehen und dich zu fragen: «Welche Kraft hast du, um richtig darauf zu
>reagieren?» Wenn du einen schönen Knaben oder ein schönes Mädchen siehst, so wirst du als Gegenkraft Selbstbeherrschung
>haben; erwartet dich eine schwere Anstrengung, so wird dein Gegenmittel Ausdauer sein, wird dir eine Beleidigung zuteil, so
>wirst du mit Duldsamkeit reagieren. Wenn du dich daran gewöhnt hast, werden dich die (falschen) Vorstellungen und Eindrücke
>nicht mehr beherrschen.
>
>MAN KANN NICHTS VERLIEREN (11)
>Sag nie von einer Sache: «Ich habe sie verloren», sondern: «Ich habe sie zurückgegeben.» Dein Kind ist gestorben? Nein, du
>hast es zurückgegeben. Deine Frau ist gestorben"? Nein, du hast sie zurückgegeben. «ich habe mein Grundstück verloren.» Gut,
>auch das hast du zurückgegeben. «Aber es ist doch ein Verbrecher, der es mir gestohlen hat. » Was geht es dich an, durch wen
>es der, der es dir einst gab, von dir zurückforderte? Solange er es dir überläßt, behandle es als fremdes Eigentum wie die
>Reisenden ihr Gasthaus.
>
>DU MUSST UMDENKEN (12)
>Wenn du moralische Fortschritte machen willst, mußt du Gedanken wie die folgenden abwerfen: «Wenn ich mich nicht um mein
>Vermögen kümmere, werde ich nichts zu essen haben. » Oder: «Wenn ich meinen Diener nicht bestrafe, wird er ein
>Taugenichts.» Denn es ist besser zu verhungern, aber ohne Sorgen und Angst gelebt zu haben, als im Überfluß, aber in ständiger
>Aufregung. Es ist besser, daß dein Diener ein Taugenichts ist, als daß du selbst unglückliech bist. Beginne also mit kleinen
>Dingen: Wird dir ein Tropfen Öl vergossen oder ein bißchen Wein gestohlen, so sage dir: «Das ist der Preis für Gleichmut und
>innere Ruhe. Umsonst bekommt man nichts". »
>Wenn du deinen Diener rufst, bedenke, daß er dich vielleicht nicht hören kann, und wenn er dich gehört hat, daß er vielleicht gar
>nicht in der Lage ist, das zu tun, was du von ihm verlangst. Aber er befände sich in keiner besonders glücklichen Lage, wenn
>deine innere Ruhe von ihm abhinge.
>
>WAS MAN VON DIR DENKT, SEI DIR GLEICHGÜLTIG (13)
>Wenn du Fortschritte machen willst, dann halte es aus, daß man dich wegen äußerer Dinge für töricht und einfältig hält, und
>habe auch nicht den Wunsch, den Anschein zu erwecken, etwas zu verstehen, und wenn andere es von dir glauben, mißtraue dir
>selbst. Denn sei dir darüber im klaren, daß es nicht leicht ist, seiner moralischen Entscheidung, durch die man sich in
>Übereinstimmung mit der menschlichen Vernunftnatur befindet, treu zu bleiben und zugleich die äußeren Dinge zu
>berücksichtigen. Es gibt vielmehr nur ein Entweder-Oder: Wer sich um das eine kümmert, muß das andere vernachlässigen.
>
>ÜBE, WAS IN DEINER MACHT STEHT (14)
>Wenn du willst, daß deine Kinder, deine Frau und deine Freunde ewig leben, bist du ein Narr; denn du verlangst, daß das, was
>nicht in deiner Macht steht, in deiner Macht stehe, und daß das, was dir nicht gehört, dir gehöre. Ebenso töricht bist du, wenn
>du wünschst, daß dein Diener keinen Fehler mache; denn du willst, daß der Fehler kein Fehler sei, sondern etwas anderes.
>Wenn du aber den Willen hast, dein Ziel nicht zu verfehlen, so kann dir dies möglich sein. Übe dich einfach in dem, was dir
>möglich ist. Jedem anderen überlegen ist derjenige, der die Möglichkeit hat, ihm das zu geben, was er haben will, und ihn von
>dem zu befreien, was er nicht haben will. Wer aber frei sein will, der darf weder erstreben noch meiden, was in der Macht eines
>anderes steht. Sonst wird er zwangsläufig zum Sklaven.
>
>VERZICHTEN IST BESSER ALS ZUGREIFEN (15)
>Denke daran, daß du dich im Leben verhalten mußt wie bei einem Gastrnahl. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an
>die Reihe. Streck deine Hand aus und nimm dir ein bißchen. Es wird weitergereicht. Halte es nicht zurück. Es ist noch nicht bei
>dir angekommen. Richte dein Verlangen nicht weiter darauf, sondern warte, bis es zu dir kommt.
>So halte es auch mit dem Wunsch nach Kindern, nach einer Frau, nach einer angesehenen Stellung, nach Reichtum, und du wirst
>eines Tages eines Gastmahls mit den Göttern würdig sein.
>Wenn du aber nichts von dem nimmst, was dir vorgesetzt wird, sondern es unbeachtet läßt, dann wirst du nicht nur ein
>Tischgenosse der Götter sein, sondern auch an ihrer Macht teilhaben. Denn so taten es Diogenes, Herakles und ähnliche
>Männer, und darum waren sie mit Recht göttlich und wurden mit Recht göttlich genannt.
>
>GRENZEN DES MITLEIDS (i6)
>Wenn du jemanden jammern und klagen siehst, weil sein Kind weit fort ist oder weil er sein Vermögen verloren hat, achte
>darauf, daß du dich nicht von der Vorstellung hinreißen läßt, er sei aufgrund dieser äußeren Dinge tatsächlich im Unglück. Halte
>dir vielmehr sofort vor Augen: «Nicht das, was passiert ist, betrübt diesen Mann jemand anders nämlich betrübt es nicht),
>sondern seine Meinung darüber. »
>Zögere jedoch nicht, ihn mit Worten zu trösten und, wenn es sich so ergibt, auch mit ihm zu klagen. Aber hüte dich davor, auch
>mit innerer Anteilnahme zu jammern.
>
>SPIEL DEINE ROLLE GUT (17)
>Erinnere dich, daß du ein Schauspieler in einem Drama bist; deine Rolle verdankst du dem Schauspieldirektor. Spiele sie, ob sie
>nun kurz oder lang ist. Wenn er verlangt, daß du einen Bettler darstellst, so spiele auch diesen angemessen; ein Gleiches gilt für
>einen Krüppel, einen Herrscher oder einen Durchschnittsmenschen.
>Denn das allein ist deine Aufgabe: die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, ist Sache eines anderen.
>
>VORZEICHEN (18)
>Wenn dir ein Rabe krächzend Unheil verkündet, laß dich nicht von deiner Vorstellung hinreißen, sondern triff sofort die
>Unterscheidung bei dir und sag dir: «Keines dieser Vorzeichen gilt mir, sondern nur meinem erbärmlichen Körper, meinem
>bißchen Besitz, meinem kümmerlichen Ansehen, meinen Kindern oder meiner Frau. Mir aber wird Oberhaupt nur Glück
>prophezeit, wenn ich es will. Was auch immer davon eintreffen mag - es liegt bei mir, Nutzen daraus zu ziehen.»
>
>WAHRE FREIHEIT (19)
>Du kannst unbesiegbar sein, wenn du dich auf keinen Kampf, einläßt, in dem der Sieg nicht von dir abhängt. Wenn du jemanden
>siehst, der hochgeehrt, sehr mächtig oder sonst in großem Ansehen steht, laß dich nicht von dem äußeren Eindruck blenden und
>preise ihn nicht glücklich. Denn wenn das wahre Wesen des Guten zu dem gehört, was in unserer Macht steht, dann ist weder
>Neid noch Eifersucht am Platze. Du selbst willst doch kein Feldherr, Senator oder Konsul sein, sondern ein freier Mann. Dahin
>führt aber nur ein einziger Weg: Alles gering zu schätzen, was nicht in unserer Macht steht.
>
>BELEIDIGUNGEN KÖNNEN MICH NICHT TREFFEN (20)
>Sei dir dessen bewußt, daß dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung,
>daß diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, daß es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt
>hat. Deshalb versuche vor allem, dich von deinem ersten Eindruck nicht hinreißen zu lassen. Denn wenn du dir Zeit zum
>Nachdenken nimmst, dann wirst du die Dinge leichter in den Griff bekommen.
>
>NACHDENKEN ÜBER DEN TOD (21)
>Tod, Verbannung und alles andere, was als furchtbar gilt, halte dir täglich vor Augen, besonders aber den Tod , und du wirst
>niemals kleinliche Gedanken haben oder etwas übermäßig begehren.
>
>SICH NICHT BEIRREN LASSEN (22)
>Wenn du nach Weisheit strebst, so mach dich von vornherein darauf gefaßt, daß man dich auslachen wird und daß dich viele
>verspotten und sagen werden: «Er ist plötzlich als Philosoph wiedergekommen. »Oder: «Wie kommt es, daß er auf einmal die
>Brauen so hochzieht?»
>Du brauchst aber keine finstere Miene zu ziehen. Aber halte dich an das, was dir als das Beste erscheint, so als ob du von Gott
>auf diesen Posten gestellt wärest. Erinnere dich daran: Wenn du dabei bleibst, dann werden dich alle, die dich vorher ausgelacht
>haben, nachher bewundern. Wenn du dich aber von ihnen einschüchtern läßt, dann wird man dich doppelt auslachen.
>
>DEM LEBENSPLAN TREU BLEIBEN (23)
>wenn es dir einmal passiert, daß du dich den Äußerlichkeiten zuwendest, weil du jemandem gefallen willst, dann sei dir darüber
>im klaren: Du hast deinen Lebensplan aufgegeben. Es muß dir also ganz und gar genügen, ein Philosoph zu sein- wenn du aber
>als solcher angesehen werden willst dann sieh dich selbst als solchen an, und du wirst zufrieden sein.
>
>WOZU BIN ICH NÜTZLICH? (24)
>Diese Gedanken dürfen dich nicht quälen: «Ich werde ohne Ansehen leben und nirgends etwas gelten. » Falls das Fehlen von
>Ansehen wirklich ein Unglück ist: du kannst doch nicht durch einen anderen im Unglück oder in Schande leben. Hängt es etwa
>von dir ab, ein Amt zu bekommen oder zu einem Gastmahl eingeladen zu werden? Keineswegs. Wieso ist dies dann noch als
>Fehlen von Ansehen zu verstehen? Wie kann es sein, daß du nirgends etwas giltst, da du doch einzig auf dem Gebiet, das in
>deiner Macht steht, etwas bedeuten sollst, wo es dir möglich ist am bedeutendsten zu sein?
>Aber du hast Freunde und kannst ihnen nicht helfen? Was meinst du mit «nicht helfen können»? Sie werden von dir kein Geld
>bekommen; du wirst ihnen auch nicht das römische Bürgerrecht verschaffen können. Wer hat dir denn gesagt, daß dies zu den
>Dingen gehört, die in unserer Macht stehen, obwohl sie in Wirklichkeit unserem Einfluß entzogen sind? Wer kann jemandem
>etwas geben, was er selbst gar nicht besitzt? «Dann verschaff dir Geld», sagt ein Freund, «damit auch wir etwas davon haben.»
>Wenn ich Geld bekommen kann, ohne dabei meine Zurückhaltung, meine Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit und meine
>Großzügigkeit zu verlieren, dann zeige mir den Weg, und ich werde das Geld erwerben. Wenn ihr aber von mir verlangt, daß ich
>meine Güter aufgebe, damit ihr zu Gütern kommt, die gar keine sind, dann müßt ihr begreifen, wie ungerecht und unverständig
>ihr seid.
>Was wollt ihr denn lieber haben? Geld oder einen verläßlichen und bescheidenen Freund? Helft mir also lieber dabei und
>verlangt nicht von mir, daß ich etwas tue, wodurch ich diese Eigenschaften verlieren.
>«Aber das Vaterland wird von mir keinen Nutzen haben - » Dazu ist wiederum zu fragen: Welche Art von Nutzen meinst du?
>Säulenhallen und Badeanstalten wird es nicht von dir bekommen. Aber was heißt das schon? Denn es bekommt ja auch keine
>Schuhe vom Schmied und keine Waffen vorn Schuster. Es reicht, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfüllt". Wenn du aus
>irgendeinem Mitmenschen einen zuverlässigen und bescheidenen Mitbürger machst, bist du damit dem Vaterland etwa nicht
>nützlich? «Doch.» Folglich dürftest du ihm auch nicht nutzlos sein. «Welche Stellung werde ich im Staat einnehmen?» Die
>Stellung, die du ausfallen kannst, ohne dabei deine Zuverlässigkeit und Bescheidenheit zu verlieren. Wenn du diese
>Eigenschaften aber verlierst, weil du dem Staat dienen willst, was dürfte es ihm nützen, wenn du am Ende unzuverlässig und
>unbescheiden geworden bist?
>
>ÜBER DIE BEDINGUNGEN DES ÖFFENTLICHEN ERFOLGES (25)
>Es wurde dir jemand bei einer Einladung oder bei einer morgendlichen Begrüßung vorgezogen, oder du bist nicht um einen Rat
>gebeten worden. Wenn dies etwas Gutes ist, dann solltest du dich freuen, daß jemand anders in seinen Genuß gekommen ist.
>Wenn es aber etwas Schlechtes ist, dann ärgre dich nicht, daß du es nicht bekommen hast.
>Bedenke doch, daß du, wenn du nicht dasselbe tust wie die anderen, um das zu bekommen, was nicht in unserer Macht steht,
>nicht dasselbe beanspruchen kannst. Denn wie kann einer, der nicht die Klinken eines Mächtigen putzt, dasselbe beanspruchen
>wie einer, der es tut? Entsprechendes gilt für den, der sich im Gefolge eines Mächtigen sehen läßt, und den, der das nicht tut,
>oder für den, der diesen lobt, und den, der das sein läßt.
>Du wirst ungerecht und unersättlich sein, wenn du jenes, ohne den Preis zu bezahlen, für den man es kaufen kann, umsonst
>haben willst. Wieviel kostet zum Beispiel der Salat? Einen Obolus vielleicht. Wenn also jemand den Obolus hinlegt und dafür
>seinen Salat bekommt, du aber nichts hinlegst und nichts bekommst, dann darfst du nicht glauben, daß du schlechter daran bist
>als derjenige, der etwas bekommt. Denn wie jener seinen Salat hat, so hast du noch den Obolus, den du nicht ausgegeben hast.
>Dasselbe ist auch hier der Fall. Du bist nicht zum Essen eingeladen worden? Du hast nämlich dem Gastgeber den Preis nicht
>bezahlt, für den er sein Essen verkauft. Für ein Lob oder eine Aufmerksamkeit verkauft er es. Gib ihm den Preis, für den er es
>verkauft, wenn es dir nützlich ist. Wenn du das eine aber nicht bezahlen und das andere trotzdem haben willst, dann bist du
>unverschämt und einfältig. Hast du nichts statt der Einladung? Du kannst doch sagen, du hast den nicht gelobt, den du nicht
>loben wolltest, und du brauchst dich nicht mit den Wächtern an seiner Tür auseinanderzusetzen.
>
>LEID IST FÜR ALLE GLEICH (26)
>Den Willen der Natur kann man dort erkennen, wo wir uns nicht voneinander unterscheiden. Wenn zum Beispiel der Diener
>eines anderen das Trinkglas zerbricht, dann sagt man sogleich: «Das kann schon einmal passieren. » Also sei dir darüber im
>klaren: Wenn dein eigenes Trinkglas zerbricht, dann mußt du dich konsequenterweise genauso verhalten wie damals, als das
>Glas des anderen zerbrach. Übertrage dies nun auch auf wichtigere Dinge. Ein Kind oder die Frau eines anderen ist gestorben.
>Es gibt keinen, der nicht sagen würde: «Das ist nun einmal das Los des Menschen.» Aber wenn einem das eigene Kind stirbt,
>dann jammert er sofort: «Ach, ich Armer.» Aber es wäre nötig, daß wir bedenken, was wir empfinden, wenn wir bei einem
>anderen von einem solchen Unglück hören.
>
>DAS BÖSE (27)
>Wie kein Ziel aufgestellt wird, damit man es verfehle, so gibt es auch nichts von Natur aus Böses in der Welt.
>
>LASS DICH NICHT AUS DER FASSUNG BRINGEN (28)
>Wenn jemand deinen Körper dem ersten besten, der dir begegnet, übergeben würde, dann wärst du empört. Daß du aber dein
>Herz jedem Beliebigen überläßt, und es sich, wenn du beschimpft wirst, aufregt und aus der Fassung gerät - deshalb schämst du
>dich nicht?
>
>MAN MUSS SICH ENTSCHEIDEN (29)
>Bei jeder Tat prüfe ihre Voraussetzungen und Folgen und geh erst dann an sie heran. Wenn du das nicht tust, wirst du dich
>anfangs mit Begeisterung auf die Sache werfen, da du ja nicht an ihre Folgen gedacht hast,- wenn später aber irgendwelche
>Schwierigkeiten auftreten, dann wirst du aufgeben und Schimpf und Schande ernten.
>Du willst in Olympia siegen? Das will ich auch, bei den Göttern. Denn das ist eine schöne Sache. Aber denke an die
>Voraussetzungen und Folgen und dann erst geh an die Sache heran. Du mußt dich einer strengen Disziplin unterwerfen, eine Diät
>einhalten, darfst keinen Kuchen mehr essen, mußt nach einem genauen Plan trainieren - zu festgesetzter Zeit, bei Hitze und
>Kälte. Dann darfst du kein kaltes Wasser und keinen Wein trinken, wenn du Lust dazu hast, du hast dich dem Trainer wie
>einem Arzt auszuliefern. Darauf mußt du dich beim Wettkampf auf der Erde wälzen. Es kann auch vorkommen, daß du dir die
>Hand verrenkst, den Fuß verstauchst und viel Staub schlucken mußt. Manchmal bekommst du sogar Schläge - und nach all
>diesen Anstrengungen mußt du vielleicht am Ende eine Niederlage hinnehmen.
>Wenn du dies alles bedacht hast und noch willst, dann nimm an den Spielen teil. Andernfalls wirst du dich wie die Kinder
>benehmen, die einmal Ringkampf, ein anderes Mal Gladiatorenkampf spielen, bald Trompete blasen, bald Theater spielen. So
>bist auch du heute ein Ringer, morgen ein Gladiator, dann wieder Redner und ein anderes Mal Philosoph. Mit ganzer Seele aber
>bist du gar nichts, sondern wie ein Affe machst du alles nach, was du siehst, und heute gefällt dir dieses, morgen jenes. Denn du
>gehst ohne Überlegung und ohne gründliche Prüfung an eine Sache heran. Du folgst bedenkenlos jeder zufälligen Laune.
>So haben zum Beispiel manche einen Philosophen gesehen und reden hören, wie Euphrates redet - in der Tat: Wer kann so
>reden wie er? -, und nun wollen sie selbst Philosophen sein. Mensch, überlege dir doch, worum es eigentlich geht. Dann prüfe
>deine eigenen Fähigkeiten, ob du der Sache auch gewachsen bist. Du willst Fünfkämpfer oder Ringer werden? Sieh dir deine
>Arme und deine Schultern an, untersuche deine Hüften. Denn der eine ist für dieses, der andere für jenes geeignet.
>Meinst du, dag du bei dieser Tätigkeit wie bisher essen und trinken oder die gleichen Wünsche und Abneigungen haben kannst?
>Du mußt auf Schlaf verzichten, Anstrengungen auf dich nehmen, die Angehörigen verlassen, von einem Sklaven dich verachten
>lassen, dich von den Leuten auf der Straße auslachen lassen, in allem unterlegen sein, wenn es um eine Stellung oder ein Amt
>geht und wenn du vor Gericht stehst, in jeder Hinsicht also mußt du Nachteile in Kauf nehmen. Überleg es dir gut: Willst du um
>diesen Preis innere Ruhe, Freiheit und Ungestörtheit gewinnen?
>Wenn du das nicht willst, dann fang gar nicht erst an, damit du es nicht wie die Kinder machst: Heute Philosoph, morgen
>Zöllner, dann Redner, dann Beamter des Kaisers. Das paßt nicht zusammen. Du kannst nur eines sein: ein guter oder ein
>schlechter Mensch.
>Du mußt dich entscheiden: Entweder arbeitest du für deine Seele oder für die äußeren Dinge. Entweder bemühst du dich um das
>innere oder um das Äußere, das heißt, entweder spielst du die Rolle eines Philosophen oder eines gewöhnlichen Menschen.
>
>DIE PFLICHTEN (30)
>Unsere Pflichten richten sich im allgemeinen nach unseren sozialen Beziehungen. Da ist ein Vater: Man ist dazu verpflichtet, sich
>um ihn zu kümmern, ihm in allem nachzugeben, es zu ertragen, wenn er schimpft und einen schlägt. «Aber es ist ein schlechter
>Vater.» Hast du dich etwa einem von Natur aus guten Vater anvertraut? Nein, sondern nur einem Vater. «Mein Bruder tut mir
>unrecht.» Gut, aber ändere nicht dein Verhalten ihm gegenüber. Kürnmere dich nicht darum, was er tut, sondern was du tun
>mußt, wenn deine sittliche Entscheidung in Obereinstimmung mit der Vernunftnatur bleiben soll. Denn dir wird kein anderer
>Schaden zufügen, wenn du es nicht willst. Du wirst aber dann geschädigt, wenn du annimmst, daß du geschädigt wirst.
>So wirst du auch erkennen, was du von deinem Nachbarn, deinem Mitbürger und deinem Feldherrn zu erwarten hast, wenn du
>dich daran gewöhnst, deine sozialen Beziehungen zu ihnen zu berücksichtigen.
>
>FRÖMMIGKEIT (31)
>Was die Frömmigkeit gegenüber den Göttern betrifft, So wisse, daß es am wichtigsten ist, richtige Vorstellungen über sie zu
>haben: daß sie existieren und die ganze Welt schön und gerecht regieren und daß du dich darauf einstellen mußt, ihnen zu
>gehorchen und dich allem, was geschieht, zu fügen und freiwillig zu unterwerfen in der Überzeugung, daß es von der höchsten
>Vernunft vollzogen wurde. Dann wirst du die Götter nämlich niemals tadeln und ihnen vorwerfen, daß sie sich nicht um dich
>kümmerten.
>Aber das ist nur dann möglich, wenn du deine Vorstellung von Gut und Böse nicht aus dem gewinnst, was nicht in unserer
>Macht steht, sondern allein dort suchst, wo wir freie Verfügungsgewalt haben. Denn wenn du etwas von den Dingen, die nicht in
>unserer Macht stehen, für gut oder schlecht hältst, dann ist es nur konsequent, daß du die Verursacher tadelst und haßt, sobald
>du etwas nicht bekommst, was du dir wünschst, oder wenn dir etwas zustößt, was du nicht willst. Denn es liegt in der Natur
>eines jeden Lebewesens, das, was ihm schädlich erscheint und was Schaden verursacht, zu meiden und zu fliehen, dem
>Nützlichen und seinen Ursachen aber nachzugehen und es zu bewundern.
>Es ist undenkbar, daß sich einer, der sich geschädigt glaubt, über den vermeintlichen Urheber des Schadens freut, wie es ja
>auch ausgeschlossen ist, daß man sich über den Schaden selbst freut.
>Daher wird auch ein Vater von seinem Sohn verwünscht, wenn er ihn nicht an den Dingen teilhaben läßt, die er für gut hält. So
>wurden auch Polyneikes und Eteokles zu Feinden, weil sie glaubten, die Herrschaft sei ein Gut. Deshalb beschimpfen auch der
>Bauer, der Seemann und der Kaufmann die Götter, und dasselbe tun diejenigen, die ihre Frauen und Kinder verlieren. Denn wo
>Nutzen ist, dort ist auch Frömmigkeit.
>Wer daher das Richtige erstrebt oder meidet, der ist auch fromm. Aber Trank- und Brandopfer darzubringen und die
>Erstlingsgaben nach altem Brauch darzubringen, ist jedermanns Pflicht - mit reinem Herzen, nicht gedankenlos, nicht nachlässig,
>nicht zu knausrig, aber auch nicht über unsere Möglichkeiten hinaus.



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