Im Verlauf des gestrigen Abends wurden ab 18 Uhr die unglückseligen Preisträger der deutschen BigBrotherAwards (BBA) bekannt gegeben. Es dürfte sich tatsächlich um einer der ganz wenigen Auszeichnungen handeln, die wirklich keine Firma, kein Politiker oder Privatperson freiwillig in Empfang nehmen möchte. Dementsprechend tauchte auch gestern keine der auserkorenen Datenkraken in Bielefeld in der Ravensberger Spinnerei auf.

Die Jury bestehend aus Mitgliedern von insgesamt sieben unabhängigen Organisationen hat in monatelanger Arbeit die Schwemme der eingereichten Hinweise für jede einzelne Kategorie überprüft. Eigenen Angaben nach hatte man es dieses Jahr bei über fünfhundert Benennungen sehr schwer, die richtigen Überwacher, Bespitzeler und Datensammler herauszufiltern. Beunruhigend ist in jedem Fall, die Zahl der Nominierungen wächst von Jahr zu Jahr stetig an.




Arbeitswelt - Keine Gefangenen machen!

In der Kategorie Arbeitswelt räumt die Novartis Pharma GmbH den Preis für die systematische Bespitzelung ihrer Außendienstmitarbeiter durch Detektive und einer vorsätzlichen Verletzung der zugesicherten Anonymität bei internen Erhebungen ab. Das Pharmaunternehmen hat ihren Außendienstmitarbeitern im großen Stil Detektive hinterher geschickt. Man wollte überprüfen, ob diese die bilanzierten Arzt- und Apothekenbesuche auch wirklich durchgeführt haben. In diesem Arbeitsbereich scheint tatsächlich der Kriegszustand ausgebrochen zu sein. So gab der Geschäftsführer der Konzernmutter die kernige Parole aus: "Kill To Win - No Prisoners". Stellt sich die Frage, ob Personen Höchstleistungen erbringen nur weil sie das Gefühl nicht loswerden können, überwacht zu werden. Qualifiziert für den BBA hat sich die Novartis Pharma GmbH auch durch die Rückgabe "anonymer" Umfragen im Kollegenkreis. Diese sind, nachdem sie nachträglich personalisiert wurden, direkt bei der Personalabteilung gelandet. Später wurden den überraschten Mitarbeitern die eigenen Umfrageergebnisse mit samt ihrem Namen zurückgegeben.

Die für die Umfrage beauftragte Agentur kommentierte die Angelegenheit mit den Worten "So naiv kann man doch nicht sein!" Warum Anonymität aufrechterhalten, die man zuvor ausdrücklich zusicherte? Fast erscheint es, der Zweifrontenkrieg in diesem Sektor wird gegen die eigenen Reihen und nicht gegen die Konkurrenz geführt. Der Betriebsrat sah sich immerhin genötigt, die Bespitzelung durch die Detektive offen zu legen. Es gab leider keine sichtbaren Anzeichen für Bemühungen die eigenen Mitarbeiter davor zu beschützen. Es scheint fast so, als wenn Herr Dr. Maag, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens alles und jeden gut im Griff hat. Wie auch immer: Unser herzliches Beileid zum BigBrotherAward 2007!


BigBrotherAwards 2007 - Die Datenkrake inklusive Preis. Bild: Lars Sobiraj

BBA07: Die Datenkrake und der Preis,
den niemand haben wollte



Behörden und Verwaltung - Der Duft des Terrors

In der Kategorie Behörden und Verwaltung hat sich die Generalbundesanwältin Monika Harms durch ihre Maßnahmen gegen die Gegner des G-8 Gipfels in Heiligendamm im Mai dieses Jahres hervorgetan. Zum einen hat sie beim Ermittlungsrichter beantragt, trotz des Briefgeheimnisses auf der Suche nach Bekennerschreiben in Hamburg systematische Kontrollen von tausenden von Briefen durchzuführen. Andererseits ordnete sie an, von Gipfelgegnern Geruchsproben zu nehmen und diese zu konservieren. Die Ermittlungen haben bislang keinen einzigen Terroristen zutage gebracht. Die Geruchsproben sollten bestimmen, ob sich ein Verdächtigter an einem bestimmten Ort aufgehalten hat, oder ein Tatwerkzeug bzw. ein Bekennerschreiben berührt hat. "Stinknormal" kann man das nicht mehr nennen.

Dieter Wiefelpütz über Frau Harms: "Sie ist auf den Hund gekommen und sollte so schnell wie möglich davon wieder runterkommen." Da bleibt es einem nur übrig zu gratulieren.



Regional - Hamburgs Schulen als neue Abschiebebehörden?

Der BigBrotherAward (BBA) in der Kategorie "Regional" geht dieses Jahr an Frau Senatorin Alexandra Dinges-Dierig, respektive an die Behörde für Bildung und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg. Deren "Verdienst" ist die Einrichtung eines Schülerzentralregisters mit dem Nebenzweck, ausländische Familien ohne Aufenthaltserlaubnis aufzuspüren. Die Schulpflicht und das verbriefte Recht von Kindern auf Bildung sorgt für eine lückenlose Erhebung aller Schülerdaten der Schulen der Hansestadt. Es erfolgt ein automatischer Abgleich mit dem Melderegister, um den illegalen Aufenthalt von Kindern und ihren Eltern festzustellen. Offiziell wird diese Handhabe damit begründet, man will tragische Fälle verhindern, bei denen Kinder wegen der Misshandlung oder Vernachlässigung ihrer Eltern über einen längeren Zeitpunkt der Schule fern geblieben sind. Als Folge schicken viele illegale Einwanderer aus Angst ihre Kinder erst gar nicht zur Schule, weil sie dadurch ihre Aufdeckung befürchten. Ein Gesetz, welches dem Schutz der Kinder dienen sollte, sorgt als Konsequenz für weniger Schüler im Klassenzimmer und auch für weniger Bildung. Es wird viel Druck auf die Schulbehörden ausgewirkt, die Daten lückenlos und zeitnah erheben zu können. Kids ohne Anmeldung können zwar vor einer Abschiebung bewahrt werden. Sie können im Gegenzug aber auch keine Zeugnisse oder offiziellen Abschlüsse erreichen. Auch sind sie im Fall der Fälle bei Unfällen nicht versichert.
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