Eine persönliche Erfahrung von Michael Houben
Eigentlich wollte ich eine Sendung über Kinderkrankheiten machen und dabei auch entsprechende Impfungen thematisieren. Doch die Redaktionskonferenz fand vor allem den Aspekt des Impfens spannend. In den Buchläden häuft sich Literatur, in der seine Erfolge angezweifelt und es als potentiell schädlich dargestellt wird. Ich erhielt den Auftrag eine Sendung über diese Impfkritik zu gestalten: Was hat es damit auf sich? Hält die Kritik einer wissenschaftlichen Überprüfung stand? Was kann man dem Patienten raten? Ich begann mir die Argumente gegen das Impfen anzuschauen, las entsprechende Bücher, recherchierte im Internet und fand erst einmal folgende vier Ansatzpunkte.
Argumente der Impfkritik
Unter dem Titel "Impfen, das Geschäft mit der Angst" postuliert Dr. Gerhard Buchwald seit über einem Jahrzehnt, dass der Rückgang vieler Krankheiten oft noch vor dem Start des Impfprogramms erfolgte und daher kaum ursächlich mit den Impfungen zusammenhängen kann. Er legt Zahlenreihen vor, nach denen in vielen Fällen die Erkrankungszahlen bereits vor Beginn eines Impfprogramms drastisch gesunken sind, Impfprogramme den Rückgang der Erkrankungszahlen zu bremsen schienen, oder teilweise gar einen erneuten Anstieg von Erkrankungszahlen bewirkten. Er folgert daraus, der Rückgang dieser Erkrankungen sei nicht auf Impfung sondern auf hygienische und soziale Veränderungen zurückzuführen. Diese These ist inzwischen in dutzenden populärwissenschaftlichen Büchern anderer Autoren zitiert und weiter ausgearbeitet worden.
In einigen Studien war aufgefallen, dass "durchgeimpfte" Menschen, einen insgesamt schlechteren Gesundheitsstatus haben, als Ungeimpfte. Dabei ging es nicht um (schwere und seltene) eindeutige Impfschäden, sondern um subtile, im Einzelfall unauffällige, Veränderungen. Insbesondere Autoimmunkrankheiten scheinen nach Impfungen häufiger aufzutreten. Meist entstanden solche Hinweise aber bei Untersuchung eigentlich anderer Fragestellungen, so dass ihre Beweiskraft nicht ausreicht. Allerdings schien es auch keine Arbeit zu geben, die dieser Frage systematisch nachging und den Verdacht ausräumt.
In einem amerikanischem Automobilwerk war eine Doppelblind-Studie durchgeführt worden, in der eine Hälfte der Belegschaft gegen Grippe geimpft wurde, die andere ein Placebo erhielt. Im ersten Jahr, bei ausgeprägter Grippewelle, waren die Geimpften deutlich häufiger krank als die mit Placebo behandelten. Im zweiten Jahr, bei insgesamt deutlich verringerter Zahl von Krankheitstagen, schnitten die Geimpften geringfügig besser ab. Insgesamt kam die Studie zu dem Ergebnis, dass die Grippeimpfung keinen Einfluss auf die Zahl der Krankheitstage habe. Wir fanden Ärzte und Patienten, die berichteten, dass die Impfung zwar scheinbar gegen die meisten Grippeviren schützt, aber gleichzeitig die Immunabwehr gegen andere Infekte heftig stören kann.
Die damals aktuelle Entscheidung der ständigen Impfkommission auch Windpocken als Standardimpfung in den Impfplan aufzunehmen, stieß gerade auch unter Kinderärzten auf ungewohnte Kritik. So häuften sich in der Ärztezeitung Artikel, in denen bezweifelt wurde, dass diese Krankheit gefährlich genug sei, um Aufwand und Risiko einer weiteren Kleinkinder-Impfung zu rechtfertigen.
Und die Impfbefürworter ? Noch bevor ich mich vertieft mit den Argumenten der Impfkritiker auseinander setzte, noch bevor ein Studiogast für die Sendung gefunden war, rief ich bei der ständigen Impfkommission des Robert Koch Institutes, bei der STIKO an. Ich erklärte das Vorhaben, die bislang aufgetauchten Fragen und bat um Ansprechpartner dazu. Ich wurde an Dr. Leidel verwiesen, den Leiter des Kölner Gesundheitsamtes und stellvertretenden Vorsitzender der STIKO. Rund zwei Monate vor der geplanten Sendung bat ich ihn, mir zu der genannten Punkten den Standpunkt der Impfbefürworter zu erläutern und entsprechende Literatur zu empfehlen. In einem mehrstündigen persönlichen Gespräch mit anschließendem Interview, gut vier Wochen vor der Sendung, konnte Dr. Leidel nicht eine Frage schlüssig beantworten, oder eine Studie benennen, die dies tut. Am Ende bat ich ihn erneut, entsprechende Literatur nachzureichen, erhielt trotz weiterer Nachfragen bis zur Sendung schlicht nichts. Im Gegenteil:
Bezüglich der Thesen von Dr. Buchwald hatte ich eigentlich erwartet, erdrückende Beweise vorgelegt zu bekommen, dass seine Fundamentalkritik schlicht falsch sei. Doch nichts dergleichen. Die Antwort des stellvertretenden STIKO-Vorsitzenden lautete schlicht: "wahrscheinlich sind die von Dr. Buchwald verwendeten Basiszahlen falsch." Das Wort wahrscheinlich klingt in diesem Zusammenhang schon peinlich genug. Noch peinlicher: Da Dr. Buchwald sich bei allen Zahlen auf das statistische Bundesamt beruft, ließ ich mir von dort die Originaldaten schicken. Sie stimmten mit Dr. Buchwalds Kurven präzise überein. Bezüglich subtiler negativer gesundheitlicher Auswirkungen von Impfungen lautete die Antwort: keine der entsprechenden Studien sei aussagekräftig. Allerdings konnte der Vertreter der STIKO auch keine einzige Arbeit benennen, die diese Frage explizit untersucht hätte oder gar zu dem Ergebnis käme, es gäbe diese subtilen Schäden nicht. Auch hier wirkt befremdlich, dass der Verdacht seit Jahren veröffentlich ist, sich aber scheinbar kein Impfbefürworter die Mühe gemacht hat, ihn seriös zu widerlegen.
Eine herbeigerechnete Gefahr ? Auch die Recherche zur Windpockenimpfung nahm einen überraschenden Verlauf. Sie war von der STIKO empfohlen worden, nachdem eine Studie zu dem Ergebnis kam, die vermeintlich harmloseste Kinderkrankheit sei doch gefährlicher als weithin bekannt. Auf dem Server eines beteiligten Universitätsinstitutes fand ich eine präzise Beschreibung der Studie, auch das Zustandekommen der Zahlen war rekonstruierbar. Doch mit guter Wissenschaft hatte das meiner Meinung nach wenig zu tun. So war Grundlage der Studie allein eine Telefonumfrage bei Ärzten. Diejenigen, die Windpocken gar nicht als Problem erachteten und nicht mitmachen wollten, fielen schon mal unter den Tisch. Dann sollten die Ärzte aus dem Gedächtnis heraus Anfangsbuchstaben von Patienten benennen, die Windpocken hatten. Dieses Verfahren sollte sicherstellen, dass Patienten nach dem "Zufallsprinzip" ausgewählt wurden. Doch sehr wahrscheinlich ist, dass die Ärzte sich an die ungewöhnlichen Fälle mit Komplikationen besser erinnern. Das ganze Vorgehen war offensichtlich darauf optimiert, die Windpocken möglichst gefährlich erscheinen zu lassen. Zu alledem war sie vom damals einzigen Hersteller eines Windpockenimpfstoffes gesponsert worden (!).
Der stellvertretende Vorsitzende der ständigen Impfkommission konnte dem in Vorgespräch und Interview nur entgegensetzen, die Autoren hätten einen untadeligen Ruf, ich solle mich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen. Genau das tat ich am folgenden Tag, gut einen Monat vor der Sendung. Doch als ich dem benannten Korrespondenzautor meine Erkenntnisse geschildert hatte, entgegnete der, er habe jetzt keine Zeit meine Fragen zu beantworten, ich solle eine mail schicken - doch auch die könne er wegen eines Urlaubes erst in einigen Wochen beantworten. Ich schickte die mail und bekam weder nach Wochen noch nach Monaten, weder von ihm noch von einem der Co-Autoren jemals eine Antwort.
Der Sturm danach
Es wird kaum wundern, dass die Sendung wenig Argumente von Impfbefürwortern enthielt. Auf die von Impfkritikern aufgeworfenen Fragen hatte ich keine plausiblen Antworten erhalten. Trotzdem luden wir als Studiogast keinen ausgewiesenen Impfkritiker ein, sondern den ärztlichen Direktor der Gemeinschaftsklinik Witten-Herdecke, der als Kinderarzt eine Art Mittelweg propagiert: Den individuellen Impfentscheid, der gemeinsam mit den Eltern zu fällen sei: Je nach Konstitution und Lebensverhältnissen der Kinder rät er durchaus zu Impfungen, empfiehlt aber in vielen Fällen doch einen "reduzierten" Impfkalender.
Nach der Sendung erreichte eine bislang einmalige Fülle von Protestbriefen den Sender. Kassenärztliche Vereinigungen, Gesundheitsministerien, jeder, der in Deutschland im Impfwesen einen Professorentitel trug oder einen Posten bekleidete, schien sich direkt beim Intendanten zu beschweren. Dabei waren die Beschwerden teilweise offensichtlich koordiniert und zitierten sich zum Teil gar gegenseitig. Der Grundtenor: Impfkritik sei per se unwissenschaftlich, werde nur von Anthroposophen und Sektierern gepredigt, entbehre jeglicher Seriosität. Fast alle Zuschriften konzentrierten sich auf den Filmbeitrag, der in rund 3 von 45 Minuten die Buchwaldschen Thesen vorstellte.
Viele Beschwerdeführer hatten offensichtlich die Sendung gar nicht gesehen, kannten sie allein vom Hörensagen. Interessant dabei: Keine einzige Beschwerde ging auf den schweren Vorwurf der Sendung ein, die Windpocken-Studie sei manipuliert. Ein Autor der Windpocken-Studie unterschrieb gar einen mehrseitigen Beschwerdebrief, in dem das Wort Windpocken nicht einmal vorkam.
Kaum eine Zuschrift machte sich die Mühe, einzelne Aussagen der Sendung zu widerlegen. Im Kern war der Tenor stets derselbe: Ein verantwortungsvoller Journalist müsse schlicht glauben, was ein offizielles Organ wie die STIKO und die Mehrheit der im Impfwesen Beschäftigten postuliert. Es stehe uns nicht zu, nach wissenschaftlichen Beweisen zu fragen. Wir würden sie ja ohnehin nicht verstehen.
Konsequenzen?
Ich habe inzwischen zwanzig Jahre lang - von ARD GLOBUS über eine Vielzahl anderer Magazine bis hin zu MONITOR - fast ausschließlich über wissenschaftliche oder zumindest technische Themen berichtet, habe spätere Nobelpreisträger auf Forschungsreisen begleitet und mit manch einem Bericht eine bundesweite Diskussion losgetreten, aber eine derart niveaulose Argumentation war mir schlicht neu. Es machte viel Arbeit, zu all diesen Beschwerden Antwortentwürfe zu formulieren, doch nach einiger Zeit relativierte sich das: Fast alle vorgebrachte Kritik bezog sich auf wenige Details, zwischen vielen oft hochemotionalen Äußerungen fand sich wenig Konkretes und wenn wir in einem Antwortbrief Literaturquellen angaben, kam in einer Rückantwort wieder nur die pauschale Auskunft, diese Thesen seien falsch, es gäbe (unbenannte) gegenteilige Erkenntnisse. Die zum Teil offensichtliche Substanzlosigkeit der vorgebrachten Beschwerden sorgte dafür, dass der Rückhalt innerhalb der WDR-Hierarchie groß blieb. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich für die Rückendeckung durch die verantwortliche Redakteurin bedanken, aber auch beim Justitiariat und all den anderen WDR-Mitarbeitern, deren Arbeitszeit durch die Reaktionen auf diese Sendung erheblich strapaziert wurde.
Ein Kinderarzt aus Frankfurt-Höchst verglich auf seiner Homepage unseren Studiogast gar mit dem KZ-Arzt Mengele. Er musste diese Seiten nach Gerichtsbeschluss aus dem Netz nehmen, doch das hinderte einen von ihm initiierten e.V. nicht daran, eine Programmbeschwerde beim Rundfunkrat einzureichen. Der "Programmausschuss", eine auch für Beschwerden zuständige kleinere Gruppe von Rundfunkratsmitgliedern empfahl ohne Gegenstimmen, die Beschwerde abzulehnen. Auf der eigentlichen Sitzung dieses aus allen gesellschaftlich relevanten Gruppierungen zusammen gesetzten Gremiums entstand dann doch eine kontroversere Debatte, in der sich eine Minderheit der Empfehlung nicht anschließen wollte. Die entstehende Diskussion rieb sich dabei weniger an der "Richtigkeit" der Inhalte als an der vermeintlichen "Einseitigkeit" der Darstellung.
Richtig war: Die Sendung hatte sich vorgenommen die Argumente der Impfkritiker zu thematisieren. Die sind im Buchhandel weit verbreitet, waren im WDR Fernsehen aber bislang nicht behandelt worden. Wir hatten versucht, Antworten auf die von den Impfkritikern aufgeworfenen Fragen zu bekommen - und kaum welche erhalten. Entsprechend entstand eine eindeutig kritische Sendung. Als sich dies zunehmend herauskristallisierte, war in der Redaktion durchaus darüber diskutiert worden. Allerdings lagen uns aus dem WDR-Filmarchiv über 30 Berichte vor, in denen allein positiv über das Impfen oder einzelne Impfempfehlungen berichtet worden war und meist war kein Impfkritiker zu Wort gekommen. So erschien es uns zulässig, in diesem Fall eine Sendung zu machen, in der zwar auch der stellvertretende Leiter der STIKO zu Wort kam, die impfkritische Seite jedoch zweifellos überwog.
Eine Minderheit im Rundfunkrat war anderer Meinung. Nach längerer Diskussion entstand ein Kompromiss: Die Programmbeschwerde wurde abgelehnt, mit der Auflage eine zweite Sendung auszustrahlen in der "differenziert alle Fragestellungen des Impfens behandelt werden". Das könnte spannend sein: "Rundum Gesund" war bislang nie ein Forum für Streitgespräche und Diskussionen. Die Sendung besteht im wesentlichen aus Talk mit einem Studiogast, in dem auch Zuschauerfragen beantwortet werden, wobei 3-4 Einspielfilme einzelne Themen vertiefen. Schon um jeglichen Eindruck von Einseitigkeit zu vermeiden, soll diese Struktur bei der zweiten Sendung gelockert werden. Beide Seiten sollen angemessen zu Wort kommen, so lautet nun der Auftrag. Der verantwortlichen Redakteurin der ersten Sendung ist - wie auch mir - angeboten worden, an dieser zweiten Ausgabe mitzuarbeiten. Nach reiflicher Überlegung haben wir jedoch beschlossen uns daran nicht zu beteiligen.
Für meine weitere berufliche Arbeit hat all das im übrigen keine Konsequenzen. Bei aller Kritik gab es auch viel positiven Zuspruch. Eine solche Beschwerdewelle macht Arbeit und kostet Nerven. Da ich aber schon immer auch für Wirtschaftsredaktionen und politische Magazine tätig bin, kenne ich die Mechanismen: Eine Firma, der man etwas Negatives nachweist, wehrt sich mit allen möglichen Mitteln, mobilisiert ihre Belegschaft und Lobby zu Zuschauerpost, streitet notfalls vor Gericht. Meist ist das ein Zeichen dafür, dass man den Finger treffsicher auf eine Wunde gelegt hat. Solange man bei der Recherche sauber gearbeitet hat, erhöht das eher den persönlichen Marktwert und man sollte das recht gelassen betrachten. Als freiberuflicher Journalist kann ich nur hoffen, dass es noch möglichst lange möglichst viele Redakteure gibt, die sich von derart lauter Lobbyarbeit nicht einschüchtern lassen. Und dann wäre noch eine Bitte an alle Mediziner: Bitte beantworten Sie Fragen vor einer Sendung und belegen Behauptungen im Zweifelsfall durch Quellenangaben, so ist man das als seriöser Journalist eigentlich gewohnt.
http://www.wissenschafts-pressekonferenz.de/cgi-bin/WebObjects/WPKCMS.woa/wa/bericht?documentId=LSTX11392



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