Timeout statt Burnout ist die Devise. Um Dauerstress zu bewältigen und dem Alltag mit der notwendige Prise Gelassenheit zu begegnen, brauchen Körper und Geist Zeit zur Ruhe und zur Erholung. Niemand muss zum Eremit werden, die höchsten Berggipfel der Welt erklimmen oder sich in die Eisamkeit einer Wüste zurückziehen, um dem Selbst zu begegnen. Auch sind weder spezielle Kraftorte, prähistorische Stätten oder andere mehr oder weniger exotische Plätze notwendig, um abzuschalten und Körper, Geist und Seele wieder aufzutanken. Die Wege zur Entspannung und Stressbewältigung sind so individuell wie die Menschen selbst.

Eine beliebte Alternative, die in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, ist der Kurzurlaub oder das Wochenendseminar im Kloster. Schweigeseminare in klösterlicher Abgeschiedenheit boomen. Stressgeplagte Menschen begeben sich bei Zen- und Meditationskursen auf Sinnsuche und gestresste Mütter auf Ruhekurs. Rund 300 Klöster in Deutschland nehmen zur Zeit Gäste auf - Tendenz steigend. Die innere Einkehr auf Zeit hinter dicken Klostermauern fernab lauwarmer Medienunterhaltung oder Handygebimmel kann Wunder bewirken. Egal ob spezielle Yoga-Kurse, Musizieren, Meditation, Kneipp-Anwendungen oder Kalligraphie - das Angebotsspektrum deutscher Klöster wird immer größer, wenn es darum geht, Besucher auf Zeit zu ihrer eigenen Mitte zurückzuführen. Dabei werden die Klostergäste auf Wunsch nicht selten voll und ganz in den Tagesablauf des Klosteralltags integriert: Aufstehen in den frühen Stunden der Morgendämmerung, Andacht, gemeinsames Beten und Arbeiten. Wer Interesse an einer Auszeit im Kloster hat, sollte sich vorher jedoch informieren, welche Angebote am besten den persönlichen Bedürfnissen entsprechen. Spartanisch eingerichtete Unterkünfte, Sprechverbot und Tagesbeginn um 4.00 Uhr in der Früh sind nicht jedermanns Sache, für andere jedoch eine echte Herausforderung. Andere Häuser bieten komfortable Unterbringung und ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten.

Aber selbst im nahe gelegenen Wald, im Stadtpark oder auch nur auf dem Balkon lässt es sich prima abschalten. Eine Zwiesprache mit der Natur tut der Seele gut. Wälder, Wiesen, Wasser und Blumen entspannen und erhöhen gleichzeitig die Konzentrationsfähigkeit. Wussten Sie, dass mitten in Berlin mittlerweile mehr Nachtigallen zu finden sind als in ganz Bayern? In urbanen Lebensräumen - sprich Stadtparks - finden sich oft doppelt so viele Wildpflanzenarten wie im Umland. Während Füchse im Englischen Garten in München zu Hause sind, finden sich Wildschweine im Berliner Villenviertel, die Meldungen über ungewöhnliche Gäste in den Städten überschlagen sich. Streifzüge in die großen Stadtparks können sich also lohnen, um mit Flora und Fauna auf Tuchfühlung zu gehen. Der Zugang zu Wäldern und Grünflächen in der Umgebung und andere Treffpunkte im Freien verbessern die physische, psychische und soziale Gesundheit entscheidend. Das positive Erleben lässt Frustration, Ärger und Stress vergessen. Schon eine Stunde in der Ruhe des Waldes oder im Garten lässt schlechte Laune einfach so verfliegen. Natur wird in erster Linie dann erlebbar, wenn man sich voll und ganz auf sie einlässt: Aufmerksam der Stille des Waldes lauschen, im Schatten hoher Bäume ruhen, im kühlen Bergsee baden, den vom Regen durchnässten Waldboden riechen, die grobe Rinde eines Baumes ertasten oder Tiere in freier Wildbahn erleben, bedeutet, direkt am Pulsschlag der Natur zu sein und mit ihr in Einklang zu kommen. Nach einem langen Spaziergang im Wald sind negative Gedanken verflogen und der Kopf wieder frei. Die Eindrücke aus der Natur lenken von immer wieder kreisenden Gedanken und Alltagssorgen ab.

Somit haben sich in den vergangen Monaten die Pilgerwege, wie u.a. Santiago de Compostella, ständig wachsender Beliebtheit erfreut. Der Ruf nach Stille und Entschleunigung wird immer lauter. In grauer Vergangenheit waren es gläubige Christen, Bußpilger, Abenteurer, Flüchtlinge und nicht selten sogar Diebe und Landstreicher, die sich auf den Jakobsweg begaben. Aber auch jetzt im 21. Jahrhundert pilgern Tausende von Menschen nach Santiago de Compostella. Nicht zuletzt durch Promis wie Hape Kerkeling und dem damit verbundenen Medienrummel wurde ein regelrechter Boom ausgelöst, der aber bereits schon wieder am Abklingen ist. Jenseits der Popkultur ist es die Suche nach dem eigenen Ich, der Wunsch sich selbst zu begegnen und zurück zur eigenen Mitte zu finden, der Menschen veranlasst, die Strapazen dieser Reise auf sich zu nehmen. Es heißt, der Jakobsweg sei eine Metapher menschlichen Lebens, das durch die Stationen "Werden-Sein-Vergehen" geprägt ist. Dementsprechend führt der Pilgerweg von Osten nach Westen. Während der Sonnenaufgang im Osten als altes Symbol für den Beginn des Lebens, die Geburt, bekannt ist, verbindet man mit dem Sonnenuntergang im Westen das Sterben und den Tod. Wer den Fußmarsch zum Grab des heiligen Jakobus antritt, begibt sich auf die Spuren einer alten Tradition, die sich bis zu den Jüngern Jesu zurückführen lässt. Doch keinesfalls sind es nur Gläubige, die sich auf den Jakobsweg begeben. Menschen wie der stressgeplagte Manager, der ausgepowerte Angestellte, oder einfach Personen, die durch turbulente Zeiten gegangen sind und verdrängte Emotionen oder unverarbeitete Erlebnisse bewältigen wollen, begeben sich auf den oft mehrwöchigen Weg, der den akribisch durchorganisierten Alltag verblassen lässt. Pflichten, Stress und Zeitdruck verlieren hier jegliche Bedeutung. Dafür treten Stille, reines Naturerleben und tiefe Einblicke in das Selbst in den Fokus des Erlebens. Schon in vorchristlicher Zeit schätzten die Kelten Santiago de Compostella als einen Ort der Kraft - einen Platz an dem es keine Rolle spielt, ob das, was wir wahrnehmen wirklich ist oder nicht, ob es also einer tatsächlichen, nachprüfbaren Realität entspricht. Wenn es wahrgenommen wird, dann existiert es.

Nicht jeder Ort spricht jeden Menschen an, das Gefühl ist individuell. Die Kunst des Loslassens und der Gedankenstille will gelernt sein. Erst aus einer gewissen Distanz heraus kann man zum Beobachter seiner eigenen, inneren Welt von Empfindungen, Gefühlen und Gedanken werden. Hat man seinen persönlichen Platz gefunden, mag man ihn am liebsten gar nicht mehr verlassen. Man fühlt sich auf Anhieb geborgen und wie zu Hause angekommen. Ein ähnliches Gefühl kennt fast jeder noch aus Kindheitserinnerungen, als man noch seinen Lieblingsplatz oder sein Lieblingsversteck hatte, an bzw. in dem man sich sicher und gut aufgehoben fühlte. Nun gilt es, einen ähnlichen Ort zu finden, um das innere Kind wieder zu erwecken. Die Art und Weise, wie wir uns und die Welt sehen, haben wir nicht zuletzt durch gesellschaftliche Wertvorstellungen bzw. oft sogar durch moralische oder religiös gefärbte Indoktrinationen erlernt. Daher kann es nicht schaden, alte Denkweisen und Überzeugungen zu hinterfragen und offen für Neues zu sein. Ort, Zeit, Offenheit für neue Erfahrungen müssen daher jedoch in sich stimmig sein - erzwingen lässt sich nichts.

Aus: "Wandmaker aktuell"
Heft 52 Juli/August 2008

Liebe Grüße,
Viola