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Thema: Seelenhygiene und massvolles Leben

  1. #1
    Viola
    Gast

    Seelenhygiene und massvolles Leben

    Der Philosoph, Literat und Agronom Lodovico Alvise Cornao fühlte sich als alter Herr "als der glücklichste Philosoph, der mir je begegnet ist".

    Bevor es aber dazu kam, führte Cornaro als Mitglied einer der mächtigsten venezianischen Adelsfamilien ein so ausschweifendes Leben, dass er bereits als 40-jähriger zitternd mit einem Bein im Grab stand. Nur mit Mühe gelang es den Ärzten, den durch ständige Orgien nahezu ruinierten Lebemann zu retten. Nachdem er um Haaresbreite dem Sensenmann entwischt war, beschloss Cornaro, sein Leben völlig umzukrempeln.

    Mit eiserner Disziplin sorgte er für regelmässigen Lebenswandel und unterwarf sich einer so strengen Diät, dass er seinen Gebrechen erfolgreich zu Leibe rückte. Nach zwei Jahren Askese erkannten seine Freunde den einstamals versoffenen Lüstling kaum wieder. Je älter und griesgrämiger sie selbst wurden, umso jünger sah Cornaro aus. Das verdankte er seinem einfach Geheimnis: Er ging regelmässig mit den Hühnern zu Bett und stand mit den Vögeln auf, machte täglich lange Spaziergänge, enthielt sich loser Weiber, nippte höchstens an Feiertagen am Wein, hielt mehrmals am Tag Zwiesprache mit seinem Herrgott, aß viel frisches Gemüse und keine fetten Speisen, verbannte düstere Gedanken und erfreute sich an der Schönheit der Natur. Er sang und lachte gerne, erfreute sich an schöner Literatur und Kunst und versuchte seine Empfindungen in erlesene Worte zu fassen. Als 80-jähriger macht Cornaro sich über 60-jährige Tattergreise lustig, denn er selbst flitzte beschwingt die Treppen und Hügel seines Anwesens auf und ab und ritt schneidig wie ein junger Kavallerist zur Hasenjagd. Stets gut gelaunt, erfreute er sich an der Gestaltung seines schönen Anwesens nahe Padua. Im Frühling und im Herbst besuchte er seine Freunde in den umliegenden Städten und lernte durch sie neue, außergewöhnliche Leute kennen: Architekten, Maler, Bildhauer, Musiker und Landökonomen. Mit kindlicher Freude lauschte Cornaro ihren Worten, ihrer Musik und betrachtete ihre neuesten Werke, auf der Rundreise entzückte ihn die Schönheit der Landschaft, der Landhäuser, Gärten und Stadtanlagen. Alle seine Sinne Augen, Ohren, Geschmack waren in vollkommen gutem Zustand und das Wenige und Einfache, dass er nun zu sich nahm schmeckte besser als einst die Leckerbissen zu der Zeit als er unordentlich lebte. Zu dieser Glücksbereitschaft kam ein gesunder Humor. Im hohen Alter verfasste Cornaro eine spitzbübische Komödie, die er mit seinen Freunden zum Vergnügen der Nachbarn aufführte.
    Mit den älteren seiner 18 Enkel verband Cornaro eine herzliche Freundschaft. Ihnen erklärte er den Lauf der Gestirne und gemeinsam musizierten sie. Er sang selbst und hatte jetzt eine bessere, heller tönendere Stimme als je. Er sagte: "Das sind die Freuden meines Alters. Mein Leben ist ein lebendiges und kein totes und ich möchte mein Alter nicht tauschen gegen die Jugend eines solchen, der den Leidenschaften verfallen ist".

    In seiner "Ermahnung" die er seinem Lehrbuch "Vom massvollen Leben" beifügte, freute er sich, dass sein "Traktat" so vielen Menschen den Weg zur Lebenskunst gewiesen hatte. Der fröhliche Philosoph schloss 1566 mit 83 Jahren seine glücklichen Augen für immer. In seinem berühmten Traktat, das nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, schilderte er, wie er den Stein der Weisen des Glücklichseins entdeckt hatte: Cornaro beherrschte ganz einfach die Kunst bescheiden zu leben, sich nicht zu verausgaben, sich die Sorgen fern zu halten und sich tagtäglich an kleinen Dingen zu erfreuen. Er sorgte also ständig für die Gesundheit seiner Seele. Epiktet bringt diese Art der Seelenhygiene in seiner unvergleichlichen Knappheit so auf den Punkt: "Wie du beim Gehen Acht gibst, dass du nicht in einen Nagel trittst oder dir den Fuß verstauchst, so gib auch Acht, dass du an deiner Seele keinen Schaden inmmst. Wenn du dies bei jedem Tun beachtest, wirst du ohne Gefahr dabei bleiben."

    Liebe Grüße,
    Viola

  2. #2
    Sir Aaron
    Gast

    AW: Seelenhygiene und massvolles Leben

    Sehr schöne Worte - ist immer eine gute Sache, sich die Biographie solch vorbildlicher Menschen gleich am frühen Morgen zu Gemüte zu führen.

    Morgen brauche ich den Text nicht mehr lesen, sondern mich einfach nur kurz an ihn erinnern.

    Danke, Viola!

  3. #3
    Arphen
    Gast

    AW: Seelenhygiene und massvolles Leben

    Hm, von diesem Mann hörte ich noch nichts, wirklich ein starker Wandel. Wenn er diese Seelenhygiene schon von beginn an gelebt hätte ginge es ihm wohl wie mach über 100 Jahre alten Kampfsportmeister Chinas die selbst im hohen Alter noch agiler und fitter sind als so manch 20 Jähriger Europäer

  4. #4
    Viola
    Gast

    AW: Seelenhygiene und massvolles Leben

    Hallo Arphen,

    Zitat Zitat von Arphen Beitrag anzeigen
    Wenn er diese Seelenhygiene schon von beginn an gelebt hätte ginge es ihm wohl wie mach über 100 Jahre alten Kampfsportmeister Chinas die selbst im hohen Alter noch agiler und fitter sind als so manch 20 Jähriger Europäer
    Da hast Du wohl recht!

    Ich habe übrigens einen 91jährigen Brieffreund in Deutschland und der ist fiter als ich! Der macht täglich am Morgen, zu Mittag und abends einen Kopfstand und täglich 21 mal die 5 Tibeter. Seit seinem 20. Lebensjahr an ist er Rohköstler zu ca. 90 %(die übrigen 10 % waren Kartoffel u. Brot), in den letzten Jahren fast 100 %.
    Er meint auf den Körper zu achten, ist zwar auch wichtig, aber viel wichtiger noch ist es, sich geistig weiterzuentwickeln. Er liest sehr viele spirituelle Bücher, ist auch Hermetiker, und beschäftigt sich seit 40 Jahren intensiv mit der Astrologie.
    Mit 75 Jahren hat er sein Leben nochmals umgekrempelt und neu angefangen. Ist in eine andere Gegend gezogen, hat sich ein verwildertes Grundstück mit altem Haus gekauft und hat alleine das alles renoviert und instand gesetzt. Auch heute lebt er allein und versorgt sich selbst, macht alle Arbeiten im Haus und in seinem großen Garten, zieht Gemüse,... Vor kurzem hat er im Haus alle Holzdecken erneuert. Er sieht auch heute noch gut aus, ist sehr beweglich und kann gut laufen.
    Er war als Kind und Jugendlicher ein Schwächling und ständig krank. Im Krieg wurde er verwundet und kam in ein Spital. Aber seither war er nie wieder krank. Er kennt keine Medikamente und keine Ärzte. Er kennt auch keine Verkühlung, keine Kopfschmerzen oder andere Wehwehchen. Er sagt, die Ärzte würden nur von der Dummheit der Menschen leben. (Ich hoffe, das fasst niemand als Beleidigung auf). Ansonsten meint er, dass das Wichtigste im Leben ist, dass man versucht, alle zwischenmenschlichen Probleme im Guten zu lösen.
    Dieser Brieffreund ist für mich ein Vorbild, weil er nicht nur Bücherwissen erzählt, sondern im Gegenteil, weil er das alles so wunderbar vorlebt, so dass man sieht, dass es funktioniert. Er hat sein Leben auch veröffentlicht, weil er seine Erfahrungen weitergeben möchte und jeder, der will, darf ihn besuchen und sich selbst davon überzeugen. Was aber nicht bedeuten soll, dass jeder so leben soll wie er. Jeder Mensch hat seine ganz eigenene, individuelle Weise wie er leben, gesund bleiben, und sich weiterentwickeln will.

    Liebe Grüße,
    Viola

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