Auf unzähligen Bildern und Objekten aus dem Alten Ägypten tritt uns der weiße und blaue Lotus entgegen. Hierbei handelt es sich um zwei im Nil heimische Seerosen-Arten, die im Uferbereich zahlreich vorkamen, von den Ägyptern aber auch in den Teichen der Gärten kultiviert wurden. Erst sehr viel später, wahrscheinlich im 6. Jahrhundert vor Christus, als Ägypten von den Persern erobert war, fand auch der Indische Lotus am Nil Verbreitung.
Außer in der Farbe der Blüten unterschieden sich der blaue und weiße Lotus auch in anderen Details. Die Blütenblätter des weißen sind an der Spitze oval, die auf dem Wasser schwimmenden Blätter am Rande gezähnt, die des blauen Lotus hingegen spitz und die Blätter geradrandig. Die Ägypter haben diese Unterschiede in ihren Darstellungen genau wiedergegeben. So sieht man im Grab des Djehuti-hetep in el Bersheh eine seiner Töchter mit einem Kranz aus weißen Lotusblüten um den Kopf und einer blauen Lotusblüte in der Hand. Der blaue Lotus duftet sehr intensiv und außerdem hat er ein ganz besonderes Blühverhalten. Am frühen Morgen öffnen sich die Blüten und am Abend schließen sie sich wieder, genau dem Verhalten der Sonne entsprechend, die morgens aufgeht und abends untergeht. Diese Tatsache führte dazu, dass für den Ägypter diese Blüte zu einem Symbol der Regeneration des Menschen nach dem Tode wurde, da der Verstorbene in dem Boot des Sonnengottes Re morgens am Himmel erschien und abends in die Unterwelt einfuhr. Hinzu kam die regenerierende Kraft des ausgeprägten Duftes, so dass man in vielen Grabdarstellungen sieht, wie sich die Verstorbenen die Blüten an die Nase halten, um deren Durft einzuatmen. Speziell wurde der Lotus die Symbolpflanze des jugendlichen, morgendlichen Sonnengottes Nefertem, aus dessen Blüte er sich aus dem Urgewässer Nun erhebt und von dem es im Totenbuch heißt: "Ich bin jene reine Lotusblüte, die hervorging aus dem Lichtglanz, die an der Nase des Sonnengottes Re ist."
Die Seerosen sind aber nicht nur schöne Blumen, sondern sie haben auch pharmazeutische Eigenschaften. In den Blüten und Rhizomen sind Alkaloide, die eine beruhigende Wirkung auf das Zentralnervensystem ausüben, sie wirken daneben aber auch hemmend auf die Liebeslust des Mannes, wie es schon Plinius und Dioskurides berichten, außerdem hilft das Pulver des Rhizoms bei Magenschmerzen. Alpin beschreibt, dass Lotus-Rhizome und -Samen von ägyptischen Mönchen verzehrt wurden, damit diese das Zölibat besser aushalten konnten, außerdem verwendete man die Wurzelknollen als Schlafmittel und ein Pulver der Blätter bei Entzündungen.
Aus: "Die Heilpflanzen der Ägypter"
von Renate Germer
Liebe Grüße,
Viola![]()



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