Im grünen Wald weilt ein Jünger gern,
Allein, zufrieden, froh geheilt im Herzen.
Reden des Gautama Buddha
Nirgends tritt im Leben der Natur die Gegensätzlichkeit zwischen Leben und Tod, Sieg und Unterdrückung des Schwächeren durch die Kraft des Lebensfähigeren stärker hervor als in dem dämonischen Wachstum des Urwaldes. Dort ist der Kampf um das Leben von den starken Impulsen einer hemmungslosen und von der Natur bedingten leidenschaftlichen Fruchtbarkeit erweckt, deren Kontraste von Leben und Tod eng nebeneinander wohnen.
Über ein Viertel des indischen Festlandes ist mit Urwald bedeckt. Tausende von Quadratmeilen dieser undurchdringlichen Wildnis überwuchern den Boden des Landes und verhüllen dem Menschen die Geheimnisse seines dämmrigen Inneren.
Dem Stärkeren gibt der triebhafte Urwald das naturbedingte Lebensrecht, während das Schwache im ewigen Ringen um den Platz an der Sonne dem Tod verfallen ist. Doch auch aus der Vernichtung entsteht hier wieder neues Leben und so ist es im Wachstum des Urwaldes ein endloser Wirbel von Werden und Vergehen, ein ewiger Wechsel von Sterben und Auferstehen. Über dem Urwald schwebt der Geist geheimnisvoller Ursprünglichkeit, deren magisches Wesen, wie alle elementaren Erscheinungen der Natur, die imaginäre Seele des Menschen mit unwiderstehlichem Zauber erfüllt.
Man findet den bezwingenden Einfluß dieser Mystik, die das ganze Leben des indischen Volkes beherrscht, in allen seinen Gefühlsäußerungen, aus denen die ehrfurchtsvolle Scheu vor der Natur in ihren elementaren Kräften spricht. Schon in den alten vedischen Schriften der Hindus wird der Wald als der Sitz von Göttern und Dämonen bezeichnet. Er ist der Ort einsamer Weltentsagung und bildet daher die Heimat der indischen Büßer und Asketen. In seiner Öde und Weltabgeschiedenheit herrscht der Geist des Übersinnlichen und in der furchterregenden Wildnis seiner Tiefen wohnen die Dämonen, die von den Göttern dazu bestimmt sind, von den Menschen ihre Opfer zu fordern.
Es gibt Urstämme in Indien, in deren Leben und Kult der Wald und seine von dem Schleier der Mystik verhüllten Geheimnisse eine bedeutende Rolle spielt. Wohl vermögen auch wir den tieferen Sinn der Ursachen, die das Seelenleben dieser Völker bestimmen, zu erfassen. Denn ist es nicht der Wald, der ihnen zu einer Heimat geworden ist und ihnen mit seinem überströmenden Wachstum und Schatten Fruchtbarkeit und Leben gibt? Außer seinen lebenserweckenden Elementen birgt der Wald auch jene gefährlichen Dämonen, die in seinen dämmrigen Abgründen hausen.
Erwin Drinneberg
Liebe Grüße,
Viola![]()



LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren


Lesezeichen