Die Bauchhöhle ist der Mittelpunkt des Weltalls
Um dem Anfänger im Zen das Erlebnis dieser Ur-Wahrheit zu erleichtern, lehrt man, seine Aufmerksamkeit auf Hara, genauer gesagt, auf die Stelle handbreit unterhalb des Nabels zu richten und alle geistige und körperliche Aktivität von dorther ausstrahlen zu lassen. Schafft man Hara einen Mittelpunkt geist-körperlichen Gleichgewichts, so bildet sich dort allmählich ein Sitz des Bewusstseins, ein Brennpunkt vitaler Energie, der den gesamten Organismus beeinflusst. Lama GOVINDA zeigt, dass das Bewusstsein keineswegs nur auf das Gehirn beschränkt ist; er schreibt;
„Während nach westlicher Anschauung das Gehirn der ausschliessliche Sitz des Bewusstseins ist, erweist die yogische Erfahrung, dass unser „Hirnbewusstsein“ nur ein Sonderfall unter einer Anzahl möglicher Bewusstseinsformen ist, und dass diese je nach ihrer Funktion und ihrer Natur in verschiedenen Organen des Körpers lokalisiert oder konzentriert werden können. Diese auf der Vertikalachse des Körpers liegenden Organe, welche die durchströmende Energie sammeln, transformieren und verteilen, werden als Chakras oder Kraftzentren bezeichnet, von denen strahlenförmig, den Speichen eines Rades oder den Rippen eines Schirms vergleichbar, zahlreiche sekundäre Ströme psychischer Kraft ausgehen oder in das Zentrum zurückführen.
Diese Chakras sind in anderen Worten die Punkte, in denen Seelisches und Körperliches ineinander übergehen, einander durchdringen. Sie sind die Punkte, in denen das Seelische sich zum Körperlichen kristallisiert und in denen das Körperliche sich wiederum in Seelisches auflöst, oder richtiger, zurückverwandelt.“
Wenn man den Schwerpunkt des Körpers auf die Stelle unterhalb des Nabels verlagert, d.h. wenn man ein Bewusstseinszentrum im Hara schafft, so lockern sich sofort Spannungen, wie sie aus gewohnheitsmässig hochgezogenen Schultern, Anspannung des Nackens oder einem gedrückten Magen entstehen. Wenn diese Steifheit verschwindet, bekommt man in jeder Hinsicht körperlich und geistig ein neuartiges Gefühl von Freiheit und gesteigerter Lebenskraft, wobei Körper und Geist mehr und mehr als Einheit empfunden werden.
Wird das Bewusstsein in den Hara verlagert, so treten Grossmut und ein weiter Blick an die Stelle von engem, egozentrischem Denken.
Der Denker hingegen charakterisiert den entgegengesetzten Zustand: eine einsame Gestalt in Gedanken verloren, der Körper gekrümmt, vereinzelt und von seinem Selbst getrennt.
Meine Erfahrungen mit Zazen bewirkten eine physische Vitalität, aber durch die Konzentration auf den Hara erlangte ich die intuitive Erkenntnis der EGO-Welt und nicht der spirituellen Welt. Es äusserte sich so, dass mein Leben sich rückwärts zu bewegen schien und sich verschiedene Ereignisse wiederholten. Bei anderen Personen, die krampfhaft ihre Übungen absolvierten, um zur Erleuchtung zu gelangen, konnte ich beobachten, dass sie immer egoistischer und stumpfsinniger wurden.
Das Fazit meiner empirischen Erkenntisse ist, dass auch beim Zazen Ego-Fallen erkannt und überwunden werden müssen, wie bei der magischen Schulung.
Grüsse
Maya



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