Von Jeremy Rifkin
http://www.gene.ch/genpost/2005/Jan-Jun/msg00210.html
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Süddeutsche Zeitung HEMEN DES TAGES
Mittwoch, 13. April 2005, Seite 2
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Gefährliche Kreuzung von Mensch und Tier
Von Jeremy Rifkin
Was kommt dabei heraus, wenn man Mensch und Maus miteinander kreuzt? So könnte ein schlechter Witz beginnen. Doch es ist ernst: Vor kurzem unternahmen der renommierte Molekularbiologe Irving Weissman und sein Forscherteam an der Stanford University in Kalifornien Hightech-Experimente, bei denen sie menschliche Gehirnzellen in Mäuseföten verpflanzten. Die Wissenschaftler schufen so einen neuen Mäusestamm mit einem menschlichen Anteil von etwa einem Prozent. Nun strebt Weissman ein Folgeexperiment an, das Mäuse mit hundert Prozent menschlichen Gehirnzellen hervorbringen soll.
Was wäre, wenn diese Mäuse entkommen und sich außerhalb des Labors
fortpflanzen könnten? Welche Folgen hätte es für die Umwelt, wenn Mäuse, die wie menschliche Wesen denken, in freier Natur auftauchen? Weissman erklärt zwar, er werde die Mäuse sorgfältig bewachen und sie bei ersten Anzeichen menschlicher Gehirnentwicklung sofort töten, doch sehr beruhigend ist das nicht.
In einer Welt, in der wir uns an das Bizarre gewöhnt haben, schockiert kaum noch etwas die menschliche Psyche. Doch bei Versuchen wie dem an der Stanford University, der eine teilweise humanisierte Maus hervorbrachte, verschwimmt die Grenze zwischen menschlichem Herumpfuschen an der Natur und pathologischem Handeln.
Diese wissenschaftlichen Aktivitäten - man spricht von experimenteller
Chimären-Forschung - sind der neueste Trend der Biotech-Revolution. Überall auf der Welt stellen Forscher bereits Versuche an, bei denen sie Zellen von Menschen und Tieren kombinieren, um so genannte Chimären zu kreieren - Mischgeschöpfe, die an die griechische Mythologie mit ihren
Mensch-Tier-Sagengestalten erinnern.
Ein Experiment dieser Art fand erstmals vor Jahren statt, als Wissenschaftler in Edinburgh, Schottland, die Zellen eines Schaf- und eines
Ziegenembryos vereinten - zweier Tierarten, die nicht miteinander verwandt sind und sich in freier Natur weder miteinander paaren noch Hybrid-Nachwuchs zeugen können. Das Geschöpf, das dabei entstanden ist, wurde Schiege genannt. Es hatte den Kopf einer Ziege und den Körper eines Schafes.
Jetzt machen sich Wissenschaftler daran, sich über das letzte Tabu der
natürlichen Welt hinwegzusetzen: die Kreuzung von Mensch und Tier zur
Erschaffung neuer Mensch-Tier-Hybriden aller Art. Neben der humanisierten Maus wurden bereits Schweine gezüchtet, in deren Adern menschliches Blut fließt, sowie Schafe, deren Leber und Herz überwiegend menschlicher Natur sind.
Diese Experimente sollen die medizinische Forschung vorantreiben. Eine
wachsende Zahl von Gentechnikern argumentiert, dass Mensch-Tier-Hybride ein goldenes Zeitalter der Medizin einläuten werden. Forscher erklären, je ähnlicher künstlich gezüchtete Versuchstiere dem Menschen sind, desto besser eignen sie sich, um an ihnen den Verlauf menschlicher Krankheiten zu studieren oder um die Wirkung neuer Medikamente zu testen und um ihnen Gewebe und Organe zur Transplantation in menschliche Körper zu entnehmen.
Was die Befürworter solcher Forschung allerdings nicht erwähnen: Zu diesen befremdlichen Experimenten gibt es viel versprechende und mit weniger Auswüchsen verbundene Alternativen. Durch intelligente Computersimulation lässt sich viel über Krankheiten wie über die Wirksamkeit oder Schädlichkeit von Medikamenten herausfinden. Auch Gewebezüchtungen im Reagenzglas, Nanotechnologie und Prothesen können helfen, menschliches Gewebe und Organe zu ersetzen. Bei Chimären-Experimenten bleibt die Frage: Wie hoch ist der
Preis, den wir dafür zahlen?
Einige Forscher spielen mit dem Gedanken, ein Hybridwesen, halb Affe, halb Mensch, zu züchten. Ein solches Mischgeschöpf wäre das Nonplusultra für die Forschung, da Schimpansen eng mit der menschlichen Spezies verwandt sind.
Das Genom eines Schimpansen entspricht zu 98 Prozent dem des Menschen. Die geistigen Fähigkeiten und das Bewusstsein eines voll ausgewachsenen Tieres sind vergleichbar mit denen eines vierjährigen menschlichen Kindes. Durch die Vereinigung der Zellen eines menschlichen Embryos mit denen eines Schimpansen - was durchaus möglich ist - würde ein Geschöpf entstehen, dessen menschlicher Anteil ziemlich hoch wäre. Die Frage, wie wir den Status eines solchen Wesens im moralischen wie im juristischen Sinn definieren, würde die in 4000 Jahren entstandene Humanethik in ärgste Verwirrung stürzen. Sollen für diese Kreaturen die Menschenrechte gelten, sollen sie unter dem Schutz des Gesetzes stehen? Hätten sie eine Art Menschlichkeitstest zu bestehen, um in die Freiheit entlassen zu werden?
Oder würden sie zu niederen Diensten herangezogen und für gefährliche
Aktivitäten eingespannt?
Bei solchen Horrorvisionen stehen einem die Haare zu Berge. Würden
menschliche Stammzellen - die primordialen Keimzellen, aus denen sich etwa 200 verschiedene Zellarten des Körpers entwickeln können - einem Tierembryo eingesetzt, so bestünde die Möglichkeit, dass einige dieser Humanzellen in die Hoden oder Eierstöcke des Tieres wandern und dort zu Sperma oder Eizellen heranwachsen. Paaren sich zwei solcher Mensch-Maus-Chimären, könnten sie womöglich einen menschlichen Embryo zeugen. Würde dieser Embryo anschließend entfernt und in einen menschlichen Leib implantiert, so wären Maus-Chimären die biologischen Eltern dieses heranwachsenden menschlichen Babys.
Die Rede ist hier nicht von Science-Fiction. Die American National Academy of Sciences, dieses erlauchte amerikanische Wissenschaftsinstitut, wird voraussichtlich noch im April Richtlinien zur Chimären-Forschung herausgeben, da sie mit einer Flut neuer Experimente auf diesem sich rasant ausbreitenden Gebiet rechnet. Bio-Ethiker bahnen bereits moralisch den Weg für Experimente mit Mensch-Tier-Hybriden. Sie argumentieren, sobald erst einmal der Widerwille in der Gesellschaft überwunden sei, habe die Menschheit viel zu gewinnen durch die Aussicht auf neue, teilweise menschliche Geschöpfe. Mit der gleichen Begründung wird immer wieder versucht, eine Entwicklung zu rechtfertigen, die sich zusehends als gespenstische Reise in eine monströse Schöne Neue Welt entpuppt. In dieser Welt darf die Natur gnadenlos manipuliert werden, solange die Interessen und
Launen einer einzigen Art - des Homo Sapiens - dadurch befriedigt werden.
Mit den Chimären-Experimenten riskieren wir allerdings, im Namen des
Fortschritts die biologische Integrität unserer eigenen Spezies zu
unterminieren. Die Chimären-Technologie gibt Wissenschaftlern die Macht, die EvolutionsSaga umzuschreiben. Sie können dadurch Bestandteile des Homo sapiens nach Belieben im Tierreich verbreiten, oder Teile von anderen Spezies mit unserem eigenen Genom mischen. Ja, sie können sogar neue menschliche Unter- und Überrassen kreieren. Befinden wir uns also an der Schwelle zu einer biologischen Renaissance, wie manche meinen? Oder säen wir die Saat unseres eigenen Untergangs? Vielleicht sollten wir uns einmal näher mit der Frage befassen, was wir eigentlich unter Fortschritt verstehen.
Übersetzung: Eva C. Koppold------------------------------------------------------------------------
Nur quantitativ technokratisch-biologistischen Fortschritt?
Oder auch QUALITATIVEN Fortschritt!?
Greedz
LovelyLizard



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