Hallo ALS - RB und natürlich alle übrigen Forumsteilnehmer!
Leider hatte ich in den letzten Tagen sehr viel zu tun und habe jetzt nur mal ganz kurz ins Forum reingeschaut und muss sagen, dass ich schwer beeindruckt bin!
Es scheint sich ja wirklich eine gehaltvolle, seriöse und qualitativ hochwertige Diskussion anzubahnen! Das finde ich ist sehr erfreulich! Wenn man dies mit dem sinnlosen Hickhack an anderen Stellen vergleicht, dann kann der Gewinn für alle Beteiligte nicht hoch genug eingeschätzt werden!
An ALS: mir hat besonders dein Einleitungssatz gefallen: "Das heißt, wir müssen uns mühevoll eine Basis schaffen die ein gegenseitiges Verstehen ermöglicht."
Diese Einstellung von dir finde ich ziemlich gut! Eigentlich hatte ich ja eher vermutet, dass du dich nach meinem letzten Beitrag aus der Diskussion verabschiedest, dass dies nicht so ist, freut mich um so mehr. Deine Methode, die Basis für ein gemeinsames Verständnis unseres Diskussionsgegenstandes zu schaffen finde ich sehr gut. Dass dies natürlich etwas mehr Mühe erfordert, als das übliche: "Naja, ich habe eben meine Meinung und du hast deine Meinung und damit basta!" ist selbstverständlich. Aber für die aufgewendete Mühe kann man dann auch die Früchte ernten, wenn alle Diskussionsteilnehmer durch den gegenseitigen Gedankenaustausch profitieren.
Nun zum eigentlichen Thema: ich habe RB versprochen, dass ich versuchen werden, etwas zum Thema "Glauben versus Wissen", das er in Form eines Zeitungszitats angeschnitten hat, zu schreiben.
Bei der Durchsicht verschiedener Quellen, die ich für meine momentanen Forschungen brauche, ist mir dann heute eine Stelle in Evans-Wentz's Klassiker "Tibetan Yoga" aufgefallen, die die Überschrift trägt:
"Believing versus knowing" (glauben versus wissen), also genau das angesprochene Diskussionsthema und zwar mit der Unter-Überschrift: "The Exoteric versus the Esoteric teachings." (Die exoterisch- versus esoterischen Lehren.) Das Buch enthält eigentlich einige der wichtigsten Texte des tibetanischen Buddhismus zum Thema Meditation, Yogatechniken, verschiedene Yoga-Wege, usw.
Allerdings führt Wentz in seiner Einleitung - Einführung seine persönliche Interpretation der genannten klassischen tibetanischen Texte an. Und darunter ist eben auch das genannte Kapitel.
Das hat mich interessiert, weil ich mir dachte, "was er wohl zu dem Thema sagt, vielleicht kann ich etwas davon in der Forumsdiskussion brauchen."
Und eigentlich habe ich die übliche Diskussion des Themas "Glauben versus Wissen", wie sie in sehr vielen esoterischen Werken vorkommt, erwartet.
Aber, Wentz ist immer für eine Überraschung gut!
Seine Argumentation läuft nämlich auf das genaue Gegenteil der üblichen Argumentation hinaus! Ich war überrascht und erfreut!
Die Stelle ist wirklich sehr gut, deshalb zitiere ich einige Absätze (mit Übersetzung):
Originaltext:
"Not only does our Western science, at present, thus leave us in ignorance concerning the greatest of all human problems, but our Western theology, whose chief concern is with these very problems, has, in large measure, departed from those yogic methods of attaining spiritual insight which gave scientific character to Primitive Christianity, more particularly to its Gnostic Schools, now regarded as having been 'heretical'. And that form of purely intellectual, rather than Gnostic (i.e. knowing), comprehension of religious teachings, which nowadays leads to the worldly dignity of a doctor of divinity, a bishop, or a pope, has never been regarded by the Wise Men of the East as sufficient to entitle its possessor to become a teacher of religion. Simply to believe a religion to be true, and to give intellectual assent to its creed and dogmatic theology, and not to know it to be true through having tested it by the scientific methods of yoga, results in the blind leading the blind, as both the Buddha and the Great Syrian Sage have declared.
Herein is discernible one of the fundamental differences separating religions which are based essentially upon profession of faith and written scriptures declared to be infallible and all-sufficient for mankind's salvation, and the secret doctrines which are dependent upon realization of Truth rather than upon scientifically untested belief.
On the one hand, we see highly organized and in many instances nationally supported and directed churches and priesthoods pledged to promulgate doctrines, dogmatically formulated by church councils, which members are obliged to accept upon pain of excommunication. On the other hand, we see a body of teachings (preserved by secret transmission rather than by bibles) which their masters refuse to have accepted merely intellectually, no conventional or legalized ecclesiastical organization, and no form of faith other than that which each man of science must have in the possibility of discovering facts by careful experimentation.
In the Occident, but rarely in the Orient, the mere intellectual acceptance of religion has led to the inhibiting or discouraging of freedom of thought. The rationalistic questioning and scientific testing of that which the orthodox church and priest declare to be true, without knowing whether it be true or not, have been, until quite recently, fraught with serious consequences.
Übersetzung:
Auf dieses Weise belässt uns nicht nur unsere westliche Wissenschaft bezüglich des größten aller menschlichen Probleme im Unklaren, sondern auch die westliche Theologie, deren Hauptanliegen genau diese Probleme sind, hat größtenteils von Yoga-artigen Methoden Abstand genommen, mit denen spirituelle Einsichten erlangt werden können, und die den wissenschaftlichen Charakter des ursprünglichen Christentums ausmachten, genauer dessen gnostischen Schulen, die jetzt als 'häretisch' bezeichnet werden. Diese Form der nur intellektuellen, anstatt gnostischen (d.i. wissend) Form des Verstehens religiöser Lehren, die heutzutage zu einer weltlichen Dignität eines Doktors der Göttlichkeit führt, als Bischof, Papst, wurde von den Weisen des Osten niemals als ausreichend anerkannt, um seinen Träger zu einem Lehrmeister der Religion werden zu lassen. Nur an eine Religion als wahr - zutreffend zu glauben und seine intellektuelle Zustimmung zu den Glaubenssätzen und der dogmatischen Theologie zu bekunden, ohne zu wissen, ob sie wirklich zutrifft, indem man sie durch die wissenschaftliche Methoden des Yoga getestet hat, ist wie wenn ein Blinder einen Blinden führt, wie sowohl Buddha als auch der große syrische Weise erklärt haben.
Hier ist einer der fundamentalen Unterschiede erkennbar, die Religionen, die hauptsächlich auf der Ausübung des Glaubens und auf niedergeschriebenen Schriften beruhen von denen behauptet wird, dass sie unfehlbar und in sich vollkommen ausreichend zur Rettung der Menschheit seien, und den geheimen Lehren, die hauptsächlich auf der Verwirklichung der Wahrheit beruhen, anstatt nur auf ungeprüftem Glauben.
Auf der einen Seite sehen wir hoch organisierte und in vielen Fällen staatlich unterstützte und gelenkte Kirchen und Priesterschaften, die daran gebunden sind, Lehren zu verbreiten, die von kirchlichen Konzilen dogmatisch festgelegt werden und die von den Mitgliedern unter der Androhung von Exkommunikation geglaubt werden müssen. Auf der anderen Seite sehen wir ein Grundgerüst von Lehren (die eher durch geheime Überlieferung als durch Bibelwerke bewahrt werden), deren Meister es ablehnen, dass sie nur auf intellektuelle Weise angenommen werden, weiters das Fehlen von konventionellen oder offiziell genehmigten kirchlichen Organisationen, und keine andere Form von Glauben als ein solcher, den ein Mann der Wissenschaft in die Möglichkeit hat, Tatsachen durch sorgfältiges Experimentieren herauszufinden.
Die nur intellektuelle Anerkennung von Religion im Okzident, aber nur selten im Orient, hat zu einer Behinderung der Gedankenfreiheit oder zu einer diesbezüglichen Abschreckung geführt. Das rein rationale Nachdenken und wissenschaftliche Forschen im Bereich dessen, was die orthodoxe Kirche und (ihre) Priester als wahr bezeichnen, ohne zu wissen, ob es wahr ist oder nicht, haben bis in jüngste Zeit ernsthafte Konsequenzen zur Folge gehabt.
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(Sorry für die Qualität dieser Schnellschuß-Übersetzung.)
Genau so sehe ich das auch,
obwohl es diesbezüglich noch eine Reihe von Problemen gibt, die in diesen wenigen Absätzen natürich nicht alle dargestellt werden konnten.
Freundliche Grüße, Paul.



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