Hallo R.B.,
hier kommt also die versprochene Einschätzung zum Thema Lebenskraft.
Dass das Thema sehr komplex ist, darauf habe ich schon mehrmals hingewiesen! Ich werde im Folgenden versuchen einige wichtigen Argumente für ein Für und Wider darzulegen, zumindest wie es sich mir gegenwärtig darstellt.
Man könnte so eine Analyse mit der üblichen "Begriffsdefinition"-Diskussion beginnen. Zum Beispiel, dass es keinen Konsens über die Definition von "Lebenskraft", Chi, Prana, usw. gibt. Ich halte von solchen Definitions-Diskussionen recht wenig, da sie zu stark von den "eigentlich" wichtigen Punkten ablenken.
Man kann sich jahrzehntelang darüber streiten, wie man den Begriff "Gedanken" definieren will oder soll, wird dann aber sehr viel Energie in diesen strittigen Punkt investieren, die man möglicherweise besser in andere Aktivitäten zum gleichen Thema investiert hätte.
Also lasse ich erst mal eine solche Definitions-Diskussion weg.
Was mich zur Zeit bei der Diskussion der Lebenskraft auch sehr wenig interessiert, ist der "alte" Streit zwischen Wissenschaft und Okkultismus (Animismus), ob es die Lebenskraft sei, die verschiedene Lebensfunktionen steuert. Für mich gilt es als erwiesen, dass in dieser Hinsicht der Rückgriff auf ein "Lebenskraft"-Prinzip nicht notwendig ist. Genetik, Physiologie, Molekularbiologie und ähnliche Disziplinen zeigen sehr schön auf, wie die Regelung der lebendigen Prozesse im Körper des Menschen bzw. in allen Lebewesen auch ohne Lebenskraft sehr folgerichtig vonstatten gehen kann. Ob eine "Lebenskraft" sich auf diese natürlichen Regelprozesse dennoch auswirkt, indem sie "regelnd auf die natürlichen Regelkreise einwirkt", bleibt allerdings weiterhin im Bereich des Möglichen (dies ist übrigens der Punkt, den Stefan in der damaligen Diskussion zum Thema Chaperons mit seinem Satz "es könnte ja beides sein" anzudeuten versucht hat), nur muss in diesem Fall wirklich ein eindeutiger Nachweis eines solchen Einflusses erfolgen. Die Beteuerung "ich bin davon überzeugt, dass ..." bzw. die Behauptung "es gibt mit Sicherheit eine Lebenskraft die auf diese natürlichen Regelkreise einwirkt" reicht einfach nicht aus!
Ich gehe jetzt also direkt in medias res auf die esoterischen Konzepte ein, so wie sie in den verschiedenen Traditionen der Esoterik dargestellt werden.
Du schlägst vor bzw. bist der Meinung, dass das Konzept Lebenskraft in der Art eines Ordnungssystems zu verstehen ist, mit dessen Hilfe ein "Magier" gewisse Dinge in Bewegung setzt, die sich auf verschiedene Ebenen der menschlichen Existenz auswirken können. In deiner Einschätzung "gibt" es also die Lebenskraft, Nadis usw. nicht als materielle, objektive Gegebenheiten, sondern sie entsprechen einem subjektiven Beurteilungskriterium.
Wenn man sich diese "Theorie" von dir genauer zu überlegen versucht, muss man sich zunächst die Frage stellen, in welchem Sinn du den Begriff "Ordnungssystem" hier gebrauchen möchtest? Es gibt nämlich dafür zwei (mehrere?) Möglichkeiten:
1. Als eine Begriffzuweisung. Was meine ich damit? Nehmen wir das Wort "Stuhl" als Beispiel zur Erläuterung. Auch das Wort Stuhl kann man im Sinne eines Ordnungssystems verstehen. In der "Außenwelt" gibt es keine Stühle, sondern es gibt nur "Materie-Ansammlungen" die, falls sie eine bestimmte räumliche Gestalt aufweisen, dazu dienen können, dass man sich auf sie setzten kann. Wie diese "Stuhl-Materieansammlung" räumlich und materialmäßig genau beschaffen ist, ist dabei zweitrangig. Es handelt sich also bei dem Ding "Stuhl" um eine Abstraktion, rein vom Menschen für einen nützlichen Zweck geschaffen, die sich in erster Linie auf einen Zweck bezieht. (Platon würde dagegen sagen, dass es sich beim Konzept "Stuhl" um ein vom Menschen unabhängiges Dasein in einer "Ideenwelt" handelt.) Wenn man Stuhl in diesem 1. Sinn als Determinante eines Ordnungssystems versteht, dann ist zwar der Bezeichner (also das Wort "Stuhl") nicht "real" im objektiven Sinn, bezieht sich aber immerhin auf "etwas" reales, also objektiv vorhandenes der Außenwelt, nämlich der "Materieansammlung". In diesem Fall wäre das Ordnungssystem selbst zwar nicht real und objektiv in der Außenwelt gegeben, die von ihm bezeichneten Inhalte aber schon.
2. Als rein abstrakte Hilfsvorstellung. Wie z.B. die Mathematik. Oder wie z.B. bestimmte ethische Werte: Gerechtigkeit, Gleichheit, Altruismus, das Gute, das Böse, usw.. In diesem Fall gibt es in der objektiven Außenwelt nichts mehr, was diesen Begriffen entsprechen würde. Trotzdem verwenden wir diese Begriffe, um bestimmte Zwecke zu erreichen oder sie anzustreben oder um uns über sie unterhalten zu können. In diesem Fall benützen wir auch ein Ordnungssystem um bestimmte Zwecke erreichen zu können.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann verwendest du bei deiner Besprechung der Lebenskraft den Begriff Ordnungssystem in diesem 2. Sinn.
Damit sprichst du der Lebenskraft jede reale Existenz ab, und du hast natürlich recht damit, wenn du bei einem solchen drastischen Schritt mit dem Widerspruch und dem Protest zahlreicher Personen rechnest.
Allerdings halte ich persönlich deine Vorgabe für ziemlich legitim. Da es noch keinem Esoteriker gelungen ist, einen klaren und deutlichen Nachweis für die objektive Existenz einer "Lebenskraft" zu erbringen, ist deine Vorgehensweise vollkommen berechtigt und die Argumentationslast liegt auf Seiten deiner Kritiker!
Eventuellen Einwänden gegen deine Theorie kann man mit schwerwiegenden Argumenten begegnen! Die Okkultisten haben es bisher noch nicht einmal geschafft einen groben Konsens in der theoretischen Bezeichnung des Phänomens zu erreichen, geschweige denn in Detailfragen! Jeder stellt sozusagen seine kleine Privattheorie auf: und dies bei einem der (nach esoterisch-okkulter Doktrin) grundlegenden "Kräfte" oder Prinzipien der "Schöpfung". Falls sich nicht einmal bei einem so zentralen Prinzip eine Einigkeit der Praktiker, die auf diesem Gebiet tätig sind, erreichen lässt, liegt natürlich der Schluss sehr nahe, dass es sich gar nicht um ein allgemeines Prinzip handelt, sondern um rein spekulative Vorstellungen.
Nachdem ich dies hier in aller Deutlichkeit gesagt habe, muss man im Sinne einer ausgeglichenen und differenzierten Sichtweise schon auch anführen, dass alle klassischen Texte zum Thema der Auffassung sind, dass es sich beim Prana zwar nicht um eine "grobmaterielle", trotzdem aber "reale" und "objektive" feinstoffliche Kraft" bzw. Prinzip handelt.
Im Folgenden möchte ich einige interessante und z.T. auch widersprüchliche Punkte besprechen:
Im vorigen Absatz sprach ich von einer feinstofflichen Kraft, Energie oder Prinzip. Im Unterschied zum Kraft-, Energie-, und Stoff-Konzept der heutigen Wissenschaft wird die Lebenskraft manchmal auch als ein "intelligentes" Prinzip beschrieben. Es würde sich in diesem Fall also nicht um ein "blindes" Prinzip handeln, das nach rein "mechanistischen" Prinzipien "funktioniert", sondern diese "Kraft" wäre also mit Intelligenz behaftet. Damit wollte man in vergangenen Jahrhunderten das "intelligente" Prinzip im Menschen und auch in den anderen Lebewesen erklären.
Auch bei Bardon wird dieses "intelligente" Prinzip indirekt betont. Bardon schreibt z.B. dass die Lebenskraft der Träger von Gedanken und Gefühlen sein kann. Mit Hilfe der Lebenskraft könne man Gedanken oder Gefühle sozusagen "objektivieren" und in einen Raum bannen! Eine sehr interessante Möglichkeit, und vollkommen jenseits jeder wissenschaftlichen Rationalität. Trotzdem: ein interessanter Gedanke. Wenn man von der heutigen Auffassung zu Gefühlen und Gedanken, Motivation usw. ausgeht, dann könnte man in einer aufschlussreichen Analogie sagen, dass mit Hilfe der Lebenskraft ein Computerprogramm sozusagen in den Raum gebannt werden kann, wo es dann sozusagen losgelöst von Hardware automatisch ablaufen kann. Eine vollkommen irreale Vorstellung!
Was weiterhin auffällt ist die praktisch nicht vorhandene Abgrenzung der Lebenskraft von anderen Prinzipien bzw. Kräften, die im Menschen wirksam sein sollen. Z.B. das Verhältnis Lebenskraft ↔ Elemente (man denke hier besonders an das Erdelement, dem genauso wie dem Prana die belebende - lebenserhaltende Funktion im Körper zugesprochen wird), besonders wichtig wäre auch die klare Abgrenzung zw. Lebenskraft ↔ el./mag. Fluid bzw. Od. Von manchen Autoren wird ja auch Od der Lebenskraft gleichgesetzt. Wenn man hier einen Vergleich mit dem Ida-Pingala System des Kundalini Yoga setzt, dann ist auch hier das Verhältnis zum Prana ungeklärt. In einigen Systemen wird zw. Prana und Apana unterschieden und als der ab- und aufsteigende Atem bezeichnet, in anderen Systemen wird wiederum eine viergliedrige Pranaverteilung vorgenommen. Die "Bewegungskräfte" des Prana-Prinzips, die als Vayus bezeichnet werden, sind je nach Sichtweise dagegen 5 bzw. 10. (cf. Shandilyopanishad, 5.4.12; Warahopanishad, 5.31). Vollkommen unklar ist auch das Verhältnis zw. dem Lichtprinzip und Prana bzw. Lebenskraft. Bardon spricht z.B. an einer Stelle davon, dass man die Lebenskraft in das Zimmer stauen könne um dann nur das Lichtprinzip im Raum zu belassen. Bei der Schaffung eines Elementars wird dieser durch konzentriert gestaute Lichtkraft belebt, der Zusammenhang mit der Lebenskraft ist also offensichtlich.
Dies kann als gute Überleitung zu einem weiteren, wichtigen Thema führen:
Die meisten Personen, die eine Lebenskraft-Übung durchführen, konzentrieren sich bei ihrer Übung zu meist auf den visuellen Aspekt dieser Übung, sie stellen sich also zumeist ein Lichtfluidum vor. Gelingt ihnen dies, sind sie der Auffassung, eine Lebenskraftatmung erfolgreich durchgeführt zu haben, was ich bezweifeln möchte. Ich würde sagen, sie haben eine imaginative Lichtkraftstauung durchgeführt - ob dies automatisch zu einer Lebenskraftbeherrschung führt, bleibe dahingestellt.
Jedenfalls wird jeder Praktiker, der diese Übung nach seinem eigenen Gutdünken erfolgreich durchgeführt hat, deiner Theorie widersprechen, dass es sich beim Prana um ein reines Ordnungssystem handelt. Er wird behaupten, dass, da er die "Lebenskraft" eindeutig wahrgenommen habe, diese auch real und objektiv existieren müsse .
Und hier begegnen wir wieder der in esoterischen Kreisen weit verbreiteten Oberflächlichkeit! Nur weil man "irgendetwas" im Körper gespürt hat, wird automatisch darauf geschlossen, dass dies "Lebenskraft" oder Prana sei! Bardon schreibt sogar: "Je nach Veranlagung wird jeder einzelne das Eindringen der Lebenskraft durch die Poren anders empfinden." Besser kann man ein Phänomen gar nicht eingrenzen! Bravo!
"Eigenartige", kribbelnde, elektrische und andere Gefühle wie auch Strömungsgefühle kommen auch unter ganz natürlichen Umständen vor, und natürlich kann man diese auch mit Hilfe der erwähnten Techniken auslösen. Ob man dann berechtigt ist, gleich von einer Lebenskraft zu sprechen, ist meiner Meinung nach mehr als fraglich!
Und damit komme ich zum Abschluss dieser kleinen Analyse: alles in allem ist das ganze Konzept sehr unausgegoren und die Annahme einer objektiv existierenden Lebenskraft - Prana ist keineswegs plausibler, als die von R.B. vorgeschlagene Theorie, dass es sich um reine Ordnungssysteme handelt.
Meiner Meinung nach ist auch in dieser Hinsicht eine "neue Esoterik" notwendig, in der die besprochenen Elemente wesentlich genauer dargestellt werden müssen. Die Abgrenzung zu anderen Prinzipien muss sehr viel genauer erfolgen. Systeme, bei denen man "Prana" und verwandte Prinzipien (Nadis, Chakren, Meridiane, Elemente, Od, Lichtprinzip, etc.) verwendet, müssen wesentlich genauer voneinander abgrenzt werden.
Außerdem muss auch die praktische Arbeit mit Lebenskraft bzw. Prana wesentlich eindeutiger gestaltet werden, will man dem Vorwurf der Trivialität und Beliebigkeit entgehen.
Freundliche Grüße, Paul.



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, ich komme darauf zurück, nachdem ich Pat geantwortet habe.


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