All-Intelligenz,
Die Wahrheit schlummert in uns und außerhalb von uns, und dort nicht nur in Religionen sondern ebenfalls in jeder unserer anderen Begegnungen. Wiederum sind es jedoch auch die vielen Worte der Religionen und auch unsere anderen Begegnungen, die uns vom ursprünglichen Wort in uns ablenken.
Dieses eine ursprüngliche Wort ist keine aus Buchstaben zusammengesetzte Vokabel, die es zu suchen gilt. Dieses Wort ist zu fein geschrieben, als dass ein Verstand es festhalten und formulieren könnte. Doch es lässt uns erahnen, was wir längst vergessen haben – nämlich Vernunft, die weit über unser Vorteilsdenken hinausgeht. Diese Vernunft kann nicht mit unseren Sinnen stimuliert werden, sondern sie muss aus der unergründlichen Tiefe unseres Herzens wachsen, aus dem Anfang unseres Seins. „Im Anfang war das Wort“, so beginnt der Prolog des Johannes-Evangeliums. Dieses Wort füllte die ursprüngliche Vernunft des Menschen mit Einsicht. Die naheliegende Frage, wie das Wort denn heiße, beantwortete ein Lyriker sinngemäß so:
„ Würden die Bäume der Erde schreiben können,
und wären ihre Äste Arme, ihre Zweige Finger und ihre Blätter Schreibfedern
und wären alle Flüsse dieser Erde mit Tinte gefüllt
und würden die geschriebenen Bücher sich zu Bergen türmen,
so könnte alles Wissen darin doch nicht das Wort vom Anfang erklären“
Die mit unseren Sinnen geformten unzähligen Wörter und Gedanken sind Ausdruck unserer umfassenden Suche nach Antwort und Erkenntnis. So systematisch und wissenschaftlich wir auch forschen, stets verzweigt sich unser Wortschatz in weitere Namen für neu entdeckte unbekannte Objekte.
Innerlich spüren wir, dass die eine Antwort auf all unsere Fragen hinter den Namen und Formen liegt. Doch unsere Gedanken haften an den vielen Namen und Formen ihrer Objekte fest. Erst wenn es uns gelingt, diese gedankliche Begrenzung loszulassen, nähern wir uns der Gemeinsamkeit unseres umfangreichen gedanklichen Detailwissens. Dann verlieren die vielen von uns benannten Objekte sowie unser eigener Standpunkt die Bedeutung, die wir uns und ihnen zuweisen. So wie wir heute wissen, dass der Baustoff der Wälder Holz ist, so erfahren wir dann, dass der eine Geist des Lebens aus jedem Atom, jeder Zelle und jeder Struktur strahlt.
In folgendem Gedicht wird die Vielfalt und die Einheit der Dinge auf etwas humorvolle Weise auf den Punkt gebracht. Das Gedicht heißt
„Der Punkt“
Mal dick, mal dünn
Und immer rund
So kennen wir ihn,
den Punkt
Nach allen Seiten
ist er offen
Jedes Zeichen
darf auf ihn hoffen
Ist der Stift fein angespitzt
er aus seiner Mine flitzt
Nicht von der Hand gewichen
folgt der Punkt den Kohlestrichen
Schreibatom
der Worte
seine Evolution
füllt Bücherborte
Jedes Wort und jede Zahl
hat den Punkt zur freien Wahl
Drum sei es dem Punkt gegönnt
dass er diesen Vers beend´.
Ist unser Bewusstsein in solch einem Zustand der Wahrnehmung, so schauen wir hinter die Formen der Objekte, und unsere Sinnsuche kommt zur Ruhe. Unsere Entdeckungsreise zu immer neuen Objekten hat dann ein Ende. Objekte und Begegnungen fallen uns dann auf einer Ebene zu, die uns wieder vertraut ist. Es ist jene Bewusstseinsebene, auf der die All-Intelligenz sich gegenseitig erkennt. Der ursprüngliche Mensch war sich dieser All-Intelligenz bewusst und lebte vernunftmäßig daraus in Harmonie und in Einheit mit der Schöpfung. Erst als seine Ich-Zentralität sich nicht mehr in diesen Plan einfügte, verlor er seinen Bezug zum Gesamten und verfiel in Kleinkrämerei.
Nehmen wir die All-Intelligenz wieder wahr, breitet sich Erkenntnis in uns aus, weil wir dann wieder Einsicht in die alles umfassende und alles beinhaltende Substanz haben. Aus dieser einen Substanz ist alles erschaffen. Unsere Vorstellungen verhüllen diese Substanz mit Formen und ordnen unsere Gedanken zu Bildern an, so dass uns ein bruchstückhaftes, sinnliches Weltbild erscheint. Je tiefer wir uns in diesem sinnlichen Weltbild verlieren, desto weiter entfernen wir uns von der Erkenntnis seiner ein-fachen Substanz. Jedoch nur in dieser Erkenntnis vereinen sich alle Objekte und einschließlich wir uns als Betrachter zu der einen Substanz, der Ursubstanz. Sämtliche Namen, Beschreibungen und Worte schlüpfen dann in das eine Wort vom Anfang zurück.
Die Frage, was denn nun die Ursubstanz und das Wort vom Anfang sei, kann nicht beantwortet werden. Diese Antwort kann nur selbst erfahren werden. Jede Erklärung wäre ein sinneswahrnehmlicher Vergleich, der das Stückwerk unseres Weltbildes nur mit weiteren Vorstellungen verwirrt.
Das Erkennen der Ursubstanz und des Wortes vom Anfang kann nur im Bewusstseinszustand der ursprünglichen Vernunft erfolgen. Unsere Persönlichkeit und unsere Vorstellungen sind ebenfalls ein Ausdruck, eine Form dieser Ursubstanz. Deshalb ist uns diese Ursubstanz in uns selbst am nächsten. Der Weg zu diesem Ursprung ist nur in Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis möglich. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns dabei in absoluter Freiheit entdecken. Jeder auferlegte Zwang bindet uns dabei wieder an äußere Formen, Namen und Vorstellungen. Und gerade unsere Vorstellungen müssen wir dabei loslassen, gleichgültig, ob sie zu Bildern, Worten oder Empfindungen geformt sind.
Denn das Wort vom Anfang ruft uns suchende Menschen zurück zu unserem Ursprung und nicht zu den vielen Imitationen und Kopien der Wahrheit. Doch schmerzlich erfahren wir auf diesem Rückweg die Macht unserer Gedanken und Gefühle, die uns lähmen und immer wieder handlungsunfähig machen. Es sind unsere eigenen Vorstellungen, die uns immer wieder vom Gehen des Pfades abhalten. Wir selbst stellen uns dann die Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg, ohne dieses zu erkennen. Deshalb ist Selbsterkenntnis so dringend erforderlich, um die Axt dort an die Hindernisse anzusetzen, wo ihre Wurzeln sind – nämlich ausschließlich in uns selbst. Wie oft schon waren wir guten Willens, uns in dieser Hinsicht zu ändern? Kam es dann jedoch zur Entscheidung, so zogen uns die Automatismen alter Gewohnheiten wieder in ihren Bannkreis zurück. Nicht wir setzten die Axt an die Wurzeln unserer Hindernisse, sondern unsere Widerstände raubten uns bei jedem Versuch einen Teil unserer Lebenskraft. Machen wir denn etwas falsch?
Nein. Jedoch weder in unserem bisherigen Leben noch in der Krise einer Lebensumkehr sind wir die Steuerleute, die den Kurs unseres Lebensschiffes bestimmen. Es ist die Vielzahl der Objekte unserer Gedanken und Gefühle, auf die sich die Kompassnadel unseres Lebensschiffes ausrichtet. Ein Mensch, der seine Lebenshaltung auf die Lebensumkehr ausrichtet, spürt den Widerstand seiner inneren Zwänge. Er merkt es, weil seine Neigungen und Ablehnungen in seiner Seele hinterlegt sind. Es sind die Spuren, welche die vorangegangenen Persönlichkeiten in dieser Seele hinterlassen haben. In diese Spurrillen zieht die Seele auch unsere Persönlichkeit immer wieder hinein.
Wir Sucher irren somit durch zwei Labyrinthe – das der Welt und das unserer Seele. Beide Welten sind miteinander verknüpft und entsprechen sich. Jedoch auch unsere Suche nach Frieden im Äußeren sowie nach der Stille und der Unberührbarkeit in unserem Innersten entsprechen einander. Unser Traum von einer besseren äußeren Welt und unser inneres Heilverlangen sind wie durch einen roten Faden verbunden, der sich schicksalhaft durch das Labyrinth unserer äußeren Einflüsse bis zur Mitte unserer Seele hinzieht. Unserer Heilverlangen ist durch die Präerinnerung an eine wirklich vorhandene göttliche Welt begründet. Unsere Träume verhüllen uns diese Wirklichkeit.
Erst wenn wir uns von den Schleiern unserer Träume abwenden und uns dem Heilverlangen in unserer Mitte zuwenden, haben wir die Möglichkeit, der Kernsubstanz aus der göttlichen Welt zu begegnen. Dieses Umwenden kann erfolgen, wenn Schicksalsschläge unsere Träume bersten lassen, und wir dann die so entschleierte Wahrheit schrittweise wiedererkennen. Das Auflösen unserer Schleier kann jedoch auch prozessmäßig durch Ausrichtung auf unser innerstes Heilbegehren und ein danach geführtes Leben erfolgen. Oftmals besinnen wir uns erst nach Schicksalsschlägen auf solch eine Lebensführung. Der Entschluss zu solch einer Lebensumkehr wird immer von intelligentem Denken und Handeln begleitet.
Waren wir denn vorher nicht intelligent?
Doch, zweifellos. Aber unsere Intelligenz beschränkte sich auf den Erhalt und die Befriedigung unserer Ich-Zentralität. Der Entschluss zu einer neuen intelligenten Lebensführung wird von jedem Detail der Schöpfung beantwortet. Denn wir haben uns entschlossen wieder in die All-Intelligenz einzutreten, die in jeder Zelle, jedem Atom und jedem Gedanken vorhanden ist.
Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dieser Weg der Umkehr vielfach imitiert wird. Es werden Erleuchtungswege versprochen, die in kürzester Zeit den gleichen Erfolg haben sollen. Mit solchen Methoden kann das Bewusstsein durch Spiritismus, Medikamente oder andere Hilfsmittel erweitert werden. Unser Bewusstsein wird dabei jedoch nicht erneuert. Denn den Hilfsmitteln dieser Welt ist das neue Bewusstsein unbekannt. Abgesehen von gesundheitlichen Risiken werden lediglich die Möglichkeiten des alten Bewusstseins erweitert. Das alte Bewusstsein nimmt an Macht zu und verschiebt lediglich seine Grenzen. Das Ich wird durch diesseitige und jenseitige Hilfsmittel mächtiger und davon abhängig. Doch es bleibt eine Hilfe auf Zeit. Denn in unserer Naturordnung unterliegt alles dem Gesetz des Aufgangs und des Niederganges. Ein mächtig werdendes Ich strebt nach Macht über die Vielheit der Objekte im Äußeren. Danach drängt der luziferische Impuls in uns.
Die Umkehr von den äußeren Formen hin zur Einheit in uns bewirkt allein unsere Sehnsucht nach reiner, unpersönlicher Liebe. Der Impuls der Macht gehört in diese Naturordnung. Die göttliche Ordnung, nach der sich unser Innerstes sehnt, ist dieser Naturordnung völlig fremd. Nur mit seinem inneren Heilverlangen vermag der Mensch den göttlichen Heilsweg von seinen irdischen Nachahmungen zu unterscheiden.
Wer diesem Heilbegehren folgt, öffnet sich bereits der Hilfe durch den Geist Gottes. Sein Alltags-Bewusstsein wacht aus einem Dornröschenschlaf auf. Er erhält in den Begegnungen mit den gewohnten Objekten plötzlich andere Antworten und Anregungen. Es stellt sich ein neuer Zusammenhang zwischen ihm und seinem Umfeld her. Dieser Zusammenhang wächst innerlich, hinter dem Wollen, Begehren und Denken seiner Persönlichkeit. Im berührenden Licht des Geistes sieht dieser Sucher das Zusammenspiel der All-Intelligenz durchschimmern. Es wirkt jedoch noch viel weltlicher Schein auf ihn ein, so dass das zarte Flämmchen der Erkenntnis schnell wieder vergessen wird.
Bestimmen jedoch Heilbegehren und Lebensumkehr die Lebenshaltung des Menschen, so bleibt das suchende Herz von den Strahlen des Geistes berührt. Dann bleibt der Mensch auch mit der All-Intelligenz verbunden und wird nach deren Plan sicher in die göttliche Einheit zurückgeführt. Die Zusammenführung solcherart verbundener Menschen ist Bestand eines solchen all-intelligenten Planes. Durch die innere Ausrichtung vieler Menschen auf das gleiche Ziel bildet sich ein starker Brennpunkt des einstrahlenden Geistes. Jedem Menschen, der sich im Innersten in die göttliche Einheit zurücksehnt, wird in einem solchen Brennpunkt die erforderliche Hilfe für seine Heimkehr gereicht. Er lässt eine dunkle Nacht der Irrtümer und des Bangens hinter sich.
Freudig und voller Zuversicht geht er als lebende Zelle im Körper einer solchen Gemeinschaft einem neuen Morgen entgegen, dessen Strahlen vom Herz bis zum höchsten Sonnenstand im Haupt aufsteigen. Im Bewusstsein der All-Intelligenz nimmt er seine Aufgaben in Selbstautorität wahr und führt sie eigenverantwortlich im lebenden Körper seiner Gruppe aus. Es ist die All-Intelligenz, die den lebenden Körper dieser Gruppe voranschreiten lässt. Es ist auch die All-Intelligenz, die ihn mit der Seelengemeinschaft seiner Entsprechung zusammenführt.
All-Intelligenz lehrt kein Wissen, welches Theorien auf der Grundlage der Bibel vermittelt. Denn Voraussetzung eines christlichen Bekenntnisses ist die Gründung des eigenen inneren Fundamentes. Dazu müssen wir erst unseren alten Tempel mit seinen Vorstellungen in freier Maurerei abreißen. Wir können nicht am Hause Christi bauen, solange es auf morschen Pfählen steht. Zunächst muss ein solides Fundament in unseren Herzen gegründet werden, ein Eckstein der uns wieder mit der All-Intelligenz verbindet. Nur so können die heiligen Schriften in ihrer Reinheit verstanden werden. Dann haben wir Ohren, die hören und Augen, die sehen können. Erst auf solch einem Fundament reifen wir zu jener Vernunft, die uns Einsicht zu dem neuen Leben gewährt.
Wenden wir uns also wieder der All-Intelligenz zu, welche die Ursubstanz zum Leben erweckte und den göttlichen Plan erfüllt. Wer sich in diesen Plan einfügt, findet sich in der Harmonie und Einheit seiner Gotteskindschaft wieder.
Kohle



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