Mit Piercing zum Gottesdienst

"Kirchenknigge" klärt auf


Mit der Kleiderordnung hält es die evangelische Kirche liberal: "Ob in Disco- oder Motorrad-Anzug, mit Bauchnabel-Piercing, Glatze oder Skateboard - alle dürfen kommen", heißt es in einem "Kirchenknigge", den die Evangelische Kirche im Rheinland herausgegeben hat. Die Audio-CD enthält insgesamt 15 Benimm-Tipps rund um Gottesdienst, Abendmahl und Beerdigung.



Weder in der Bibel, noch im evangelischen Handbuch stehe, wie sich die Gottesdienstbesucher sonntäglich zu kleiden hätten, erklären die Autoren des Ratgebers. "Gottes Geist ist nicht an Äußerlichkeiten gebunden." Selbst Klatschen in der Kirche ist demnach erlaubt. Das Gebot des Satirikers Robert Gernhardt: "Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen", ist nach Darstellung der Kirchenleitung ohne Bedeutung. Schließlich sei Beifall zumindest in der jüdischen Religion ein altes liturgisches Element. Und nach einer guten Predigt dürfe der Gläubige durchaus seine Zustimmung bekunden. Das Klatschen sei "der körperliche Ausdruck des Amen", heißt es im "Kirchenknigge".



Über das Schwätzen in der Kirche gehen die Meinungen in der rheinischen Kirche offenbar auseinander. Geflüster störe beim Gottesdienst - wie in Konzert und Kino - beim Zuhören, heißt es in dem Benimm-Ratgeber. Trotzdem solle die Predigt lebendige Kommunikation sein. Es dürfe durchaus einmal getuschelt werden, wenn ein guter Gedanke die Menschen anspreche, meint der Essener Pfarrer Alexander Maurer. Ein Presbyter aus Solingen ist da anderer Ansicht: "Die Menschen sollten sich die Chance nicht entgehen lassen, die im Schweigen liegt." Das Stillen von Säuglingen in der Kirche ist dagegen nach Überzeugung der Autoren der Benimm-Tipps "immer dann erlaubt, wenn es nötig ist".



Auch Fragen zum Benehmen bei Taufe und Beerdigung werden beantwortet. "Blitzlichtgewitter vertreibt die Engel", heißt es da für die Angehörigen des Täuflings. Beim Gang zum Grab müssen sich die Trauergäste nicht unbedingt anschweigen. Pastorin Christiane Volk bittet allerdings darum, nicht so laut zu sprechen, dass sich andere gestört fühlen.



Lieber keine Diskussionen um die Predigt anzetteln



Beim Abendmahl darf der Gläubige durchaus dem Pfarrer den Kelch aus der Hand nehmen. Wer kein Vertrauen in dessen Geschick habe, sollte selbst zum Kelch greifen und ihn sich an den Mund führen. "Schließlich ist der Pfarrer kein Zeremonien-Meister. Christus ist es, der zum Mahl einlädt", heißt es im "Kirchenknigge". Ohnehin sei es in vielen Gemeinden Sitte, dass die Teilnehmer des Abendmahls den Kelch einander weiterreichen.



Diskussionen zur Predigt sollten die Kirchgänger sich und den anderen Gottesdienstbesuchern besser ersparen. Doch es gibt auch Kirchengemeinden, wo im Anschluss an den Gottesdienst schriftliche Anmerkungen der Besucher zur Predigt vorgelesen und vom Pfarrer vor der Gemeinde kommentiert werden. Tabu ist selbstverständlich, wie im Kino und Theater auch, die Benutzung des Handys.



Auch für katholische Christen gibt es einen kleinen Leitfaden mit Verhaltensregeln beim Kirchenbesuch. Der Direktor des Frankfurter Dommuseums, August Heuser, nennt darin 13 Themenbereiche und Verhaltensweisen, die mit Schülern eingeübt werden sollten. Die Palette reicht von der angemessenen Kleidung über den Umgang mit Hüten und Mützen bis hin zu den Fragen, wie man richtig Weihwasser nimmt oder korrekt das Kreuzzeichen schlägt.