Nachts bei Windstärke 12, und dann kein Licht an Deck .......


Zeiten wirtschaftlicher Einschränkung machen uns immer wieder bewusst, wie sehr unser anscheinend so freies Lebensgefühl von äußeren Bedingungen eingeengt ist. Oft können wir diese Bedingungen selbst nicht verändern. Unsere Gedanken kreisen dann um Geldsorgen, Arbeitslosigkeit, materielle Verluste, eine vage Zukunft usw.. Mit solchen Gedanken tauchen Ängste, Verdruss und manchmal auch Neid in uns auf. Die beruhigenden Gedanken, mit denen wir vorher auf eine gesicherte Existenz vertrauten, fallen wie getrocknetes Laub von uns ab. Unsere Realität hat sich geändert.


Die Art und die Macht der Gedanken bewirken eine veränderte Realität in uns. Realität empfinden wir subjektiv. Sie wird durch die Wirkung unserer Gedanken geformt. Unsere Lebenserfahrungen und die karmische Vergangenheit des Mikrokosmos prägen in uns Wünsche und Ängste, die unsere Gedanken zu Vorstellungen zusammenfügen. Oder mit anderen Worten, unsere Wünsche und Ängste manifestieren sich in Gedanken und Bildern, die uns zum Handeln drängen. Dies gilt sowohl für die Stillung der Grundbedürfnisse als auch für die Befriedigung zusätzlicher Bedürfnisse. Wir erleben ebenfalls, dass unsere Bedürfnisse und somit unsere Gedanken durch Sinnesreize stimuliert werden können.


Es bleibt also festzustellen, dass unsere Gedanken uns drängen, auf Bedürfnisse und Ängste zu reagieren. Über unsere Sinneswahrnehmungen sind Bedürfnisse und Ängste manipulierbar. Das heißt, die Informationsflut aus unserem Umfeld beeinflusst zusätzlich die Bahnen unserer kreisenden Gedanken. Viele von wirtschaftlicher Einschränkung betroffene Menschen fühlen sich von solch einer Bündelung ihrer Gedanken bedroht und erleben daraus ihre Realität.

Denn die Verringerung eines gewohnten Lebensstandards lässt nicht nur Bedürfnisse ungestillt. Es tauchen erneut alte Ängste auf, die wir in Zeiten vermeintlicher Sicherheit „vergaßen“. Gern ergreifen wir in solch tiefer Stimmung jeden Strohhalm, der uns gereicht wird, und der uns aus diese unangenehme Realität herausziehen soll.


So erleben wir unsere Realität im Wechsel unserer Gemütsverfassung. Die Begegnungen unserer Ängste und Bedürfnisse mit den Herausforderungen des Lebens nennen wir Lebenskampf.. Wie jedes andere Lebewesen passen wir uns der Umwelt dabei an, weichen ihr aus oder greifen sie an. Was wir mit all unserer Klugheit, Geschicklichkeit und sozialer Rücksichtnahme dabei nicht verändern können, das ist der Drang unserer Bedürfnisse und der Druck unserer Ängste. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint Expery schreibt:


„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“


Dieses Zitat lässt sich auch auf die Gestaltung unserer Realität anwenden. Jeder von uns baut und hält sein Lebensschiff so instand, dass es möglichst sicher und für möglichst lange Zeit die Gegenwinde, Nebelbänke, Stromschnellen, Untiefen und Bewegtheiten seiner Lebenssee durchquert. Wir kreuzen die Meere, kämpfen uns durch Wetterfronten und erfreuen uns hin und wieder auf dem Sonnendeck einer leichten Brise unter südlicher Sonne. Eines Tages jedoch werden die Planken unseres Schiffes dem Druck der heranstürmenden Brecher nicht mehr standhalten oder die Schiffsmaschine wird ihren Dienst versagen. Die Kreuzfahrt ist zu Ende. Die Seiten aus dem Schiffstagebuch vergilben, lösen sich im Wasser auf oder werden vom Wind weggeweht.


Antoine de Saint Expery schreibt jedoch auch von einem anderen Schiff, welches nicht nach den Plänen unserer Wunschvorstellungen und der Bedrohung durch die Lebenssee gebaut wird. Anstelle einer Kreativität, die aus Erinnerungen vergangener Bedrohungen und Träume in eine ungewisse Zukunft entspringt, setzt er auf die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer. Diese Sehnsucht liegt ebenso tief in uns verborgen, wie die endlose Weite des Meeres von uns entfernt ist. Und doch ist beides - Sehnsucht und Erfüllung – uns näher als Hände und Füße. Unsere Sehnsucht bleibt uns deshalb verborgen, weil unsere Ängste aus der Vergangenheit und unsere Wünsche in die Zukunft ihren ununterbrochenen Ruf nach Freiheit übertönen. Ebenfalls schieben sich diese Ängste und Wünsche wie Wolken vor unsere Augen und versperren den Blick in eine uneingeschränkte Freiheit.


In Zeiten wirtschaftlicher Einschränkung leiden wir am Zerbrechen unserer Wünsche und Illusionen. Ängste türmen sich wie Wolkenbänke über unsere in Unruhe geratene Lebenssee aus. Kann unser Lebensschiff diesen Seeungeheuern nicht mehr ausweichen, werden wir gezwungen, in das Auge des Zyklopen zu schauen. Dadurch sehen und hören wir zum erstenmal in ihre Richtung. Und genau in dieser Richtung können wir hinter den Stimmen unserer Angst zum ersten Mal den stillen Ruf unserer inneren Sehnsucht vernehmen. Lauschen wir dem Ruf aus dieser Richtung, dann werden wir mitten in unserer sturmdurchlebten Nacht eine Antwort auf unsere innerste Sehnsucht erhalten. Leuchttürme, deren Signale wir vorher nicht verstehen konnten, antworten uns mit dem Strahl ihres steten Lichtes über das Grollen der Lebenssee hinweg.


Wer die Schatten seines Daseins überwindet, wird von diesen Strahlen berührt und aus seiner Not in der Lebenssee herausgefischt.


Meint


kohle