Mahamudra Upadesha von Tilopa

Obwohl Mahamudra nicht gelehrt werden kann,
intelligenter und geduldiger Naropa, duldsam dem Leid
gegenüber, der Du Dich in Entbehrung übst und Hingabe
dem verwirklichten Lehrer gegenüber zeigst,
Du glücklicher, übe wie folgt mit Deinem Geist:

Zum Beispiel:
was ruht im Raum auf was? Im eigenen Geist, Mahamudra,
ist nichts zu finden. Ruhe entspannt im natürlichen Zustand
ohne zu versuchen etwas zu verändern.

Zum Beispiel
ist es wie wenn man in die Mitte des Himmels schaut
und nichts sieht.

In gleicher Weise,
wenn Dein Geist auf Deinen Geist schaut, hören die
Gedanken auf und Du erlangst unübertreffliches Erwachen.

Wenn diese Fessel des Geistes gelockert wird, gibt es
keinen Zweifel darüber, dass Du Befreiung erlangen wirst.

Zum Beispiel:
genau wie der Dampf, der, aus der Erde aufsteigend,
zu Wolken wird und sich in die Weite des Raums auflöst,
nirgendwo anders hingeht und trotzdem nicht weiter
irgendwo fortbesteht, so werden in gleicher Weise die
aufgeregten Gedanken die aus dem dem Geist und im Geist
auftauchen in dem Moment beruhigt, in dem Du die Natur
des Geistes erkennst.

Zum Beispiel:
Genau so wie die Natur des Raums über Farbe und Form
hinausgeht und genau wie der Raum daher nicht von den
verschiedenen Farben und Formen, die darin auftauchen
beeinträchtigt, verändert oder verdunkelt wird, geht in
gleicher Weise die Essenz Deines Geistes über Farbe und Form
hinaus und wird daher niemals von den verschiedenen Farben
und Formen von Rechtschaffenheit oder Fehlverhalten
verdunkelt oder beeinträchtigt.

Zum Beispiel
ist es wie das strahlende Herz der Sonne, das niemals durch
die Dunkelheit von tausend Aeonen verdunkelt werden könnte.

In dieser Weise
wird diese leuchtende Klarheit, die die Essenz des Geistes ist,
niemals durch das Samsara unzähliger Zeitalter verdunkelt.

Zum Beispiel,
genau so wie wir den Begriff "Leer" dem Raum zuweisen,
ist da tatsächlich nichts im Raum enthalten,
das wir richtigerweise mit diesem Begriff beschreiben.

In gleicher Weise,
obwohl wir den Geist als Klares Licht oder Leuchtkraft bezeichnen,
wird es durch die blosse Tatsache, dass wir ihn so bezeichnen,
nicht zur Wirklichkeit, dass tatsächlich irgendetwas im Geist
enthalten ist, das eine wahre Grundlage für so eine Bezeichnung böte.

In dieser Weise
war die Natur des Geistes von Anfang an wie der Raum,
und es existieren keine Phänomene die nicht darin enthalten sind.

Alle körperlichen Aktivitäten aufgebend, sollte der Praktizierende
entspannt zur Ruhe kommen.

Ohne eine verbale Äußerung wird Deine Rede zu einem Echo,
Klang untrennbar von Leerheit.

Denke mit dem Geist an rein gar nichts und betrachte
das Entstehen der Phänomene.

Der Körper ist nicht von Bedeutung, leer wie ein Bambusrohr.
Der Geist ist wie die Mitte des Raums. Er ist unbegreiflich.

Ruhe entspannt in dieser Erfahrung, ohne sie gehen zu lassen
oder einzuordnen.

Ruhe entspannt in diesem Zustand ohne ihn auszustrahlen,
ihn zu kategorisieren, loszulassen oder zu versuchen ihn festzuhalten.

Wenn der Geist keine Ausrichtung hat, ist es Mahamudra.

Auf diese Weise wirst Du unübertreffliches Erwachen erlangen.

Jene, die den Tantras und dem Fahrzeug der rechtschaffenden
Handlungen, dem Vinanya, den Sutras und den verschiedenen
Belehrungen des Buddha mit einer Anhaftung für deren individuellen
schriftlichen Traditionen und ihrer individuellen Philosophie folgen,
werden nicht dahin gelangen, das leuchtende Mahamudra zu
erfahren, weil die Sicht auf diese Leuchtkraft oder das Klare Licht
durch ihre Absichten und Einstellungen verdunkelt werden.

Die konzepthafte Aufrechterhaltung von Versprechen verursacht
tatsächlich, dass man die Bedeutung der Samayas (Gelübde)
verletzt.

Wenn Du die Bedeutung nicht verletzt, die ohne Beständigkeit,
nicht konzepthaft oder festgelegt ist, dann, indem Du diese
nicht verletzt, verletzt oder brichst Du auch die Samayas nicht.

Sei frei von jeder Absichtshaftigkeit, ohne mentale Ausrichtung
oder mentale Aktivität.

Gedanken entstehen aus sich selbst heraus und
lösen sich wieder in sich selbst hinein auf -
wie ein Gemälde auf einer Wasseroberfläche.

Dies ist die Fackel, die alle Verdunklung oder Dunkelheit vertreibt.

Wenn Du, frei von Zielgerichtetheit, nicht in Extremen verweilst,
wirst Du ohne Ausnahme die Bedeutung aller Belehrungen
Buddhas und aller Takas, der einzelnen Teile der Belehrungen
Buddhas, erkennen.

Wenn Du in diesem Zustand ruhst, wirst Du vom Gefängnis
des Samsara befreit werden. Wenn Du gleichmäßig in diesem
Zustand ruhst, werden alle Deine Verfehlungen und
Verdunklungen verbrannt.

Deshalb wird dies die Fackel der Lehre genannt.

Törichte Leute, die sich für diese Lehre nicht interessieren,
werden vom Fluss des Samsara hinfortgerissen.

Diese törichten Leute, die unerträgliche Leiden in den
niederen Existenzbereichen erfahren, verdienen Mitgefühl.

Wenn Du wünschst, Befreiung vom unerträglichen Leid zu
erfahren, verlasse Dich auf einen weisen verwirklichten Lehrer.

Wenn der Segen eines verwirklichten Lehrers Dein Herz
berührt, wird Dein Geist befreit werden.

Kye ho!

Alle samsarischen Dinge sind bedeutungslos,
sinnlos, Ursachen für Leid.

Und da alle diese Dinge, die getan oder geschaffen wurden,
sinnlos sind, schaue auf das, was Bedeutung hat.

Wenn Du
über jedes Greifen nach einen Objekt und Greifen nach einem
Subjekt hinausgehst, ist das der König aller Sichtweisen.

Wenn da
keine Ablenkung ist, dann ist das der König aller Meditationen.

Wenn da
keine Anstrengung ist, ist das der König aller Handlungen.

Wenn dort
keine Hoffnung und keine Furcht ist, dann ist das das
endgültige Ergebnis und die Frucht wurde erlangt.

Es geht darüber hinaus, ein Objekt konzeptueller Betrachtung
zu sein; die Natur des Geistes ist leuchtende Klarheit.

Da ist
kein Weg, der gegangen werden muss und dennoch betrittst
Du auf diese Weise den Pfad zur Buddhaschaft.

Da ist
kein Objekt der Meditation, aber wenn Du Dich an dies gewöhnst,
wirst Du unübertreffliches Erwachen erlangen.

Untersuche die weltlichen Dinge gründlich. Wenn Du dies tust,
wirst Du erkennen, dass nichts davon beständig ist,
keines dieser Dinge hat die Eigenschaft von Dauerhaftigkeit,
und in diesem Sinne sind sie alle wie Träume und magische Illusionen.

Träume und magische Illusionen sind bedeutungslos.

Aus diesem Grund
über Dich in Entsagung und gib weltliche Belange auf.

Schneide die Fesseln der Anhaftung und Abneigung an
jene um Dich herum und an Deine Umgebung durch
und meditiere in Abgeschiedenheit, in Wäldern usw.,
alleine lebend.

Verweile in diesem Zustand ohne Meditation. Wenn Du das
erzielst, was ziellos ist, hast Du Mahamudra verwirklicht.

Zum Beispiel:
wenn die Wurzel eines Baums mit einem Stamm und vielen Ästen,
Blättern, Blüten und Früchten abgetrennt wird, dann werden
die zehntausend oder hunderttausend Äste automatisch sterben.

In gleicher Weise,
wenn die Wurzel des Geistes durchtrennt wird, werden
die Äste und Blätter des Samsara austrocknen.

Zum Beispiel:
genau wie die Dunkelheit, die sich über tausend Aeonen
angesammelt hat, von der Entzündung einer Lampe oder Fackel
vertrieben wird, in gleicher Weise vertreibt ein Augenblick der
Weisheit des Klaren Lichts des eigenen Geistes alle Unwissenheit,
Missetaten und Verdunkelungen, die in unzähligen Aeonen
angesammelt wurden.

Der Verstand kann nicht erkennen, was über den konzeptuellen
Geist hinaus geht, und Du wirst niemals das Ungeschaffene mit
den Mitteln zusammengesetzter Phänomene erkennen.

Wenn Du wünschst
das zu erlangen oder zu erkennen, was über den Verstand
hinausgeht und ungeschaffen ist, dann untersuche Deinen Geist
genau und übe Dich in nackter Achtsamkeit.

Erlaube es dem verschlammten Wasser der Gedanken,
sich selbst zu klären.

Versuche nicht, Erscheinungen aufzuhalten oder zu erschaffen.

Lasse sie, wie sie sind.

Wenn Du ohne Annehmen und Ablehnen äußerer Erscheinungen
verweilst, wird alles was erscheint und existiert durch seine
ursprüngliche Natur aus sich selbst heraus besiegelt und befreit.


Dies wurde an den Ufern des Ganges durch den grossartigen und leuchtenden Siddha Tilopa, der Mahamudra verwirklich hatte, an den Pandit aus Kashmir, Naropa, übertragen, der sowohl gelehrt als auch verwirklicht war, nachdem Naropa zwölf Härten bzw. Entbehrungen überwunden hatte. Der Text wurde bei Pullahari im Norden übersetzt und niedergeschrieben durch den grossartigen Naropa und den grossen tibetischen Übersetzer, den König der Übersetzer, Marpa Chokyi Lodro. Mündlich ins Englische übersetzt von Lama Yeshe Gyamtso.




[Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt
von 'Akshah' - Jonten Dorje - am 26.11.2005]

Möge diese deutsche Übersetzung, nach bestem Wissen und
Gewissen durchgeführt, die Bedeutung und Sicht der Übertragung
Tilopas, Naropas und Marpas fehlerfrei transportieren und den
Wesen höchsten Nutzen bringen.