Sei dir selbst eine Insel
Ayya Khema
Wege zur Emanzipation des Geistes
Die Kunst des Loslassens durch Selbstbefreiung und Meditation
Aus dem Englischen von Matthias Dehne
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Inhalt
Danksagung
Vorwort
Zufluchtnahme
In Einklang leben
Miteinander sprechen
Steter Tropfen höhlt den Stein
Anschauungen und Meinungen
Unwissenheit
Liebevolle Zuwendung
Mit uns selbst leben
Das Unmögliche versuchen: Den Geist bis zu seinen Grenzen spannen
Formbarer Geist
Das Herz leer machen
Befreiung hier und jetzt
Glossar
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Danksagung
Ich möchte mich bei den Nonnen und Anagarikas der Nonneninsel von Parappuduwa bedanken, dass sie diesen Dhamma-Vorträgen geduldig zugehört und damit ihre Veröffentlichung möglich gemacht haben.
Mein besonderer Dank gilt meiner lieben Freundin Helen Wilder aus Kandy in Sri Lanka, ohne deren Hilfe und Ermutigung diese Vortragssammlung nicht zustande gekommen wäre.
Schwester Sanghamitta, Treelight Green und Marianna Yaeger gilt mein Dank, weil sie ihre Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung gestellt und das Manuskript angefertigt haben.
Möge dieses gute Kamma ihnen Glück und Segen bringen.
Ayya Khema
April 1986
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Vorwort
Dieser kleine Band enthält eine Auswahl von Dhamma-Vorträgen, wie ich sie allabendlich auf unserer Nonneninsel von Parappuduwa halte.
Die Nonneninsel von Parappuduwa ist ein ganz besonderer, ja einzigartiger Ort, weil sich hier erstmals in den 2500 Jahren buddhistischer Lehrverkündung Frauen aller Nationalitäten zu einer Nonnengemeinschaft zusammengeschlossen haben, die ausschließlich von Frauen geleitet wird.
Wer sich für das heilige Leben entschieden hat, findet einen sicheren Hafen. Hier können Frauen in einer friedvollen Atmosphäre sich ganz der Emanzipierung des Geistes widmen und Nibbana ansteuern. Alle sind willkommen, wenn sie ihre Meditation vertiefen und mehr über den Dhamma (die buddhistische Lehre) erfahren möchten. Einzige Voraussetzung: man muss sich für einen Mindestaufenthalt von drei Monaten verpflichten.
Meditation ist zwar ein wichtiger Bestandteil unserer täglichen Aktivitäten, aber wir studieren gemeinsam auch die Suttas (die Lehrreden des Buddha) und den Vinaya (die Ordensregeln für Mönche und Nonnen). Wie in alter Zeit suchen die Nonnen auf ihrer täglichen Almosenrunde die umliegenden Dörfer auf und predigen den Dorfbewohnern den Dhamma.
Aus den Vorträgen ist leicht herauszuhören, dass wir dem Leben in der Gemeinschaft große Aufmerksamkeit widmen. Es hat einen hohen Stellenwert bei uns, weil dieses Zusammenleben zum Prozess unserer Läuterung und Veredelung wichtige Lernerfahrungen beisteuert.
Wir alle hier auf der Nonneninsel von Parappuduwa werden sehr glücklich sein, wenn auch nur ein Mensch von der Lektüre dieses Buches einen Gewinn haben sollte.
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Zufluchtnahme
Die Zufluchtnahme zum Erleuchteten (Buddha), der Lehre (Dhamma) und der Gemeinschaft der erleuchteten Schüler (Sangha) hat tiefe Bedeutung. Eine Zuflucht ist ein Schutzraum, ein sicherer Ort, und davon gibt es auf dieser Welt nur wenige. Ja, eigentlich ist es sogar unmöglich, im weltlichen Leben irgendwo ein vollkommen sicheres Refugium zu finden. Äußere, materielle Zufluchtsorte brennen nieder, fallen der Verwüstung anheim, verschwinden vom Erdboden. Bei Buddha-Dhamma-Sangha hingegen handelt es sich nicht um eine äußere, materielle Zuflucht. Sie sind eine spirituelle Zuflucht und deswegen können und sollten sie uns das Gefühl geben, dass wir schließlich doch noch einen Hafen gefunden haben, in dem der Sturm sich gelegt hat. Auf dem offenen Meer erschweren Sturm, Windböen und Wellen das Segeln. Erst wenn das Schiff den Hafen erreicht, sind die Wasser ruhig. Der Hafen ist eine Zuflucht. Dort sind alle Wellen und alle Stürme zur Ruhe gekommen. Wir können Anker werfen. Und das ist mit der Zuflucht zu Buddha-Dhamma-Sangha gemeint. Wer etwas anderes darunter versteht, hat vergebens Zuflucht genommen.
Zuflucht bedeutet, dass wir schließlich den Ort gefunden haben, an dem wir zur Ruhe kommen können, und zwar in einer Lehre, die uns nicht im geringsten darüber im Zweifel lässt, dass das Leiden ein Ende hat, dass alle Übel ein Ende haben, von denen die Menschheit befallen ist. Der große Lehrer hat den Dhamma, die Lehre, dargelegt, sein Sangha sie weitergegeben. So ist uns der Weg gewiesen. Sangha bezeichnet hier all jene, die über Buddhas Lehre Erleuchtung erlangt haben. Damit ist also nicht irgendwer gemeint, der irgendwelche Roben, irgendein besonderes Gewand trägt. Nur wer Glauben gefasst und der Wirkkraft des Dhammas vertrauen gelernt hat, begreift auch die Bedeutung der Zufluchtnahme, und zwar sogar dann, wenn er die Befreiung vom Leiden noch nicht an sich erfahren konnte. Wer diese Verheißung nicht unmittelbar erschauen kann, ihre Möglichkeit noch nicht erkannt hat, weiß eigentlich nicht, was er tut, wenn er Zuflucht nimmt.
Buddham Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Buddha.
Dhammam Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Dhamma.
Sangham Saranam Gacchámi. Ich nehme Zuflucht zum Sangha.
Wir wiederholen dies drei Mal, und wir sollten verstehen, was es heißt. Sonst sprechen wir einfach nur Worte in einer fremden Sprache nach, wie ein Papagei, der auch nicht weiß, was er nachplappert.
Fühlen wir, dass die Zufluchtnahme Realität wird, dann öffnet sich unser Herz in Hingabe, Dankbarkeit und Hochachtung für Buddha-Dhamma-Sangha, für den Lehrer, die Lehre und die Erleuchteten, die dem Lehrer folgten und die Lehre am Leben erhalten und weitergegeben haben. Wir müssen dankbar dafür sein, dass das Leiden tatsächlich ein Ende haben kann, uns dem hingeben, das uns eine vollständig andere, überweltliche Wirklichkeit verheißt; und wir müssen jene würdigen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, diese Lehre zu verbreiten.
Die Zufluchtnahme kann zum wichtigsten Ereignis des ganzen Lebens werden. Was Ihr auch tut, Ihr könnt es für Buddha-Dhamma-Sangha tun. Ich zum Beispiel kann Steine schleppen für Buddha-Dhamma-Sangha. Sie sind keine Last. Sie haben kein Gewicht. Aber wenn ich Steine schleppe, weil jemand mir sagt, ich soll Steine schleppen, werden sie ziemlich schwer werden. Sie werden mich müde machen. Aufgaben im Dienste des Höchsten, das eine andere Wirklichkeit verheißt, sind nicht beschwerlich, ja sind eine Kleinigkeit, wenn wir einmal erkannt haben, wie unbefriedigend die Wirklichkeit ist, in der die Menschheit jetzt lebt. Wir sind dann gern bereit und auch in der Lage, diese Wirklichkeit loszulassen.
Die Zufluchtnahme zu Buddha-Dhamma-Sangha geschieht häufig ohne jedes Verständnis. Viele beten sie herunter wie eine Formel. Aber viele nehmen auch hingebungsvoll Zuflucht, dankbar und voller Respekt. Sie haben Respekt vor dem Menschen, der die Kraft hatte, die höchste Seinsweise zu verwirklichen, die einem Menschen offen steht, und der darüber hinaus willens war, diese Seinsweise darzulegen, so dass andere ihm nachfolgen konnten - ja, der sie auf eine Weise dargelegt hat, dass gewöhnliche Wesen wie wir sie tatsächlich begreifen können. Das ist eine der großen Taten der Menschheitsgeschichte. Sie verdient den Respekt, den wir einer solchen Leistung zollen dürfen.
Mit Dankbarkeit, Hingabe und Respekt haben wir gleichzeitig die Liebe gewonnen. Diese Drei haben sehr viel mit Liebe zu tun. Einem Menschen, den wir nicht lieben, können wir nicht wirklich dankbar sein; wir können uns ihm nicht hingeben, ihn nicht respektieren. Liebe und Respekt gehen auf dem geistigen Weg Hand in Hand. Sie sind allen Beziehungen im Leben förderlich, besonders jedoch für den geistigen Weg, weil dieser Weg eine sehr innige Beziehung ist, die innigste, die wir haben können - die Beziehung zu uns selbst. Herz und Geist müssen beteiligt sein. Der Geist versteht. Das Herz liebt. Solange dies nicht geschieht, stehen wir nur auf einem Bein. Wir hüpfen unsicher herum, anstatt stetig und fest auszuschreiten.
Unstetigkeit beim Üben macht uns unzufrieden, sät Zweifel ins Herz: "Tue ich überhaupt das richtige?" Oder: "Was mache ich denn hier? Wie um alles in der Welt bin ich hierher gekommen? Was bringt mir das? Warum gehe ich nicht dorthin zurück, wo ich herkomme und tue, was alle anderen auch tun?" Zweifel brauen sich zusammen, weil wir unsicher sind, wankelmütig. Aber das ist auch kein Wunder. Auf einem Bein zu gehen, ist nun einmal eine sehr wacklige Angelegenheit. Wir brauchen festen Boden unter den Füßen. Zu diesem Zweck müssen wir Geist und Herz ernst und aufrichtig in all unser Tun einfließen lassen. Und dieser Ernst kann sich nur entfalten, wenn das Herz geöffnet wurde.
Was für eine seltene und kostbare Gelegenheit, in dieser Menschenwelt, heimgesucht von Sorgen, Schwierigkeiten und Ängsten um das eigene und um das Leben derer, die uns nahe stehen, in diesem kummervollen und höchst unruhigen Dasein eine Zuflucht zu finden, einen sicheren Ort in uns! Diese Gelegenheit ist tatsächlich so selten und so wertvoll, dass die meisten Menschen nicht einmal ihren Wert erkennen.
Wir sprechen von den Drei Juwelen oder Kostbarkeiten (Tiratana), weil diese drei Buddha-Dhamma-Sangha der höchste Wert des gesamten Kosmos sind. Wir meinen damit nicht den physischen Körper, in dem der Buddha in Erscheinung trat, und auch nicht die physische Erscheinung des Sanghas der Vergangenheit und Gegenwart, sondern vielmehr das, was sie repräsentieren: Transzendenz, die absolute Wirklichkeit, die Verbundenheit mit einem Bewusstsein, das alles andere außer Kraft setzt.
Die Zufluchtnahme stellt aber nicht nur eine seltene Gelegenheit dar, sie ist überdies ein Zeichen für hervorragendes Kamma. Wir haben ganz ausgezeichnetes Kamma angesammelt, dass wir Zuflucht nehmen können. Andererseits wird unser Zufluchtnehmen nur dann Früchte tragen, wenn wir es mit dem Herzen tun und nicht bloß mit dem Mund.
Ich bin sicher, Ihr alle seid mindestens einmal in Eurem Leben verliebt gewesen; vielleicht sogar mehr als einmal. Aber nehmen wir an, dass Ihr einmal verliebt wart. Ihr werdet Euch an dieses Gefühl erinnern, besonders wenn Eure Liebe erwidert wurde. Das war doch herrlich, oder? Und dasselbe könnt Ihr fühlen, wenn Ihr Buddha-Dhamma-Sangha liebt, weil Ihr den ganzen Tag in Eurem Herzen mit Buddha-Dhamma-Sangha zusammentrefft. Es ist eine fortwährende Liebesbeziehung. Was könnte schöner sein?! Was Ihr auch tut, Ihr tut es für die, die Ihr liebt. Und deswegen fällt Euch alles ganz leicht.
Energie ist dann ganz natürlich. Ihr braucht sie nicht zum Leben zu erwecken. Sobald Gewissheit und Führung da sind, ist auch Energie da. Ihr braucht nicht danach zu suchen. Die Energie ist da, weil Ihr mit dem Herzen bei dem seid, was Ihr tut.
Wir haben Zuflucht gefunden, etwas das uns das Ende selbst des winzigsten Leidens verspricht, das unser Herz belastet hat oder jetzt noch belastet, das Ende aller Unsicherheit, aller Angst, aller Sorgen, ja auch der unbedeutendsten Nörgelei, mit der wir uns weismachen, dass irgend etwas nicht ganz so ist, wie es sein sollte. Das hat der Buddha uns verheißen! Sobald wir uns dieser Verheißung öffnen, bekommt unsere Zufluchtnahme eine viel tiefere Bedeutung, denn wir haben uns mit ihr auf eine Beziehung eingelassen, die uns vollständig läutert und uns schließlich am erleuchteten Sangha teilhaben lässt. Nur wenn wir sie in diesem Licht sehen, haben wir den vollen Nutzen von unserer Zufluchtnahme.
Wir rezitieren jeden Tag bestimmte Schriften, nicht weil wir uns die Zeit vertreiben, ein paar Pali-Worte daherplappern oder unsere Lungen üben wollen. Nichts dergleichen. Vielmehr bringen wir mit den ersten drei Verehrungen Dankbarkeit, Hingabe und Respekt zum Ausdruck: (1) Iti'pi so bhagavá; (2) Svakkháto bhagavatá dhammo; und (3) Supatipanno bhagavato sávaka-sangho.
Der erste Gesang ist dem Buddha gewidmet, der zweite dem Dhamma und der dritte dem Sangha. Aber wir bekunden mit dem Singen und Rezitieren nicht nur unsere Dankbarkeit, wir lernen damit auch die Worte der Lehre auswendig: Indem wir sie frei sprechen, können wir sie im Herzen besser verstehen. Wir können im Herzen verstehen, was der Buddha in der Lehrrede von der Güte (Karanlya-Mettá-Sutta) über diese Güte und Liebe gesagt hat oder was die Worte "möge alle Feindseligkeit von mir abfallen" (aham avero homi) wirklich bedeuten. Und wir können im Herzen besser begreifen, was der Buddha über Körper, Gefühle, Wahrnehmung, psychische Formkräfte und Bewusstsein gesagt hat:
Sankkhitena páncupadánakkhandhá dukkhá
Kurz gesagt sind alle Fünf Anhäufungen leidhaft, an denen wir haften.
Seyyathidam:
Und diese Fünf sind:
Rúpúpadánakkhando:
die Anhäufung des Anhaftens des Körpers:
Vedanupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der Gefühle;
Sannupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der Wahrnehmung;
Sankhárupadánakkhando;
die Anhäufung des Anhaftens der psychischen Formkräfte;
Vinnánupadánakkhando.
die Anhäufung des Anhaftens des Bewusstseins.
Zuerst geht es nur darum, dies alles im Gedächtnis zu behalten. Das heißt nicht unbedingt, dass wir sofort erfahren, was wir nachsprechen. Aber zumindest lernen wir es kennen. Weisheit entsteht über drei Entwicklungsschritte. Der erste Schritt ist Wissen. Dieses Wissen müssen wir uns in tieferem Sinne aneignen, indem wir es uns zu Herzen nehmen und versuchen, es zu verwirklichen. Damit geht es uns in Fleisch und Blut über. Wenn wir dann rezitieren, sprechen wir nicht einfach nur die Worte Buddhas oder eines Andachtsrituals nach. Vielmehr benutzen wir nun Worte, die wir uns vollkommen zu eigen gemacht haben. Und daraus erwächst Weisheit.
Das Rezitieren hilft uns sehr, die Lehre im Gedächtnis zu behalten und Hingabe und Dankbarkeit zu erwecken. Darüber hinaus beruhigt es und stellt natürlich eine gemeinsame Bemühung dar. Wir sollten uns mit ganzem Herzen hineingeben. Ob wir eine gute oder eine scheußliche Stimme haben, spielt dabei weiter keine Rolle. Es ist egal. Einzig und allein das Herz zählt. Wir können eine Menge darüber lernen, wie wir uns in Fühlen und Denken nach Buddha-Dhamma-Sangha richten können. Dazu müssen wir nur genau auf die Worte achten, die wir rezitieren, was uns um so leichter fällt, je klarer wir sie in unserem Gedächtnis präsent haben.
Ihr alle habt schon einmal Buddhabilder oder -statuen gesehen. Man findet sie überall. Vielleicht habt Ihr selbst auch eines oder mehrere Bilder vom Buddha. Dabei weiß niemand, wie der Buddha wirklich ausgesehen hat. Zu seiner Zeit gab es noch keine Kameras, und so viel ich weiß hat auch niemand den Buddha in einem Bild oder einer Zeichnung porträtiert. Die Statuen und Bilder vermitteln also den Schönheitsbegriff des jeweiligen Künstlers. Jedes Land, jede Kultur hat in dieser Hinsicht eine andere Idealvorstellung. Jeder Künstler versucht die Vollkommenheit Buddhas auf seine Weise darzustellen, und diese Vorstellung bekommt Ihr in den Bildnissen zu Gesicht. Ihr selbst habt Euch vielleicht wiederum ein anderes Bild von dieser Vollkommenheit gemacht.
Nun gut, dann stellt Euch in Eurem Geist Eure eigene Buddhastatue vor, so wie Ihr sie für vollkommen haltet. Macht sie so schön wie möglich. Lasst sie goldene Lichtstrahlen aussenden. Seht, fühlt, was immer Ihr für besonders schön haltet. Macht dieses Bild zu der schönsten Sache, die Ihr visualisieren oder Euch vorstellen könnt, und tragt es dann stets im Herzen. Es ist viel sinnvoller und hilfreicher, dieses Bild als irgend etwas anderes in Eurem Herzen zu tragen. Es wird Euch befähigen, andere Menschen zu lieben. Dazu braucht Ihr nur zu bedenken, dass auch die anderen ein ähnlich schönes Bild in ihrem Herzen tragen. Sie reden vielleicht anders als wir oder sagen nicht die Dinge, die wir gern von ihnen hören möchten. Aber sie tragen dasselbe Bild im Herzen.
Wir verschließen uns den freudigsten Seiten unseres Lebens, solange wir nicht Liebe für alle Menschen fühlen können, denen wir Tag für Tag begegnen. Können wir uns jedoch wirklich öffnen, wird es uns nicht mehr schwer fallen, glücklich zu sein. Verliebte laufen im allgemeinen mit einem seligen Lächeln durch die Welt. So einfach ist das.
Aber wir sind sogar noch in einer besseren Lage als gewöhnliche Verliebte, denn wir sind eine Liebesbeziehung eingegangen, die niemanden jemals enttäuschen wird. Unser Geliebter wird nicht mit einer anderen davonlaufen. Unsere Liebe wird uns nicht enttäuschen, weil wir die Tiefe dieses Geliebten noch gar nicht ermessen können. Die Tiefe von Buddha-Dhamma-Sangha hat sich uns noch nicht aufgetan. Sie wird sich uns erst mit der Erleuchtung vollkommen eröffnen. Es wird keine Enttäuschung geben, etwa weil wir auf den Falschen gesetzt hätten oder weil er sich nicht als so makellos erweist, wie wir vorher geglaubt hatten.
Wir sind eine transzendente, eine überweltliche Beziehung eingegangen. Diese Beziehung baut nicht auf einen Menschen, der mit Sicherheit sterben, der zweifellos unvollkommen sein wird. Nein, unsere Beziehung ist auf etwas ausgerichtet, das vollkommen ist. Etwas Vergleichbares ist im menschlichen oder in irgendeinem anderen Bereich nur sehr schwer zu finden. Dass wir es gefunden haben, stellt ein außergewöhnliches Privileg dar.
Einige von uns verfügen nicht über eine ererbte Beziehung zu Buddha-Dhamma-Sangha, weil sie nicht in einem buddhistischen Land geboren und aufgewachsen sind. Das ist kein großer Nachteil, weil wir diese Beziehung leicht für gegeben hinnehmen, wenn sie zu unserem kulturellen Erbe gehört und wir von Kindheit an dran gewöhnt sind. Was wir für gegeben hinnehmen, hinterlässt zumeist keinen großen Eindruck in uns. Andererseits haben wir hier jetzt die Gelegenheit, diese Beziehung als das zu erkennen, was sie eigentlich ist. Darum müssen wir uns bemühen. Mit Bemühen meine ich allerdings nicht, dass wir mit aller Gewalt versuchen müssten zu lieben. Bemühen heißt, dass wir sehen, dass wir versuchen sollen, unsere gesamte Wahrnehmung dem zu öffnen, was in unserem Leben gerade geschieht. Sobald wir es fertig bringen, unsere Wahrnehmung dafür zu öffnen und klar zu sehen, was geschieht, wird daraus liebevolle Hingabe erwachsen. Wir müssen uns nicht künstlich darum bemühen, hingegeben, dankbar oder respektvoll zu sein. Wir werden uns ganz natürlich so verhalten, wenn wir einmal klar erkennen, welche Gelegenheit die Drei Juwelen uns bieten.
Wer Schönheit, Reinheit und Weisheit in ihrer höchsten Form sieht, wer sie tatsächlich vor Augen hat, der hat keine andere Wahl: er muss sie einfach lieben. Ein Narr, wer dies nicht tut. Wir können keinen solchen Narren aus uns machen. Wenn wir dies getan hätten, wären wir gar nicht hier.
Wir müssen für vieles dankbar sein. Unser eigenes gutes Kamma hat uns die Möglichkeit gegeben, hier zu sein. Das ist aber kein Grund, uns anerkennend auf die Schultern zu klopfen, denn wir wissen ja nicht einmal, ob wir dieses positive Kamma im jetzigen Leben geschaffen haben. Es mag viele Leben zurückliegen. Der- oder diejenige, die dieses Kamma angesammelt haben, sind mit Sicherheit nicht identisch mit dem, der jetzt die positiven Ergebnisse davon erntet. Allerdings sind es auch nicht zwei ganz voneinander gesonderte Wesen, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: in der Mitte. So hat der Buddha es gesagt. Aber wir können immerhin dem Kamma dankbar sein, den nicht an irgendeinen Wesenskern gebundenen Ergebnissen positiver Handlungen. Und wir können unser Herz der Zuflucht öffnen, die wir genommen haben. Wir können uns dem Refugium anvertrauen, in dem wir in Ruhe vor Anker liegen und in geschützter Umgebung mit uns und an uns arbeiten können.
Der Dhamma beschützt jeden, der den Dhamma praktiziert. Wer den Dhamma wirklich übt, genießt vollkommenen Schutz. Der Schutz besteht nicht darin, dass andere uns nicht länger zu nahe kommen. Unser eigenes Verhalten, unsere Reaktionen sind unser Schutz, weil sie keinen Schaden mehr anrichten. Eine andere Sicherheit gibt es nicht.
Wann immer Ihr Buddham Saranam Gacchámi singt oder rezitiert, stellt Euch in Eurem Herzen einen wunderschönen Buddha vor. Ihr werdet dann von einer Verbundenheit wie zu einem geliebten Menschen durchdrungen sein. Ihr werdet das Gefühl haben, dass Ihr kommuniziert wie mit einem geliebten Menschen. Das wird Euch sehr helfen.
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In Einklang leben
Wir haben gerade zusammen unsere Texte gesungen. Das geht nur mit einem gewissen Feingefühl für die Gemeinschaft. Es gehört Harmonie dazu. Wir müssen auf das Tempo der anderen achten. Tun wir das nicht, klingt unsere Rezitation falsch, irgendwie verstimmt. Dasselbe gilt auch für unser Zusammenleben. Wir müssen den Lebensrhythmus der anderen berücksichtigen. Wir brauchen Harmonie, ein bestimmtes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ohne dies ist kein menschliches Zusammenleben möglich.
Aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bricht häufig schon im ersten Moment in sich zusammen, weil der einzelne nicht mit sich in Einklang lebt, mit sich selbst nicht im reinen ist, nicht bei seinem eigenen Lebensrhythmus. Wir sehen in der Welt nur, was wir in uns und an uns sehen. Die Welt und wir sind ein und dasselbe. Es gibt da absolut keinen Unterschied.
Der erste Schritt zum Leben in Einklang liegt also in uns selbst. Ihn zu tun, ist für jeden von uns die dringlichste Aufgabe. Ja, es gibt eigentlich keine andere Aufgabe, als innere Harmonie zu erzeugen. Dazu sind keine besonderen Umstände nötig. Es ist gleich, ob wir in der Meditationshalle sitzen, in einem Boot paddeln, das Mittagessen kochen, ein Buch lesen, im Garten arbeiten oder irgend etwas anderes tun. Allerdings werden wir nur dann zu innerer Harmonie gelangen, wenn wir zufrieden sind. Unzufriedenheit erzeugt Missklänge. Daran ist nichts zu ändern. Das ist nur folgerichtig.
Innere Zufriedenheit wiederum kann nicht von äußeren Faktoren abhängen. Diese sind niemals fehlerlos. Und das wäre auch völlig unmöglich. Zwei Monate lang war es hier viel zu heiß. Also hat sich jede darüber beklagt, dass sie zu viele Pflanzen zu bewässern hatte.
Jetzt hat sich die Trockenheit in ihr Gegenteil verkehrt: es regnet zuviel. Alles ist schmutzig, schlammig, matschig. Wo nur, wo, könnten wir die Idealsituation finden, den vollkommenen Augenblick? Es gibt ihn nicht.
Wir werden vergeblich nach den äußeren Voraussetzungen suchen, die uns vollkommen zufrieden stellen. Wir suchen am falschen Ort. Wir müssen die innere Voraussetzung entdecken, die uns zufrieden macht, und diese innere Voraussetzung benötigt zu ihrer Erfüllung mehrere Faktoren, zum Beispiel Unabhängigkeit. Ich meine hier nicht finanzielle Unabhängigkeit, die vielleicht andere Unabwägbarkeiten mit sich bringt. Nein, ich spreche von emotionaler Unabhängigkeit, die wir nur gewinnen, wenn wir nicht mehr auf äußere Zustimmung angewiesen sind.
Wir wissen einfach, dass wir immer unser Bestes zu geben versuchen, und wenn uns dann irgendwer seine Zustimmung oder Anerkennung verweigert und uns kritisiert, lässt sich daran auch nichts ändern. Schade zwar, aber so ist es nun einmal. Der Buddha ist auch nicht überall nur auf Zustimmung gestoßen. Aber er hat gesagt: "Ich hadere nicht mit der Welt, die Welt hadert mit mir." Er hat es akzeptiert, wenn Menschen mit ihm oder mit seiner Lehre uneins waren. Er hat gewusst, dass nicht jeder einverstanden sein kann.
Zufriedenheit ist eine innere Qualität, die uns in einer Weise unabhängig macht, dass wir nun nicht mehr nach Unterstützung von außen Ausschau halten. Wir tun unser Bestes. Manchmal ist das Beste mehr als genug, manchmal nicht genug. Manchmal will es einfach nicht klappen. Auch damit müssen wir uns abfinden, ganz gleich ob die anderen dies gutheißen oder nicht.
Wir können nicht darauf warten. Im übrigen: wie sollten wir darauf auch warten können? Sie werden niemals alle beisammen sein. Und im allgemeinen sind die Menschen auch niemals alle einer Meinung. Wenn wir also gelegentlich nicht so viel zustande bringen, wie wir gedacht hatten, ist dies nicht weiter schlimm; kein Grund, unzufrieden zu sein. Wahrscheinlich ist es nur eine gute Lernerfahrung: "Dieses Mal habe ich nicht so viel geschafft wie ich dachte, schaffen zu können"
Ohne Liebe gibt es keine innere Zufriedenheit. Wer sich nach Liebe sehnt, ist emotional abhängig und unzufrieden, denn er hat nicht, was er gern haben möchte. Und wenn er dann bekommt, was er sich ersehnt, ist er wahrscheinlich immer noch unzufrieden, weil es ja eigentlich mehr sein sollte oder weniger. Aber selbst wenn es denn endlich genau die richtige Menge Liebe ist, ist sie doch immer noch nicht dauerhaft genug, sondern eben wechselhaft. Sich nach Liebe zu sehnen, ist eine schrecklich unbefriedigende Sache und wird niemals das Gefühl letztlicher Befriedigung schenken. Manchmal gelingt der Versuch, manchmal aber auch nicht. Was allerdings immer gelingt, ist Lieben. Lieben führt immer zu emotionaler Unabhängigkeit und Zufriedenheit. Wir können einen anderen Menschen lieben, ganz gleich, ob er diese Liebe annimmt oder nicht. Wenn wir andere Menschen lieben, hat das noch nicht einmal unbedingt etwas mit ihnen zu tun: es ist eine Eigenschaft unseres Herzens.
Zufriedenheit beruht also auf Liebe, darauf, dass wir in unserem Herzen ein Feld der Harmonie hervorbringen. Dieses Feld der Harmonie sollte viele verschiedene Blumen tragen: Liebe, emotionale Unabhängigkeit, Zufriedenheit mit uns selbst, mit dem Menschen also, der wir nun einmal sind. Die Harmonie beruht nicht darauf, dass wir uns nach Liebe und Anerkennung verzehren. Im Gegenteil: wir schenken Anerkennung und Liebe. Das ist so simpel. Und es funktioniert, weil es einfach funktionieren muss. Was könnte funktionieren, wenn nicht dies? Es macht uns großzügig. Und es funktioniert, weil es bedeutet, dass wir geben.
Sobald jemand an uns herantritt und etwas von uns will, fühlen wir uns bedroht. Das Ich fühlt sich bedroht: "Wenn ich jetzt gebe, was man von mir will, werde ich mich eingeschränkt und kleiner fühlen." Daraus entsteht Disharmonie. Stellt Euch einmal vor, es steht jemand mit einem Knüppel oder einer Pistole in der Hand vor uns und fordert unser Hab und Gut. Wir würden uns doch bedroht fühlen, oder etwa nicht? Und so ähnlich fühlen wir uns auch, wenn jemand auf uns zukommt und unsere Liebe von uns haben will. Verschenken wir dagegen Liebe und Anerkennung, bedrohen wir erstens die anderen nicht und müssen zweitens auch nicht auf der ständigen Suche danach durch die Gegend irren. Diese innere Zufriedenheit im eigenen Herzen ist der einzige Weg zu einem harmonischen Leben.
Wie könnten wir überhaupt mit irgendeinem Menschen friedlich und harmonisch zusammenleben, wenn wir nicht einmal mit uns selbst dazu in der Lage sind? Wir müssen mit uns selbst in Einklang leben. Mit wem sonst?
Gelegentlich fühlen wir uns physisch nicht ganz wohl. Das ist kein Grund unzufrieden zu sein. "Ich bin von meiner Natur aus zu Krankheit bestimmt!" Wir rezitieren diesen Satz jeden Abend. Das heißt aber nicht, dass ich darüber unglücklich und unzufrieden werden muss. Die Natur des Körpers macht Krankheit unvermeidlich. Also, der Körper fühlt sich nicht wohl - mehr nicht. Der Körper hat Schwierigkeiten. Das ist nicht ungewöhnlich. Der Körper hat immer irgendwelche Schwierigkeiten.
Ein andermal glaubt der Geist vielleicht, dass er irgendetwas braucht. Nun gut, dann lasst den Geist dies eben einfach glauben. Das heißt nicht, dass ihr Euch darin verstricken müsst. Sobald Ihr Euch darauf einlasst, dem Leiden zu glauben, das Körper und Geist hervorbringen, werdet Ihr keinen Augenblick mehr zufrieden sein. Wo könntet Ihr dann auch Zufriedenheit finden? Zufriedenheit hat nichts mit einem eigenen Haus, der Natur oder den Menschen zu tun, denen Ihr begegnet. Zufriedenheit hat nur eine Heimat: Euer eigenes Herz; und nur eine Grundlage: die Einsicht, dass wir ein Feld der Harmonie um uns aufbauen und uns mit dem Gefühl tiefer Befriedigung beglücken, wenn wir Liebe und Anerkennung verströmen. Dies ist wahre Lebenskunst.
Wahre Lebenskunst will gelernt sein. Wir können sie uns aneignen, wenn wir dazu bereit sind, uns selbst in den anderen zu begegnen. Wie könnten wir wissen, wie wir ausschauen, hätten wir nicht einen Spiegel, der es uns zeigt? Um uns selbst zu sehen, brauchen wir den Spiegel der Begegnung, das Spiegelbild unseres eigenen Seins in den anderen. Die Unstimmigkeiten, die wir mit anderen Menschen haben, sind eine Spiegelung unseres eigenen Spiegelbildes. Leben wir mit uns selbst in Einklang, wird unser Verhältnis zu den anderen ebenfalls keine Missklänge aufweisen. Dies ist dann schlechterdings unmöglich. Unser Spiegelbild lügt nicht. In einer Lehrrede spricht der Buddha von drei Mönchen, die wie Milch und Wasser zusammenlebten. Sie verschmolzen vollkommen miteinander. Es herrschte absolute Harmonie zwischen ihnen, weil keiner seinen eigenen Willen durchsetzen wollte. Nun, diese drei waren Arhats. Es wäre vielleicht zuviel von uns verlangt, wenn wir es ihnen sofort gleichtun wollten. Immerhin vermittelt uns diese Geschichte eine Vorstellung von dem Ziel, das wir anstreben. Und dies ist notwendig. Wir würden nämlich immer nur unserem eigenen Geist glauben, wenn wir keine Vorstellung von unserem Ziel hätten. Wir würden meinen, dass unsere negativen Einstellungen und Reaktionen vollkommen gerechtfertigt sind, weil irgendjemand irgend etwas getan hat, das schlecht für uns oder doch zumindest unangenehm war.
Harmonie wird an vielen Stellen erwähnt. Für ein glückliches Leben ist sie ein wesentlicher Faktor. Manchmal hängen die Menschen an ihrem Leiden, an ihrem Dukkha. Das ist eine weit verbreitete Krankheit. Wer begreift, wie dumm sie ist, wird die Finger davon lassen. Alle Lebewesen streben nach Glück. Man braucht nicht einmal ein Mensch zu sein, um glücklich und zufrieden leben zu wollen.
Wir versuchen es mit Meditation, damit wir uns glücklicher fühlen, als wir vorher waren. Aber wir können nicht den ganzen Tag sitzen und meditieren. Manchmal scheint die Meditation auch verschüttete Erinnerungen an den Tag zu bringen, die wir nicht einmal anschauen wollen. Und wir haben auch zuweilen das Gefühl, dass uns unsere Meditation mehr Dukkha einbringt als wir ohnehin schon haben. Aber dies scheint nur so, weil wir uns endlich unser Leiden eingestehen. Gestehen wir uns ein, dass wir leiden, müssen wir automatisch Mitgefühl für das Leiden aller anderen Wesen empfinden. Es kann gar nicht anders sein. Mensch sein heißt leiden. Es mag zwar verschiedene Entwicklungsstufen geben, aber Kinder sind nun einmal Kinder, ganz gleich ob sie ins erste, zweite oder dritte Schuljahr gehen.
Da wir Dukkha an uns und in uns selbst finden, wären wir sehr dumm, wenn wir annehmen würden, dass andere Wesen keine solchen Leiden mit sich herumtragen. Jeder hat Dukkha, aber einige können besser damit umgehen als andere. Man kann mit Dukkha auf geschickte Weise fertig werden oder sich sehr ungeschickt anstellen. Weglaufen ist sicherlich sehr ungeschickt, denn Dukkha hat die fatale Angewohnheit, stets mitzukommen. Dukkha hält sich nicht an einem bestimmten Ort auf, steckt nicht in einer bestimmten Situation, sondern in unserem Herzen. Wir müssen das Leiden gezwungenermaßen immer mit uns tragen, wenn es in unserem Herzen sitzt. Es ist im selben Flugzeug, im selben Boot, im selben Auto, wohin wir auch flüchten. Wegrennen ist also ganz bestimmt die ungeeignetste Strategie, Dukkha zu bewältigen.
Aber wir kennen alle noch eine zweite Strategie, die nicht weniger ungeschickt ist: etwas oder jemand anderes für unsere Misere verantwortlich machen - einen Menschen, eine Situation, das Wetter oder was sich sonst noch anbietet. Anstatt selbstverantwortlich zu sein, stehlen wir uns aus der Verantwortung.
Die dritte ungeschickte Strategie der Leidensbewältigung läuft darauf hinaus, dass wir uns von Dukkha niederdrücken und deprimieren lassen. Wir werden ganz in Dukkha hineingezogen und infolgedessen schrecklich unglücklich. Sehr viele Menschen verfallen diesem Fehler. Wenn er auch durchaus verbreitet ist, ist er deswegen doch nicht weniger töricht. Wir sind deprimiert und lassen den Kopf hängen, bis irgendein äußerer Kitzel uns aus unserer Trübsal erlöst - eine Geburtstagstorte, ein Eisbecher. Dann hebt sich unsere Laune ein wenig.
Soviel zum ungeschickten Umgang mit Dukkha. Wollen wir unser Leiden auf geschickte Weise bewältigen, müssen wir es als Lernerfahrung betrachten. Die einzig wirklich vernünftige Betrachtungsweise ist die, dass wir es sehen und uns sagen: "So ist das also." Dies hat der Buddha mit der ersten der Vier Edlen Wahrheiten gemeint. Offensichtlich wusste er, wovon er sprach!
Die erste Edle Wahrheit ist die Wahrheit vom Leiden, die Wahrheit vom Dukkha. Die zweite Edle Wahrheit ist die der Leidensentstehung: Dukkha hat eine Ursache. Die Ursache ist Gier: der Wunsch, etwas zu bekommen, das wir nicht haben, oder etwas loszuwerden, das wir haben, aber nicht haben wollen. Das sind die einzigen beiden Ursachen. Es gibt keinen anderen Grund für Dukkha. Sobald wir Dukkha in uns erkennen, ohne uns darin zu verstricken, begreifen wir, dass Leiden eine Realität ist, ein Teil des Lebens. Und dann können wir in uns auch den Grund dafür finden. Wir sagen uns:" Stimmt genau. So und nicht anders ist es. An meinen Wünschen liegt es." Haben wir auf diese Weise die Gültigkeit der zweiten Edlen Wahrheit festgestellt, werden wir einsehen, dass die dritte und die vierte Wahrheit ebenfalls stimmen müssen. Die dritte Edle Wahrheit ist die Wahrheit der tatsächlichen Leidensüberwindung: aller Dukkha hört auf, ein für alle Mal. Und dies ist Nibbana - Befreiung, vollkommene Befreiung.
Die beiden ersten Wahrheiten lassen sich leicht beweisen. Das ist ein Kinderspiel. Wir können sie uns jeden Tag mindestens zehn bis fünfzehn Mal bestätigen. Dazu brauchen wir nicht mehr zu tun als aufzupassen, was passiert. Haben wir aber die Gültigkeit der ersten beiden Wahrheiten nachgewiesen, dürfen wir annehmen, dass die dritte und die vierte ebenfalls stimmen. Wir haben eine Orientierungshilfe gefunden, etwas, womit wir arbeiten können. Mit der vierten Edlen Wahrheit, dem Edlen Achtfachen Pfad, haben wir ein gutes Werkzeug dafür gefunden. Wir können in uns zu Vollkommener Anschauung, der richtigen Sicht der Dinge gelangen.
Dukkha entsteht immer und immer wieder. Das Leiden wird nicht aufhören, sich zu manifestieren, bis nicht alle Gier, alles Wünschen, alles Sehnen erloschen sind. Mit dem Erlöschen alles Wünschens aber sind wir zu Arhats geworden, vollkommen erleuchtet. Warum wundern wir uns also noch darüber, wenn wir sehen, dass Leiden entsteht? Dies sollte uns wirklich nicht überraschen. Es ist töricht, sich davon überraschen zu lassen. Wir können uns höchstens darüber wundern, wenn absolut kein Dukkha festzustellen ist. Das macht wesentlich mehr Sinn: "Meine Güte, in den letzten dreißig Minuten habe ich absolut kein Dukkha gespürt!" Das wäre wirklich bemerkenswert, eine echte Überraschung. Wer sich hingegen über das Auftauchen von Dukkha überrascht zeigt, beweist damit nur, dass er weder dem Buddha richtig zugehört noch wirklich in sich selbst hineingeschaut hat.
Also müssen wir Dukkha vorbehaltlos als gegeben akzeptieren, wenn wir uns innere Harmonie erschließen wollen. Wer mit Dukkha hadert, wird sich natürlich dagegen wehren und versuchen, sein Leiden abzuschütteln. Das wird dann die dringlichste Beschäftigung in seinem Leben. Wer das tut, zäumt das Pferd von hinten auf: "Ich will endlich mein Dukkha loswerden. Also muss ich irgend etwas ändern, verbessern. Ich muss meine Mitmenschen verändern, die Situation, meinen Tagesplan, meinen Körper und so weiter." Das ist vergebliche Liebesmüh. Es funktioniert nicht. Wir können Dukkha auf diese Weise nicht loswerden. Was wir aber aufgeben können, ist unser Wünschen. Der Buddha hat gesagt, dass dies möglich ist.
An diesem Punkt in unserem Leben müssen wir seine Worte als erwiesen hinnehmen, weil offensichtlich ein Hoffnungsschimmer besteht, dass wir zumindest einige seiner Ausführungen schon jetzt nachprüfen können, ohne dass wir dafür bereits erleuchtet oder der Erleuchtung nahe sein müssten. Da wir einen Teil nachprüfen können, müssen wir den Rest auf Treu und Glauben akzeptieren und mit unserer Praxis auf seinen Wahrheitsgehalt untersuchen.
Wenn dann, wie es so seine Art ist, das nächste Mal Leiden auftaucht, Dukkha seinen Kopf hebt und Euch anschaut, akzeptiert dies und sagt Euch: "So, so. Die Dinge laufen nicht nach Wunsch." Macht Euren Wunsch, Euer Sehnen ausfindig und lasst sie los. Dukkha könnt Ihr nicht loslassen, nur Euer Wünschen. Je mehr Wünsche wir loslassen, desto größer die Harmonie. Wünsche stören fortwährend die Harmonie. Stellt Euch vor, wir chanten zusammen, und eine fängt an zu brüllen und zu kreischen, nur weil sie gern mehr gehört werden möchte als die anderen. Daran ist nichts harmonisch, kein Einklang. Oder stellt Euch vor, dass irgendjemand stets eine halbe Silbe voraus sein möchte. Das würde die Harmonie vollkommen zerreißen. Wünschen zerstört alle Harmonie.
Wollen wir im Herzen innerlich zufrieden sein, müssen wir begreifen, dass diese Zufriedenheit auf emotionaler Unabhängigkeit und auf liebevollem Wohlwollen beruht, darauf, dass wir Liebe und Anerkennung schenken, anstatt sie für uns haben zu wollen, dass wir die wechselseitige Abhängigkeit von Wünschen und Leiden verstehen und unser Wünschen loslassen. Das ist der Weg. Das ist die Lehre. Ich tue nichts anderes, als Euch daran zu erinnern. Ich erzähle Euch nichts Neues. Wir wissen im Grunde Bescheid. Es gibt ein fundamentales inneres Wissen. Wenn wir es dann ausgesprochen hören, denken wir: "Natürlich, das ist ja so wahr!" Aber dann vergessen wir es.
Warum vergessen wir? Was bringt uns das? Alle Welt vergisst. Wozu? Das Vergessen ist Teil der fortwährenden Ich-Identifizierung und Ich-Bestätigung. Der Geist beschäftigt sich unaufhörlich mit Gedanken, die um "Ich", "mein", für "mich", das gehört "mir" kreisen. Alle tun wir dies, und deswegen ist die Welt voller Missklänge, ein Ort der Disharmonie.
Wir müssen in unserem eigenen Herzen Harmonie finden. Nur dort können wir sie entdecken. Niemand wird sie uns schenken und uns in die Hand drücken. Aber der Buddha hat uns zumindest Hilfen gegeben. Er hat Methoden gelehrt, mit denen wir diese Harmonie verwirklichen können: die Meditation über die Allgüte (mettá bhavana), das Verhalten, das sich an solcher Liebe und Allgüte (mettá) orientiert, die Fünf Vertiefungen (jhána) und die Meditation des Überweltlichen Klarblicks (vipassaná). Dies alles sind Methoden, kein Selbstzweck. Sie führen zur Durchdringung, das heißt zu vollständigem Verstehen von Vergänglichkeit (anicca), Leidhaftigkeit (dukkha) und der Nicht-Existenz eines Wesenskerns, im allgemeinen als Selbst-Losigkeit (anattá) bezeichnet.
Mit diesem Verstehen gewinnen wir Einsicht in den permanenten Wandel und Umbruch aller Erscheinungen. Wir sehen, wie schnell sich Körper und Geist verändern, wie untrennbar das Leiden zum Leben gehört, ihm gewissermaßen inhärent ist, und wir erkennen darüber hinaus die Spiele des Ich, mit denen es uns fortwährend im Wege steht. Ohne "Ich" gibt es keine Schwierigkeiten. Schwierigkeiten kann es nur geben, wenn ein "Ich" existiert, das Schwierigkeiten hat. Wo wäre ohne "Ich" noch die Schwierigkeit? Je größer das "Ich", desto größer die Schwierigkeit; je kleiner das "Ich" desto kleiner ist auch die Schwierigkeit.
Harmonie heißt, mit anderen wirklich Zusammensein. Es heißt aber auch, mit uns selbst Zusammensein, mit uns selbst in Einklang leben. Wir erschließen uns diese Harmonie, wenn wir zu menschlicher "Ganzwerdung" finden. "Heilig" kommt von "heil", und "heil" heißt: nicht in Teile aufgespalten, also "ganz". "Heilig" müssen wir nicht sein, aber "ganz": in uns vollkommen. Dies ist eine große Aufgabe, die einzige, die sich wirklich lohnt: ganz sein, zu wissen, dass uns nichts fehlt; dass es nichts gibt, das wir "irgendwo da draußen" finden müssten, um endlich unseren Frieden zu finden, um endlich zufrieden zu sein.
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Miteinander sprechen
Es ist eine große Hilfe, gelegentlich gar keine Gespräche zu führen, geistig still zu sein, oder generell weniger zu reden. Der Buddha hat sich häufig über Vollkommene Rede geäußert. Vollkommene Rede ist ein Bestandteil des Edlen Achtfachen Pfades und der Fünf Sittlichkeitsregeln; auch im Sutta vom Großen Segen (Mahá Mangala Sutta) ist sie erwähnt. Dort steht ebenfalls etwas über freundliche und höfliche Worte. Der Buddha hat dem sprachlichen Ausdruck und Umgang sogar eine ganze Lehrrede gewidmet, die sogenannte "Darlegung der Freiheit von allem Widerstreit". Er hat sich zu diesem Thema geäußert, weil er zeigen wollte, dass Rede zu Kontroversen und Auseinandersetzungen führt, sobald wir nicht den richtigen Gebrauch von ihr machen.
Die meisten Menschen glauben, dass sie schon allein deswegen die Vollkommenheit der Rede beherrschen würden, weil sie von ihrem Mundwerk Gebrauch machen können. Das ist ein Irrtum. Vollkommene Rede ist eine Kunst. Sie will gelernt sein. Und wie jede andere Fertigkeit oder Kunst kann jeder sie lernen, wenn er sich nur darum bemüht.
Vollkommene Rede hängt von unseren Denkprozessen ab. Damit nicht genug: Sie ist auch von unseren emotionalen Reaktionen abhängig, Wut zum Beispiel oder Zorn. Wer sich von seinem Zorn mitreißen lässt, wird in diesem besonderen Augenblick kaum die Vollkommenheit der Rede beherrschen. Unsere Emotionen kommen in unserer Art zu reden zum Vorschein. Wer sich selbst wichtig nimmt, das heißt der typischen Ich-Verstärkung unterliegt, wird recht geschwollen daherreden. Wir müssen auf unsere Emotionen nicht weniger achten als auf unsere Gedanken. Allein ein Arhat, ein vollkommen Erleuchteter, wird die Vollkommenheit der Rede in jeder Situation beherrschen. Das hält uns allerdings nicht davon ab, diese Vollkommenheit so gut wie möglich zu üben und zu erlernen.
Wir sollten niemandem schmeicheln und keine honigsüßen Worte machen. Das klingt falsch und ist es auch. Allerdings gibt es genug Menschen, die so sprechen. Vielleicht kennt Ihr jemanden, der dies tut. Er ist leicht zu erkennen, denn er hat immer eine übertrieben liebenswürdige und beipflichtende Antwort parat. Er gibt sich alle Mühe freundlich zu klingen. Was er sagt, ist nur nicht ganz glaubwürdig. Irgendetwas klingt falsch.
Interessant und bemerkenswert ist auch, dass die Sprache nur 7 % unserer Kommunikation ausmacht, obwohl sie unserer Meinung nach doch unser Hauptkommunikationsmittel darstellt. Ich habe dies von einer Frau gehört, die "Kommunikation" lehrt. Schon das allein sagt sehr viel über uns aus. Ihre Geschäfte laufen prächtig, ihre Workshops sind gut besucht. Das bedeutet doch, dass die Menschen nicht wissen, wie sie miteinander reden sollen, besonders wenn sie eng zusammenleben.
Aber es passiert wesentlich mehr zwischen uns als diese 7 % verbale Kommunikation. 93 % unserer Kommunikation sind nonverbal. Was bedeutet, dass wir unsere Gedanken und Emotionen sehr sorgfältig beobachten müssen. Unsere Gedanken und Emotionen bleiben nicht verborgen. Sie sind kein Geheimnis. Wir mögen uns zwar einreden, wir könnten es uns erlauben, zu denken und zu fühlen, was wir wollen. Wenn wir nicht darüber sprechen, wird die Umwelt auch nichts davon merken, so meinen wir. Dem ist leider nicht so. Das ist ein Irrtum.
Unsere Gedanken und Emotionen sind ein offenes Buch für jeden, der über ein kleines Maß an Bewusstheit verfügt. Wollen wir hoffen, dass wir hier alle über dieses Maß an Bewusstheit verfügen, schließlich meditieren wir ja schon seit einiger Zeit. Wir reagieren nicht allein auf die Worte sondern auch auf die Gefühle, die sich dahinter verbergen. Und daraus können eine Menge Missverständnisse entstehen. Jemand sagt etwas. Ihm selbst ist vollkommen klar, was er damit meint. Sein Gesprächspartner hingegen fängt die damit vermischten Emotionen auf und versteht infolgedessen etwas ganz anderes. Bei einem Gespräch lassen sich solche Missverständnisse theoretisch sehr leicht ausbügeln. Man braucht nur zu fragen, was eigentlich gemeint war. Aber die Menschen fragen nicht genug. Sie verstehen etwas falsch und bleiben auf diesem Missverständnis sitzen. Daraus erwachsen Kälte und Gleichgültigkeit.
Hinter jedem Wort stehen Gefühle. Körpersprache untermalt jedes Wort. Jeder hat eine ganz eigene Körpersprache. Es gibt keinen Menschen, der in dieser Hinsicht genau dieselbe Sprache sprechen würde wie ein anderer. Wir können der Körpersprache sehr viel entnehmen. Wir müssen nur darauf achten: auf den Gesichtsausdruck, auf die Stimmfärbung und so weiter.
Worte und sprachlicher Ausdruck sind begrenzt. Eintausend Worte reichen aus, um eine Zeitung in einer fremden Sprache zu lesen; jede beliebige Zeitung in jeder beliebigen Sprache. Eintausend Worte sind nicht sehr viel. Mehr brauchen wir nicht, um uns auszudrücken, im allgemeinen sogar eher weniger. Worte sind also nicht gerade ein besonders subtiles Kommunikationsmittel. Ihre Feinheiten bleiben uns verschlossen, weil wir nicht über den Wortschatz verfügen, der notwendig wäre, um uns allein mit Worten verständlich zu machen. Niemand erwartet, dass seine Worte genügen, um ihn zu verstehen. Niemand reagiert nur auf Worte.
Die Sprache ist so ungeheuer wichtig, weil wir durch sie miteinander in Beziehung treten. Wohlgemerkt, Sprache in dem vielschichtigen Sinn, den wir gerade herausgearbeitet haben.
Wenn Menschen zusammenleben, müssen sie sich verbunden fühlen und entsprechend verhalten. Das Gemeinschaftsleben stellt gewisse Anforderungen. Zu beachten ist, dass wir uns nicht ein paar Menschen herauspicken, mit denen wir innigeren Kontakt pflegen. Wir müssen diese Art von Kontakt mit jedem Mitglied der Gemeinschaft pflegen.
Oft wählen wir uns aus einem Dutzend Leuten eine oder zwei oder drei Personen aus, auf die wir uns näher einlassen und sagen uns: "Das sind wohl die Besten. Mit ihnen scheine ich gut auszukommen, also halte ich mich auch an sie. Über die anderen will ich einfach hinwegsehen. Ich werde nicht gemein zu ihnen sein, aber ich werde auch nicht viel mit ihnen reden." Das ist keine gemeinschaftsförderliche Art des Gruppenumgangs. Gemeinschaft heißt: alle zusammen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft hat die Pflicht und das Privileg, zu lernen, mit jedem anderen Mitglied der Gemeinschaft gesunde mitmenschliche Beziehungen zu pflegen.
Wie nun können wir diese Beziehungen gesund, zu einem Erfolg machen? Wie können wir miteinander umgehen, dass keine oder zumindest so wenig wie möglich Missverständnisse auftreten? Wie uns verhalten, dass wir an unserem Zusammensein Freude haben?
Das Sutta von der Allgüte (Karaniya Mettá Sutta) gibt uns einen Hinweis. Es beschreibt den Heilssucher als einen Menschen, der "leicht ansprechbar" ist. Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, was dies bedeutet? Leicht ansprechbar ist der Mensch, der seinen eigenen Standpunkt bereitwillig aufgibt und sich in die Lage des anderen versetzen kann. Mit diesem Menschen kann man reden. Er wird auch bereit und fähig sein, jederzeit zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht hat, und diesen Fehler ehrlich bedauern. Wenn er sagt, dass ihm etwas leid tut, meint er es auch. Außerdem wird er auf Vorhaltungen nicht gleich aufbrausend antworten, sondern erst einmal zuhören.
Wer leicht ansprechbar ist, kann wirklich hinhören. Wenn wir angesprochen werden, müssen wir hinhören, was man uns sagt. Wir müssen zuhören. Zuhören und bloß hören sind jedoch nicht ein und dasselbe. Ich sage zu Dir oder zu Dir oder zu Dir: "Du hörst mir nicht zu!" Du antwortest: "Oh, ich höre schon, was Du mir sagen willst." Bemerkt Ihr den Unterschied? Es ist nicht dasselbe "Hören" gemeint. Natürlich hören wir irgendetwas. Klangschwingungen rauschen durch unsere Ohrmuscheln. Aber das ist noch kein Zuhören. Zuhören ist etwas ganz anderes.
Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, sollten sie einander zuhören. Zuhören heißt, dass wir das Gesagte so aufnehmen, wie es tatsächlich gesagt wird, anstatt sogleich unseren eigenen Kommentar dazu zu vernehmen. Das ist überhaupt einer der schlimmsten Verstöße gegen das Zuhören, besonders wenn wir uns an sich für einen guten Zuhörer halten. Zuhören heißt, dass wir vollkommen leer sind, und vielleicht noch, dass wir, wenn notwendig, einfühlsam auf das Gehörte reagieren. Aber zuweilen ist nicht einmal dies nötig. Zuweilen müssen wir das Gesagte nur auf uns wirken lassen. Wie Vollkommene Rede ist auch das Zuhören eine besondere Fertigkeit, ja eine Kunst.
Es geht nicht allein darum zu hören, was uns geschildert wird. Wir müssen ganz und gar bei dem anderen Menschen sein, uns ihm vorbehaltlos öffnen. Das ist ein wichtiger Aspekt von Mitgefühl. Vollkommenes Zuhören ist Mitgefühl. Wir legen uns dann nicht unsere eigene Interpretation zurecht. Der andere möchte uns etwas sagen. In diesem Augenblick zählt das Geschwätz unseres eigenen Geistes überhaupt nicht. Wir sollten es abstellen und stattdessen bei dem anderen sein. Wir sollten zulassen, was in ihm nach Ausdruck drängt. Das ist Liebe. Allgüte. Auch was wir selbst sagen werden, muss zwangsläufig Misstöne enthalten und Unstimmigkeiten hervorrufen, wenn unsere Rede nicht von Liebe erfüllt, von Liebe getragen ist. Das wird immer wieder passieren.
Wir haben vorhin bereits die "Darlegung der Freiheit von allem Widerstreit" erwähnt. Darin sagt der Buddha sehr viel über die rechte Art zu reden. Zum Beispiel, dass wir nichts übertreiben aber auch nichts untertreiben sollten. Beides fällt in den Bereich der Lüge.
Nehmen wir einmal an, 1500 Menschen hätten sich hier zu einer Zeremonie versammelt, und wir behaupten, es wären 15.000 gewesen, weil wir uns damit wichtig machen wollen. Das mag absurd klingen, aber die Menschen sagen viele solcher absurden Dinge. Und sie sind gar nicht glücklich, wenn man sie darauf aufmerksam macht. Klingen Übertreibungen und Beschönigungen nicht so viel besser und wichtiger als Tatsachen!
Untertreibungen und Geringschätzungen sind ebenfalls unsauber. Nehmen wir an, Ihr sagt zu einem anderen Mitglied unserer Gemeinschaft: "Du grüßt mich morgens nie als erste. Immer wartest Du darauf, dass ich Dich grüße." Vielleicht grüßt sie Euch tatsächlich selten zuerst. Aber niemals? Das ist untertrieben. Es ist einfach nicht wahr. Was heißt das? Nun, es heißt, dass wir darauf achten müssen, was wir sagen. Wir müssen uns unsere Worte überlegen. Sprudeln sie einfach nur impulsiv aus uns heraus, mögen sie zwar trotzdem stimmen, aber sie können auch falsch sein. Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig.
Vermeidet dieses Risiko. Ihr habt genug Zeit nachzudenken.
In bestimmten Situationen kommen wir nicht daran vorbei, einem anderen Menschen zu sagen, was zu tun oder was zu unterlassen ist. Zum Beispiel: "Ich kann bei geschlossenem (oder offenem) Fenster nicht schlafen." Manchmal müssen wir auch unser Missfallen bekunden: "Du trittst mir auf den Zehen herum. Das tut mir weh" Oder was wir uns dergleichen sonst noch zu sagen haben. Das ist vollkommen in Ordnung, nur: Nehmt Euch Zeit! Lasst es nicht impulsiv aus Euch herausplatzen. Nehmt Euch die Zeit, alle Emotionen abkühlen zu lassen. Findet zuerst Euren Gleichmut. Seid Ihr dann zur Ruhe gekommen, erinnert Ihr Euch an die vielen guten Seiten des Menschen, den Ihr gleich ansprechen werdet, oder zumindest an eine gute Eigenschaft. Ihr könnt dann ganz ungezwungen auf ihn zugehen und sagen, was Ihr auf dem Herzen habt. Das ist nun ganz leicht, denn Ihr tut es wohlwollend, mit Liebe.
Steht hingegen keine Liebe hinter Euren Worten, muss Eure Bemühung um Verständigung zwangsläufig scheitern. Ihr stoßt dann nur auf Ablehnung und erntet Missverständnis. "Ich verstehe wirklich nicht, was Du mir damit sagen willst", ist noch die sanfteste Antwort, mit der Ihr in diesem Fall zu rechnen habt. In den meisten Fällen wird man Euch nur eisige Ablehnung fühlen lassen. Ihr seid nicht nur verletzt worden, man hat Euch außerdem beleidigt. Ihr wolltet eine negative Situation bereinigen und habt bei dem Versuch eine zweite negative Reaktion einstecken müssen.
Achtsamkeit und klares Verständnis sind unbedingt erforderlich, je mehr davon, desto besser. Klares Verständnis ist das Gegenteil von Verworrenheit. Und natürlich müssen wir diese Klarheit im Alltag und in der Meditation schulen. Gewöhnlich benutzen wir nur einen kleinen Bruchteil der uns verfügbaren Zeit für diese Schulung.
In seiner "Darlegung der Freiheit von allem Widerstreit" gebraucht der Buddha eine außerordentlich hilfreiche Formulierung. Er sagt dort: Sage nicht, was Du sagen willst, wenn es verletzend sein könnte und obendrein unwahr ist. Auch wenn Du etwas sagen möchtest, dass zwar hilfreich, aber leider unwahr ist, solltest Du es besser nicht sagen. Hast Du etwas als wahr erkannt, so sprich es trotzdem nicht aus, wenn es verletzt. Und selbst wenn Du etwas erkannt hast, das hilfreich und wahr zugleich ist, solltest Du den rechten Moment abwarten, bevor Du es sagst - Der richtige Moment kann in zehn Minuten gekommen sein - oder zehn Tage, zehn Monate später.
Es gibt Augenblicke, da weiß man einfach, dass der andere gerade mitten in einem Prozess innerer Veränderung steckt, zumindest hat man den Eindruck. In dieser Situation sagt man wahrscheinlich am besten gar nichts. Irgend etwas stimmt bei uns allen nicht. Wir können nicht jede Kleinigkeit erwähnen. Das ist unmöglich. Wir würden nie mehr aus dem Reden herauskommen. Gewisse Dinge müssen jedoch gesagt werden, zumindest manchmal. In einem anderen Moment ist es dann besser, gar nichts zu sagen. Warum auch?! Was jetzt ist, wird ohnehin bald anders sein. Alles wandelt sich.
Trotzdem: man kann jedem Menschen sagen, was man ihm sagen möchte, vorausgesetzt, es ist hilfreich, vorausgesetzt, es ist wahr. Es muss nicht unbedingt anerkennend oder übermäßig verständnisvoll sein. Aber es muss Liebe dahinterstehen und es muss im richtigen Augenblick gesagt werden. Dieser ist gekommen, wenn der andere wirklich hinhören kann, weil er innerlich ruhig ist, wenn er uns zu erkennen gegeben hat, dass er uns zuhören wird, und wenn wir selbst vollkommen ruhig sind. In keinem Fall ist der richtige Augenblick für ein Wort der Klarstellung gekommen, wenn noch Ärger in der Luft hängt, weil dieser oder jener Fehler gemacht, dieses oder jenes versäumt wurde. Dies bedeutet, dass wir uns fortwährend prüfen müssen. Warum sage ich das? Muss ich es unbedingt sagen? Was wird daraus entstehen?
Wir werden vorsichtig, und unsere Vorsicht schenkt uns Umsicht. Wir sprechen überlegt, anstatt aufs Geradewohl daherzureden, noch dazu Unwesentliches. Bis wir die Fertigkeit der besonnenen Rede endlich erworben haben, werden wir von einer Ungelegenheit in die nächste stolpern; und wir werden weiterhin Unwesentliches sagen. Das Leben braucht jedoch keine Serie von Pannen zu sein. Das Leben kann sich vollkommen überlegen und besonnen vor uns entfalten, Schritt für Schritt, den ganzen Tag.
Allerdings können wir uns für unsere Rede keinen Tagesplan entwerfen wie für die übrigen Tätigkeiten. Ihr müsst auf der Stelle bestimmen, wann der richtige Augenblick für Euch gekommen ist, etwas zu sagen. Daran kommt keiner vorbei. Deswegen ist es außerordentlich wichtig, dass ihr immer daran denkt, was falsche Rede ausmacht, und wie viel Zeit wir mit Reden verbringen, ja vergeuden.
Nun gut, wir können immerhin die Stunden abziehen, die wir schlafen. Dann reden wir ja nicht. Die Meditationszeiten können wir jedoch nicht abziehen, denn die meisten Menschen reden beim Meditieren permanent mit sich selbst. Das heißt, mit Ausnahme der Schlafenszeit und der wenigen Augenblicke völliger Sammlung und Achtsamkeit, rasseln und purzeln die Worte in uns und aus uns heraus. Pausenlos sind wir mit innerer und äußerer Rede beschäftigt, mindestens achtzehn Stunden am Tag. Es scheint also, wir erwerben uns eine wichtige Fähigkeit, wenn wir endlich erkennen, wie viel Zeit wir mit Reden verbringen.
Leider können wir uns diese Fähigkeit nicht so leicht aneignen, wie wir vielleicht meinen. Es geht ja nicht nur darum, freundlich und liebenswürdig zu sein. Das ist wirklich nicht alles. Achtet deswegen auf Eure Motive, wenn Ihr jemandem etwas Schönes sagen wollt. Fragt Euch: "Warum will ich dies sagen?" Ihr habt einen Grund. Untersucht ihn: "Welche Absichten verfolge ich? Oder will ich mir nur selbst einen Gefallen tun?"
Ihr wisst, welches Motiv nützlich ist. Niemand braucht dies zu erklären. Sagt also, was Ihr sagen wollt, wenn es Euch darum geht, dass der andere sich wohlfühlt. Wenn Ihr aber nur Euch selbst einen Gefallen tun wollt, solltet Ihr von Eurem Vorhaben Abstand nehmen und besser nichts sagen. Untersucht Eure Motive. Sprecht Ihr, um Euch selbst zu gefallen, so ist Eure Rede weder besonnen noch überlegt. Im Gegenteil: sie ist impulsiv, instinktiv. Üben wir uns nicht in besonnener, überlegter Rede, werden die Worte stets impulsiv und instinktiv aus uns herausplatzen, besonders in Stresssituationen, auch schon bei geringstem äußeren Druck.
Freundliche Worte sind nicht allzu schwer zu finden, wenn wir nicht mehr tun, als die Freundlichkeiten zu erwidern, die man uns entgegenbringt. Viel wichtiger und bedeutsamer ist jedoch, dass wir die Energie aufbringen und uns dazu aufraffen, unsere Rede insgesamt, was wir auch sagen, zu einem wertvollen Beitrag zu machen.
Das ist ungeheuer wichtig, und deswegen müssen wir es üben - tagein, tagaus. Schließlich reden wir ja auch immerfort, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Nehmt Eure Rede nicht einfach als gegeben hin. Für die Rede gilt dasselbe wie für alle anderen Tätigkeiten auch. Solange Ihr nicht überlegt handelt, werdet Ihr immer wieder in irgendwelche Fallgruben stolpern. Eure Rede wird immer wieder alles andere als vollkommen sein. Sie wird Euch viel Grund zur Reue geben. Habt Ihr im Laufe des Tages etwas gesagt, das Ihr später bedauert, seid Ihr nicht achtsam, nicht besonnen genug gewesen.
Befragt Euch vor dem Einschlafen selbst über Euren Tag. Fragt Euch: "Wie viel Gutes ist von mir ausgegangen, wie viel positive Energie? Und wie viel negativen Einfluss habe ich ausgeübt?" Dies ist sinnvoller, als über die Hitze, die Moskitos oder über Eure Müdigkeit nachzudenken. "Wie oft habe ich eine der Fünf Hemmungen gezeigt? Wie oft mein Denken und Tun davon bestimmen lassen? Wie häufig habe ich sinnliche Wünsche, Bösartigkeit, Faulheit und Stumpfsinn, Unrast und Besorgtheit, wie häufig Zweifel und Skepsis gezeigt? Was kann ich tun, damit diese Fesseln mein Leben von nun an weniger bestimmen? Wie kann ich mehr Liebe zeigen und mehr Mitgefühl? Wie kann ich mich mit den anderen freuen, wenn sie sich freuen? Wie kann ich Ausgeglichenheit, Gleichgewicht finden?"
Zieht abends Bilanz. Nur Bilanz - kein Urteil, keine Selbstbeschuldigungen. Ihr erkennt, was im Laufe des Tages alles geschehen ist, und Ihr erkennt es an, leugnet es nicht. Aber Ihr verurteilt Euch nicht dafür. Erkenntnis und Wandel, das altbewährte Erfolgsrezept: Zuerst nehmt Ihr zur Kenntnis, was da ist. Dann verändert Ihr es. Wenn Ihr nicht nach Euren Erkenntnissen handelt, passiert natürlich gar nichts. Aber trotzdem hängt alles vom ersten Schritt ab: Selbstbeobachtung. Wir müssen als erstes sehen und überdenken, wie sich unser tägliches Leben abspielt.
Wenn Ihr dies am Abend nach einem arbeitsreichen Tag wirklich macht, werdet Ihr feststellen, dass einige Eurer Worte alles andere als zweckdienlich und hilfreich waren. Vergegenwärtigt Euch dies rückschauend und sagt Euch: "Was ich da und dort gesagt habe, war nicht zweckdienlich. Morgen will ich es besser machen."
Vergesst nicht, die Beweggründe für Euer Tun zu untersuchen. Wer seine Hilfe um jeden Preis aufdrängt, bewirkt nichts Gutes, ganz gleich wo er es auch versucht. Alle guten Taten müssen zuerst im eigenen Herzen reifen, damit sie auch von Herzen kommen können. Nur dann bewirken sie Gutes.
Ihr könnt nicht etwas verschenken, das Ihr selbst nicht besitzt. Niemand kann das. Ist das Herz offen und frei, wird sich Gutes daraus entfalten. Ein reines Herz strahlt Reinheit aus. Ein von Liebe erfülltes Herz strahlt Liebe aus, ganz unabhängig von den Worten, die gesprochen werden. Ihr braucht Euch nicht einmal um besonders liebevolle und entgegenkommende Worte zu bemühen, wenn Euer Herz liebt. Man wird in jedem Fall die Liebe spüren, die hinter Euren Worten steht. Liebevolle Rede ist also keine Frage der Wortwahl, sondern einzig und allein eine Frage des Gefühls hinter den Worten.
Solange wir uns nicht immer und immer wieder darum bemüht haben, die Beweggründe, das Motiv für unsere Äußerungen aufzudecken, sind Unebenheiten in der Rede ebenso wenig zu vermeiden wie unwesentliches Geschwätz und Worte, die zu Konflikten reizen. Diese Ausrutscher liegen beständig auf der Lauer, um dem Geist zu schaden. Und unsere Meditation wird darunter leiden, ob wir dies wollen oder nicht. Wer ist nun der Leidtragende? Wir selbst. Unter den Folgen falscher Rede leidet stets nur der, der sich zu falscher Rede hinreißen lässt.
Rede ist wichtig, ungeheuer wichtig, so wichtig, dass der Buddha seinen siebenjährigen Sohn lang und breit darüber belehrte. Er tat dies nach der siegreichen Rückkehr von der Suche nach Erleuchtung. Bei dieser Gelegenheit sah der Buddha seinen Sohn überhaupt zum ersten Mal, denn das Kind war in der Nacht geboren, in der der damalige Prinz Siddharta den Palast seines Vaters verlassen hatte. Bei seinem ersten Zusammentreffen mit seinem Sohn Rahula belehrte er diesen also über die rechte Art zu reden, zum Beispiel nicht zu lügen. Das ist sehr wichtig für ein Kind. In seinen Erklärungen betonte der Buddha, dass aus falscher Rede alle anderen unrechten Dinge entstehen.
Unsere Worte müssen nicht unbedingt kränken oder beleidigen, um falsche Rede zu sein. Es reicht, dass sie unfreundlich sind oder sarkastisch. Es reicht, dass wir einen Scherz machen, der oberflächlich besehen witzig sein mag, im Grunde jedoch die Fehler oder das Versagen eines anderen Menschen brandmarkt.
Selbstbeglückwünschungen sind ebenfalls falsche Rede, wie überhaupt alle Worte, mit denen wir uns nur selbst bestätigen wollen. All dies sind die falschen Mittel und Wege, unsere Fähigkeit zu reden einzusetzen, unser Sprachvermögen zu gebrauchen. Wir können diese Fehler nur abstreifen, wenn wir bereit sind, uns zu beobachten und zu ändern, wenn wir immer wieder genau überprüfen, was wir eigentlich sagen.
Der Buddha ist sehr häufig auf rechte oder falsche Rede eingegangen. Aus gutem Grund. Damals wie heute haben die Menschen große Schwierigkeiten damit. Unseren zwischenmenschlichen Kontakten fehlt es zumeist an Wärme. Es fehlt das Herz. Und dies liegt nicht an dem, was wir sagen. Es liegt an dem, was wir fühlen, und daran, wie wir infolgedessen sprechen.
Deswegen lautet unsere Aufgabe, vorbehaltlose Liebe in uns zu erwecken - eine Liebe, die nicht davon abhängt, ob die anderen liebenswert und liebenswürdig sind oder nicht. Nur ein vollkommen Erleuchteter, ein Arhat, ist auch vollkommen liebenswert. Alle anderen Wesen haben Fehler, haben Mängel, haben dunkle Flecken, sind mit Makeln behaftet. Wir vergeuden unsere Zeit und Energie, wenn wir über die Fehler anderer Menschen nachdenken. Das führt zu nichts. Nur unsere eigenen Makel und Fehler sind interessant für uns. Es sind die gleichen wie bei den anderen, nur die Zusammensetzung ist individuell verschieden.
Wer seine Rede nicht wie eine Kunst pflegt, an ihr feilt, bis sie die richtige Wirkung zeigt und keine unangenehmen, negativen Echos mehr hervorruft, der hat auch Buddhas Worte noch nicht so gehört, wie sie gemeint sind.
Vollkommene Rede bedeutet, dass wir nicht lügen, dass wir nicht verleumderisch über andere herziehen, dass wir nicht unfreundlich sind und nicht beleidigend, dass wir nicht klatschen und tratschen, dass wir die Menschen nicht gegeneinander ausspielen. Fehlt eines dieser Elemente, ist unsere Rede auch nicht vollkommen. Alle gehören sie dazu. Sie sind ein wichtiger Aspekt der Lehre. Wir dürfen ihn niemals übersehen.
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Steter Tropfen höhlt den Stein
Vollkommene Anstrengung ist ein Schritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad. Sie ist wesentlich, ganz gleich ob es sich um weltliche Bemühungen oder um die spirituelle Praxis handelt. Wir brauchen diese Vollkommene Anstrengung, und doch verstehen wir nur schwer, was dies eigentlich ist. Deswegen machen wir viele Fehler. Wir geraten auf Abwege. Das heißt, wir tun meist zu wenig. Wie können wir feststellen, was das richtige Maß, die Vollkommene Anstrengung ist?
Wir können uns eine verlässliche Richtschnur erarbeiten. Dazu müssen wir uns am Abend nur den Verlauf des vergangenen Tages ins Gedächtnis rufen und uns fragen: "Habe ich mich heute wirklich bemüht? Bin ich tatsächlich bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten gegangen (was auch immer diese Grenzen im einzelnen sein mögen)? Oder habe ich es mir nur leicht gemacht?" Ihr braucht niemand anderes danach zu fragen, weil niemand für Euch antworten kann. Nur Ihr selbst wisst die richtige Antwort. Ihr braucht auch mit niemandem darüber zu sprechen. Es reicht, wenn Ihr selbst Bescheid wisst.
Vollkommene Anstrengung bedeutet, dass wir uns vollkommen einsetzen, mit allen unseren körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Wir sind uns in dieser Hinsicht nicht gleich. Jeder ist ein bisschen anders, hat andere Grenzen. Deswegen wird auch jeder selbst am besten wissen, wenn er sich restlos eingesetzt, sich vollkommen angestrengt hat.
Ihr könnt dies leicht beurteilen, wenn Ihr Euch selbst prüft: "Habe ich heute wirklich versucht, mehr zu tun als gestern? Habe ich versucht, weiterzukommen, und sei es nur ein kleines Stück? Habe ich versucht, fünf Minuten früher aufzustehen? Habe ich versucht, mir zwei zusätzliche Worte von unserem Andachtsritual zu merken?" Das sind nur winzige Schritte, aber sie sind tatsächlich schon jene Vollkommene Anstrengung, um die wir uns bemühen; "Habe ich versucht, etwas länger in der Sitzhaltung auszuharren? Zwei Sekunden länger? Fünf Minuten länger? Habe ich mich bemüht, die Konzentration etwas länger zu halten? Habe ich versucht, weniger negative Gedanken zu haben?" Vielleicht nur einen einzigen negativen Gedanken weniger.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Der geistige Weg ist kein vielfarbiger Regenbogen, der vom Himmel herabfällt, wenn die Zeit reif dafür ist. Der geistige Weg setzt sich aus vielen kleinen Schritten zusammen - wie das Leben, das aus Tausenden von kleinen Begebenheiten besteht. Leben, das ist im allgemeinen nicht eine Reihe umwerfender und erschütternder Ereignisse. Davon gibt es in jedem Leben nur wenige, vielleicht eines, vielleicht vier. Aber jedem von uns widerfahren fünfzig, sechzig, siebzig oder achtzig Jahre lang jeden Tag von früh bis spät unzählige kleine Ereignisse. Und dem entspricht unsere Anstrengung: kleine Schritte, aber immer sind sie ein bisschen mehr, gehen ein bisschen weiter als das, was wir gestern getan haben. Mit der Zeit ist der Stein des Widerstandes dann ausgehöhlt.
Eines Tages sind wir für die letzte Anstrengung bereit: Wir beseitigen alle falschen Vorstellungen, emanzipieren uns von der Täuschung des Selbst. Voraussetzung ist allerdings, dass wir uns jeden Tag bemühen, und sei es nur ein wenig. Tun wir dies nicht, werden wir niemals für diese letzte Anstrengung bereit sein, weil wir schon vorher immer wieder zurückfallen.
Wir sind sehr stark an angenehmen Empfindungen und Gefühlen interessiert. Wir wollen es gern nett und bequem haben. Aber die winzige Extra-Anstrengung, der kleine Schritt mehr, der darüber hinaus geht, sind dem im Weg. Sie sind unbequem. Dabei sind Bequemlichkeit oder Unannehmlichkeit an sich vollkommen unwichtig. Wir bringen keine bedeutenden Leistungen zustande, wenn wir uns danach fragen. Im Gegenteil: Wir untergraben unsere Bemühungen, wenn wir uns zu sehr mit ihnen beschäftigen.
Uns fehlt jeglicher Anreiz, jegliche Motivation, wenn wir unsere persönliche Bequemlichkeit nicht gelegentlich hinten anstellen. Wer dies nicht auf sich nimmt, wer sich nie wirklich bemüht, wird schließlich nicht mehr wissen, warum er überhaupt irgend etwas tut, sondern sich nur noch um seine Bequemlichkeiten kümmern. Es ist so viel leichter bergab zu rutschen als nach oben zu klettern, in jeder Hinsicht. Das Gesetz der Schwerkraft regiert nicht nur unseren Körper. Es regiert auch unseren Geist. Es ist wirklich viel leichter, bergab zu rutschen.
Die winzige Extra-Regung des Geistes, die die kleine zusätzliche Anstrengung ermöglicht, schenkt uns tiefe Befriedigung. Wir können zufrieden auf unseren Tag zurückblicken. Das ist wichtig. Wir sollten diesen Rückblick keinen Tag versäumen. Wie sollten wir ohne ihn unterscheiden lernen, was wichtig ist und was nicht? Der Rückblick schenkt uns Zufriedenheit: "Ich habe mich bemüht. Ich habe mich erfolgreich um die kleine zusätzliche Anstrengung bemüht"
Es gibt nur einen Augenblick: diesen jetzt. Die Zukunft? Es gibt sie nicht. Sie ist ein Phantasieprodukt unserer Einbildungskraft. Wenn sie dann wirklich eintritt, ist sie Gegenwart. Sie kann nicht in der Zukunft geschehen. Wie wir sie uns auch vorstellen, sie wird niemals so sein, weil wir sie nicht als derselbe Mensch erfahren werden, der wir jetzt sind. Gedanken an die Zukunft sind also pure Zeitverschwendung.
Und gewiss verschwenden wir auch unsere Zeit, wenn wir in Gedanken in der Vergangenheit herumwühlen. Sie ist unwiderruflich vorbei. Sie wird niemals wieder zurückkommen. Wir können sie nicht wiederbeleben. Unsere Erinnerungen sind lückenhaft und teilweise falsch, und deswegen sind wir nicht einmal in der Lage, uns an irgend etwas korrekt zu erinnern. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit hat nur dann Sinn, wenn wir uns an einen Fehler erinnern und aus ihm lernen, nicht noch einmal denselben Fehler zu begehen. Dies können wir ziemlich schnell erledigen und ebenso schnell wieder fallen lassen.
Wir leben in diesem Augenblick, hier und jetzt. Ein neuer Tag liegt vor uns wie ein neues Leben. Am Morgen sind wir neugeboren. Wir stehen vor einem neuen Tag, der unverdorben ist und strahlend. Im Verlauf dieses neuen Tages durchleben wir ein ganzes Leben mit all seinen dazugehörigen Emotionen: Vorlieben und Abneigungen, Ängsten und Unsicherheiten, mit Anerkennung und Toleranz, Geduld, Liebe und Mitgefühl. Dies alles geschieht im Laufe dieses einen Tages, den wir achtlos vergeuden werden, sollten wir uns nicht bemühen, uns nicht ein bisschen mehr anstrengen. Wenn wir jedoch einen Tag achtlos vergeuden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir auch ein ganzes, wertvolles Menschenleben vergeuden.
Der Buddha hat gesagt, dass unsere Menschenwelt die besten Voraussetzungen für die Erleuchtung bietet. Es gibt Dukkha hier. Dukkha ist ein guter Ansporn. Dukkha treibt uns weiter. Und es gibt genug Sukha, genug Glück, genug Freude, so dass wir nicht in vollständiger Niedergeschlagenheit dahinvegetieren.
Sukha kann uns allerdings leicht in die Irre führen, weil viele Menschen der falschen Vorstellung frönen, dass sievon einer Freude zur nächsten, von einem Glück zum nächsten hüpfen können, ohne je irgendein Leid zu erfahren, wenn sie die Sache nur richtig anpacken, die Dinge nur in den Griff bekommen. Dies ist ein Missverständnis wie vieles andere auch. Trotzdem ist die Menschenwelt der optimale Bereich, denn wir alle besitzen einen Geist, der sich sämtlicher Fesseln entledigen kann. Ohne Anstrengung wird dies allerdings niemals geschehen. Ohne Anstrengung geschieht überhaupt gar nichts, das eine positive Entwicklung fördert.
Es kommt vor, dass wir uns in einer Weise anstrengen, die unserer Meinung nach zuviel von uns verlangt. Dies stimmt nicht. Wirstrengen uns nur falsch an, weil wir von dem Ergebnis besessen sind, das die Anstrengung uns bringen soll. Die fixe Idee vom Ziel führt dazu, dass wir uns bei unserem Bemühen verspannen. Deswegen die Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Sorgen und Enttäuschungen.
Wer bei seinem Bemühen ganz gleich welcher Art nur das Ziel im Sinn hat, kann sich natürlich nicht auf dasBemühen selbst konzentrieren. Ganz anders ist es, wenn wir nicht mehr an das Ziel denken, das wir zu erreichen versuchen, wenn wir alle Gedanken daran loslassen. Dann können wir all unsere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf das Geschehen richten,auf die Anstrengung, die wir unternehmen. Dann erst haben wir einige Aussicht, dass unser Bemühen gelingen wird. Unsere Anstrengung erzeugt keine Verspannung.
Manche Leute bekommen vom Meditieren Kopfschmerzen und schließen daraus, dass irgendetwas faul sein muss an der Meditation. Sie kommen nicht auf die Idee, dass der Fehler vielleicht bei ihrer Art der Anstrengung liegt. Sie sind dermaßen auf ihr Ziel fixiert, denken nur daran, endlich die höchste Sammlung oder was sonst auch immer zu erreichen, dass die damit verbundene Anspannung ihnen einfach Kopfschmerzen bereiten muss.
Unsere Anstrengung ist an sich schon die Belohnung, die wir erstreben. Indem wir uns anstrengen, ernten wir den Lohn der Anstrengung: die Befriedigung darüber, dass wir es getan haben. Hinzu kommt, dass wir neue Kräfte hinzugewinnen. Wer sich körperlich in einer für ihn ungewohnten Weise anstrengt, wird mehr Muskeln bekommen. Der Körper gewinnt anWiderstandskraft. Er wird weniger schnell erschöpft und schwierigeren Aufgaben und Situationen gewachsen sein. Dasselbe trifft auch auf den Geist zu. Geht unser Bemühen auch nur ein wenig über das gewohnte Maß hinaus, fördern wir damit automatisch die Spannkraft des Geistes. Tun wir dies regelmäßig, bleibt der Geist voll entfaltet.
Das Gegenteil geschieht, wenn wir aufhören, seine Grenzen auszudehnen. Dann zieht er sich zusammen wie ein Gummiband, das man nicht mehr spannt. Wir müssen uns fortwährend bemühen, bis der Geist schließlich eine Spannkraft gewonnen hat, von der es keinen Rückfall in den alten Zustand mehr gibt: eine Spannkraft, durch die der Geist vollkommen geschmeidig, formbar und entfaltet bleibt, so dass er das Ganze sehen kann, anstatt nur jene winzigen Fleckchen des Universums, jene Stecknadelköpfe, die jeder von uns bewohnt.
Wir müssen uns beständig und regelmäßig bemühen. Es hilft nicht, wenn wir an einem Tag gar nichts tun, uns am nächsten Tag ungeheuer ins Zeug legen, den Tag darauf wieder nutzlos verstreichen lassen, uns in Selbstmitleid baden, erschöpft sind und unzufrieden. Das funktioniert nicht. Nur stetige Bemühung führt zum Ziel, Tag für Tag, Minute für Minute - und der Rückblick am Abend: "Habe ich mich wirklich bemüht? Ein wenig mehr gegeben als gestern? Eine Minute mehr? Fünf Minuten mehr? Ein Wort mehr? Zwei Worte mehr?" Ein oder zwei Worte mehr summieren sich im Laufe der Zeit zu einem ganzen Text. Täglich eine Minute mehr Konzentration macht bald eine ganze Stunde aus. Das dauert nur zwei Monate! Eine Minute jeden Tag, und in zwei Monaten könnt Ihr eine ganze Stunde länger in Sammlung verweilen!
Das ist einfach, nicht wahr? Aber irgendwo ist ein Haken bei der Sache. Irgendwo müssen wir auf die Nase fallen. So ist es auch. Wir fallen auf die Nase, weil wir zu sehr auf angenehme Gefühle erpicht sind, hauptsächlich auf körperliche Glücksgefühle. Manchmal entstehen diese, manchmal nicht. Die Chancen dafür stehen schlechter als fünfzig zu fünfzig.
Es gibt nur drei Arten von Gefühlen: angenehme, unangenehme und neutrale. Die neutralen stehen den angenehmen näher als den unangenehmen, weil sie uns nicht leiden machen. Unsere instinktiven Reaktionen haften an den angenehmen und versuchen, die unangenehmen zu vermeiden oder loszuwerden. Diese Auseinandersetzung ist die Hauptbeschäftigung des ungeschulten Geistes. So denkt er. Darauf ist er aus. Da sich Freude und Glück jedoch nicht ewig aufrechterhalten lassen, hält die Jagd danach den Geist bis zum Ende des Lebens beschäftigt und ist zudem Bindeglied und Ursache für die nächste Wiedergeburt.
Die Jagd nach Glück ist wirklich ein vollkommen sinnloses Unterfangen. Je früher wir uns dies vergegenwärtigen, desto besser für uns. Je früher wir einsehen, dass wir nichts anderes tun, und lernen, hier und jetzt davon zu lassen, desto eher dürfen wir mit Recht von uns behaupten, dass wir Dhamma praktizieren.
Aber es gibt auch angenehme Gefühle, die durch und durch gesund sind. Sie fließen uns aus unserer inneren Stärke zu, die ihrem Wesen nach innere Freude ist. Innere Freude erwächst uns aus dem Wissen, dass wir uns völlig hingegeben, wirklich unser Bestes gegeben haben: Dass wir uns in die Praxis hineingegeben haben, die zur Erleuchtung führt. In was sonst sollten wir uns auch hineingeben? Es gibt darüber hinaus nichts, was wir auf dieser Welt Sinnvolles tun können. Alles andere ist nebensächlich.
Was wir auch tun, es kommt darauf an, wie wir es tun. Es ist völlig gleich, ob wir ein Buch schreiben oder Karotten schneiden. Wirklich, es besteht dazwischen kein wesentlicher Unterschied. Die Welt mag dies nicht glauben. Die Leute meinen, Bücherschreiben wäre bedeutender als Karottenschneiden. Aber das ist ein Irrtum. Nicht was wir tun zählt, sondern wie wir es tun.
Wir machen unsere Sache richtig, wenn wir vollkommen achtsam, vollkommen dabei sind: wenn wir das "Ich" dabei loslassen. Das ist beim Karottenschneiden im übrigen leichter zu erreichen als beim Bücherschreiben. Wichtig ist, dass nicht "Ich" etwas tue. Es muss etwas getan werden. Also wird es getan. Daneben gibt es keinen Maßstab, keinen Grund, überhaupt irgend etwas zu tun. Das "Ich" kommt nicht in die Quere, und wenn es in die Quere kommt, dann nur als der altbekannte Störenfried, der Aufsehen erregen und Wogen der Emotion aufrühren will, die niemanden glücklich machen.
Die Beobachtung unserer Reaktionen zeigt uns, dass diese Reaktionen vorprogrammiert sind. Betrachtet Eure Reaktionen, und Ihr durchschaut Euer Programm. Dann habt Ihr nur noch einen Wunsch: "Wie komme ich hier bloß raus!" Es bestärkt nicht gerade das "Ich", wenn Ihr seht, wie sehr Ihr vorprogrammiert seid. Ihr seht dann, dass Ihr immer auf dieselbe alte Tour reagiert, und diese Beobachtung ist für das "Ich" nicht gerade schmeichelhaft.
Instinkte programmieren uns. Wünsche programmieren uns. Das Haften an unserem Selbstbild programmiert uns. So sind wir vorprogrammiert! Die meisten Menschen glauben, dass sie alles im Griff haben, weil sie denken können, weil ihr Geist funktioniert. Das stimmt nicht. Keiner hat irgend etwas im Griff. Wir reagieren. Zu mehr sind wir nicht fähig. Sollte tatsächlich irgend jemand das Geschehen vollkommen im Griff haben, wie etwa ein Arhat, der bereits völlig erleuchtet ist, so würde niemand mehr unglücklich, besorgt, ängstlich oder verwirrt sein. Wer das Geschehen tatsächlich im Griff hat, würde solche schmerzlichen Erlebnisse doch nicht mehr zulassen, meint Ihr nicht auch? Warum würde er dies wollen? Das wäre doch vollkommen verrückt, absurd. Aber das sind nur Spekulationen. Tatsache ist: niemand hat das Geschehen in der Hand. Es gibt absolut keine Kontrolle, nur ein Programm, ein von Instinkten vorprogrammiertes Programm.
Betrachtet Ihr dann dieses Programm, indem Ihr Euch um Achtsamkeit bemüht, werdet Ihr erkennen, dass es eigentlich niemanden gibt, der reagiert, der mit diesem Programm operiert. Nur die Reaktionen selbst sind da. Mehr nicht: Reaktionsketten. Nach dieser Erkenntnis bleibt nichts mehr zu tun. Freude und Verdruss gleiten ab wie nach dem Tauchen das Wasser von den Federn einer Ente. Nur das Mitgefühl bleibt. Das Mitfühlen Buddhas mit Wesen, die Leiden und Unbefriedigtsein (dukkha) erfahren.
Um dahin zu gelangen, müssen wir uns anstrengen, täglich bemühen, Minute für Minute. Und dies schaffen wir nur, wenn wir immer ein bisschen mehr leisten als gestern, bis schließlich der ganze Tag erfüllt und getragen ist von freudigem Bemühen. Wir müssen nicht die Zähne zusammenbeißen und uns einreden: "Jetzt muss ich aber endlich etwas tun." Nichts dergleichen. Ist einmal die richtige Motivation vorhanden, fällt uns dieses Bemühen nicht schwerer, als einen steckengebliebenen Wagen wieder flott zu machen. Der erste Schub ist sehr, sehr schwer. Aber wenn sich die Räder dann einmal drehen, gehört kein großer Kraftaufwand dazu, dafür zu sorgen, dass sie sich weiterdrehen.
Niemand kann uns motivieren. Wir müssen uns selbst motivieren, und zwar richtig: "Ich will raus aus meinem Dukkha!" Das ist die richtige Motivation. Sie wird uns weiterbringen. "Ich hätte es gern nett und bequem", ist die falsche Motivation und außerdem von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es geht nicht. Wir können uns nicht permanent wohlfühlen. Unmöglich. Es ist kein Saft, keine Kraft hinter dem Wunsch: "Ich will es nett und bequem haben" Er trägt uns nicht. "Ich will raus aus meinem Dukkha", hingegen stellt einen starken Antrieb dar. Mit dieser Motivation wird aus unserem Bemühen unsere größte Freude. Wir wissen, dass wir auf etwas außerordentlich Bedeutsames hinarbeiten, und dies macht uns froh.
Wichtig ist, dass wir vollkommen achtsam bleiben, was auch immer wir tun, dass wir bewusst wahrnehmen, was dem Körper widerfährt, und somit Körper und Geist zusammenhalten, ohne Spaltung, ohne Trennung. Damit fördern wir unsere Meditation. Damit bleiben wir auf dem Pfad, auf dem wir die Täuschung abstreifen können. Wir sind dann nicht länger dem Irrtum aufgesessen, dass "wir" etwas tun, dass da ein "Ich" ist, das etwas tut. Was nicht heißt, es gäbe kein Tun mehr. Da findet auch weiterhin ein Tun statt, nur ist keiner da, der es tut.
Bis es soweit ist, zählt nur das Tun selbst, nicht das Ergebnis. Es zählt die Anstrengung, das Bemühen, das kleine bisschen mehr Leistung als gestern. Wir müssen uns vergegenwärtigen und klar erkennen, dass es nur eine richtige Richtung gibt: den Entschluss, Dukkha hinter uns zu lassen. Es gibt nicht zwei Richtungen, in die wir gehen könnten. Nur eine.
Prüft Euch selbst: "Woher kommt mein Leiden, mein Dukkha? Warum erfahre ich Dukkha? Was gefällt mir nicht? Woran reibe ich mich immer wieder?" Mit dieser Art Selbstbetrachtung und -befragung wird uns jeder Tag zur Freude. Sind wir auch nur einen einzigen Tag nicht froh darüber, dass wir leben, stimmt irgendetwas nicht in unserem Geist.
Jeder Tag gibt uns eine kostbare Gelegenheit. Die kostbare Gelegenheit ist die Bemühung, das Selbst zu überwinden. Bemühen wir uns jeden Tag darum, das Selbst zu überwinden, dann leben wir jeden Tag freudig. Ob das Wetter heiß ist, kalt, nass oder trocken; ob das Essen gut schmeckt oder schlecht, zu spät serviert wird oder zu früh, schwer verdaulich ist oder leicht, alles das ist egal, macht keinen Unterschied. Alles zielt nur noch auf eine Richtung ab: das Selbst überwinden.
Jeder muss für sich beurteilen, ob er Vollkommene Anstrengung verwirklicht. Niemand kann für den anderen sagen: "Du strengst Dich nicht genug an" Oder: "Du strengst Dich zu sehr an." Jeder von uns hat ein anderes Leistungsvermögen. Aber jeder hat auch die Pflicht, die Obergrenze seines Leistungsvermögens zu erkunden, anstatt auf der Untergrenze sitzen zu bleiben. Die Welt mag zwar nach dem Prinzip der Minimalleistung, dem Weg des geringsten Widerstandes funktionieren. Der geistige Weg funktioniert mit Sicherheit nicht so.
Körper und Geist hängen eng zusammen. Wir können dies gut am Beispiel der Meditation betrachten. Wenn wir meditieren wollen, müssen wir sitzen. Das ist eine körperliche Leistung. Wir können uns nicht locker am Boden lümmeln. Das würde der Meditation nicht gut bekommen. Was wir auch tun, Körper und Geist sind gemeinsam daran beteiligt, und Achtsamkeit führt die beiden wirklich zusammen. Kommt uns der Gedanke: "Na ja, eigentlich mag ich gar nicht hier sitzen. Ich sollte besser etwas anderes tun" so heißt dies, dass unser Geist von der Meditation abschweift.
Dieser Gedanke zeigt allerdings, dass wir den Zusammenhang von Körper und Geist nicht begreifen. Wenn Körper und Geist gemeinsam an allen Tätigkeiten beteiligt sind, brauchen wir nicht mehr zwischen dieser und jener Tätigkeit zu unterscheiden. Ob wir auf dem Kissen sitzen, ob wir arbeiten, ob wir etwas anderes tun, immer ist es eine Tätigkeit von Körper und Geist (náma-rúpa). Unsere Aufgabe ist, dies bewusst zu erfahren.
Und weiter: In diesem Rahmen von Körper und Geist schwirrt eine Täuschung umher - das "Ich". Und das "Ich" kommt uns ständig in die Quere. Schaut es Euch an. Seht, wie es Euch in die Quere kommt. Diese Beobachtung ist sehr hilfreich. Wenn Ihr nämlich seht, wie das "Ich" Euch dauernd einschränkt und behindert, werdet Ihr es wahrscheinlich bald satt haben. Ihr kommt vielleicht darauf, dass es sich nicht auszahlt, dieses "Ich" immer um Euch zu haben, denn es hört nicht auf, Euch in Situationen zu manövrieren, in denen es Euch schlecht ergeht.
Das "Ich" satt haben ist der erste Schritt, es loszulassen. Und dieser Schritt erfordert Anstrengung. Indem Ihr Euch in diese Anstrengung hineinbegebt, lasst Ihr das "Ich" schon ein wenig los. Jedes Mal, wenn Ihr Euch ganz gebt, wird das "Ich" ein bisschen kleiner. Das ist überhaupt die Voraussetzung. Sonst könntet Ihr Euch nämlich gar nicht richtig geben.
Macht abends Euren Tagesrückblick. Fragt Euch: "Habe ich mich ein wenig mehr bemüht? Oder habe ich meine Zeit vergeudet? Habe ich ein Wort mehr im Gedächtnis behalten? Oder habe ich ein Wort vergessen? Wie ist der Tag gewesen?" Aber kommt nicht auf die Idee, Euch zu beschimpfen. Keine Selbstvorwürfe, bitte!
Selbstbeobachtung heißt nicht Selbstverdammung. Was zählt, ist der gute Vorsatz, wie am Sylvesterabend, wenn das neue Jahr beginnt. Ein neuer Morgen, ein neues Leben. Ein neuer Vorsatz für das neue Leben, den neuen Tag.
Auf diese Weise gewinnt jeder Tag eine Heiterkeit, die ihn trägt. Er sackt niemals durch, gerät niemals völlig aus den Fugen. Kein Tag animiert uns mehr zu verzweifelten Stoßseufzern wie: "Oh, wenn der Tag doch bloß schon vorbei wäre!" Jeder Augenblick wird sinnvoll und nützlich verwertet. Nicht nur das: jeder Augenblick schenkt Freude.
Ein freudloses heiliges Leben? Undenkbar! Das kann nicht gut gehen. Freude ist der aktive Bestandteil, sozusagen die Hefe im Teig. Ohne Freude kann sich das heilige Leben nicht zu voller Höhe entfalten. Also: genießt jeden Augenblick - besonders die Anstrengung.
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Anschauungen und Meinungen
Der Edle Achtfache Pfad, die Blaupause des Weges zum Nibbana, beginnt mit Vollkommener Anschauung, der vollkommen richtigen Sichtweise. Das ist auffallend und wert, dass man darüber nachdenkt. Was bedeutet Vollkommene Anschauung? Was für eine Art Sichtweise oder Einsicht ist das?
In einer Lehrrede (dem Brahmajála Sutta) zählt der Buddha zweiundsechzig Anschauungen auf. Darin sind alle Anschauungen enthalten, die überhaupt möglich sind. Mehr können wir nicht haben. Und: sie sind allesamt falsch. Sie sind falsch, weil unsere Vorlieben und Abneigungen sie verfärben, weil sie vom Makel unserer Ich-Täuschung befleckt sind. Dies ist ein wichtiger Punkt. Wir dürfen ihn nicht vergessen.
Unsere Sichtweisen und Meinungen führen dazu, dass wir uns streiten, dass wir bestimmte Dinge nicht leiden können, dass wir böse werden, dass wir uns sorgen und ängstigen und uns Feinde machen. Und dies alles nur auf Grund von Meinungen und Anschauungen, von denen jede einzelne falsch ist! Bevor wir Erleuchtung erlangt haben, gibt es für uns keine Vollkommene Anschauung, keine Sichtweise, die absolut richtig ist.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir in unserem Leben nicht diese oder jene Entscheidung fällen dürfen, denn Entscheidungen müssen nicht unbedingt an eine unverrückbare Meinung gebunden sein. Ein Gesichtspunkt oder eine Meinung ist im allgemeinen eine festgefahrene Art des Sehens, eine vorfabrizierte Vorstellung, mit deren Hilfe wir die Welt und einen individuellen Standpunkt in ihr begreifen. Wir können solche Standpunkte haben, müssen sie sogar haben, weil wir ohne sie funktionsunfähig wären. Darüber dürfen wir jedoch niemals vergessen, was sie sind: Sichtweisen, Meinungen. Als solche sind sie nicht die absolute Wahrheit.
Unter dieser Voraussetzung können wir andere Ansichten leichter akzeptieren. Wir müssen uns nicht hinter unserem Standpunkt verschanzen und ihn bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Stattdessen sagen wir uns: "Nun gut, so sehe ich die Sache. Ein anderer sieht sie anders." Die beiden Ansichten mögen einander entgegengesetzt sein. Was nicht heißt, dass wir über den Widerspruch des anderen wütend werden und unsere eigene Anschauung für richtiger halten müssen. Warum auch? Es sind ja beides nur Sichtweisen.
Dazu ein Beispiel: Vier Freunde gehen durch einen Wald. Sie machen gemeinsam eine Wanderung. Der eine ist Botaniker. Er hat stets Notizbuch und Bleistift in der Hand. Er ist ganz aufgeregt über die vielen Pflanzen, die er dort zu Gesicht bekommt, und notiert sich ihre Namen. Wenn er auf ein ihm bisher unbekanntes Gewächs trifft, zeichnet er es ab, um es später genauer bestimmen zu können. Der nächste ist Förster. Da im Sommer auf diesen Landstrich gewöhnlich kein Tropfen Regen fällt, denkt er einzig und allein daran, wo er zur rechten Zeit kleine Brände legen kann, um das Unterholz auszudünnen und so der plötzlichen Zerstörung durch einen großen Waldbrand vorzubeugen. Der dritte ist Naturschützer. Er sieht, dass dieser Wald noch ganz unberührt ist, und denkt sofort daran, sich mit Eingaben an die richtigen Verwaltungsstellen zu richten, damit er auch für zukünftige Generationen in diesem Zustand erhalten bleibt. Der vierte und letzte hat eine Viehzucht und betreibt Milchwirtschaft. Seine Gedanken gehen deswegen in eine ganz andere Richtung. Er sieht nur, welche Flächen man roden könnte, um möglichst viel Weideland zu bekommen. Der jetzige Zustand ist seiner Meinung nach nur eine Verschwendung von gutem Grund und Boden.
So haben sie also alle ein anderes Bild von dem Wald. Und jeder hält natürlich seine Sicht für richtig und vollkommen. Sonst würde er sie gar nicht haben. Würden sie ihre gegensätzlichen Meinungen offen aussprechen, ihre Freundschaft könnte daran zerbrechen und sich in Feindschaft verwandeln. Jeder hält seine eigene Sicht des Waldes für die richtige. Zweifellos: dieses herrliche Grün muss auch zukünftigen Generationen erhalten bleiben. Zweifellos: das Unterholz muss gezielt weggebrannt werden. Zweifellos: am besten man rodet so viel wie möglich und macht Weideland daraus. Jeder Standpunkt ist für sich vollkommen schlüssig. Es kann gar nicht anders sein.
Dabei gibt es noch Dutzende von anderen Möglichkeiten, den Wald zu betrachten, wie wir auch jeden anderen Aspekt des Daseins aus unzähligen Blickwinkeln erfassen können. Wir betrachten grundsätzlich alles von unserem eigenen Gesichtspunkt aus: Vom Gesichtspunkt des Försters, Viehzüchters, einer Frau, eines Buddhisten, eines Senioren, eines Jugendlichen.
Kommen wir zu unseren vier Freunden zurück. Sie haben jeder ihren Standpunkt, und jeder dieser Standpunkte hat seine Vorzüge. Aber keiner sieht das Ganze. Sie sind jeweils nur eine Teilsicht, die uns zusagt, weil sie unseren Vorlieben und Abneigungen und unserer besonderen Form der Ich-Identifizierung Rechnung trägt.
Die Anschauung, das Sehen eines Buddha dagegen ist vollkommen: Samma Ditthi. Für sich allein bezeichnet Ditthi (Meinung, Sichtweise, Anschauung) grundsätzlich eine verfälschte Sicht der Dinge. Das heißt aber: Mit Ausnahme der Vollkommenen Anschauung eines Buddhas ist jede Anschauung mit Fehlern behaftet, also falsch. Es gibt im Grunde keine andere gültige Anschauung als die Vollkommene Anschauung. Dies ist der erste Schritt auf dem Edlen Achtfachen Pfad - und gleichzeitig der letzte. Es ist der erste Schritt, weil er uns zum Pfad hinführt, und der letzte, weil er den erfolgreichen Abschluss unseres Übens kennzeichnet.
Gewöhnlich führt uns eine ganz bestimmte Einsicht zum Pfad. Wir erkennen, dass es erstens mit uns so nicht weitergehen darf und dass wir zweitens tatsächlich eine Alternative haben, dass wir etwas anderes tun können. Es liegt nicht an der Welt, wenn die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Dies ist die erste dunkle Ahnung von Vollkommener Anschauung. Sie ermöglicht den Eintritt in einen Weg geistiger Schulung. Vollkommene Anschauung ist ein Aspekt von Weisheit (paññá). Unsere Schulung umfasst drei Felder: Sila, Samádhi und Paññá. Sila ist sittlich einwandfreie Lebensführung. Samádhi ist Konzentration oder Sammlung. Paññá ist Weisheit. Gewöhnlich ziehen wir sie in dieser Reihenfolge in Erwägung. Der Edle Achtfache Pfad beginnt jedoch mit Weisheit. Wir brauchen ein gewisses Maß an Weisheit oder Einsicht, um überhaupt einen Anfang zu machen.
Kamma, das Ursache / Wirkungs-Syndrom, ist ein anderer Aspekt Vollkommener Anschauung. Alle Ursachen rufen Wirkungen hervor. Sie können geringfügige Folgen haben, glimpflich ausgehen. Die Konsequenzen können aber auch sehr deftig ausfallen. Gute Gedanken bewirken gute Worte. Gute Worte führen zu guten Taten. Gute Taten lassen in unserem Herzen Genugtuung und Zufriedenheit wachsen. Damit ernten wir die unmittelbare Wirkung unseres Kammas (vipáka).
Genugtuung und Zufriedenheit gewähren uns die Möglichkeit zu erfolgreicher Meditation. Wir können nicht meditieren, wenn wir Verdruss und Unzufriedenheit in unserem Herzen tragen. Die Meditation soll uns beglücken. Allerdings können wir gar nicht meditieren, wenn wir nicht wenigstens ein bisschen glücklich sind. Nur ein glücklicher und freudiger, nur ein zufriedener Geist kann das Denken loslassen. Deswegen hat das Kamma, das wir produzieren, einen ungeheuren Einfluss auf unsere Meditation.
Mit jeder Entscheidung, jeder Wahl, die wir treffen, produzieren wir Kamma. Im Wachzustand treffen wir fast permanent irgendwelche Entscheidungen. Einige sind nebensächlich. Andere haben durchschnittliche Konsequenzen. Das Leben besteht gewöhnlich aus Durchschnitts-Momenten. Es zeichnet sich im allgemeinen nicht durch eine Häufung von absoluten Hoch- und Tiefpunkten aus. Zumeist verläuft es in eher eintöniger Gleichförmigkeit. Wir stehen nicht permanent vor schweren, folgenreichen Entscheidungen.
Trotzdem sind auch unsere kleinen Entscheidungen wichtig. "Wie verhalte ich mich in dieser Situation? Wie reagiere ich auf diese Anforderung? Was fühle ich bei diesem Menschen? Wie gehe ich mit den gegebenen Umständen um? Was spielt sich gerade in meinem Geist ab? Ist es hilfreich? Nützlich? Heilsam?"
Von früh bis spät müssen wir solche oder ähnliche Entscheidungen fällen. Und diese Entscheidungen rufen entsprechende Kamma-Wirkungen hervor. Auch wenn sie nicht unbedingt vernichtende Folgen haben, erzeugen sie doch Geisteszustände, die die Meditation entweder fördern oder nicht.
Für ein harmonisches, bewusstes Leben ist die Übung der Meditation unerlässlich. Wir müssen deshalb bedenken, dass jede kleine Entscheidung wichtig ist. Und wir müssen uns darüber im klaren sein, dass es an uns selbst liegt: Wir haben die Wahl. Wir dürfen nicht ewig die Sklaven unserer Emotionen oder an unsere Reaktionen gefesselt bleiben. Unser Kamma ist unsere Entscheidung.
Aber wir haben im Rahmen unseres Kammas nur einen bestimmten Spielraum. Wir können nicht völlig absolut und x-beliebig entscheiden. Wir können unseren Spielraum jedoch erweitern, und zwar dadurch, dass wir uns geschickt entscheiden. Damit erschließen wir uns immer mehr Möglichkeiten.
Wollen wir den Erfolg unserer Meditation gewährleisten, müssen wir den ganzen Tag über wach und präsent sein, ganz gleich was wir denken oder tun. Vollkommene Anschauung geht davon aus, dass wir selbst Eigentümer und Erben unseres Kammas sind. Ferner geht sie davon aus, dass keine individuelle Sichtweise jemals absolut richtig sein kann. Natürlich können wir Anschauungen haben. Aber wir müssen uns zu der Einsicht bequemen, dass diese Anschauungen falsch sein könnten. Mit dieser Einstellung unseren eigenen Anschauungen gegenüber sind wir offener und toleranter, wenn andere uns ihre sagenhaften und phantastischen Anschauungen schildern. Das ist der Beginn des Pfades.
Der Pfad führt zu der korrekten Einschätzung jener Wesenheit, die wir meinen, wenn wir "Ich" sagen, jener Wesenheit also, die alle diese Probleme, Schwierigkeiten, Freuden, Vergnügungen, Ambitionen, Hoffnungen, Wünsche und Erinnerungen hat. Wir gelangen zu der Einsicht, dass sich dieses "Ich" aus verschiedenen Vorstellungen und Empfindungen zusammensetzt; erkennen ferner, dass unsere jetzige Sicht dieses "Ich" niemals vollkommen sein kann, weil sie stets mit Fehlern behaftet ist. Um unserem Herzen Frieden schenken zu können, muss sich Vollkommene Anschauung notwendigerweise von unserer bisherigen Sichtweise unterscheiden.
Aus diesem Grund müssen wir meditieren. Wir brauchen eine Art der Meditation, die zu diesem Ziel führt. Von höherer Warte mag diese Ziel- oder Erfolgsorientierung keine besonders glückliche Ausdrucksweise sein. Aber wir haben keine besseren Worte. Wie dem auch sei, unsere Meditation muss gelingen, weil wir einen ruhigen und geschulten Geist benötigen, einen Geist, der sich aus den Mustern seines alten Selbstverständnisses herauslösen kann. Nur so werden wir auch uns selbst neu verstehen lernen.
Jeder hat bestimmte Vorstellungen von sich, glaubt zu wissen, wozu er fähig ist und wozu nicht, was seine Hauptvorzüge und Hauptschwierigkeiten sind. Aber das sind alles nur Anschauungen, begrenzte Sichtweisen. Keine davon ist fundamental, keine absolut wirklich. Trotzdem sind diese Sichtweisen in der relativen Wirklichkeit, in der wir nun einmal leben, mehr oder weniger wahr. Aber nicht in einer Wirklichkeit, die absolut ist, die allem, was wir sind, zu Grunde liegt. In dieser absoluten Wirklichkeit bleiben sie bedeutungslos.
Wir können nur eine gesunde Einstellung zu uns selbst haben. Wir finden zu ihr, wenn wir die totale Wandelbarkeit aller konditionierten Dinge begreifen. Es gibt nichts, an dem wir festhalten könnten. Alles ist Manifestation, was seinen Geist und seinen Körper angeht in ständigem Wandel begriffen. Jeder von uns setzt sich aus den Vier Großen Elementen zusammen... und ist doch zugleich eine Wesenheit ohne Wesenskern.
Der Intellekt kann diese Vollkommene Anschauung nicht begreifen, der Geist sie nicht akzeptieren, es sei denn, unsere Meditation ist so weit gediehen, dass unser Glück und unser Frieden nicht mehr von äußeren Umständen abhängen. Nur ein zufriedener, in sich ruhender Geist wird diesen neuen, radikal anderen Standpunkt akzeptieren können. Ergötzt der Geist sich noch an seinen Schwierigkeiten, wie sollte er sich dann mit der Erkenntnis anfreunden können, dass da eigentlich gar keiner ist, der diese Schwierigkeiten hat?
Wollen wir zu dem Punkt gelangen, an dem unsere Sichtweise absolut, dass heißt vollkommen wird, wie der Buddha es lehrt, anstatt weiterhin im Relativen zu dümpeln, müssen wir Kamma richtig einschätzen und verstehen. Wir müssen jeden Augenblick wachsam sein, beobachten, damit wir eine Art Kamma hervorbringen, die unserer Meditation eine Aussicht auf Erfolg gibt.
Wir können die Lehren Buddhas von zwei Seiten betrachten: von der relativen und von der absoluten Seite. Aus relativer Sicht muss sich jeder einzelne sehr angestrengt um einen Zustand geistiger Sammlung und Vertiefung bemühen. Aus absoluter Sicht ist niemand da, der sich bemühen könnte. Verwechselt diese beiden Sichtweisen niemals miteinander.
Wir brauchen das relative Verständnis, unbedingt sogar. Nur mit seiner Hilfe gelangen wir zu absolutem Verstehen. Das relative Verständnis ist die Wirklichkeitsebene, auf der "ich" mich bemühe, auf der "ich" versuche, etwas zu erreichen. Solange "ich" dies nicht wirklich versuche, bleibt der Zugang zu absolutem Verstehen verschlossen. Wir können uns nicht zur höheren Ebene des Bewusstseins emporschwingen, solange wir nicht die niedere Ebene völlig absorbiert und uns vorbehaltlos eingesetzt haben.
Am Anfang hat Vollkommene Anschauung eine relative Wirklichkeit. Sie schenkt uns die Einsicht, dass wir an uns arbeiten, uns verändern können, dass wir Kamma und seine Wirkungen wahrnehmen und um die Relativität aller Anschauungen wissen. In diesem Sinn ist keine Anschauung wirklich perfekt. Jeder hat eben seine ganz bestimmten Ansichten und Meinungen. Mit der Übung des Edlen Achtfachen Pfades gelangen wir dann schließlich zu absolutem Verstehen, der absoluten Vollkommenen Anschauung.
Mit Vollkommener Anschauung geht Vollkommene Absicht einher. Sie ist ein weiteres Element des Edlen Achtfachen Pfades und ein bedeutsames dazu. Ohne die richtige Motivation, eben die Vollkommene Absicht, kann es keinen Weg spiritueller Schulung geben. Zu Beginn werden unsere Absichten vielleicht falsch und eher fragwürdig sein. Wir kommen aus den falschen Gründen an einen Ort geistiger Schulung. Das ist nicht weiter schlimm. Auch zu Lebzeiten Buddhas hat es dies schon gegeben. Im Laufe der Praxis werden sich unsere Absichten schon noch verändern: sie werden sich Vollkommener Absicht nähern und mit ihrverschmelzen. Aber dazu müssen wir uns anstrengen. Unser Bemühen muss unsere Absichten mit Leben erfüllen.
Der Buddha hatte einen Vetter, Nanda. Dieser Vetter war sich lange Zeit unschlüssig, ob er Mönch werden oder sich verheiraten sollte. Einerseits fühlte er sich zum mönchischen Leben hingezogen, denn sein berühmter Verwandter, der Buddha, war ja ebenfalls Mönch. Andererseits zogen ihn seine persönlichen Neigungen eher in Richtung Ehe. Seine Eltern hatten das ewige Hin und Her schließlich satt. Sie handelten. Sie besorgten ihm eine Braut und setzten einfach den Tag der Hochzeit fest. Der Buddha war als Ehrengast ebenfalls eingeladen. Nach dem Mittagsmahl sollte die Ehe geschlossen werden. Bevor es dazu kam, sprach der Buddha Nanda an: "Folge mir. Ich möchte, dass Du meine Almosenschale für mich zum Kloster trägst"
Nanda konnte diese Bitte schlecht abschlagen, denn der Buddha war das geachtetste Mitglied der gesamten Sippe und obendrein der Ehrengast. Auch wenn er eigentlich keine Lust dazu hatte, trottete Nanda doch hinter dem Buddha her und trug die Almosenschale zum Kloster. Dort bat der Buddha ihn, sich einen Augenblick hinzusetzen. Nanda erwiderte, das ginge nicht, er wäre in Eile. Der Buddha fragte, warum. "Ich heirate heute. Das weißt Du doch. Du warst ja selbst bei dem Festessen dabei." Darauf der Buddha: "Warum willst Du heiraten? Was ist so bedeutsam daran?" Nanda erwiderte: "Oh, diese Frau ist wirklich eine Schönheit. Ich liebe sie und will sie heiraten, unbedingt." Dazu meinte der Buddha: "Wenn Du hier im Kloster bleibst und nach meinen Anweisungen übst, kannst Du fünfhundert Frauen haben, die obendrein noch viel schöner sind als Deine Braut." Nanda skeptisch: "Wirklich? Stimmt das auch!" Der Buddha bejahte. So blieb Nanda bei ihm, um zu üben. Gelegentlich ging er nach einer gewissen Zeit der Klausur zum Buddha und erkundigte sich: "Was ist nun mit den fünfhundert schönen Frauen, die Du mir versprochen hast?" Der Buddha entgegnete ihm daraufhin stets: "Ich habe Dir gesagt, dass Du dahinter kommen wirst, was es mit diesen Frauen auf sich hat, wenn Du nur genügend übst. Also geh' und übe weiter." Nanda folgte diesem Rat. Er übte beharrlich, wurde erleuchtet und war nicht länger an fünfhundert schönen Frauen interessiert.
Was aber hatte es mit dem Versprechen auf sich, dass der Buddha Nanda gab? Nun, er hatte seinem Vetter versichert, dass dieser mit der Zeit fähig sein werde, den Götter-Bereich zu besuchen und die Göttinnen zu sehen, die sehr viel anmutiger sind als jede Frau der Erde. Einzige Voraussetzung dafür war, dass Nanda gründlich übte. Das ist zwar keine schickliche Absicht für einen Eintritt in den Mönchsorden, war jedoch die einzige Verlockung zum geistigen Weg, bei der Nanda wirklich Feuer fangen würde. Sie entsprach seinem Charakter, den er dann durch kontinuierliches Üben wandelte. Am Anfang seiner Praxis stand zwar keine vollkommene und vor allem keine lautere Absicht: Aber selbst die falsche Absicht führte zum richtigen Ergebnis.
Vollkommene Absicht muss sich mit ernsthaftem Bemühen um die Praxis verbinden, die ihrerseits alle Facetten des Daseins einschließen sollte, den Alltag nicht weniger als die Perioden formaler Meditation. Vollkommene Anschauung und Vollkommene Absicht bilden zusammen den Weisheitsaspekt des Edlen Achtfachen Pfades, der am Anfang unseres Weges steht. Wir brauchen ein gewisses Maß an Weisheit, um überhaupt zu diesem Pfad zu kommen. Diese Weisheit mag relativ sein. Trotzdem brauchen wir sie. Sonst fangen wir gar nicht erst an.
Ansichten und Meinungen bedeuten noch in anderer Hinsicht Gefahr für den Geist: sie verhärten ihn. Der Buddha hat einmal vier Kategorien möglicher Schüler unterschieden und ihre Verschiedenheit anhand eines Bildes verdeutlicht. Die erste Kategorie gleicht einem Tongefäß, dessen Boden völlig durchlöchert ist. Ganz gleich wie viel Wasser man hineingießt, es läuft sofort durch. Wenn ein solcher Schüler etwas vom Dhamma hört, bleibt nichts davon hängen. Es geht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus. Die zweite Kategorie gleicht einem Tongefäß, das einige Sprünge aufweist. Ihr gießt Wasser hinein, aber es sickert langsam aber sicher durch die Ritzen. Ihr schüttet den Dhamma in ein Ohr und er sickert langsam und gemächlich wieder zum anderen Ohr heraus. Die dritte Kategorie gleicht einem randvoll gefüllten Tongefäß. Solche Schüler stecken bis über die Ohren in ihren Ansichten und Meinungen. Es ist vollkommen sinnlos, ihnen irgendetwas zu sagen, weil sie schon alles ganz genau wissen. Nur eine Art von Gefäß ist nützlich: es hat keine Löcher, keine Sprünge, und es ist leer. Damit ist die vierte Kategorie möglicher Schüler beschrieben.
Leersein ist nicht wertlos. Nur wenn unser Geist leergeschöpft ist, leiden wir nicht mehr unter Spannungen, Sorgen und Ängsten - nur dann sind wir wirklich offen genug, den Dhamma in uns zu erkennen. Was dazu führt, dass wir alle vorgefertigten Meinungen aufgeben. Gewöhnlich bestätigen wir uns dauernd unsere Kenntnisse: "So ist die Welt. Ich kenne sie seit langer Zeit. Ich habe genug Erfahrung mit ihr gesammelt. Ich verstehe sie durch und durch." Alles schön und gut, aber was nützt uns diese Kenntnis, dieses Verständnis, wenn es uns nicht wirklich glücklich macht. Besser ist, wir lassen einfach los, machen uns leer, werden zu einem geeigneten Gefäß für den Dhamma, das universale Gesetz, die Wahrheit, die Lehre. Nehmen wir solchermaßen den Dhamma in uns auf und tragen ihn in uns, wird sich unsere Lebenshaltung grundlegend wandeln. Sie wird sich zu Vollkommener Anschauung entwickeln.
Leerheit des Geistes bedeutet, dass wir nicht anhaften. Gewöhnlich hängen wir an unseren Vorstellungen und Gedanken, halten sie fest. Dies ist der Meditation abträglich. Es führt dazu, dass wir uns beim Meditieren in Gedanken verheddern. Wir haften einfach zu sehr an ihnen. Wir hängen an unseren Gedanken, an unseren Vorstellungen. Wir halten sie für wertvoll. Aber habt Ihr beim Meditieren jemals festgestellt, wie wertlos Gedanken eigentlich sind? Keiner dieser Gedanken hat irgendeinen tieferen Sinn.
Ein Weg zur Erleuchtung ist die sogenannte Zeichenlose Befreiung. Zeichenlose Befreiung bedeutet, dass wir uns einer fundamentalen Tatsache bewusst sind: nichts ist wirklich bedeutsam. Nirgendwo ist ein feststehendes Merkmal, ein unveränderliches Kennzeichen zu finden. Was auch existiert, es hat kein solches Zeichen. Nichts ist so bedeutend, dass wir es unbedingt im Geist behalten müssten. Was könnte wichtig genug dafür sein? Denkt einmal darüber nach: Ist der eigene Name vielleicht wichtig genug? Aber darüber brauchen wir uns wahrscheinlich ohnehin nicht zu sorgen. Wir werden ihn schon nicht vergessen. Außerdem verändert er sich bei uns Frauen wahrscheinlich zumindest einmal im Leben. Meiner hat sogar schon vier Mal gewechselt. Was ist also so wichtig und bedeutend, dass wir es um jeden Preis im Geist speichern müssten?
Wenn nichts darin ist und die Sicht verbaut, kann der Geist die Dinge ganz neu sehen. Betrachtet Ihr einen Baum unter dem Gesichtspunkt einer bestimmten festgelegten Vorstellung, seht Ihr nichts anderes als eben diese Vorstellung, die Ihr schon kennt. Ihr seht den Baum nicht so, wie er ist. Sobald Ihr mit einem Menschen über längere Zeit vertraut sei, werdet Ihr eine vorgefasste Meinung über ihn haben. Ihr seht ihn eigentlich gar nicht. Das ist eine verbreitete Unsitte.
Wie auch im Fall des Baumes. Vielleicht denkt Ihr, dass Bäume gut sind, weil sie Sauerstoff produzieren. Oder Ihr denkt, dass sie nicht gut sind, weil alle möglichen Insekten in ihnen brüten. Oder Ihr haltet sie für wertvoll, weil sie Schatten spenden, Früchte tragen und so weiter. Oder Ihr mögt sie nicht, weil Ihr Eure Blumen nicht dort pflanzen könnt, wo Ihr sie gern pflanzen würdet, weil diese Bäume da im Weg sind. Wie dem auch sei, eines ist sicher: Ihr seht nicht, was eigentlich da ist.
Leerheit macht den Geist frei. Die vorgefassten Meinungen verschwinden, und wir sehen die Welt mit neuen Augen, frisch und unverbraucht. Sie sieht vielleicht plötzlich ganz anders aus. Sie kann sich nicht verändern, solange wir an der alten Sichtweise festhalten, das alte Muster weiterspinnen, uns in den alten Gleisen bewegen. Der Geist bleibt immer im gleichen Trott. Er hängt in derselben Spur fest, und darin dreht er sich endlos weiter.
Sehen wir die Dinge dagegen unvoreingenommen, mit neuen Augen, erkennen wir vielleicht, dass sie gar nicht das sind, für das wir sie immer gehalten haben. Alles ist beständig im Fluss, in Bewegung. Blicken wir aus einem fahrenden Zug in die Landschaft hinaus, haben wir manchmal den Eindruck, dass sie sich bewegt, dass sie an uns vorbeifliegt. Das ist eine Täuschung. Nicht die Landschaft, sondern der Zug bewegt sich. Aber wir sehen es nicht so.
Jetzt, in diesem Augenblick geht es uns nicht anders. Wir sitzen hier wie in einem Zug. Der Zug unseres Lebens rast dahin. Aber wir, so glauben wir, stehen auf der Stelle. Wir, so glauben wir, bewegen uns nicht. Die Täuschung könnte vollständiger nicht sein.
Beschauen wir dann die Dinge im Kreis unserer Wahrnehmungen - ja, wir selbst gehören auch zu diesen Dingen! - dagegen einmal unvoreingenommen, das heißt nicht aus der Perspektive unserer eingefahrenen Wahrnehmungsstrukturen, können wir der Absoluten Wirklichkeit und damit Vollkommener Anschauung durchaus ein Stück näher kommen. Vollkommene Anschauung ist keine Sichtweise, keine Ansicht. Sie gleicht eher unmittelbarem Erleben: einem ungefilterten Schauen.
Und dies hat der Buddha uns gelehrt. Unmittelbares Erleben, nicht blinden Glauben. Wenn wir etwas sagen, so sprechen wir zumeist über unsere Ansichten und Meinungen. Mit direkter Erfahrung hat das herzlich wenig zu tun. Nur wenn wir von einem Moment der Vergegenwärtigung Absoluter Wirklichkeit sprechen, kommen wir der Wahrheit ein wenig näher, unabhängig von ihrer Form, von ihrer konkreten Gestalt.
Sprechen wir hingegen über das, was wir denken und meinen, dann reden wir nur über unsere Sichtweisen und Meinungen. Je mehr wir davon mit uns herumschleppen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir meditieren und die Welt so sehen können, wie sie tatsächlich ist.
Wir sollten niemals vergessen, dass das Auge nur Farben und Formen sieht, das Ohr nur Töne hört. Alles, was darüber hinausgeht, ist Beiwerk, das der Geist erst später hinzufügt. Was wir sehen und hören, besitzt keine Absolute Wirklichkeit, und doch prägt es unser Leben, stößt uns in eine bestimmte Richtung. Beobachtet einmal selbst, wie dies geschieht.
Nehmen wir an, Ihr hört einen Vogel zwitschern oder einen Hund bellen. Was hört Ihr da? Eigentlich nur Töne, Klangschwingungen. Aber indem Ihr sie hört, meldet sich sofort der Geist zu Wort und sagt: "Da bellt ein Hund. Mir wäre lieber, er würde endlich Ruhe geben. Ich möchte nämlich ungestört meditieren." Oder: "Gott sei Dank haben wenigstens wir hier keine Hunde, und Katzen bellen ja glücklicherweise nicht." Was immer sich dergleichen abspielt, es sind nur Geistestätigkeiten. Das Ohr hört sie nicht. Aber der Geist springt sofort hinzu und gibt seine Kommentare.
Das Auge sieht Formen und Farben. Was macht der Geist? Er interpretiert sie anhand seiner Wahrnehmungsstrukturen, zum Beispiel indem er sich an Erinnerungen orientiert. An der Wahrnehmung halten wir dann fest. Wir greifen danach. Wir deklarieren sie zu "unserer Wahrnehmung", die, allein schon weil sie die "unsrige" ist, selbstverständlich auch die "richtige" sein muss.
Schaut. Was habe ich hier in meiner Hand? Einen Wecker natürlich. Das sieht doch jeder. Wirklich? Sieht es wirklich jeder so? Ein Kleinkind könnte darin zum Beispiel einen Bauklotz vermuten. Das Kleinkind nimmt etwas anderes wahr, weil seine Wahrnehmung auf anderen Voraussetzungen beruht, von einer anderen Entwicklungsstufe ausgeht. Das heißt aber, dass ich mich selbst und die Welt nicht unbedingt richtig wahrnehme. Ich nehme nur Wahrnehmungen wahr, und diese können so fehlerhaft sein wie alle anderen Erklärungen und Interpretationen unserer Sinneskontakte. Was immer auch da ist, es ist nicht unbedingt, was es zu sein scheint. - Dies sollten wir uns unbedingt merken.
Alle Standpunkte und Sichtweisen sind nur, was sie sind, nämlich Standpunkte und Sichtweisen. Ist Absolute Wirklichkeit einmal durchdrungen, ist damit zugleich erkannt, dass die ganze Welt und wir in ihr, etwas anderes sind, als sie zu sein scheinen.
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Unwissenheit
Unwissenheit bedeutet nicht, dass wir nicht das kleine Einmaleins beherrschen. Unwissenheit hat eine andere Bedeutung. Sie zeigt an, dass wir die Vier Edlen Wahrheiten ignorieren. Unwissenheit ist der Beginn des Rades von Geburt und Tod (samsara). Dieses Rad bringt uns immer wieder zurück, sich ewig wiederholend, unendlich monoton und ermüdend. Die Vier Edlen Wahrheiten sind die Radnabe, der Dreh- und Angelpunkt des Rades der Lehre, das der Buddha in Gang gesetzt hat. Sie sind sein Mark, sein Kern, sein innerstes Wesen. Sie zu ignorieren, heißt: das Wesentliche ignorieren.
Kann sein, dass wir gern etwas über die Entwicklung hören, die zur Erleuchtung führt. Kann sein, uns gefällt der Gedanke, nicht jeder verbalen Unfreundlichkeit mit einer ähnlichen Unfreundlichkeit zu begegnen. Kann sein, dass wir uns gern in der Vorstellung wiegen, in irgendwelchen Glückseligkeitsgefühlen schwelgen zu können, wenn wir nur lange genug meditieren. Nun, das ist alles nicht falsch. Der Buddha hat dies gelehrt. Kann sein, dass wir gern über Güte, Hilfsbereitschaft oder Großzügigkeit nachdenken. Auch darüber hat der Buddha gesprochen. Auch dies gehört zur Lehre.
Solange wir allerdings den wichtigsten Punkt, das Zentrum, die Mitte ignorieren, tasten wir uns nur vorsichtig am Rand der Lehre entlang. Wir knabbern scheu an der Kruste herum, anstatt herzhaft in die Lehre hineinzubeißen und wirklich zur Sache zu kommen. Ich glaube, wir wissen ganz genau, wenn wir dies tun. Das Wesentliche liegt offen da, offen vor uns ausgebreitet. Aber wir suchen uns nur ein paar kuriose Häppchen davon aus, die uns schmackhaft genug erscheinen, nicht gar so fürchterlich schwer verdaulich und auch unserer bisherigen Sichtweise nicht ganz und gar entgegengesetzt.
Wir beginnen, uns hauptsächlich für diese Aspekte der Lehre zu interessieren. Anstatt uns auf das einzulassen, was der Buddha wirklich gesagt und gemeint hat, nagen wir verschämt und vorsichtig an der Kruste herum.
Diese Unsitte ist weit verbreitet. Wie schade! Sie verwässert die überzeugendste und heilwirksamste Lehre, auf die wir zurückgreifen können. Wohlgemerkt: Nicht die Heilkraft der Lehre an sich wird verwässert, sondern die Heilwirkung, die sie für uns haben kann. Sie kann uns nicht mehr erreichen.
Persönliche Macht ist keine Frage des Willens. Wir gewinnen sie nicht, indem wir uns Autorität verschaffen, schon gar nicht, wenn uns diese Autorität nicht aus freien Stücken übertragen wird. Persönliche Macht ist auch keinesfalls nur eine Folge materiellen Reichtums, obwohl Reichtum schon etwas damit zu tun haben könnte, denn er fällt niemandem einfach in den Schoß. Persönliche Macht entsteht vielmehr aus Klarheit: innerer Klarheit.
Wir werden diese Klarheit nicht gewinnen, wenn wir nur an der Kruste der Lehre herumknabbern. Dann bleibt immer ein Gefühl der Ungewissheit. Werden wir uns wirklich überwinden? Werden wir meditieren? Üben? Oder werden wir bei der nächsten Gelegenheit abspringen?
Unbefriedigtsein (dukkha) ist das Hauptmerkmal, der Stoff und Gehalt des Lebens im menschlichen Bereich. Mit einem anderen Bereich sind wir auf dieser Entwicklungsstufe nicht vertraut. Das Leben schenkt uns keine Erfüllung. Im Gegenteil, es wird permanent von Schwierigkeiten heimgesucht, zum Beispiel von zahllosen körperlichen Beschwerden. Jeder kann davon ein Lied singen, besonders wer in einem Land lebt, in dem das Klima den Körper hart belastet. Darüber hinaus bedrängen geistig-seelisch bedingte Schwierigkeiten (einschließlich emotionaler Probleme) das Leben. Diese besondere Spielart von Dukkha ist ebenfalls jedem bestens bekannt.
Geboren werden ist Dukkha. Es ist der Anfang von allem Dukkha. Gesetzt den Fall, wir können aus persönlicher Erfahrung (und nicht etwa, weil jemand dies sagt oder wir es in einem Buch gelesen haben) zustimmen, dass wir weder Frieden noch Erfüllung gefunden haben, was wollen wir dann noch? Was ist unsere Alternative? Welcher andere Weg steht uns vielleicht offen?
Die einzige Alternative ist: keine Geburt - Todlosigkeit, Nibbana. Was für eine andere Möglichkeit könnte es auch geben? Ist es wirklich eine Alternative, das nächste Mal in einem besseren sozialen Stand geboren zu werden, mit mehr Geld, mehr Freunden, besserer Gesundheit, vielleicht auch etwas mehr Weisheit? Oder ist eine Wiedergeburt in einem Götterbereich die Antwort? Mancher mag das glauben. Wir haben ja nicht die geringste Vorstellung davon, wie das Leben dort ist. Wir nehmen einfach an, dass es bei den Göttern eben phantastisch sein muss, ganz einfach weil die Kirschen in Nachbars Garten grundsätzlich besser schmecken als die eigenen. Nun, in diesem Fall ist dies zweifellos richtig. Die Götterbereiche sind in mancher Hinsicht überlegen. Vielleicht sollten wir also dorthin auswandern. Es ist in jedem Fall besser, als hier auf diese Erde zurückzukommen. Andererseits wissen wir, dass Geburt Leiden ist. Haben wir dies als Tatsache anerkannt, muss Geburt infolgedessen überall Leiden sein, ganz gleich in welchen Bereich wir hineingeboren werden.
Wie wird Nicht-Geborenwerden erreicht? Wie Todlosigkeit verwirklicht? Nicht geboren zu werden, ist Ursache für Todlosigkeit. Nibbana ist Todlosigkeit, weil es in Nibbana keine Geburt mehr gibt.
Was auch immer geboren wird, es muss sterben. Daran führt kein Weg vorbei. Also: Nehmen wir an, es gäbe diese wunderbare Todlosigkeit, und erinnern wir uns zweitens, dass wir übereinstimmend festgestellt haben, Geburt sei Leiden, müssen wir uns doch fragen, ob es neben dem Pfad der Todlosigkeit überhaupt noch einen anderen Weg gibt, der sinnvoll wäre.
Es reicht also nicht, mehr oder weniger untätig herumzusitzen, ein paar Krümel von der Kruste zu kosten und sich dabei einzureden: "Nun gut, ich werde diese oder jene Meditation ausprobieren" Oder: "Ich habe zwar noch keine meditative Sammlung verwirklicht, aber irgendwann wird einmal etwas von der verheißenen Beseligung auf mich abfallen" Oder: "Bestimmt werden mir die Knie beim Sitzen eines Tages nicht mehr so höllisch weh tun" Oder: "Ich werde mir eine Auswahl von Buddhas Lehren zu Herzen nehmen, damit ich mich ein wenig positiv ändern kann." Solche Vorsätze helfen uns nicht weiter. Das Herz muss sagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" Allein dies ist genug. Aber wie kommen wir in unserem Leben zu dem Punkt, an dem wir mit aller Überzeugung sagen können: "Es gibt für mich keinen anderen Weg, als Todlosigkeit zu erreichen!"
Genug Dukkha führt mit Sicherheit zu dieser Überzeugung. Natürlich will ich dies keinem von Euch wünschen: Genug Dukkha, eine kräftige Dosis Leiden. Aber wenn Ihr es dann einmal erfahren habt, werdet Ihr vielleicht im Nachhinein erkennen, dass es wirklich eine Umkehr bewirkt hat. Aus dem Leben Buddhas sind uns viele Begebenheiten überliefert, in denen Dukkha die Umkehr bewirkte. Besonders Frauen waren davon betroffen. Sie hatten damals keine andere Wahl, wenn sie ihre Familie, die Menschen verloren hatten, die sie liebten. Das Leiden führte sie zum Pfad.
Wir haben vielleicht zu viele Ausweichmöglichkeiten. Wir können zum Beispiel an den Strand gehen und das Meer genießen. Wir können eine Reise machen, nach Indien, an die Riviera oder wohin auch immer. Wir können einen neuen Freund, eine neue Freundin finden. Wir können Chinesisch essen gehen. Und so weiter.
Wenn Ihr dann einmal näher untersucht, was für eine Art von Erfahrung diese Alternativen zum geistigen Weg darstellen, werdet Ihr sehr schnell sehen, dass sie alle ihrem Wesen nach Sinneskontakte sind, nichts weiter. Ihr müsst dies klar erkennen. Ansonsten wird der Pfad immer unsicher bleiben. Ihr werdet ewig schwanken. Es gibt einen Zen-Spruch: "Wenn Du gehst, dann geh'. Wenn Du rennst, dann renne. Aber, um Himmels willen: Schwanke nicht!"
Was Ihr auf diesem Pfad auch unternehmt, achtet darauf, dass Ihr wirklich auf ihm bleibt, dass Ihr wirklich geht: aufrecht, fest, zuverlässig und stetig. Alles andere sind Sinneskontakte. Der Buddha hat bei vielen Gelegenheiten vor der Gier nach ihnen gewarnt. Überprüft es selbst. Findet für Euch selbst heraus, ob die Ermahnungen berechtigt sind oder ob der Buddha und der Ehrwürdige Sariputta nur so daherreden, uns interessante Geschichten erzählen, von denen wir vorher noch nie gehört haben. Oder sagen sie vielleicht die Wahrheit?
Erklären sie die Dinge und Zusammenhänge so, wie sie tatsächlich geschehen?
Dem Pfad folgen wir in uns. Sicher, der Buddha hat irgendwann einmal als Mensch gelebt. Aber jetzt ist er nicht mehr hier. Der Dhamma jedoch kann eine lebendige Präsenz sein, allerdings nur wenn wir ihn in uns erschauen. Niemals kann der Dhamma in einem Buch oder in den Worten eines anderen Menschen für uns leben. Er muss in uns selbst zum Leben erwachen. Deshalb überprüft bitte alles, was Ihr hört. Stimmt es tatsächlich, dass alle meine Freuden, mein ganzes Glück von Sinneskontakten herrührt. Ist aller Verdruss tatsächlich entweder auf den Mangel von Sinneskontakten oder den Sinneskontakt mit ungeliebten Objekten zurückzuführen?
Wir können uns entscheiden: entweder für angenehme Sinneskontakte oder für die Verlässlichkeit des Pfades, der uns aus Geburt, Alter, Krankheit und Tod herausführt und damit vom Leiden befreit. Diese zwei Optionen haben wir.
Es sagt im übrigen sehr viel über uns aus, dass sich die meisten für die erste und nur sehr wenige für die zweite Möglichkeit entscheiden. Dukkha ist eine Chance, denn Leiden kann uns dazu bringen, uns für die Verlässlichkeit des Pfades zu entscheiden. Gibt es vielleicht noch einen anderen Zugang, der uns ebenso sicher dem Gewahrsam eines Weges geistiger Schulung anvertraut?
Vielleicht Einsicht. Ein gesundes Urteilsvermögen kann uns dazu bringen, den Weg zu wählen, der uns aus Dukkha herausführt. Mit dieser Einsicht durchschauen wir unsere Situation, schätzen unsere Möglichkeiten richtig ein und sagen uns: "Genau so ist es. Ich werde es ausprobieren." Dazu ist keine ausgefallene innere Vision, irgendein besonderes Erlebnis notwendig. Man braucht nicht mehr als genug Urteilsvermögen, um einzusehen, dass der Pfad etwas Wahres ist, und man diese Wahrheit deshalb gern in sich selbst entdecken würde.
Darüber hinaus gehört Mut dazu. Wir müssen eine gehörige Portion Selbstvertrauen besitzen. Fest steht: Wer dem Pfad folgt, der aus allem Dukkha herausführt, muss eine Menge Bindungen und sehr viele Schutzsysteme hinter sich lassen, die ihm im normalen Leben Rückhalt geben. Das erfordert Mut. Wir lassen zurück, was wir selbst noch vor kurzem für Erfüllung und Glück hielten und was von der Mehrheit der Menschen immer noch als solches gepriesen wird.
Wir müssen den Mut besitzen, damit zu brechen und ganz für uns allein zu stehen. Was nicht heißt, dass wir unsere früheren Freunde nun unfreundlich behandeln oder unserer Familie mitteilen müssten, dass wir sie nie wieder sehen wollen. Wirklich, nichts dergleichen. Womit wir brechen, sind nur unsere eigenen Fesseln, unser Haften, unser Festhalten. Wir schauen in uns und sehen, dass uns nichts mehr zu tun bleibt als dem Pfad zu folgen. Mit dieser Einsicht sind alle Energien und Prioritäten automatisch auf dieses Ziel gerichtet. Es leuchtet ein, dass sich der Erfolg nur dann einstellen wird, wenn alle unsere Energien und Absichten einsgerichtet sind. Nur nicht wackeln. Nur nicht schwanken. Wir können nicht nach der Methode verfahren: "Wenn ich jetzt noch etwas hiervon nehme und drei Elemente von jenem hinzufüge, habe ich vielleicht endlich die richtige Mischung gefunden." Das funktioniert nicht. Unsere innere Lenkung und Unterweisung müssen vollkommen einsgerichtet sein. Damit fließen alle unsere Erfahrungen in den Dhamma ein. Angenehme, unangenehme und neutrale Erlebnisse sind nun Teil des Dhammas, Teil unseres Übungsweges.
Taucht eine unangenehme Empfindung auf, wissen wir sofort: "Dies ist eine unangenehme Empfindung, und ich reagiere darauf. Ich reagiere darauf, obwohl ich dies keineswegs muss. Ich könnte die Reaktion ebenso gut unterlassen" Dies ist Dhamma. Darin schulen wir uns.
Indes, wir sind nur dazu fähig, wenn wir den Pfad zum Schwerpunkt und zur Hauptaufgabe unseres Lebens machen. Legen wir den Schwerpunkt unserer Erfahrung hingegen auf Sinneskontakte, wird uns dies unmöglich gelingen. Wir können den Kuchen nicht essen und ihn gleichzeitig behalten. Wir können den Edlen Achtfachen Pfad und unsere Sinneswünsche nicht zu einem Paket verschnüren, das uns vollkommene Befriedigung garantiert und uns obendrein so gut wie nichts kostet. Das geht einfach nicht. Im Gegenteil. Sobald wir wirklich ernst machen, wird der Edle Achtfache Pfad uns wahrscheinlich einige unangenehme Sinneskontakte bescheren, weil mit ihm Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung einhergehen, die vor physischem Unbehagen nicht zurückschrecken.
Wir dürfen ebenfalls nicht damit rechnen, dass wir sofort Erfolg haben werden. Wir wissen, wohin wir gehen. Das bedeutet zwar nicht, dass wir bereits am Ziel angekommen wären, aber ist andererseits auch nicht schlecht. Wirklich zu wissen, wohin wir gehen, dies müsste uns eigentlich eine gewisse innere Ruhe schenken: "Ich weiß, wohin die Reise geht. Ich muss mich nicht länger mit irgendwelchen Entscheidungen oder Gedanken abquälen. Ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen, muss mich nicht fragen, ob dieses besser ist als jenes, ob ich lieber hierhin oder dorthin gehen soll. Ich brauche nicht zu befürchten, dass etwas, das ich erst später entdecken werde, sich als besser oder sinnvoller erweisen wird als der Weg, dem ich folge." Wirklich, es gibt nichts, das das Nachdenken lohnen würde - nur einen Weg!
Dies schenkt uns ein Gefühl der Sicherheit. Wir können uns auf eine hervorragende Autorität stützen, den Buddha. Wir brauchen nicht für uns selbst zu entscheiden: "Das ist richtig, jenes falsch." Wir haben eine sichere Grundlage, auf der wir unser Leben aufbauen können. Könnten wir uns überhaupt noch mehr wünschen? Kann es eine größere Sicherheit geben? Wenn wir uns auf diese Grundlage einlassen, haben wir wahrhaft Zuflucht genommen.
Wir stellen unser Leben auf eine feste Grundlage: die Lehren Buddhas. Wir müssen nicht für uns selbst herausfinden, was für uns richtig ist? Diese Suche artet gewöhnlich zu einem großen Problem aus: "Wie finde ich nur heraus, was für mich richtig ist? Ich muss es endlich wissen, weil ich ein besonderer Mensch bin, ganz anders als alle anderen"
Untersucht die Sache selbst. Wo liegt unsere Besonderheit? Welches besondere Khandha könnten wir haben? Es gibt Fünf Khandhas: eines für den Körper und vier für den Geist. Es gibt Vier Elemente und einunddreißig Körperteile. Irgendwo einer, der etwas anderes, etwas Besonderes an sich hat? Irgendwo einer mit dreiunddreißig Körperteilen? Oder mit vierunddreißig? Fünfunddreißig? Sechsunddreißig?
Nein, es gibt keine solchen Ausnahmen, keine Extrawürste oder Besonderheiten. Die Zen-Gruppe von Sydney in Australien hat ein Heft herausgebracht. Es heißt: Nichts Besonderes - ein herrlicher Titel. Es gibt nichts Besonderes. Niemand ist jemand Besonderes.
Jeder ist wie jeder andere auch. Wir müssen nicht herausfinden, was für "uns", für unser "Ich" richtig ist. Wir müssen nur eins entscheiden: "Will ich angenehme Sinneskontakte? Oder will ich, dass Dukkha ein für alle Mal ein Ende hat!" Dies ist die einzige Entscheidung, die wir fällen müssen.
Betrachtet Ihr die Frage nach dem Sinn Eures Lebens unter diesem Blickwinkel, werdet Ihr sehr bald unzählige Wenn und Aber in Euch aufsteigen fühlen. Untersucht sie. Prüft nach, ob sie den Lehren Buddhas standhalten können. Solche Prüfung ist unbedingt notwendig. Ohne sie verfallt Ihr nur in blinden Glauben. Damit ist keinem gedient. Außerdem ist es schädlich.
Die Unwissenheit ist etwas weniger schlimm, sie lässt nach, wenn wir die Vier Edlen Wahrheiten endlich nicht längerübersehen, sondern in die Mitte unseres Lebens stellen, sie zu unserem Hauptbezugspunkt machen. Endgültig verschwinden wird sie natürlich erst mit der Verwirklichung der dritten Edlen Wahrheit, der Befreiung, dem Nibbana, mit dem alles Leiden erlöscht. Bis es soweit ist, können wir die Unwissenheit zumindest eindämmen, indem wir uns nicht länger permanent unwissend stellen, indem wir wichtige Beobachtungen nicht länger einfach ignorieren. Wir müssen unsere Situation klar verstehen, so dass wir mit Überzeugung sagen können: "Jawohl, so und nicht anders ist es. Ich werde mich auf diesen Pfad begeben und beharrlich dabei bleiben."
Der Buddha hat uns sehr viele, verschiedene Lehren hinterlassen. Sie dienen letztlich nur einem Zweck: sie wollen uns helfen, auf dem Pfad zu bleiben. In einer Lehrrede zählt der Ehrwürdige Sariputta eine ganze Anzahl von Methoden auf, Vollkommene Sichtweise zu entwickeln. Jede davon wird uns helfen, unsere Anschauung zu vervollkommen.
Absichten erzeugen Kamma. Wir müssen gut aufpassen. Welche Art von Kamma produzieren wir? Leider sind die Menschen zum großen Teil ziemlich blind. Wir sehen nicht, was wir tun. "Kamma, Ihr Mönche, ist Absicht. So habe ich gelehrt."
Wir müssen unsere Motive beschauen. Warum sagen wir, was wir sagen? Warum denken wir, was wir denken? Warum tun wir, was wir tun? Wir kennen unsere Motive zumeist nicht. Gelegentlich durchschauen andere sie besser als wir selbst. Es gibt noch viel zu viele Dunkelstellen. Wir müssen sie durchleuchten.
Stoßen wir bei unserem Vorgehen im anderen Menschen auf eine Grenze, die dieser nicht fallen lassen will, müssen wir die Interaktion unbedingt näher untersuchen. Irgendetwas stimmt nicht, wenn die Verständigung nicht reibungslos zusammenfließt wie Milch und Wasser. Wir müssen herausbekommen, was. Was passt nicht zusammen? Was läuft falsch? Wir stellen danach wahrscheinlich fest, dass unsere eigenen Motive nicht ganz sauber waren.
Das heißt, wir müssen uns nicht mit den Grenzen des anderen auseinandersetzen. Darum geht es nicht. Vielmehr geht es darum, dass wir uns über unsere eigenen Motive klar werden. Motive sind wie Eisberge: ein Drittel über Wasser, zwei Drittel darunter, unsichtbar. Bis wir nicht gelernt haben, sie etwas deutlicher zu sehen, werden wir unser ich-bestimmtes und ich-zentriertes Vorgehen niemals zähmen können, ja nicht einmal begreifen, nach welchen Gesetzen es eigentlich abläuft.
Das Ich nicht kennen bedeutet unfähig sein, es zu verändern. Was wir nicht kennen und nicht voll in der Hand haben, können wir auch nicht aufgeben oder loslassen. Nicht-Selbst (anattá) ist unfassbar. Wir können es nicht greifen. Wieso auch? Wer hat jemals etwas packen können, das es gar nicht gibt? Dahin führt kein Weg. Es ist absurd, daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Das Attá, das Ich können wir jedoch fassen und als das erkennen, was es ist: der Hauptstörenfried. Ja, eigentlich sogar der einzige Störenfried. Es gibt darüber hinaus keinen anderen.
Wir müssen unsere Motive prüfen und ehrlich in Frage stellen. Ist das Motiv wirklich rein? Ist es darauf ausgerichtet, anderen zu helfen und mir selbst? Oder geht es nur um Selbstbestätigung, darum zu zeigen, dass "ich" weiß, "ich" kann, "ich" will? Was steckt wirklich hinter meiner Absicht? Tue ich das, was ich vorhabe, etwa nur aus Angst?
Jeder muss sich selbst über seine Absichten klar werden. Jeder schmiedet selbst sein Kamma und muss deswegen selbst entscheiden, welche Form er ihm geben will. Niemand kann uns von dieser Aufgabe befreien. "Ich bin Eigner meines Kammas, Erbe meines Kammas." (Kammasakhomi, kammadáyado). Wir chanten dies regelmäßig. Es wäre also angebracht festzustellen, wie wir mit solchen Wahrheiten umgehen, wie wir sie im Alltag gebrauchen.
Vollkommene Rede, Vollkommene Tat und Vollkommene Lebensführung sind die Grundlage unseres sittlichen Verhaltens. Mit derGrundlage ihres Sittenkodex stehen wir auf einem tragfähigen Fundament. Ohne tragfähiges Fundament, ohne sittlich einwandfreies Verhalten verlieren wir alle innere Kraft. Ein Mensch ist nicht deswegen gefestigt und verlässlich, weil er einen gut trainierten, festen Körper hat. Ein Mensch ist verlässlich, wenn er innerlich sicher ist. Gewinnen können wir diese innere Sicherheit allerdings nur, wenn wir wissen, dass wir untadelig sind.
Wer sich im Gegenteil selbst für tadelnswert hält, verfügt über keine innere Kraft. Wir werden schwach, wenn wir versuchen, uns auf andere zu stützen. Das ist gefährlich. Die anderen sind nicht weniger vergänglich und unbeständig als wir selbst. Sie gehen ihre eigenen Wege. Sie sterben. Sie ändern ihre Meinung. Wer auch immer sie sind, sie sind nicht immer da, nicht immer verfügbar. Ganz gleich ob Vater, Mutter, Mann, Frau oder Lehrer - alle sind sie vergänglich. Wir müssen also innerlich gefestigt sein, in uns ruhen, unabhängig sein. Dies können wir nur auf der Basis unserer Gelübde: Wenn wir wissen, dass wir uns untadelig verhalten.
Wie viele Gelübde wir auch auf uns genommen haben - fünf, acht, zehn, fünfundsiebzig - sie sind unser Fundament. Wir müssen uns selbst ein guter Wächter sein, uns genau beobachten. Das kostet viel Zeit. Wir haben deswegen nicht mehr viel für unsinniges und oberflächliches Reden oder Tun übrig. Wir müssen stattdessen aufpassen, dass wir nicht das Fundament zerrütten, auf dem wir sitzen. Es ist so schnell zerstört, so schnell umgestürzt.
Wir müssen untersuchen, was Vollkommene Anstrengung, Vollkommene Sammlung und Vollkommene Achtsamkeit sind. Vollkommene Anstrengung heißt, dass wir uns stetig bemühen, immer und immer wieder; Nicht ruckweise, kurz und heftig, sondern mit beständiger Beharrlichkeit. Und das nicht allein in den Momenten, in denen wir auf unserem Meditationskissen sitzen. Sitzen und Meditieren ist nur eine der vielen Anstrengungen, die wir zu leisten haben. Vollkommene Anstrengung heißt, dass wir uns unablässig und ununterbrochen bemühen, wo wir auch sind, was wir auch tun.
Wir haben den Tag unnütz vergeudet, wenn wir nicht etwas Neues dazugelernt, etwas neu gesehen und verstanden haben, wenn wir nicht irgendeine Hilfe geleistet, unsere Liebe nicht in irgendeiner Form bekundet haben. Aber unsere Tage sind sehr wertvoll. Wir dürfen sie nicht verschwenden. Jeder Tag ist der einzige Tag, den wir zur Verfügung haben.
Die Vergangenheit ist vorbei, abgeschlossen. Ganz gleich, wie viele Jahre Ihr schon auf diesem Planeten weilt, sie sind verflossen, für niemanden mehr von irgendeinem Nutzen. Und die Zukunft besteht aus nichts weiter als Mutmaßungen. Das nächste Flugzeug, in das wir uns setzen, mag abstürzen, der nächste Bus einen Abhang hinunterkippen. Alles kann passieren, jederzeit. Heute ist der einzige Tag. Jetzt ist die Stunde uns gegeben, die wir zum Üben nutzen können. Jetzt! Nicht irgendwann! Dass wir in der Vergangenheit nicht in einen Flugzeugabsturz oder ein Busunglück verwickelt waren, gibt uns keinerlei Garantie für die Zukunft.
Wenn wir nicht jeden Tag voll ausnützen, wenn wir nicht aus der Lehre Buddhas etwas Neues dazulernen, sie nicht ein kleines bisschen besser verstehen, wenn wir nicht unsere Liebe bekunden, keinen Dienst leisten, keine Hilfe gewähren, wenn wir uns nicht selbst ein wenig genauer durchschauen oder eine Einsicht dazugewinnen, die uns fester im Pfad verankert, dann haben wir uns auch nicht wirklich bemüht, sind nicht mit Vollkommener Anstrengung vorgegangen. Vollkommene Anstrengung wird mit der Zeit zur Gewohnheit. Macht sie Euch zur Gewohnheit. Es ist eine gute Gewohnheit.
Augenblick für Augenblick mit Vollkommener Achtsamkeit zu erfahren, wahrzunehmen, das ist ein hohes Ziel. Trotzdem werden wir nicht einmal für kurze Augenblicke achtsam und bewusst sein können, wenn wir nicht entschlossen sind, dieses Ziel zu verwirklichen. Sind wir nicht bereit, uns jeden Moment unseres Lebens um Achtsamkeit zu bemühen, werden wir bald überhaupt nicht mehr achtsam sein. Wir werden alle Achtsamkeit wegwerfen. Wir vergessen sie einfach. Nimmt dann irgendwer das Wort "Achtsamkeit" in den Mund, nicken wir bedächtig und zustimmend mit dem Kopf und murmeln: "Ja, davon habe ich auch schon einmal gehört."
Aber Achtsamkeit ist mehr als ein Wort, mehr als eine Lehrrede, die der Buddha irgendwann in längst vergangenen Zeiten einmal gehalten hat. Achtsamkeit ist die Entschlossenheit des Geistes, JETZT HIER ZU SEIN. Hier in diesem Augenblick, und genau zu wissen, was innen und außen vor sich geht.
Unter dieser Voraussetzung sind wir in der Lage, unsere Motive, unsere Absichten genau zu beobachten, und somit alles Unheilsame in Heilsames zu verwandeln. Ja, die Erfüllung dieser Voraussetzung ist sogar obligatorisch, weil wir nicht fähig sind, irgendetwas zu verändern, wenn wir nicht achtsam sind, nicht wach und bewusst.
Achtsamkeit ist nicht auf die Beobachtung des Atems beschränkt. Das ist nur ein Teil der Aufgabe, eben die Achtsamkeit des Einatmens und Ausatmens; Ein Beispiel unter vielen. Achtsamkeit ist total, eine allumfassende Aktivität, die im Laufe der Zeit das Leiden vollständig ausmerzen wird, weil sie offenbart, dass es nichts gibt außer der Bewegung und Veränderung der fünf Khandhas. In einem ersten Schritt befreit uns Achtsamkeit von allen Ängsten und Sorgen, die wir uns über die Vergangenheit oder Zukunft machen, und verankert uns damit in der Gegenwart. Aber schließlich hat sie eine wesentlich revolutionärere Wirkung: sie verweist auf jene Vollkommene Anschauung, die das Selbst transzendiert.
Was nun Vollkommene Sammlung oder Konzentration angeht, können wir nicht viel mehr tun, als uns immer wieder darum zu bemühen. Entsagung ist ein Aspekt, uns von allem loszusagen, was uns lieb und teuer ist. Das bedeutet, auf alle Sinneskontakte zu verzichten: auf alles was unseren Augen schmeichelt, auf wohltuende Klänge, betörende Düfte, angenehme Berührungen, Empfindungen und Gedanken. Daran halten wir fest. Daran hängt unser Herz. Uns davon loszusagen, ist ein Aspekt Vollkommener Sammlung.
Der andere Aspekt ist die Gewissheit, dass wir dies tatsächlich schaffen werden. Ja, wir werden es tun und den Geist ganz in diesem Tun aufgehen lassen. Wir müssen es einfach tun: Das Unmögliche erreichen, erstreben, was wir für schwierig, ja eigentlich für nicht machbar halten.
Eins müssen wir wissen: Die Lehre des Buddha, das sind in der Hauptsache die Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad. Alles andere ist Beiwerk, nebensächlich. Sind wir ehrlich davon überzeugt, dass wir mehr als nur ein akademisches Interesse an Buddha und seiner Lehre haben, müssen wir nach diesen Wahrheiten leben - auf der Einbahnstraße zum Nibbana.
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Liebevolle Zuwendung
Habt Ihr schon einmal in Erwägung gezogen, schon einmal darüber nachgedacht, was das heißt: Liebevolle Zuwendung? Ohne sie gedeiht kein Säugling. Ohne sie gedeiht keine Pflanze. Ohne sie kann kein Mensch sich wirklich entwickeln. Es ist erwiesen, dass Säuglinge und Kleinkinder auch bei bester Nahrung und medizinischer Versorgung körperlich und seelisch nicht richtig wachsen, wenn man ihnen Zärtlichkeit und Liebe vorenthält. Ohne liebevolle Zuwendung gedeiht nichts: keine Beziehung, kein menschlicher Kontakt. Wie sollte also unsere Meditation ohne sie gedeihen? Sie kann es nicht. Es gibt einfach nichts, das ohne liebevolle Zuwendung gedeihen würde.
Macht von Eurem Geist während des ganzen Tages liebevoll Gebrauch. Führt Euch nicht auf wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. "Der Elefant im Porzellanladen" richtet große Verwüstung an, weil er alles zerbricht. Und warum? Er ist achtlos und folgt blindwütig seinen Impulsen. Selbst die kleinste Achtlosigkeit ist bereits ein Zeichen, dass die nötige liebevolle Zuwendung fehlt. Selbst der kleinste Bruch der Gelübde offenbart einen Mangel an liebevoller Zuwendung.
Die Gelübde sind keine willkürlich festgesetzten, despotischen Regeln. Sie verfolgen einen Zweck. Jedes Gelübde ist so formuliert, dass es einen bestimmten Lebensbereich, einen Aspekt des Daseins erfasst. Zusammen wirken sie daraufhin, dass wir weltlichen Belangen und Interessen den Rücken kehren und uns achtsam und liebevoll nach innen wenden.



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