Hallo allerseits,
wie heisst es so schön? Grau ist alle Theorie.
Deswegen stelle ich jetzt mal meinen Erfahrungsbericht ein.
Mittsommernacht 2005 auf dem Orensfelsen
Mehrere Gründe bewogen mich am 21.06. um 20 Uhr mit Rucksack loszuziehen. Zum allerersten Mal wollte ich ein Ritual in der freien Natur durchführen. Das war jetzt die Feuertaufe. Bis jetzt hatte ich meine Rituale immer in meiner Wohnung durchgeführt oder - wie mutig - im Garten hinter Bäumen versteckt. Die Gründe dafür waren vielfältig: da krabbelt vielleicht etwas über mich hinweg, sticht mich etwas oder es fängt an zu regnen und ich werde pitschnaß. Wie kann ich mich auf ein Ritual konzentrieren, wenn meine Ohren versuchen jedes verdächtige Geräusch aufzufangen?
Meine Zweifel hatte ich immer noch und versucht jeder Möglichkeit vorzubeugen. Meine Beine hatte ich mit Autan eingerieben und gegen eventuellen Regen meine Regenjacke eingepackt. Der Tag war sehr heiß gewesen und ich hatte versucht möglichst wenig einzupacken, da es galt alles auf ca. 580 m hinaufzutransportieren.
Trotzdem wusste ich, es würde schweißtreibend sein und ich definierte es als Opfer an die Götter. Da ich den Weg zum letzten Mal vor 20 Jahren einmal abgelaufen bin, hatte ich eine gewisse Verirrung eingeplant und in der Zeitung nach Sonnenauf-und -untergang geschaut.
Letzten Endes stolperte ich mit dem letzten Rest an Tageslicht auf die kleine Lichtung und schaute mir mein "Übungsfeld" etwas genauer an bis mein Atem sich beruhigt hatte. Es lagen Steine im Kreis um eine große, flache Steinplatte herum, die in der Mitte eine Vertiefung hatte. Daneben eine kleine Feuerstelle. Vorher hatte ich beim Förster die Erlaubnis eingeholt eine Kerze und vier Teelichter im Behälter anzuzünden. Seit mehreren Tagen hatte es nicht geregnet. Die Feuergefahr ziemlich hoch.
Mit dem Kompass habe ich die Himmelsrichtungen festgestellt und die Teelichter aufgestellt. Jetzt wurde es ernst. Für die 4 Himmelrichtungen hatte die Nornen, Odin, Donar und Freyr als Wächter ausgesucht. Ich begann mit dem kabbalistischen Kreuz und führte die Anrufungen durch. Das Ritual war eine Bitte um den Schutz der Gottheiten für die Tiere, Menschen und den Wald. Nach einigen Minuten verabschiedete ich die Gottheiten und stellte fest, dass sich Odin und Donar verabschiedet hatten - sprich die Lichter waren aus. Aber das Licht der Nornen und von Freyr brannten ruhig und stetig.
Danach legte ich mich zum Schlafen hin, fuhr aber mehr oder weniger bei jedem Geräusch hoch. Die Nacht war mild, ab und zu traf mich ein Regentropfen oder es fiel ein Tannenzapfen auf den Waldboden. Ich fühlte mich ruhig und beschützt in diesem Steinkreis. Gegen 2 Uhr früh wurde es kühler und die dünne Decke war kein Schutz mehr.
Endlich gegen 4 Uhr früh hielt es mich nicht mehr. Die Lichtverhältnisse waren zwar nicht gut, aber es war einfach zu kühl geworden. Zum Glück hatte ich für alle Fälle eine Taschenlampe eingesteckt und so stolperte ich den Weg zurück, nahm aber die falsche Abzweigung und landete unterhalb der Aussichtsplattform, als mich ein Knurren innehalten ließ. Es war leise und gleichzeitig streichelte ein Windhauch meine rechte Wange. Aber ich musste den weiterführenden Weg doch finden, also ging ich noch einen Schritt weiter. Wieder ein Knurren! Jetzt bekam ich es doch mit der Angst zu tun: alleine, weit weg von einem Arzt und ohne Netzempfang. Ich beschloss zurückzugehen, hielt aber noch einmal an und redete mit dem Tier: "Ist ja gut Schätzchen, ich gehe ja schon. Wo bist Du?" Mein Blick wanderte hinauf und oben auf der Aussichtsplattform bewegte sich ein Kopf. Aber was für ein Tier war es? Gegen den Nachthimmel konnte ich nicht viel erkennen; es schien die Größe eines Katzenkopfes zu haben, nur etwas größer. Schließlich lief ich zu einer Bank am Wegesrand zurück und rauchte vor Aufregung eine Zigarette.
Als die Lichtverhältnisse besser wurden und ich einen Weg erkennen konnte, machte ich mich auf den Rückweg. Das Erlebnis beherrschte mein ganzes Denken. Welchem Tier war ich begegnet? Mein Wunschtraum einer Wildkatze zu begegnen, trieb wilde Blüten. Konnte das sein? Vollkommen müde und verschwitzt kam ich zu Hause an und musste zuerst einen schlecht gelaunten Kater begrüßen und ihn füttern. Als er dann endlich schlief, rief ich meine Mentorin beim NABU an und überlegte mit ihr zusammen, was es gewesen sein könnte. Fuchs? Wildschwein? Steinmarder? Alles versuchten wir. Schließlich rief ich den Förster an und schilderte ihm mein Erlebnis. Zu meinem großen Erstaunen ging er ernsthaft auf mich ein und fragte wo genau und was genau ich gesehen hätte. Am Ende teilte er mir mit, dass ca. 1,5 km weiter weg ein gerissener Rehbock gefunden worden wäre, höchstwahrscheinlich von einem Luchs. Ich war sprachlos vor Glück! Ich war einem Luchs begegnet.
Was für eine Nacht! Es begann mit Zweifeln und endete mit einer Sensation!
Ich habe seither jede Mittsommernacht alleine an diesem Platz begangen.
Alle jungen Männer, die ich gefragt habe, hatten Schiß. Wer dieses Jahr gerne mitgehen würde, ist herzlich eingeladen!
Gruß
Fog



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