H.E.Douval
Das Auge ist das stärkste Sinnesorgan, das Organ, das am meisten "aufzunehmen" und "weiterzugeben" hat. Aus Zusammenhängen, die hier zu erklären zu weit führt, steht es mit bestimmten "Übersinnen" unseres Organismus in Verbindung die durch bestimmte Augenübungen geweckt und entwickelt werden.
Entsprechend seiner Vielbeschäftigtheit als Sinnesorgan ist das Auge auch - trotz oder wegen seiner Verwandtschaft mit gewissen inneren Funktionen - der Sinn, der am weitesten "außen", also materiell ist.
Bevor wir deshalb zu anderen Übungen der Konzentration übergehen, wollen wir die Wirkungskraft des Auges, die also eine zwiefach magische ist - Verbindung mit Übersinnen, bestes "Leit - Organ" von außen nach innen - noch weiter für unsere Übungskette einsetzen.
Und zwar soll das nun geschehen durch eine Reihe von "Betrachtungs - Konzentrationen", von denen wir gleich sagen wollen, daß sie nicht
zu "Meditationen" "ausarten" dürfen.
Auf den Unterschied kommen wir noch zurück.
Unsere Betrachtungen sollen uns also helfen, gewisse Formen der Konzentration zu entwickeln,bestimmte Teile unseres Inneren an der Konzentration teilhaben zu lassen, damit kein Teil zu kurz kommt und einseitige Ausbildung des Organismus zu seinem Schaden oder zum Nachteil späterer Experimente vermieden wird.
Wenn wir also einige sorgfältig ausgewählte Gegenstände vor uns
aufstellen und uns auf sie konzentrieren, ; wollen wir die Aufnahme - und Leitfähigkeit des Sehsinnes ausnutzen und auf gleichgeschaltete innere Sehfähigkeiten wirken, die dadurch wachgerüttelt und entwickelt werden sollen.
Wichtig ist bei all unseren "Seh - Konzentrations - Übungen", daß wir mit möglichst unbeweglichem Auge arbeiten, das heißt, weder die Augäpfel bewegen noch die Lider auf - und zuklappen.
Bei irgendwelchen leichten Störungen, die sich durch diese Art Übungen etwa einstellen könnten ("Muskelkater" ist auch hier unvermeidlich, führt aber nach Überwindung zur Stärkung der betreffenden Muskelpartien; und kranke Augen wird man ja grundsätzlich von diesen Übungen ausschließen, weil zunächst entschieden werden müßte, ob die Übungen zur Heilung oder Verschlimmerung beitragen könnten), nehmen wir nach Abschluß unserer Sehkonzentration ein kurzes Training der Augenmuskeln in Verbindung mit unseren abschließenden, Odaanreichernden Atemübungen vor.
Dieses Augenmuskel - Training geht in der Form vor sich, daß wir nach Einatmung, bei angehaltenem Atem (während das Od im Körper arbeitet) die Augen hin - und herrollen, nach oben und unten, von rechts nach links,
schließlich im Kreis, um dann erst auszuatmen. Fünf bis sechs solcher Übungen genügen täglich in jedem Falle.
Mit der Zeit werden die Augenmuskeln noch an ganz andere Dinge gewöhnt; das Auge wird widerstandsfähig und gut wie kann ein anderes.
Hilfsmittel:
Die in den Übungen genannten Gegenstände, die auf dunklen Hintergrund (Samt) gelegt werden:
Flasche, Geldstück, Knopf, Schachtel, Stecknadel.
Zielsetzung:
Wir wollen uns so jenseits allem Oberflächlichen auf ein bestimmtes "Ding" konzentrieren, unter so völliger Ausschaltung der Außenwelt, daß sich uns das Stück, auf das wir uns konzentrieren, förmlich "einbrennt". Der Übende wird die Wahrnehmung machen, daß die Reproduktionsfähigkeit der Sinne
(Wiedergabe) um so größer ist, je nachhaltiger die Konzentration, also die Ausschaltung der Außenwelt, ist.
Eine richtig ausgeführte Konzentration ermöglicht es beispielsweise nach einiger Übung (bitte, für selbständigen, eigenen Übungsaufbau beachten), zwanzig verschiedene Dinge etwa zwei Sekunden lang zu betrachten und danach jedes einzelne genau wiederzugeben, ohne eines zu vergessen.
Das Erinnerungsvermögen wächst deshalb mit der Vollkommenheit der Konzentration, weil der Betrachter nicht mehr der irdische Verstand ist, sondern "es" in uns.
Wirkung (mikrokosmisch):
Die unentwickelten Fähigkeiten der Beobachtung und Wiedergabe werden erstaunlich geschult und sind auch für den "Alltag" einsatzbereit. Wer konzentriert irgend etwas Beliebiges unterwegs, auf der Straße,
im Warenhaus, beobachtet, kann es - zu Hause angelangt und den "Aufnahmefilm" zurückgedreht - jederzeit vollkommen wiedergeben, gleichgültig, nach welcher Zeitspanne, gleichgültig, ob Bild,
Buchinhalt oder Zeichnung einer Briefmarke (natürlich wird die künstlerische Fähigkeit auf diese Weise zunächst nicht ausgebildet; die Wiedergabe wird alle die Schwächen aufweisen, die auch sonst unsere Zeichnungen zeigen).
Gleichzeitig mit dieser Fähigkeit der Beobachtung und Reproduktion werden verborgene Kanäle geöffnet, erschlossen, die mehr und mehr die höheren geistigen Kräfte zur Beobachtung "zulassen", also eine überdurchschnittliche Beurteilungsfähigkeit entwickeln und steigern.
Wirkung (makrokosmisch):
Mit den "Kanälen", die unseren höheren Körpern zum Durchbruch im Irdischen verhelfen, kommt auch eine "Verbindung" mit den korrespondierenden (parallel laufenden) Welten zustande, die uns
aufnahmefähig macht den Inspirationen und Intuitionen von "oben".
Übungsdauer:
Der Studierende sollte die Fähigkeit des "konzentrierten" Beobachtens und Wiedergebens - einmal mit ihrer Schulung begonnen - ständig beibehalten und Zeit seines Lebens nicht mehr aufgeben, denn ihre Vorzüge sind so eklatant (bemerkenswert), daß auch tägliche kleinere Zeitaufwendungen in Kauf genommen werden sollten.
Die Aufgabe (IV)
I. Unter Beachtung aller Übungsfaktoren (heitere Gelassenheit, Ungestörtheit, Atmung, Entspannung, Suggestion) konzentrieren wir uns auf die vor uns liegende oder vor unsere Augen gestellte Flasche, die
möglichst einfach gestaltet sein soll. Wir betrachten sie gründlich, das heißt, versuchen, bei der Betrachtung unseren "scharfsinnigen" Verstand - der uns nur stört und die hinter ihm liegende Welt verdunkelt - völlig auszuschalten, wie wir es schon gelernt haben, damit dem Beobachtenden in uns zum Durchbruch verholfen wird. Unsere Abkehr von der Außenwelt muß eine vollkommene sein, wenn wir magisch konzentriert sein wollen. Wir betrachten gründlich, ruhig und schnell jede Einzelheit der Flasche, Konturen, Farbe, Arabesken (Verzierungen), Etikett, Schrift usw., ohne uns über diese einzelnen Teile oder die Flasche selbst Gedanken zu machen. Wir stellen uns vor, wie diese selbe Flasche auf "geistiger Ebene" existiert. Diese letztere Wahrnehmung muß so stark wie möglich sein und ständig
gesteigert werden, das heißt, mit jeder weiteren Übung.
II. Nach drei Minuten schließen wir die Augen und "reproduzieren" das geschaute Ding wieder, das heißt, wir lassen nicht etwa den Augen - Reflex auf uns wirken, sondern lassen den "Inneren Blick" in uns das Aufgenommene (das in der Ursachenwelt geschaute "Urbild") erneut "schaffen", also eben "nur" geistig. Es ist wichtig, daß wir uns diesen Unterschied klar machen:
A. Aufnahme:
a) Durch die sinnlichen Augen das körperliche Bild
b) Durch den "vorstellenden Willen" das Urbild des Dinges
B. Wiedergabe:
a) ist uninteressant, auch ein etwaiger Augenreflex interessiert nicht
b) Die "Wiedergabe" erfolgt durch die innere Vorstellungskraft in einem inneren Bild.
III. Nach einigen Minuten vergleichen wir das so erhaltene "Abbild" der Flasche mit der materiellen vor uns und korrigieren dort, wo es notwendig ist. Ist solch eine Korrektur nötig, war an dieser Stelle die Konzentration, die innere Beobachtung, nicht vollständig; richtig gearbeitet, ist die "Wiedergabe" genauer, schärfer als die Vorlage. Bei Fehlern war unser irdischer Geist tätig, der irren kann, nicht aber der unfehlbare innere.
IV. Denselben Übungsgang nehmen wir vor mit Geldstück, Knopf, Schachtel, Stecknadel.
V. Wir arbeiten täglich auf diese weise, aber nicht länger als eine halbe Stunde.
Sprung über irdische Grenzen
Die Hingabe, die Konzentration auf die geistige Urkraft in uns, auf jene Kraft, die der den Kosmos schaffenden und beherrschenden entspricht, kann noch wunderbarere Erlebnisse bringen.
Wenn wir Tag für Tag, methodisch und konsequent, unseren Übungen nachgehen und Gehorsam von unseren leiblichen und geistigen Organen als selbstverständlich voraussetzen, kann es doch einmal geschehen, daß der souveräne Geist sich verselbständigt und nach eigenem Ermessen handelt, denn er weiß am besten, was uns gut tut.
Und so kann es wohl passieren, gleichsam als Ausgleich für harte, nüchterne Übungsstunden - die doch schon alle "Wunder" beinhalten, vorausahnen lassen - , daß plötzlich das "Märchen" zu uns ins Studierzimmer tritt, oder - besser unser Geist in ein Märchenreich eingeht.
G.Tariel



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